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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 19
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Der Hausmeister

Aufmerksamen Beobachtern kann die Wahrnehmung unmöglich entgangen sein, daß der allweise Schöpfer in seinen stets wohlmotivierten Verfügungen einer ganzen Menschenkaste eine Gabe absolut verweigerte, nämlich dem Geschlechte der Hausmeister die heitere Gabe des Witzes. Der Hausmeister ist nie witzig!

Er ist, was sonstige menschliche Fähigkeiten und Talente betrifft, gerade nicht stiefväterlich ausgestattet, es können sich in ihm die verschiedensten menschlichen Eigenschaften, z. B. hündische Demut oder bärenbeißige Grobheit bis zur Virtuosität entwickeln, er kann zänkisch und nachgiebig, verleumderisch oder offen und aufrichtig, ehrlich oder unehrlich bis zu einem nur denkbaren Grade sein, aber witzig wird er nicht sein. In diesem Punkte meistert ihn die gesamte ebenbürtige Gesellschaft. Die über dem »Gluthäferl« thronende »Fratschlerin« vernichtet ihn bei halbwegs unüberlegten Anfragen mit den schlagfertigsten Aperçus, der Fiaker persifliert, d. h. frozzelt ihn mit den tiefsinnigsten Stilwendungen, und spitzt der Schusterbub die Lippen, um ein geflügeltes Wort, eine aphoristische Gedankenblüte seinem natürlichen Feinde, dem Hausmeister, an den Kopf zu schleudern, da fühlt dieser erst recht, daß er nur ein Kind gegen solche Waffen, und es erübrigt ihm nichts, als sich besiegt zurückzuziehen und seinen unbefriedigten Rachedurst im nächsten Wirtshause mit einem Seitel Achtundvierziger zu löschen. Bei diesen Löschversuchen gedenkt er dann noch einmal der ganzen Schmach seiner dialektischen Niederlage, er fühlt die schmerzliche Ohnmacht, die drastischen Einfälle seiner hänselnden Widersacher mit einem gleich wertvollen Trumpf unschädlich zu machen, das Manko an Witz ärgert ihn, und um das Ärgernis und den Ärger ganz zu vergessen, ist er gezwungen, sich noch ein Seitel Achtundvierziger geben zu lassen.

Warum ist der Hausmeister nicht witzig? Ich glaube, seine Stellung und seine Berufspflichten hindern ihn, es zu sein. Der Hausmeister ist, sozusagen, der Zensor des Hauses, und das Gewicht dieser Würde zwingt ihn gewissermaßen, unter allen Umständen ernst zu bleiben, sich aller leichtfertigen Gemütswandlungen zu entäußern und den Ernst seiner sozialen Mission mit dem Relief der ungeheucheltsten Brutalität zu illustrieren. Diese Brutalität ist aber, um figürlich zu sprechen, eben das Emblem, das »Porte-épée« seiner Charge, sie erhält ihm den Nimbus des Gefürchtetseins, und wer sich mit der Errungenschaft gefürchtet zu werden begnügt, hat es nicht nötig, witzig zu sein.

Warum der Hausmeister gefürchtet wird? Aus Anlaß seiner Berufspflichten, welche sich in materielle und intellektuelle teilen und von deren strikter Erfüllung, respektive autonomer Auslegung das Wohl und Wehe der ihm preisgegebenen häuslichen Insassen abhängig ist. Dem diktatorischen Willen des Hausmeisters und seiner Verschwärzungsgewalt ist das ius gladii der Kündigung überantwortet, von seinen variablen Launen droht dir stündlich das Mene tekel einer anderweitigen Vermietung deiner dir vielleicht liebgewordenen irdischen Niederlassung, und eine durch externe Kräfte geschlichtete Klafter Holz zwingt dich vielleicht schon im nächsten Quartale, in den entferntesten Bezirk vor dem Grimm des Beleidigten dich zu flüchten. Seinem Wohlwollen hast du die besten, und seiner Mißstimmung die schlechtesten Keller- und Bodenräume zu danken, und seiner jeweiligen Inklination bleibt es überlassen, einen rauchenden Kachelofen dir zu oktroyieren oder dich von ihm zu befreien. Denn seine Macht über die inneren Angelegenheiten des Hauses ist eine unbeschränkte, und seinen drakonischen Ordonnanzen fügt sich sogar der unbeugsamste Hausherr.

Weitaus furchtbarer ist jedoch die Amtswirksamkeit des Hausmeisters in jenen Fällen, wo dessen intellektuelle Tätigkeit zum Ausdruck kommen soll. Diese Tätigkeit ist vorwiegend kritischer Natur und beruht auf einem ausgeprägten Klassifikationstalente, auf dem Vermögen, die gesamte Menschheit nach einem flüchtigen, oberflächlichen Blick in ihren einzelnen, oft maskiertesten Exemplaren richtig abzuschätzen. Geschehen hiebei auch mitunter etliche (wohl verzeihliche) Mißgriffe und rangiert der wenig Umstände machende, rasche Taxator auch die tugendreichste Familie unter »Bagaschl« oder umgekehrt, und erhält der wortkarge Zimmerherr auf der hinteren Stiege einzig und allein seiner Schmutzerei wegen in der Privatconduitliste der Inwohner sein verdächtiges »Klampfl«, während der splendidere Herr von X., der zugleich Gönner der jungfräulichen Hausmeisterischen ist, als leuchtendes Vorbild für enthusiastische Patrioten proklamiert wird, so werden, ungeachtet dieser (freilich nur kleinen) Abweichung von der Wahrheit, die mündlichen Relationen des Hausmeisters unter einigen Himmelsstrichen doch mit Vorliebe bei Verfassung von Auskunftstabellen benützt.

Und warum nicht? Um den Wert oder Unwert irgendeines Sterblichen zu bestimmen, genügt in unserem aufgeklärten Jahrhundert für den gewissenhaftesten Forscher schon die Kenntnis von dem nur äußeren Tun und Lassen des Betreffenden. Wer kann aber darüber den verläßlichsten Bescheid geben, als der Hausmeister, dessen Argusaugen nichts entgeht, was das Objekt seiner Beobachtung unternimmt, ja selbst was es zwischen seinen vier Mauern ißt oder trinkt? Nun ist es allerdings möglich, daß der Hausmeister, der in gewissen Beziehungen und trotz seines häßlichen Beinamens »Cerberus« doch auch Mensch ist, menschlich fühlt und denkt und von menschlichen Leidenschaften geleitet wird, hin und wieder nicht ganz klar sieht, nicht mit nüchterner Ruhe aburteilt und nicht mit vollends unbenebelten Blicken die Gründe wiegt, die zu Gunsten oder zum Nachteile seines Klienten sprechen. Es ist ferners aus den rein menschlichsten Motiven denkbar, daß der Hausmeister dem niederträchtigen, elendigen, miserablen Haderlumpen, der an jedem Abende zehn Minuten vor zehn Uhr beim Tor hereinhuscht und auf diese Weise ihm sein wohlverdientes, vor Gott und der Welt gehöriges Zehnerl sozusagen aus der Tasche stiehlt, nur deshalb bei der nächsten Qualifikation seiner Untertanen etwas scharf zu Leibe geht, und daß er auch die »nixnutzige Flitschen«, die Nähterin, von der er das ganze Jahr »nit an lucketen Heller« zu sehen bekommt, und die sich sogar ihr Stübchen selbst geweißt hat, um ihm ein Seitel Wein »nit zu verguna«, bei Nachfragen und Auskünften ebenfalls nicht am glimpflichsten kritisch beleuchtet, dessenungeachtet ist der Hausmeister doch der legitimste Verfasser der Conduitelisten. Denn, nochmals sei es gesagt, der Hausmeister ist in vielen Fällen auch Mensch, d. h. dem Einflusse und dem Eindrucke materieller Bestimmungen unterworfen, und selbst der minder Gebildete wird es dem Vielgeplagten nicht verargen, wenn ihm ein Seitel Wein lieber ist als keines!

Aber auch sonst noch ist dem richtigen Hausmeister Gelegenheit gegeben, es zu zeigen, daß sein Herz nicht das eines Tigers, sondern auch – wenn auch nur sporadisch – menschlich-edler Empfindung fähig ist. Ich meine nicht die freudigen Kundgebungen des noch unverdorbenen Teiles seines Gemütes bei gewissen festlichen Anlässen, etwa zu Neujahr, am Geburts- oder Namenstage des Hausherrn oder der Hausfrau oder anderer Mäzene, derlei versteht sich in seiner exzeptionellen Stellung vis-à-vis der übrigen Menschheit von selbst. Ich meine vielmehr jene sympathischen Regungen seines Herzens, wenn er Sonntag nachmittag in seinem Alkoven, wie der ehrwürdige Bruder Lorenzo in seiner dürftigen Klause, den Liebenden ein flüchtiges Asyl gewährt, d. h. es gestattet, daß der Schneidergeselle Romeo von »schräg übri«, dem 's auf ein' Maß Wein nicht ankommt, der Juli vom zweiten Stock, die immer »a brav's urdentlich's Mad'l war«, und stets ein paar böhmische Dalkerln oder sonstige Ersparnisse als Opfergabe spendet, in traulichem Geplauder von den Träumen der letzten Nacht und den Plänen für die Zukunft vorerzählt.

Derlei unter den schützenden Fittichen des Hausmeisters arrangierte tête-à-tête, von Mißgünstigen oder Unbegünstigten mit dem vulgären Namen »Schluf« bezeichnet, verschaffen ihm nach und nach das moralische Übergewicht im Hause und auf fünfzig Schritte in der Nachbarschaft, d. h. er macht nicht nur sämtliche Köchinnen tributär und von seiner Gnade abhängig, er wird, da er die Zufluchtsstätte der Liebenden, schließlich überhaupt das Asyl aller Bedrängten (Köchinnen), und da er tolerant genug ist, nebst Liebesgeflüster auch profanem Klatsch und Tratsch ein gastliches Obdach zu bieten, so zittert eben die ganze Bevölkerung des Hauses, vor den fürchterlichen Areopag in der Hausmeisterkuchel gebracht zu werden.

Aus dem Gesagten erhellt, daß eigentlich der Hausmeister der Schutzgott der Liebenden ist. Seine Macht ist in dieser Richtung eine unumschränkte, er bindet und löst, er knüpft und zerreißt, er erhält und vernichtet die Herzensallianzen auf seinem Herrscherterritorium, denn wenn der allgewaltige Hausmeister eine Liaison protegiert, dann gedeiht sie, wenn er sie aber nicht duldet, dann mögen die Englein des Himmels herabsteigen und sich für das bedrohte Pärchen verwenden, ihr Flehen wäre doch fruchtlos.

Denn er haßt in allen Dingen den Trotz und verlangt Gehorsam und Anerkennung seiner Stellung. Er ist ja nicht unempfindlich für die Leiden der Liebe, ach! er liebte ja selbst einst, und wenn auch seine Alte im rauschenden Lenz der Jugend mehr Prügel als Küsse von ihm empfing, so weiß er doch, was Liebe ist und kennt die Qualen der Sehnsucht liebender Herzen. Aber seine Protektion muß erworben werden! Ist dies geschehen, dampft der Altar von den Opfergaben, d. h. »braselt« das Halbpfund Jungschweinerne, das ihm die Jungfer Sali zum Gabelfrühstück in die Wirtschaft gelegt, in seiner Bratröhre, dann schmilzt auch die Eisrinde seiner starren Grundsätze, er würdigt die Verdienste der Spenderin, er erklärt ohne Rückhalt, daß die Sali immer »a Muster von an Dienstboten« war, und er gestattet ihr deshalb, seine Appartements als Korrespondenzbüro zu benützen, in welchem Sonntag nachmittags der schriftliche Verkehr mit dem Herzallerliebsten vermittelt wird. Er erteilt ihr dann sogar stilistische Ratschläge und gibt textliche »Schlager« von, wie er aus eigener Erfahrung weiß, untrüglicher Wirkung an, und offeriert ihr schließlich sein eigenes Petschierstöckel, um die Schwüre ewiger Treue besiegeln zu können. Von solchen Zügen fast idealer Liebenswürdigkeit ist das Leben und Wirken des sonst so rauhen Hausmeisters oft geschmückt.

Wehe aber den Unglücklichen, die seiner Huld nicht teilhaftig zu werden sich bestreben. Der verdächtige Kerl, der unter der Hausflur auf die »klane Böhmin« wartet, wird »außig'feuert«, »denn man kann nit wissen, was so a Schäbiak eigentli für Absichten hat und ob er nit eppa gar bei der Hausfrau einbrechen möcht'«. Dem vermummten Unbekannten, der im unnumerierten Fiaker gekommen, um bei der Zimmerfräul'n im dritten Stocke eine Visite abzustatten, wird beim Retourwege ein Schaffel Kalk über die Lackstiefletten geschüttet, und selbst der soliden Beamtenswaise, die meist etwas spät von ihrer »kranken Tante« heimkehrt, aber stets vom »Cousin« oder gar vom »Onkel« bis zur Stiege begleitet wird, wird die denkwürdigste Beschämung nicht erspart, denn als einmal der Abschied ein allzu herzlicher zu werden drohte, intoniert der Tugend- und Schlüsselbewahrer des Hauses ein Mordspektakel und schreit, daß es in allen Stockwerken zu vernehmen: »No, wird's bald? Nimmt das Gspusl kan End'? Himmelsakrament, i leid' kan Techtl-Mechtl in mein' Haus – schamen S' Ihna!!« usw.

Das alte Geschlecht der Hausmeister, jenes mit dem Kanonenkreuze gezierten Urtypus der Brutalität, droht übrigens in kürzester Frist auszusterben. Nur einzelne räsonieren noch hie und da in einer »Schwemm« und machen ihrem Haß gegen den alten »Napolion« oder irgendeinen Zimmerherrn, den sie gerade am Zug haben, in haarsträubenden Verwünschungen Luft. Der Nachwuchs verflacht allmählich, die charakteristischen Merkmale ihrer Gilde verschwinden, selbst der Name Hausmeister kommt bereits außer Gebrauch und macht der verfeinerten Titulatur »Hausinspektor« oder gar »Intendant« Platz – kaum daß die gesamte Genossenschaft noch ein Kennzeichen untereinander verbindet und von der übrigen Welt absondert – der unaufhörliche Durst!

 


 

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