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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 18
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Die Jungens des alten Wien

Haben wir uns wirklich verfeinert? Das heißt: Sind wir tatsächlich humaner, edelherziger, gebildeter geworden und haben das Erbe der guten alten Zeit, die Derbheit, um nicht zu sagen: die Roheit, nicht angetreten? Ich stellte diese Frage schon einmal, an anderer Stelle und aus anderen Anlässen, und ich getraute mir nur mit einem schüchternen halben Ja zu antworten. Es ist vieles besser geworden, gewisse Schichten haben manche ihrer üblen und übelsten Gewohnheiten abgelegt, die fast normalmäßige Brutalität einzelner Stände und Kreise ist zivileren Formen und gemäßigteren Gebräuchen gewichen, und es hat die Anschauung sich verbreitet und ist sogar legal und zum Strafrechtsparagraphen geworden, gegen lebende Wesen – seien es Menschen oder Tiere – aller Grausamkeiten sich zu enthalten. So behandeln wir denn, was da kreucht und fleucht, was auf zwei oder vier Füßen geht und steht, und was sonst des kurzer Daseins sich erfreuen möchte, schon weil es nun Grundgesetz des Zeitgeistes, in der Regel weitaus glimpflicher, als es bei unseren Vorfahren Brauch und Sitte gewesen, und Szenen und Taten von Entsetzen und Ärgernis erregender Barbarei gehören längst zu den Ausnahmsfällen. Also unstreitig ein Fortschritt im allgemeinen Zivilisationsprozeß der Menschheit. Trotzdem wird der oberflächlichste Optimist nicht behaupten wollen, daß die Mission der Humanitätsprediger schon beendet und eine Fülle unserer absichtlichen und unabsichtlichen Handlungen frei von jeglichem Vorwurfe der Lieblosigkeit seien. Im Gegenteile.

Als ich vor ein paar Jahren durch das frömmste unserer Länder zog, traf ich im Etschtale eben beim Leichenbegängnisse eines Millionärs ein. Die Bauern standen gleichgültig vor dem Trauerhause und plauderten von nichtigen Dingen. Allmählich kam man auch auf den Verstorbenen zu sprechen und erzählte sich gegenseitig, wie der alte Filz es so weit gebracht habe, daß man ihn nun wie einen Bischof begraben könne. Der eine wußte, wie der Heimgegangene als armer Steinbrucharbeiter angefangen, der andere, wie er gewagt, ohne lesen und schreiben zu können, sich in größere Unternehmungen einzulassen, enorme Lieferungen abgeschlossen und durchgeführt, in allem Glück gehabt habe, aber zeit seines Lebens doch nur ein »Leut- und Tierschinder« gewesen sei. »Ja«, ergänzte ein Achtzigjähriger und blinzelte dabei recht pfiffig, »wem an Menschen und Viech nix liegt, der bringt's zu was!« Die anderen nickten zustimmend.

Ich konnte und kann das schneidige Wort des Greises nicht vergessen. Ist es doch ein Lehrsatz, der uns manches und vieles erklärt und der in seiner Bündigkeit mehr sagt, als die scharfsinnigsten Streitschriften unserer weisesten Katheder- und Bierhaussozialisten. Keine Schonung des Nächsten, kein Mitleid, kein Erbarmen und die Ausbeutung und Benützung der uns untertanen, zugewiesenen oder leibeigenen Kräfte bis zum letzten Tropfen des ausgepreßten Schweißes! Da liegt's. Das Mittel ist einfach, das Geheimnis ist offen, das Rätsel nicht unlösbar; wer den Rat versuchen würde, sähe sich belohnt, der Erfolg an Gewinn bliebe nicht aus, und der Versuchende, von dem praktischen Nutzen des Dogmas überzeugt, verfolgte die Methode schließlich in allen Konsequenzen. Die Hauptsache ist nur, es übers Herz zu bringen, an den Versuch zu denken, ihn zu wollen, ihn zu erproben – die Prosperität ist zweifellos, und wer sich mit dem Renommée eines Leut- und Tierschinders zufrieden gibt, kann sich wohlgemut sein Bäuchlein mästen und sitzt fein in der Wolle.

Ach, es ist so viel Elend und Jammer in dieser schönen Welt, und auf Tritt und Schritt treffen unser Auge, wenn es sehen will und das Sehen nicht verlernt hat, genug der betrübendsten Bilder! Aber wir gehen achtlos und gleichgültig vorüber, da wir an diesen Anblick gewöhnt, und nur ein oder der andere Gemütsfex oder Gefühlshammel bleibt ab und zu bei einer besonders ergreifenden Szene stehen und fühlt sich bewegt, ja vielleicht sogar erschüttert, und läßt sich, im Taumel des Mitleids hingerissen, herbei, ein Übriges zu tun und zu helfen, wie es momentan in seinen Kräften liegt. Die Mehrzahl wandert ungerührt und gedankenlos weiter.

Trotzdem sind wir humaner geworden. Die Wohltätigkeitsvereine schießen wie Pilze hervor und sind voll schönster Fürsorge um das leibliche Wohl von Menschen und Tier. Wir haben Asyle für Obdachlose, wir schützen Waisen und Findlinge, pflegen und warten das bresthafte Alter, bieten entlassenen Sträflingen die hilfreiche Hand und bestreiten die Begräbniskosten der Armen. Wir haben ein Vogelschutz-, Wildschon- und Laichgesetz; wir überwachen das Einfangen der Hunde, den Transport der Kälber, das Schlachten der Rinder; wir verbieten das Blenden der Finken und eifern gegen das Schuppen der lebenden Fische; wir agitieren mit Feuereifer gegen jegliche Quälerei, geschehe sie in dieser oder jener Form, und halten Wanderversammlungen und predigen und lehren von der Kanzel und in der Schule und in der Werkstätte von und über Menschen- und Tierliebe. Wir sind unermüdlich in sotanem lobenswertem Streben; wenn dessenungeachtet noch allerlei vor unseren Augen ungescheut und ungehindert passiert, was dem Menschen- und Tierfreund das Blut sieden und die Galle kochen macht, so ist eben dieses Allerlei nicht zu ändern, und der Humanist kann sich mit einem bedauerlichen Achselzucken entfernen, kann die Augen schließen und die Ohren sich verstopfen und mit ein paar Seufzern sich begnügen.

Und so jagt und schießt man denn lustig die armen Tauben, überlastet bei schlechtester Kost Hunde und Pferde und Lehrjungen, unternimmt »im Interesse der Wissenschaft« die barbarischesten Experimente, erlaubt sich bei diversen Sportvergnügungen die grausamsten Hetzen und illustriert die enthusiastischen Berichte noch mit anschaulichen instruktiven Bildern; füttert, der Fett- und Leberspekulation wegen, Schweine und Gänse krank, nötigt abgezehrte Jockeys und marklose Renner zu den letzten Forcetouren, spornt blutig und karbatscht halb tot, unter dem ermunternden Hallo des verehrungswürdigen Publikums, krumme und lendenlahme Klepper, zwängt die fleißigsten Sprosser in die engsten Käfige; weist zehnjährigen Kellnerjungen nach sechzehnstündiger Arbeit zwei Schuh breite Truhen in rauchgeschwängerten Stuben als Schlafstellen an, läßt schwächliche Kinder in frostigen Frühstunden auf kalten Marmorplatten ihre Kirchenandacht verrichten, strapaziert den Mann mit aufreibenden Übungsmärschen behufs Abhärtung bereits im Frieden bis zur Realinvalidität; gestattet, daß in den Lastwaggons und in den Verkaufsständen die zusammengepferchten Marktopfer vor Durst verschmachten usw. usw. »Ja, so sind wir! Ja, so sind wir!« heißt's in jenem heiteren Couplet.

Aber wir waren früher ja doch noch ganz anders, das heißt: wir trieben's weitaus viel ärger. Wenn ich der Erzählungen meines Großvaters gedenke, der mit dem vielberühmten Hetzmeister Stadelmann gut bekannt und ein fleißiger Besucher des populären Amphitheaters unter den Weißgerbern und Zeuge des Brandes am 1. September 1796 war, so überläuft es mich heute noch kalt, ob all des bestialischen Greuels, den das »philosophische Jahrhundert« zur Belustigung nicht nur des gemeinen Mannes sondern auch der soi-disant gebildeten und aufgeklärten Kreise im Repertoire hatte. Man schüttelt ungläubig den Kopf oder es schallert einem die Haut, wenn man erfährt oder liest, an welch ausgesuchten Grausamkeiten unsere Vorfahren Vergnügen fanden. Und es waren Lieblingstiere der Wiener, die allwöchentlich fast zu Tode gepeinigt wurden, ihre Namen gingen von Mund zu Munde, wie die der gefeiertsten Helden, und wenn der braune Bär, das zottige Ungetüm, oder der Edelhirsch, oder der gewaltige Auerochs, dessen Haut später nach Paris wanderte, oder der afrikanische Löwe, oder der grimme Wolf, der fürchterliche Leopard, der schlaue Fuchs, der bockbeinige Esel oder das Wildschwein den wütenden Angriffen der Hunde unterlagen und aus zahllosen Wunden blutend fortgeschleppt wurden, da scholl es aus den vollgepfropften Logen und Galerien vom ehrendsten Beifallsgejauchze, worin nur jene nicht einstimmten, deren kostbare Bullenbeißer zerfleischt und in unkenntliche Klumpen zerrissen, im Sande herumkollerten. Volle einundvierzig Jahre dauerte dieses ekelerregende Schauspiel in ein und demselben Hause, nachdem es Jahre hindurch schon früher in kleinerem Umfange in anderen Buden zum allgemeinen Ergötzen gezeigt wurde.

Die Verrohung der Massen war eine unausbleibliche, und sie trieb bittere Früchte. Gewohnt an den Anblick des Kampfes auf Leben und Tod, welchen Tiere unter sich, oder Menschen mit wilden Bestien zu bestehen hatten, entwickelte sich nicht nur eine vandale Rauflust in gewissen Schichten, die ihre Meinungsverschiedenheiten und sonstigen Differenzen nur mehr in brutalsten Faustschlachten auszufechten und auszugleichen verstanden, es organisierte sich auch ein förmlicher Kultus der privaten Tierhetzen, respektive Tiermartereien, in welchem Sport einzelne Vorstädte und Gründe besonders exzellierten und eines unantastbaren Rufes sich erfreuten. So namentlich der weiland vielbesungene »Brillantengrund«, dessen »olympische Spiele« (von lokalstem Reize) darin bestanden, echt bayrische, eigens auf den Mann dressierte Fanghunde auf einen beliebigen armen Teufel, der eben des Weges kam – meist einen Hausierer oder Rastelbinder – zu hetzen, das erkorene Objekt kunst- und schulgerecht beim Rockkragen packen und niederwerfen zu lassen, wofür dem zu Tode Erschreckten ein milder Obolus, und falls sein Habit oder er selbst einen kleinen Defekt erlitten, noch eine Extraentschädigung gentilst zugeworfen wurde. Man hatte damals Geld genug, um derlei Späße prompt liquidieren zu können.

Oder man hetzte die Hunde unter sich aufeinander. Die bissigsten Rüden zu besitzen, war Ehrensache, und so wurden in den Hofräumen der notabelsten Fabrikantenhäuser oder in Wirtshausgärten oder auch im Extrazimmer der Stammkneipe von den Herren Söhnen der Stuhl-Nabobs ordentliche Turniere arrangiert, bei welchen friedfertigste und zahmste Pudel das Angriffsziel der bösesten Raufer abgeben mußten. Man verwettete große Summen und die schönsten Meerschaumpfeifen, ob der Genickfang nach der einzig richtigen Methode geschehen und ob auf einen oder zwei Bisse der treue Caro hin geworden sei. In einer Kavalleriestation Oberösterreichs war ich einst unfreiwilligster Zeuge einer ähnlichen Massacre unter simplen Stallpintschern, die man mit Reitgerten zum Kampfe, d. h. zur wechselseitigen Vernichtung encouragierte und animierte.

Um aber bei Wien und den Wienern (alten Stils) zu bleiben, sei noch eines anderen Sportzweiges gedacht, den sich die enragiertesten Hundebesitzer auf der Schlagbrücke befreundeter Fleischhauer gestatteten. Man brachte von weit und breit die berufensten Köter herbei und hetzte sie auf den ohnehin genug geängstigten Todeskandidaten, an dessen Halse alsbald die wütende Meute wie ein Knäuel von Egeln hing, sich festbiß und den breitgestirnten Feind zu Boden zu zerren suchte. Da geschah nun allerdings nicht selten manch unerwartet Malheur, indem dieser oder jener aus der Schar der Angreifer mit aufgeschlitztem Bauche in die Luft flog, während hinwieder der Ochse selbst durch die Ungeschicklichkeit der noch unerprobten und unerfahrenen Hunde viel zu leiden hatte, bis er von einem weichherzigen Knechte den erlösenden Gnadenstreich erhielt. Der Hofopernsänger Erl war ein leidenschaftlicher Anhänger dieses Vergnügens und opferte manche Stunde, wenn ihn die odiosen Proben nicht hinderten, und manchen Bulldogg im Schlachthause der städtischen Fleischregie.

Mit den Bulldoggs kam überhaupt neues Leben in die Gesellschaft. Als diese zähnefletschenden Kalibane unter den Hunden modern und die häßlichsten Exemplare als die schönsten gepriesen wurden, nahm nicht allein die Hundeliebhaberei im allgemeinen, sondern auch die Pflege und Erziehung der bezüglichen Vierfüßler neue Formen an. Bis nun setzten wenigstens einige Hundefexe einen Ehrgeiz darein, die gelehrigsten und gelehrtesten Tiere zu haben, welche oft verblüffende Kunststücke produzierten, oder ferme Apporteurs, oder ausgezeichnete Springer oder ausdauernde Schwimmer oder die schnellsten Läufer waren. Durch die plötzlich dominierende Rolle des plumpen Bulldoggs verlor das alte Unterrichtssystem seine letzten Anhänger, und es wurde der jeweilige Hund, den man besaß, nur mehr zum Raufen trainiert. Der beste und gewandteste Raufer zu sein, war die höchste Tugend des Hundes, einen solchen Raufbold sein nennen zu können, das Ideal der jeunesse jeglichen Genres. Theaterdirektor Fürst gestand mir selbst einmal, und zwar in seiner urwüchsig-drastischen, derbrealistischen Weise, daß er, als es ihm »noch recht schlecht ging«, er schon ein paar Jahre verheiratet war, gleichwohl aber noch nicht die nötigsten Möbel besaß, eines Tages sich auf Drängen seiner Gattin aufraffte, um mit mühsam ausgeliehenen zwanzig Gulden einen Kasten zu kaufen. Er kam mit dem Gelde in der Hand in die Breite Gasse, die Herberge der Möbelhändler, feilschte und feilschte und erhandelte beinahe das längst ersehnte Kleinod, als der Bulldogg eines Greißlers, der eben vorüberging, einen monströsen Neufundländer attackierte und das Ungeheuer mit Affengeschwindigkeit zu Boden warf. Diese Heldentat des Kämpfers David, der den Riesen Goliath so vernichtend besiegte, zu sehen, auf alle häusliche Misere zu vergessen und in glühendster Begeisterung auszurufen: »Herr, was kost't der Hund – i muß 'n habn!« war für Fürst das Werk einer Minute. »Zwanz'g Gulden!« war die Antwort. Fürst erwiderte kein Wort, gab das Geld, ließ den Kasten Kasten sein, band dem staunenden Kläffer das Schnupftuch an das Halsband und brachte ihn triumphierend heim. Sein Weib erschrak und schrie: »Hansl, bist a Narr?« Aber Fürst sagte nur stolztrocken: »Sei stad, es ist der höchste Raffer!« Und die eheliche Eintracht war wieder hergestellt. – Die größten Bulldogg-Raufereien wurden übrigens noch Ende der dreißiger und anfangs der vierziger Jahre vor den Hütten der Buschenschänker »Auf den Mühlen« (außerhalb der Taborlinie) arrangiert; es floß dabei viel Blut, manche Gruppe, die sich verbissen, wurde mit Knitteln, die man um die Schädel schlug, auseinandergebracht. Hunde, die zu arg zugerichtet, warf man blutend in die Donau, wobei es sich zuweilen ereignete, daß das arme Tier mühselig zurückschwamm und winselnd zu seinem Herrn kroch, bis es dieser »aus Erbarmen« vollends erschlug und nun erst den Karpfen zum Präsent machte. Dann trank man lustig weiter und sang im Chorus die populärsten Gassenhauer.

Es waren dies meist Söhne oder überhaupt Repräsentanten und Angehörige des »gebildeten« Mittelstandes, womit nicht gesagt sein soll, daß man über oder unter dieser spezifischen Schichte im diametralsten Gegensatze handelte. Ach, man hatte (und hat) sich hüben und drüben nichts vorzuwerfen, denn edle Renner der Mode und Laune wegen zu »englisieren«, den Auerhahn während seiner brünstigsten Liebesseufzer zu erlegen, dem Rattler Schweif und Ohren zu beschneiden oder Vögel zu blenden usw., sind nur Variationen der allgemeinen Lieblosigkeit. Als Hieronymus Lorm einst seinen wunderherrlichen Essay über das Halten von Haustieren, das stets eine Barbarei sei, schrieb, nahm er sich vorzugsweise der viel gequälten Hunde an, deren Bedürfnisse und Eigenart wir so wenig beachten, und rief zum Schlusse: »Laßt den Hund unblutig aussterben!« Wie mag der große Haufen gelächelt und gelacht haben zu solcher Sentimentalität eines nervösen Poeten, wogegen der wahre Tierfreund sich tatsächlich dem sinnigen Ausspruche anschließen muß und eigentlich den Wunsch äußern sollte, daß noch mehrere Arten von Haustieren aussterben möchten der Tiere selbst wegen.

Oder sind wir doch humaner geworden? Grausamkeiten, die einst an der Tagesordnung waren und niemandem auffielen oder doch von niemandem gerügt wurden, sind ja doch heute nur mehr vereinzelt? Aus meinen Bubenjahren weiß ich, daß es zum allgemein beliebten Juxe gehörte, Katzen zu quälen, ja zu martern, da die Borniertheit die Katze als feindliches Tier klassifizierte. So trieb man denn allen denkbaren Schabernack mit den aufgegriffenen und stipitzten Miezchen, man bestrich sie mit ätzenden Farben und scharfen Flüssigkeiten, übergoß sie mit heißem Leim, oder schor sie ganz kahl, oder band ihnen glühende Kohlen in Nußschalen an die Pfoten. Besonders witzige Leute ersannen im Herbste zur Drachenzeit die gediegensten Späße. Man machte im Schweife der Katze ein paar Einschnitte, um den Spagat befestigen zu können, knüpfte dann das arme Tier an die Kette des Drachen und ließ diesen turmhoch steigen. Welche drollige Krümmungen und Purzelbäume machte da hoch oben in den Lüften das dumme Vieh, bis daß es mit ihm zu Ende war. Was geschah alles mit den Igeln, die man der Stacheln wegen ebenfalls als Feinde der Menschen betrachtete; was alles mit den Tauben, denen man die Augen verklebte, ehe man sie austrieb; was mit den im seligen Stadtgraben und auf den Sandsteppen der verwahrlosten Glacis gefangenen Mäusen! Die Tierquälerei war im gemütlichen Wien ein ungestörtes Vergnügen. Jung und alt beteiligte sich daran, und die liebe Jugend war noch erfinderischer in Foltereieinfällen. Außerdem gab es keinen Schuster in Wien, der nicht einen geblendeten Finken vor seiner Werkbank, keinen Flickschneider, der nicht einen Kanarienvogel oder Zeisig hatte, der, den Drahtring um den Leib, Futter und Wasser sich selbst herbeiziehen mußte. »Er soll auch arbeiten!« hieß es lachend.

Sind wir doch humaner geworden, ist nochmals meine Frage? Da erzählt mir ein achtbarer, glaubenswürdiger Freund, daß ein Studiengenosse von ihm, der Träger eines erlauchten Namens, in dem Garten des vornehmen Institutes, das sie beherbergte, sich in seinen Mußestunden damit beschäftigte, Sperlinge zu fangen, ihnen die Füßchen abzuschneiden und hierauf die »Freiheit« zu schenken. Es war sein lautestes Ergötzen, wenn er sah, wie die verstümmelten Tierchen nirgends mehr Posto fassen konnten und unbeholfen im Grase herumkugelten.

 


 

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