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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 16
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Vom Stoß

(Februar 1871)

Es ist leicht möglich, daß, wenn diese Zeilen vor die Augen meiner teueren Leser kommen, der Stoff an und für sich manchem bereits antiquiert erscheinen dürfte. Nun ja, während das Korps der Auflegerinnen in objektivster Seelenstimmung sich noch damit beschäftigt, Bogen für Bogen der Maschine anzuvertrauen, und die ersten Austräger sich parat halten, den üblichen Pack Tagesgeschichte zur Verteilung an ihre wißbegierigen Zeitgenossen in Empfang zu nehmen, macht etwa ein plötzliches energisches Tauwetter dem gewissenhaften Eischronisten einen Strich durch die Rechnung, die gigantischen Blöcke und Schollen, womit die Metropole geängstigt und auf die man die Aufmerksamkeit eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publikums lenken wollte, sind um die Stunde der Früh-Melange vielleicht schon in Theben angelangt und die Inundations-Flaneurs erklären die Sache als – abgetan.

Mit dieser Gattung Mitmenschen hatte man die Woche über ja ohnehin seine liebe Not. Die Geschichte war ihnen teils zu unbedeutend, teils durch die etwas längliche Dauer des status quo bereits monoton geworden, und als Freitag nachmittag das herrlichste Wetter eintrat, um endlich eine ordentliche Überschwemmung von einem sicheren Punkte aus mit dem Operngucker oder durch das Binocle ohne viel Unbehagen bewundern zu können, die weiße Schnee- und Eismasse des Kanalbettes aber sich noch immer nicht vom Flecke rührte, da konnte ein jugendlicher Pracht-Dandy seinen Ingrimm über die Verzögerung der erwarteten Katastrophe, seinen Überdruß angesichts des ewigen Einerlei nicht länger unterdrücken, und seinen eleganten Gefährten am Arme zerrend, rief er, von dessen unbegreiflichem Interesse für die dummen Eisschollen indigniert: »Geh' Schackerl, geh' ma, der Eisstoß is ma schon fad!«

Auch anderen (und nicht nur den Überschwemmten und Delogierten) dauerte die Geschichte bereits zu lang. Die Promenade über die Treppen erlustigte zwar anfangs, und man konnte eine Masse Witze reißen; auch der Anblick der feschen Chauffeure gewisser (mehr als notwendig) kurz geschürzten Damen war nicht übel, aber – der Mensch will auch eine Abwechslung. Man erwartete mit Ungeduld das Schinakelfahren in den überschwemmten Straßen, was für einige heitere Lebemänner, die sich zu diesem Zwecke ein eigenes Kanotier-Kostüm angeschaffen und mit idealen Wasserstiefeln längst ausgerüstet waren, doch wenigstens den Reiz der Neuheit gehabt hätte, ja für eine ganz exquisite Spezies Wiener Vollblut sogar eine Hetz gewesen wäre. All diesen wackern Leuten verdarb die ungebührliche Länge des Zwischenaktes ihre gute Laune; es sei, wie sie unwirsch behaupteten, »nirgends was z' segn, und wo was z' segn wär', lassen s' an nit hin!« und so geschah es, daß der Eisstoß an Popularität, sozusagen an Beliebtheit in den Kreisen der Schaulustigen bereits gewaltig verlor, daß selbst die enragiertesten Eisstoßgeher, die von frühmorgens bis spätabends mit den diversen Avisoposten die heftigsten Grundwasserdebatten, Stauungs- und Spornverlegungsdispute führten, der Sache müde wurden und lieber zu der altgewohnten Besetzpartie zurückkehrten. Und dieser wohlmotivierten Entrüstung gab denn auch dieser Tage ein ehrsamer Bürger den richtigen Ausdruck, als er, bei »Gabesam« eintretend, definitiv erklärte: »Mi halt der dalkerte Eisstoß nimmer für 'n Narrn – i war jetzt elf Mal in Nußdorf, weil ma 's beim ›Wurmser‹ am besten segn könnt – aber 's rührt si ewi nix!«

Ach, Geduld, meine Herren! Wünschen wir, daß Sie nicht vielleicht mehr zu sehen bekommen, als der fanatischeste Eisstoßfex sich je träumen ließ. Und sogar jetzt schon gibt es eine Menge Dinge zu schauen, welche für Leute, die etwa das Gruselige lieben, nicht genug anempfohlen werden können; so rechte Schauderszenen, die für einen Makart, der eine »Abundantia des Elends« malen wollte, ein ausgezeichneter Stoff wären. Sie dürfen nur eines der Rettungshäuser besuchen.

Treten Sie nur gefälligst ein – warum entsetzt Sie der Anblick? Warum werden Sie so plötzlich bleich und still? Warum bebt Ihre Hand und zittern Ihre Knie und sträubt sich das Haar auf Ihrem Haupte in die Höhe? Nicht wahr, das ist ein überraschendes Bild? Die Farben sind etwas düster, aber naturgetreu, Sie finden den Jammer, die Not, die Verzweiflung in einzelnen Figuren prägnant ausgedrückt, echte Studienköpfe für einen Künstler, und die Gruppen so ungezwungen, so unabsichtlich und dennoch so erschütternd! Da sehen Sie einmal jene Mutter an, den wimmernden Säugling an der abgezehrten Brust; Sie gestehen wohl, der Anblick ist nicht frivol? Gewiß nicht. Hier stimmt nichts lüstern, und trotzdem, daß manche Schulter entblößt und manche jugendlichen, nicht unschön geformten Hüften fast so kärglich verhüllt sind, wie bei Theaterdamen in einer glänzend ausgestatteten Korruptionsoperette, so geben Sie zu, daß von einer sinnlichen Augenweide hier füglich nicht die Rede sein kann. Wahrlich nein! Sie fühlen im Gegenteil Ihr Herz zusammengepreßt und Ihre Augen werden allmählich feucht... Wohlan, so führen Sie doch alle jene, welche es so sehr bedauern, daß es nichts zu sehen gibt, an diese Stätte des unverfälschtesten Kummers, an diese dürftigen Asyle der Bedrängnis und Betrübnis, und der Anblick dieser grauenvollen Staffage der bittersten Armut wird den leichtsinnigen Scherz auf allen Lippen verstummen machen!

Denn es ist viel Not und viel Elend hier zu schauen. Die armen Kinder entbehren des Unentbehrlichsten, sie zittern vor Frost und vor Kälte, und aus den verglasten Augen, aus den bleichen Gesichtern stiert das mahnende Gespenst des – Hungertyphus. In dumpfer Verzweiflung kauert der Vater dort im Winkel auf einem Strohbündel; von seiner Habe vermochte er nichts mehr zu retten, die sorgendurchfurchte Stirne in den schwieligen Händen sinnt er und sinnt, wie denn Hilfe noch möglich! Sein Weib sitzt zu seinen Füßen und blickt in stummer Ergebung nach dem Ernährer ihrer Kinder. Sie kannte all ihr Lebtag keinen Überfluß, aber sie bangte doch nicht vor der Zukunft, denn zwei rührige, kräftige Arme waren ihr zur Seite, und sie lebten alle zusammen schlecht und recht und im ehrlichen Verdienen, und wenn sie ihr Abendgebet beteten, da dankten sie wohl gar dem Allmächtigen, wenn auch nur eine Wassersuppe auf dem Tische dampfte. Und in dem kleinen Stübchen, das ihre Welt, war alles ihr Eigen, sauer erworben, nur langsam und alljährlich nur ein Stückchen, und mit dem Schweiße der Arbeit erkauft, aber nun doch ihr Eigen, und der Schrank und der Tisch und die paar Stühle aus weichem Holz und die paar warmen Betten, in die die Kinder so lustig sprangen, waren immerhin ein schöner Besitz. Und sie fühlten nichts von Armut, ihre Bedürfnisse waren ja gering, und sie brauchten auch noch kein Stück Brot sich zu erbetteln, sie wußten es sich zu verdienen, und die Kinder schwuren allabendlich, daß sie sich sattgegessen. Wie das dem Herzen des Vaters wohl tat, wie da die Mutter so seelenvergnügt lächelte – und nun alles dahin, verloren, was so mühevoll errungen und erkämpft; preisgegeben der Not – der öffentlichen Mildtätigkeit – und nach einem Leben voll schwerer Arbeit mit den Seinen an den Bettelstab gebracht! Seht, die Armen verstehen nicht einmal zu weinen, so sehr hat die Größe ihres Unglücks ihre Sinne verwirrt!

Und nun ändert sich die Szene. Die Verteilung der Rationen beginnt, und die eingegangenen milden Spenden in Geld und Kleidungsstücken, Schuhwerk und Wäsche werden den Bedürftigsten übergeben. Ach! sie sind wohl alle bedürftig, und die kleinste Gabe ist ein Segen. Und nun jauchzen die Kleinen über all die Pracht und die Herrlichkeit einer wollenen Joppe, eines Tuchspensers, eines gestrickten Leibchens, einer Flanelldecke; und ein Paar wattierte Schuhe, die irgendein Knirps in Folge seines besonders wehmütigen Zähneklapperns sich erobert, machen dem glücklichen Spekulanten mehr Freude, als wenn ihm irgendein fabelhafter Haupttreffer zugefallen wäre. Und die armen Mütter haschen funkelnden Auges nach Wäsche und Linnen und hüllen in liebender Hast ihre frierenden Würmchen darein und schaukeln den kleinen Schreihals auf ihren Armen, bis das erste Lächeln über sein Antlitz fliegt. Und nun weinen sie ja doch, die Vielgeprüften, die kurz zuvor in starrer Regungslosigkeit still hingebrütet, aber es sind Dankestränen, die ihrem Herzen entströmen und heiß aus ihren Augen hervorbrechen, und sie fühlen sich durch solche rührende Zeichen des edelsten Erbarmens wieder gekräftigt, gestärkt und ermutigt – um ihr Los weiter zu ertragen.

Und so versichere ich denn nochmals meinen geehrten Lesern und Leserinnen, daß es innerhalb und außerhalb des Inundationsrayons gar viel Merkwürdiges zu sehen gibt, d. h. für jenen, der es sehen will...

 


 

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