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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 11
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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In der Firmwoche

Fielen in den Monat Mai nicht zufällig die Wettrennen, welch hochadeliger Sport doch einen großen Teil der sogenannten besseren Gesellschaft noch an Wien fesselt, die arme Stadt hätte in dem privilegierten Wonnemond bereits das Aussehen einer (allerdings weitläufigen) Dorfgemeinde, da gleich nach dem Ostermontag, respektive nach der feierlichen Eröffnung des Praters durch die obligate Korsofahrt, die staubbedachte Residenz wohl so ziemlich alles flieht, was auf Ton Anspruch macht und ihr Glanz und Ansehen zu verleihen gewohnt ist. Aber, wie gesagt, die noblen Passionen, die erst am Freudenauer Turf zum vollen Ausdruck kommen, erhalten uns im Gefolge der Jockeys, Grooms, Trainers und sonstigen englischen Vollbluts auch noch anderweitiges reines Blut genügend am Lager, und der Stadt bleibt ungeachtet der hervortretenden rotwangigen, pausbäckigen Firmlings- und dickbäuchigen Göden-Staffage sogar während der Pfingstwoche ihre metropolische Physiognomie bewahrt.

Denn in der Pfingstwoche gehören von Gott und Rechtswegen nicht nur das teure Würfelpflaster der Stadt, sondern auch die (schon von Zedlitz verlästerten) holperigen oder kotigen Vicinalstraßen ihrer nächsten Umgebung, und zwar von Dornbach über das Krapfenwaldl, an dem Rosenhügel vorbei, bis in die romantische sagenreiche Brühl, eigentlich doch nur den Firmlingen und ihren Paten, d.h. letztere Ausflugsorte nur der distinguierten, Backhühner verzehrenden ersten und zweiten Wählerklasse des Firmungspublikums an, während der demokratische Wurstelprater und das populäre Schönbrunn vom nur Salami oder Weinberlkipfel hinabwürgenden dritten Wahlkörper mit seinen Göden und Godeln in Besitz genommen wird.

Und somit habe ich gleich hier den Unterschied zwischen Paten und Göden bezeichnet, der ebenfalls am schärfsten am Stephansplatz zum Ausdruck kommt, wenn nach beendigter kirchlicher Funktion sich die Massen wie zur Zeit der Völkerwanderung scheiden, und ein Teil, ich möchte sie die urbaneren Goten nennen, seine mit goldenen Anker- und Zylinderuhren ausgerüsteten Heersäulen mittelst Fiaker und Equipagen in die genannten Sommerfrischen entsendet, während der andere, mit zahllosen Bünkeln Lebzelten beladene Teil gleich den urwüchsigen Hunnen in ungestümen Scharen durch die Bischofsgasse hinabzieht, um zur Beängstigung des k. k. Oberstjägermeisteramtes in den Prater einzudringen und dort zwar nicht den Forstkulturen und Damhirschen Schaden zu bringen, so doch sämtlichen Ringelspielschimmeln die pappendeckelnen Weichen wundzureiten.

Und wie der Wurstelprater das Stigma des Gödentums und der Rosenhügel etc. die Domäne des Patentums ist, so tritt, das Äußere der Persönlichkeit gar nicht in Betracht gezogen, der Kontrast zwischen Göd und Godel und Pate auch in allen übrigen Firmungs-Gestionen bedeutsam zutage.

Das Gödentum z. B. fährt in offenen, das Patentum in geschlossenen Wagen. Der Göd oder die Godel bepackt den Firmling vor aller Welt mit den Geschenken; der oder die Pate erfreut den Schützling daheim mit einer sinnigen Gabe. Der Göd oder die Godel machen es sich zur gewissenhaftesten Aufgabe, dem Firmungsopfer, unbekümmert um die allernächsten Konsequenzen, den Magen vollzustopfen; der oder die Pate wird sogar darüber wachen, daß selbst die Aufregung, welche der heißersehnte Festtag in dem kindlichen Herzen erweckt, ohne Gefahr vorübergehe und deshalb auch die unvermeidliche Festatzung auf die humanste Diät beschränken. Die Godel möchte es übel vermerken, wenn ihr Firmling – und sei das Wetter auch das unfreundlichste – nicht mit bloßem Hals und Nacken – denn »das g'hört si« – und im luftigsten Fähnchen bis zur Beendigung der oft in die Nacht währenden Firmungsparade anwohnen würde; die Pate wird die Kleine vorsorglich in ein Tuch oder eine Mantille hüllen.

Der Göd führt seinen Firmling, »daß er si do a unterhalt«, vielleicht zu Fürst, um die Schellerltanz zu hören; der Pate überrascht den Kleinen mit einer Fahrt nach Dornbach und erklärt ihm die Schönheiten des Parks. Der Göd und die Godel werfen sich selbst in den prunkvollsten Sonntagsstaat und flunkern mit sämtlichen Kostbarkeiten ihres Gläserkastens; der oder die Pate schmücken sich mit dem herzinnigen Vergnügen des entzückten Firmlings usw. Und nach dieser autonomen Klassifikation rangiere ich denn auch den einen oder die eine, mögen sie auch in eigenem Wagen vorfahren und selbst bei Dommayer mit dem Firmling debütieren, doch unter die Göden und Godeln, und umgekehrt, mag dieser oder jene nur in einem kläglichen Comfortable oder gar bescheiden zu Fuße erscheinen, unter die Paten, denn Patentum ist das innerlich veredelte Godel- und Gödentum.

Welch buntes, fröhliches Aussehen erhält aber die Stadt in der Firmwoche durch das Zusammenwirken der vielköpfigen Firmungstruppe, mit ihren festlich dekorierten Akteurs und übereifrigen Komparsen, dann durch die zur verlockendsten Schau ausgestellten Geschenke und die ebenfalls aufs festlichste herausgeputzten öffentlichen Lokale, Produktionsbuden etc. In den Straßen zunächst der Domkirche wogt ein Menschenschwarm, der Stephansplatz ist durch eine Wagenburg abgesperrt, schreiende Bandverkäuferinnen, laut anpreisende Bilderhändlerinnen umstürmen die Passanten, die sich mühsam ihren momentanen Lebensweg erst erobern müssen. Und wohin sich dein Auge wendet, nur freudestrahlende oder neugierige Gesichter, denen der Stempel der Überraschung, der Verblüffung unverkennbar aufgedrückt, Gestalten, die dir noch nie begegnet und die aus fernen Ländern zu kommen scheinen.

Da ist vor allem anderen der ländliche Import, der uns auffällt, der schlichte Weinbauer, der primitive Waldviertler, jeder mit einem halben Dutzend ihm vom Dorfe anvertrauten Firmlingen, die feiste Landwirtin, die nicht minder begabte Landkrämerin mit ihren weiblichen Schützlingen, die die Gugel über den Kopf, das weiße Schnupftuch an den Mund gepreßt, nicht gar so unpfiffig in die Menge blinzeln. Aber alle sind sie sprachlos vor Staunen, betäubt von dem ungewohnten Lärm, verwirrt von dem wirren Durcheinander von Menschen, Wagen und Pferden, in das sie geraten, und außerdem wie eingeschüchtert von dem Glanz und den Herrlichkeiten und den riesigen Prachtbauten, die sie fast zu erdrücken scheinen. Und haben diese biederen Landleute Verständnis für die ungeahnten Wunder der imposanten Residenz? Gewiß! Als ich vor einigen Jahren einen solchen Hinterwäldler, von dem ich wußte, daß er das erste Mal in Wien gewesen und drei Tage sich hier aufgehalten habe, also apostrophierte: »Nu, Vetter, sagts amal, was hat Eng am besten g'fall'n? Ihr warts im Theater, warts in Schönbrunn, im Prater, lauter Herrlichkeiten, von denen ihr Euch habts nie was träumen lassen!« Da erwiderte er, einigermaßen verlegen sich hinter dem Ohre kratzend, aber dennoch treuherzig: »Wann i aufrichti sein soll, 's Komödig'spiel hab' i nit recht verstanden, der Elefant in Schönbrunn hat ma schon a wengl besser g'falln – aber was s' da unt'n im Prater, in aner Hütt'n ausgestellt habts, dö siebn Zentner schware Sau, dös is schon a Pracht! Unser Gmoanwirt hat a a schwar's Viech, lauter Mastviech, aber auf siebn Zent'n hat er 's do no nit bracht, so was kann man do nur bei Eng in Wiarn segn – d'rum reut 's mi a nit, daß i awa ganga bin!«

Der wackere Mann war wenigstens aufrichtig. Er anerkannte das Große, wo er es fand, der leidige Lokalpatriotismus war ihm fremd, er war gerecht und billig und hatte ein empfängliches Gemüt auch für fremde Sehenswürdigkeiten. Aber dieser unparteiische Sinn stak schon in jener patriarchalischen Familie, denn als ein paar Jahre später der älteste Sohn, der Loisl, zum Militär abgestellt und durch eine rätselhafte Fügung des Himmels und in Folge eines noch wunderbareren Geschmackes des Betreffenden zum Privatdiener ausersehen und von seinem Herrn sogar für eine große Urlaubsreise, die sich bis nach Rom erstreckte, mitgenommen wurde, da frug ich den Heimgekehrten mit veritablem Neid im Herzen: »Glücklicher! Warst in Rom! Hast die ewige Stadt gesehen! Wie war dir dabei und was hast du empfunden?« – Aber der unfreiwillige Tourist auf klassischem Boden tat sehr unwirsch über mein naives Vorurteil und brummte, ärger als jener berüchtigte Berliner Nicolai: »Mi solln s' in Ruah lassen mit dem Römischen! Was sieht ma denn? Häuser und Kirchen, dö sieht ma bei uns z' Haus a, wann s' a nit so hochmächtig san. Und der Heurige, den s' dort ausschenken – Falerner haßen s' 'n, dös is erst 's wahre G'säuff, da muaß da Vetter unsern G'rebelten kosten, dös is a Tropfen und der schmeckst a 'n Papst!« –

Mit dieser flüchtigen Skizzierung wollte ich in ein paar Figuren nur den Typus jener ländlichen Gäste zeichnen, die Wien in der Firmwoche alljährlich zu beherbergen hat. Aus diesem Teig sind so ziemlich alle geknetet. Und wenn ihr euch deshalb auf die residenzlichen Reize vielleicht etwas zugute tun und die Gebirgseinfalt damit wahrhaft überraschen, blenden und innerlich belohnen wollt, so seid ihr groß im Irrtum. Das ländliche Herz fühlt gerade im städtischen Rummel sich einsam und verwaist und sehnt sich in ungeheucheltem Heimweh nach den idyllischen Gefilden Maissaus oder Stammersdorfs zurück und atmet erst wieder auf, wenn die melodischen Hammerschläge des Dorfschmiedes den wiehernden alten Schimmel begrüßen, der ebenfalls froh ist, aus dem Bereich des harten Pflasters, einer drakonischen Fahrordnung und der Kameradschaft übermütiger Renner gekommen zu sein.

Zu Hause erst ist ihnen allen zusammen wieder wohl, und wenn das heimatliche Geselchte und die engeren vaterländischen Knödel im weitesten Umfange in der gewohnten Schüssel dampfen, dann – aber auch dann erst schmilzt allmählich das starre Eis, das den rustikalen Busen vor äußeren Eindrücken bewahrt, und ist die Kruste durch Vermittlung einiger Schluck eigenen Bodenerzeugnisses aufgetaut, so ist es möglich, daß der Zwangsreisende sich sogar dieser oder jener großstädtischen Merkwürdigkeit erinnert und nicht nur überhaupt von seiner gefahrvollen Odyssee von Zeiselmauer bis zum Rehböckel am Tabor etliche Vorkommnisse zu berichten weiß, sondern selbst einiger Späße schmunzelnd gedenkt, die der primo buffo eines Marionettentheaters im Prater für das übliche Trinkgeld produzierte – ferners, daß der berühmte Wellington, wie der Postknecht im Orte, einen roten Frack getragen habe, daß vor der Mariahilferlinie ein Kalb mit drei Füßen ausgestellt war und was des narrischen Zeugs noch mehr ist, mit dem wir Wiener so reich gesegnet sind. Mehr aber dürft ihr von dem ungeübten Reporter nicht verlangen.

Nun, die aufregende Woche ist vorüber. Die Großen brauchen das Lied mit dem angsterfüllten Refrain:

Nehmt euch in acht, schaut euch nicht um:
Der Göden- und der Godelfang geht um!

ein Jahr lang nicht mehr zu singen, und die Kleinen beschäftigten sich jetzt nur mehr mit der Kritik der Geschenke. Ob die Geber die Zufriedenheit der p. t. Nehmer errungen? Wer weiß! Die heutige Jugend ist in Folge der billigen Volksausgaben der deutschen Klassiker und der Verwohlfeilung der Selbstbelehrung vielleicht bereits so klug, daß sie recht gut den Nettowert einer Gabe zu taxieren versteht und genau anzugeben vermag, wo der fiktive Preis, d. i. die Façon oder das Agio beginnt, und für wie viele Gulden ö. W. man sich eigentlich zu bedanken hätte. Um deshalb einer abfälligen Kritik auszuweichen, sind praktische Naturen von jeher dafür gewesen, nur Reelles und Positives zu geben oder zu nehmen, und man einigte sich zu beiden Teilen und kaufte einen hübschen Sommeranzug, eine Mantille oder eine kompakte Uhr, und man war zufrieden, denn das hatte doch Sinn.

Weniger einverstanden bin ich hingegen mit den idealen Gaben, d. h. jenen, wozu eine starke Dosis Fantasie gehört, um den vollen Betrag des pretii affectionis, den man dafür beansprucht, sich herausschlagen zu können. In dieser Beziehung sind die schwärmerischen weiblichen Paten nur mit außerordentlicher Vorsicht aufzunehmen, welche das hoffnungsvolle Patchen einzig und allein mit dem höchst eigenen Konterfei, nämlich einer Photographie zu fünfzig Kreuzer zu beglücken geneigt sind. Diese gefährliche Sitte ist heuer besonders stark eingerissen und hat in Familien, die davon betroffen wurden, viel Tränen hervorgepreßt. So sah ich eine solche allerliebste blauäugige Betrogene, der die Frau Pate statt jeder anderen Gabe ihre photographische Verewigung, und zwar unter der würdevollsten Ansprache einhändigte und ausdrücklich betonte, daß sie erwarte, diese Gabe – das Porträt der Pate – werde der Kleinen mehr Freude machen als ein plumpes Bracelet. Nun, der Geschmack ist eben verschieden, mir wäre das allerplumpeste Bracelet von Nummer zwei lieber gewesen, denn die Photographie war zwar ein kleines Meisterstück von Gerstinger, allein die Geberin vergaß, daß sie selbst kein Meisterstück der Schöpfung sei. Was tun in solchen Fällen? Eine bezirksgerichtliche Klage auf Schadenersatz für getäuschte Hoffnungen? Vielleicht findet sich ein Verteidiger, der den Fall übernimmt, vielleicht aber haben wir heut' übers Jahr, um ehrsame Familien vor derlei Schäden, die ärger als Hagelschlag, zu bewahren, eine Firmungsgeschenk-Versicherungs-Aktiengesellschaft, denn das täte doch wahrlich not! Wer meldet sich als Gründer?

 


 

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