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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 10
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Aschermittwoch

Trotz der liberalen Konzession des Weitertanzens bis mitten in die Fasten hinein ist der eigentliche Rummel heute doch zu Ende. Ein paar offizielle Nachzügler, wie z. B. der Fiaker-, dann der Wäschermädelball, etliche verspätete sogenannte Elitebälle, hie und da die simple, reizlose Tanzunterhaltung eines nimmersatten Wirtes – das ist der ganze sündhafte Faschingsnachtrag, der noch zu erwarten; die Hauptschlacht ist geschlagen, einzelne Scharmützel versprengter Tanzwütiger mögen folgen, doch sind sie ohne Bedeutung, denn der große, sinnberückende, börsenleerende, uns den Schlaf stehlende, das Oberste zuunterst kehrende, tobende, springende, kichernde Maskentrubel ist vorüber.

Wir haben unsere Aufgabe wohl auch gelöst; wir haben getanzt und tolles Zeug getrieben, wir haben gekost und geschäkert und im Übermute sogar freiwillig Narren aus uns gemacht; wir haben mit unserer Gesundheit hasardiert und unsere Kreditfähigkeit bis zur Neige ausgenützt; wir haben bezaubert und entzückt, aber auch vielleicht Herzen gebrochen, wir haben von dem Freudenbecher nicht nur genippt, wir haben in vollen Zügen daraus getrunken, wir taumelten, unserer nicht mehr mächtig und vom Wirbelwinde der allgemeinen Lustbarkeit und Leidenschaften erfaßt, umher – endlich sanken wir erschöpft zusammen. Heute ist der süße Rausch verflogen; der Katzenjammer ist geblieben.

Der Katzenjammer! Es gibt verschiedene Stadien dieses Zustandes und auch zweierlei Arten desselben. Der sozusagen leibliche Katzenjammer ist bald zu heilen. In der Volksapotheke ist hiefür der Gebrauch des »Haarauflegens« ein beliebtes und meist auch untrügliches Mittel. Dieses Haarauflegen variiert nun wieder in den Nuancen der dazu verwendeten Säure und richtet sich nach dem habituellen Geschmacke, dem Bildungsgrade und den Geldmitteln des betreffenden Patienten.

Der Mann aus dem Volke z.B., den der liberale Geist des Jahrhunderts unter den Wahlzensus rangierte, greift in solch unbehaglicher Magenstimmung nach einem Hering, um ihn, ohne jegliche zivilisatorische Zutaten und wie er gewachsen, zu verschlingen. Das hilft, man kann um einen Eimer Bier darauf wetten.

Der Mann aus der dritten Wählerklasse wählt, weil er überhaupt wählen darf, das wohl sehr populäre, aber bereits um einen Grad edlere »saure Bäuschl« oder Sardellen in Essig und Öl und als Nachkur sechs bis acht Pfiff Markersdorfer. Die zweite Wählerklasse versucht es mit ein paar exquisiten Sardinen, und die erste (und was sich dazu rechnet) mit Kaviar, wällischem Salat und einem Vierteldutzend Flaschen Bordeaux. Diese respektiven Medizinen durch zwei, drei Tage repetiert, und das Übel ist gehoben.

Was anderes ist es mit dem moralischen Katzenjammer. Eine nur einigermaßen peinigende Rückschau auf gewisse fatale Intermezzos, verblüffende Wahrnehmungen, beschämende Niederlagen oder nicht mehr zu reparierende Fehltritte – und du laborierst an dem Übel vielleicht so lange, als du auf diesem mangelhaften Planeten herumschleichst und kannst noch von Glück sagen, wenn die milde Zeit die Wunde nur etwas vernarben läßt, und der moralische Katzenjammer durch den moralischen Heringsschmaus der Reue ein heilend Remedium findet.

»Streut Asche auf euer Haupt und tut Buße!« steht es geschrieben. Welche Buße legt ihr euch auf? Zehn Monate nicht zu tanzen? Oder die Schulden zu bezahlen, die ihr unnötig gemacht, oder die Pfänder auszulösen, die ihr leichtsinnig versetzt? Oder nicht mehr zu lügen und zu betrügen eines schalen Vergnügens, einer vermeintlichen Glückseligkeit wegen? Ihr werft vielleicht nun den Maskenplunder weit weg von euch und kehrt zu euren Pflichten zurück und schwört, daß ihr nun – so wahr euch Gott helfen möge! – solid und ordentlich werden wollt? Tut's, ich bitte euch, denn seht, was für eine Verwüstung diese paar kurzen Wochen Fasching in allen Verhältnissen und – auch in eurem Innern angerichtet.

»Froh bin i«, sagt eine arme Witwe, welcher die Töchter bereits über den Kopf gewachsen, »daß die Remasuri a End' hat. A Wochen noch, und es hätt' mi unter d' Erd bracht. I war a amal jung, aber mit aner kurzen Hosen auf an Ball gehn und von fremde Mannsbilder bis zum Tor begleiten lassen – mein Vater hätt' mi daschlagn! No, euer Vater muß si im Grab umkehren!«

»Du warst auf dem Maskenball!« beginnt ein eheliches Zankduett. »Ja, ja, du bist gesehen worden! Ein grauseidener Domino – dann beim Buffet ein rosa... du hast gelacht, du warst ganz vergnügt, so heiter, wie man dich noch nie gefunden... Das ist elend von dir, das ist schlecht von dir... ich bin unerhört betrogen, schändlich hintergangen von einem falschen, hinterlistigen Mann, der der Treue seines Weibes nicht würdig ist – o! – ich werde wissen, was ich zu tun habe, ich werde mich rächen, fürchterlich rächen... ich will nun auch zu leben anfangen... o meine arme Mutter!«

»Junger Mann!« apostrophiert der Chef einen seit einiger Zeit sehr zerstreut manipulierenden Beamten seines Kontors, »ich habe Sie unter der Bedingung in mein Haus aufgenommen, daß Sie meinem Hause keine Schande machen. Sie scheinen jedoch von anderen Grundsätzen geleitet zu werden als Ihr seliger Vater, der seinerzeit das Muster der Hamburger Jugend gewesen. Sie schlemmen ganze Nächte durch, Sie bewegen sich in zweideutigen Kreisen, Sie geben in einer Woche mehr Geld aus, als Ihr seliger Vater in einem ganzen Monat. Sie machen Schulden... ich habe Ihrem seligen Vater versprochen, meine Hand nicht von Ihnen zu ziehen – es tut mir leid, mein Wort brechen zu müssen, allein – der Ruf meines Hauses zwingt mich zur Unnachsichtigkeit, und ich eröffne Ihnen deshalb, daß ich Ihren Platz mit einem würdigeren Mann zu besetzen fest entschlossen bin. Adieu!«

»Pepi! So weit is mit dir kuma«, heißt es in einem andern Dialoge, »daß d' als Debatär zum Zobel gehst? Schamst di nit? I bin nur a armer Bandmacherg'sell, aber a Madl, dö als Aufmischerin um fünfzig Kreuzer auf an Maskenball geht, is ka Madl für mi und heut oder morgn a ka Weib für mi. Aus is mit uns!«

»Falsche Schlange!« lautet ein mit Bleistift geschriebener zerknitterter Zettel. »Das deine Schwüre! Ich weiß alles. Der Oberleutnant ist nicht dein Cousin, er hat gar keine Cousine, und du bist nur eine falsche Betrügerin. – Wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich nicht mehr. Ich will in den Fluten der Donau meinen Leiden ein Ende machen oder mich in den Strudel der Welt stürzen, denn mich siehst du nie wieder. Adolf.«

Ach, wieviel Kummer und Herzeleid mögen die paar Wochen leichtfertiger Lust in ihrem Gefolge haben! Vielleicht fließen nun mehr Tränen als Champagner geflossen, und reihen sich an die durchtanzten Nächte zehnfach so viele schlaflose Nächte. Der Fasching, meint einer meiner Freunde, wäre eine so üble Erfindung nicht, auch der Cancan ist ein lustig Zeug, aber was meist darauf folgt, verleidet einem die ganze Geschichte. Was darauf folgt? Nun, nicht selten: Gerichtsverhandlungen, Wechselproteste, Blausäure, Kindbettfieber, verfallene Pfänder, Ehescheidungsprozesse, Delogierungen, unfreiwillige Urlaube usw. usw.

Nun, gar so arg, erwidere ich darauf, ist's wohl nicht, aber es könnte nicht schaden, wenn ihr euch doch an das Gebot halten würdet, das da heißt: Streut Asche auf euer Haupt und tut Buße, Amen!

 


 

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