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Victor Auburtin: Skizzen - Kapitel 17
Quellenangabe
titleSkizzen
authorVictor Auburtin
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typesketch
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Waidmannslust

Das ist des Jägers Ehrenschild,
Daß Gott er ehrt in seinem Wild.

So zitieren die Jäger poetisch, wenn sie im Herbst das Schießgewehr von der Wand nehmen.

Ich habe auch einmal eine Jagd mitgemacht; es ist schon lange her, aber ich glaube, ich werde diese Jagd nie vergessen.

Das war in der reizenden kleinen Stadt Ottmachau in Oberschlesien, wo ich als Student zum Besuch bei einem Verwandten wohnte. Die Rittergutsbesitzer und die Gutspächter veranstalteten eine große Treibjagd auf Hasen und Rebhühner, was man, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, in Schlesien eine Kleckerjagd nennt. Zu diesem Jagdvergnügen hatten die Herren auch einige Intellektuelle aus der Stadt eingeladen, nämlich den Pfarrer, den Apotheker, den Photographen und mich.

Natürlich sollten wir Intellektuellen nicht etwa schießen, das konnte keiner von uns, sondern wir fungierten als Treiber. Das heißt, wir gingen in einer Reihe über das Feld und bewegten allein durch unsere Erscheinung die Hasen zum Fortlaufen und die Rebhühner zum Auffliegen. Denn die Hasen und die Rebhühner sind so dumm, daß sie sich vor Intellektuellen fürchten.

Bei dieser Jagd habe ich es zum erstenmal erfahren, daß die Hasen schreien können. Weil der Hase, wenn er gespickt auf der Bratenschüssel liegt, sich ganz still zu verhalten pflegt, deshalb glauben wir, er habe keine Stimme.

Aber der angeschossene Hase, den der Herr Oberamtmann an den Hinterläufen hochhielt, der schrie wie ein kleines Kind. »Halt's Maul, dummes Luder«, sagte der Herr Oberamtmann und hieb mit seinem Krückstock dem Hasen das Genick entzwei. Und daraufhin hielt das dumme Luder in der Tat das Maul.

Beim Rückweg sagte der Herr Oberamtmann zu mir: »Nun, junger Mann, Sie möchten gewiß auch gern einen Schuß abgeben; da, schießen Sie einmal den Vogel dort aus den Telegraphendrähten herunter!«

In den Telegraphendrähten der Eisenbahn saß eine Goldammer. Sie blickte in die untergehende Sonne und sang ihr Abendlied, in voller Inbrunst aus ihrem kleinen, schlagenden Herzen heraus, bot also ein vortreffliches Schußobjekt, namentlich für Schrot. Ich nahm das Gewehr des Herrn Oberamtmann, zielte und schoß, und die Goldammer fiel wie ein Stein in die Brombeeren. Dort blieb sie liegen, denn erstens lohnte es sich nicht, eine tote Goldammer aus den Brombeeren zu suchen, und zweitens hatten die Herren Eile, um zu ihrem Abendbrot und zum Jagdskat zu kommen.

 

Das ist viele, viele Jahre her. Seitdem hat mich das Leben gezaust und geschlagen und herumgetrieben. Aber ich habe noch immer nicht genug Prügel bekommen.

 


 

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