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Skirnir

Felix Dahn: Skirnir - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFelix Dahn
booktitleFelix Dahn. Neue wohlfeile Gesamtausgabe. Zweite Serie. Band 2
titleSkirnir
publisherBreitkopf und Härtel
printrun21. bis 30. Tausend
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161205
projectid45c3a429
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I.

Skir hieß ein Bauer; der war frei, aber sehr arm. Denn sein Bauland lag all' in dem mitternächtigsten Teil von Norge, da, wo die Menschen ihr Leben kaum mehr fristen mögen; schmal war die Hufe, karg der steinige Boden: ganz nahe, nur pfeilschußweit von der niederen Hütte begann der Steinriesen Reich.

Das Ärgste war: ein hoher und breiter Felsberg – eben Riesenheims Grenzburg – warf nahezu während des ganzen Jahres so kalten, finstern Schatten auf Skirs Ackerschollen und Wiesanger, daß da nichts gedeihlich wachsen wollte: nicht Spelt für die Menschen, kaum magres Gras für die beiden magern Ziegen; »die kalte Ecke« nannte man den schlimmen Berg.

Wacker half dem Bauer bei aller Arbeit Ambla, sein Weib; aber wenig konnte ihm helfen, so eifrig der wollte, Skirnir, sein Sohn: denn der war blind geboren und hatte nie den schönen Glanz des Lichts gesehn. –

Mehr als zwanzig Winter waren seit Skirnirs Geburt über das niedere Moosdach der Hütte hingegangen, da kam wieder einmal die Zeit, da es lenzt in glücklichen Landen.

Aber wo Skir wohnte, lenzte es nicht.

Nur Eisblöcke schmetterten von dem Riesenberg nieder auf das Rodland, Felstrümmer mit sich reißend, jahrelanger Arbeit Ergebnis mit Steingeröll überschüttend und verderbend, hatte die Mittagstunde den firnen Schnee des Gletschers ein wenig geschmolzen. Das war der armen Menschen Frühling.

*

 

II.

Und diesmal brachte die Schneeschmelze Schlimmeres. Ein Erdrutsch des bösen Berges überraschte den Bauer auf dem Acker: er warf ihn mit gebrochenem Fuße nieder hinter dem Pfluge: kaum entsprang der Sohn, der den hölzernen Hakenpflug gezogen hatte, dem Schlage: mit Mühe nur trug er den Vater, den lang vertrauten Weg ertastend, in die Hütte zu der Mutter. –

Da ward der Jammer groß und laut.

Der junge Sohn hörte, wie die Eltern verzweifelten; die wähnten, er sei, übermüdet von der schweren Arbeit, eingeschlafen.

»Nun ist alles aus,« ächzte der Bauer. »Nun kann ich den Acker nicht mehr besäen. Wir sterben vor Hunger und Not. Fern, unerreichbar fern, sind die nächsten Menschen.«

»Aber die Götter?« fragte schüchtern, leise die Frau. »Bitte, Lieber, ergrolle nicht!«

»Die Götter!« lachte der grimmig und fuhr mit der Rechten durch den eisgrauen Bart. »Wenn Götter sind, – oft zweifl' ich fast – sind sie noch viel unerreichbarer fern als der nächste Jarl des Königs. Und noch viel härter gegen unsre Not. Haben sie uns je geholfen?«

»Still, der Knabe möchte es hören! Er soll nicht ...«; angstvoll suchten die sanften, dunkelbraunen Augen den Sohn, der in der entgegengesetzten Ecke der Hütte – sie bot nur diesen einen Raum – auf einer Streu von Binsen lag.

»Ja, gerade der! Warum blind! Blind geboren? Seitdem vertraue ich nicht mehr auf die von Asgardh.«

»Und seither hast du auch mir den Glauben erschüttert. Aber sie erhören, sagt der Priester Freirs, die Bitten nur derer, die voll an sie glauben.«

Statt der Antwort stöhnte der Bauer schmerzlich, zog das alte, abgehaarte Bärenfell fester um die Schultern und kehrte das Gesicht gegen die morsche Holzwand der Hütte; der Nordost blies schneidend durch die Löcher und Ritzen; die Frau deckte ihn sorglich noch mit dem eignen Mantel zu, den sie sich von den Schultern nahm.

*

 

III.

Lange saß die Frau so, das hagre, nicht unschöne, aber vor der Zeit durch Arbeit, Not und Sorge gealterte Gesicht vornüber gebeugt und die Stirn vergraben in die beiden magren Hände; die Ellbogen ruhten auf den Knieen, zwei bittre Tränen flossen langsam, langsam über die runzeligen Wangen. Es war ganz still in der armen Hütte; dumpfes, hoffnungsloses Elend schien zu brüten in dem halbdunkeln Raum; es war, als stehe die Zeit still, – als währe der Schmerz ewig.

Nach geraumer Weile fühlte die Frau, wie der Sohn tastend ihre Wangen streichelte; seine Hand war so geschickt im Suchen, so weich beim Finden. »Mutter,« flüsterte er, »der Vater schläft: ich hör's an seinem tiefen, gleichen Atmen; Mutter: – ich glaube an die Götter.«

»Du? – Armer!« erwiderte sie ebenso leise und strich zärtlich über sein dunkelbraunes krauses Gelock. Und dann küßte sie den Blinden zwischen die schön geschweiften Augenbrauen auf die edle, hochgewölbte Stirn.

»Ja. – Und am liebsten von allen denk' ich – eigentlich immer! auch während ich den Pflug ziehe – an einen aus ihnen ... –« – »An welchen?« – »Nun, an Ihn! – Den Sonnengott, an Freir.« – »O mein Sohn!« – »Ihr redet soviel von Licht und Glanz und allerlei Farbe. Ihr ersehnt so heiß, wann es Nacht war, wie ihr die ganz stillen Stunden nennt, oder Winter, wie ihr sagt, solang der Bach fußfest ist, seinen sieghaften Strahl. Nichts liebt und lobt ihr mehr als das Licht. – Er muß der schönste sein der Götter. Und der zumeist beglückt. Ich glaub' an ihn so fest! Ich will ihn rufen. Er muß mich hören.«

»Das ist seine Art,« sprach die Frau und weinte, aber leise, daß er es nicht höre. »Welch' Herz! – Und so elend.«

Und sie machte sich los von seinen Händen, stand auf und ging hinaus vor die Hütte: denn sie mußte nun laut schluchzen. Und er sollte das doch nicht merken.

*

 

IV.

Es ging erst gegen Abend; aber es war schon recht finster in Skirsdal; denn der Riesenberg im Südwesten hatte längst den Sonnenschein ausgeschlossen.

Da legte Skirnir – er tastete nach der Mutter und erkannte, daß sie gegangen war – wie er neben dem tief Schlafenden auf der kalten Erde saß, beide Hände flach an die Stirne vor beide Augen und sprach ganz leise: »Gott Freir! Sonnenherr! Schöner Lichtgott! Ich glaube so fest an dich. Das Licht ist gewiß ganz wie meiner lieben Mutter Haar: – so lind. Oder wie meiner lieben Mutter Stimme: – so weich, so herzerfreuend. Oder wie auf der Zunge der Seim der Wildbienen: – so süß. Gott Freir, hilf uns! Nur dem Vater, daß der gebrochene Knochen heilt. Das kannst du doch leicht! Mehr will ich nicht von dir verlangen. Hab' ich doch kein Recht an dich. Denn ich bin ›blind‹, wie sie sagen, und weiß nicht von dir. Hilf! Dafür will ich, obwohl ein frei Geborner, dein eigen sein zeitlebens, wie ein Knecht. Und will dir treu dienen. Und dir alles hingeben; das Leben und gäbe es dergleichen, was noch lieber wäre denn das Leben, – alles.«

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, da mußte er die beiden Hände ganz fest drücken auf die beiden Augen. Denn sie schmerzten ihn plötzlich scharf, wie wenn stechende Nadeln darein drängen.

Das kam aber davon, daß plötzlich eine Fülle von Licht, wie sie nie zuvor seine langen dunkeln Wimpern durchbrochen, auf seine zuckenden Lider einstrahlte.

Und mit dem geübten Empfinden des Blinden spürte er, daß eine Gestalt mit wehendem Gewand zwischen ihm und der von der Mutter geschlossenen, aber nun aufgesprungenen Haustür stand. Und er fühlte seine Rechte gefaßt von einer warmen, weichen, sanft emporziehenden Hand und gleich darauf drang an sein Ohr eine wunderschön klingende, helle, laute und doch liebliche Stimme. Und die Stimme sprach zu ihm: »Steh auf, du Armer! Dir werde, wie du glaubtest. Ja, über dein zages Bitten hinaus werde dir. Denn wem die lichten Götter nahen, dem ist geholfen über all sein Hoffen. Wer bin ich wohl?«

»Freir bist du, der Gott des Lichts!« rief der Jüngling und sprang auf von dem Binsenlager. »Ich fühl's.«

» Sehen sollst du es!« rief der Gott und strich ihm mit der Rechten über beide Augen.

Da stieß der Jüngling einen Schrei aus: einen Schrei der höchsten Lust: er konnte sie nicht begreifen, diese nie gekannte Empfindung: er sah.

*

 

V.

Und das erste, was er nun durch das staunende Auge in sich aufnahm – wie früher etwa durch das Ohr den holden Ton eines Singvogels – das war eine wunderherrliche Jünglingsgestalt, ungefähr seines eigenen Alters: die glänzte wie Bergkristall im Sonnenglanz.

Der Gott trug einen leuchtenden Helm, der war besetzt mit bunten Steinen in allen Farben des schönen Bogens, der sich wölbt, wann die Sonne trifft auf regenfeuchte Wolken. Das hellblonde Gelock flutete in langen Wogen aus dem Helm auf den weißen Wollmantel, der das Untergewand von weißem Linnen bedeckte; in dem Wehrgurt von weißem Leder stak ein goldnes Schwert, das schoß von sich Strahlen gleich der klimmenden Sonne.

Einen Augenblick senkte Skirnir die langen dunkeln Wimpern: denn die plötzliche Blendung schmerzte scharf. Aber die Freude, die fortreißende Lust an dem eben zuerst geschauten Licht, die Gier nach so viel berauschender Schöne war so allüberwältigend, daß er die Lider gleich wieder aufschlug: und siehe, – nun war der Schmerz vorbei und nur die Wonne währte. – –

*

 

VI.

Sein Aufschrei hatte den Vater geweckt, die Mutter in die Hütte zurückgerufen. Die Frau warf sich stumm auf die Kniee, glanzgeblendet: sie erkannte den Gott.

Der Bauer konnte den gebrochenen Fuß nicht regen, kaum sich ein wenig aufrichten: aber beide Hände hielt er wie abwehrend vor sich hin: »Weh mir,« rief er. »Bist du ein Gott, – so mögest du nicht zum Unheil gekommen sein. Strafe mich – für meine Zweifel – nicht zu schwer.«

»Zu strafen nicht, zu helfen kam ich her. – Eurem Sohne dankt Ihr alles.« Er machte mit der Rechten Zeichen in die Luft über den langausgestreckten Fuß des Alten und sprach beschwörend:

»Bein zu Beine,
Blut zu Blut,
Flechse flechte sich wieder zu Flechse,
Sehne wieder zu Sehne,
Röhre rühre wieder an Röhre,
Splitter an Spleiße,
Ungeknickt sei Knochen wie Knorpel.«

»Auf mit dir, Bauer! Oder zweifelst du noch immer?«

Da sprang der Alte rasch auf seine beiden Füße und stand.

»Ei,« rief der Gott, den Blick zur Hüttentüre hinaus schweifen lassend, »wie dunkel ist's doch hier bei euch schon so früh am Tage!«

»Nur wo du stehst,« sprach die Frau und küßte den Saum seines weißen Mantels – »da ist es hell.«

»Ah, ich merke,« fuhr Freir fort, »was die Ursach' ist. Der Riesenberg da! – Ihr Armen! Wie solltet ihr an mich glauben? Ihr sahet ja kaum je meinen Sonnenwagen. Wartet – aber du – was tust du

»Ich?« sprach Skirnir, verzückt vor sich hinschauend. »Ich sehe! O wie warm – wie weich – wie süß! – Ach nein, all' das trifft es nicht – wie unaussprechlich ist das Licht! Nimm mein Leben für Einen Blick, für ein Auge voll von deinem Glanz.«

»Dein Leben nicht,« lachte der freudige Gott, die hellen Haarwogen schüttelnd. »Nur deinen Dienst, – wie du ihn gelobt. Gleich sollst du mir helfen. Folge!«

*

 

VII.

Gehobnen Schrittes, wie die sel'gen Götter schreiten, die das lichte Asgardh bewohnen, schwebte er über die Schwelle. Skirnir wollte eilends folgen: aber er konnte, nun eben erst sehend, noch nicht so rasch und sicher gehen, wie bisher in der lang gewohnten Tastung der Blindheit.

»Komm,« wiederholte Freir, als er ihn draußen aus der Türe des Gatterzaunes vor den Hof treten sah. »Du sollst ja fortab mein Waffengesell sein und mein Kampfgenoß. Der Berg da – fort muß er!«

»Der Riesenberg!« staunte der Bauer, der gefolgt war.

»Zweifelst du schon wieder?« lächelte der heitre Gott. »Nun gib nur acht. Skirnir – so nennen dich ja die Eltern? – dort an der Ecke des Zauns hab' ich vier Speere hingelehnt – Sonnenlanzen! – Hole sie, reiche sie mir! – Erst muß das Gletschereis, das firne, von Jahrtausenden hinweg – dann ...! – Gib den Speer!« –

Und er faßte einen nach dem andern der Speere, wie sie der Jüngling ihm darreichte, und warf sie, in der Mitte des goldleuchtenden Schaftes sie fassend, gegen den schneestarrenden Gipfel des nahen Berges: das sauste und blitzte, wie der Hand es entflog.

Da wallte schon Dampf auf! Weißer, feuchter, wassergesättigter Dampf, wo die Sonnenlanze traf! Hoch empor sprangen Eis und Schneegestieb in die Lüfte. Nach dem dritten Wurf war der vorhin ganz weiße Gipfel des Riesenbergs ein dunkles Dreieck, braungelb von Aussehn.

»Feuerstein?« rief Freir. »Das wird Freund Thor besonders freuen! Den haßt er recht herzhaft. – Nein, Skirnir, nicht die vierte Lanze. Das ist eines andern Arbeit. Er schilt gewaltig, nimmt man sie ihm fort. Komm, Rotbart! Steinriesen starren! Thursen trotzen! Ich rufe dich! Niemals noch mußt' ich zweimal dich rufen!«

Noch war das Wort nicht verhallt, da erdröhnte es hoch in den Lüften: – über ihre Häupter hin rasselte das in den Wolken wie ein rollender Wagen: – auf dem Erdboden wirbelte der Wetterwind Staub und Schnee empor: – gegen den Steinberg zuckte roter Schein – so grell, daß die Sterblichen geblendet die Augen schlossen, das Herz erbebte ihnen und schlug an die Rippen vor Schreck: – denn ein furchtbarer Donnerschlag erscholl: aus dem klang es hervor wie helles, siegfreudiges Lachen eines sehr lebfrohen brustbreiten Mannes: gleich darauf knatterte und krachte es da drüben in den Bergwänden, als ob zehntausend Felsen einstürzten.

Ein warmer Gewitterregen, ein rechter Frühlingsguß, rasch und kurz, in nicht vielen, aber sehr großen Tropfen, drasch senkrecht auf die Flur.

Und als die erstaunten Menschen wieder die Augen aufschlugen, – verschwunden war der Berg: licht war es, wo er dereinst gedunkelt, und die untergehende Sonne warf – zum erstenmal seit die Erde stand und jener Berg – aus rosigem Abendgewölk des Westens ihre warmen, holden Strahlen auf Acker und Wiesland von Skirsdal; ein Regenbogen wölbte sich im Ost: dorthin wies Freir mit der Hand und schied.

*

 

VIII.

Und von Stund an ging es ihnen nun gar gedeihlich, den Leuten von Skirsdal.

Freir hatte, bevor er gegangen, unvermerkt mit der glänzenden Hand über eine Furche des Ackers, über eine Scholle der Wiesenhalde hingestrichen: siebenfach trug fortab der Acker, dreischürig ward der früher so halmkarge Anger.

Und von Thors Wagen waren, unbeachtet, ein paar goldfarbene, längliche Körner herabgeglitten in die vom warmen Gewitterregen gefeuchteten braunen Schollen, aus denen ein Brodem von würzigem Erdgeruch aufstieg: wuchernd gingen die Körner auf, den Spelt verdrängend: weißes, edles Mehl gewährten sie: reich ward Skir, so eifrig boten die fernen Nachbarn für die köstliche Frucht Vieh und Wollzeug und Ringe: »Weizen« nannte ihnen Freir das Getreide, als er im Herbste wieder einmal zusprach und sie ihm freudig darwiesen die goldig wogenden Ähren.

Denn häufig kam er nun, Skirnir zu entbieten, wann der Gott auf Abenteuer zog in die Südlande oder wann es einen Kampf galt gegen die Riesen. Und nie fehlte der Treue an seines Herrn schildloser Seite. Und ward da große Freundschaft zwischen dem jungen Gott und dem jungen Menschenmann.

Und als einmal in einem schweren Streite mit den Winterriesen, da Freir von allen Seiten durch die Eisjotune so eng umzingelt war, daß er das hochgezückte Sonnenschwert gar nicht mehr niederblitzen lassen konnte, – so dicht hatten sie seinen erhobenen Arm unterlaufen! – als da Skirnir seinem Herrn gerade noch zu rechter Zeit zur Hilfe gesprungen war und allein kämpfend neben ihm ausgeharrt hatte, bis Odhin die Bedrängten erschaut hatte und siegbringend an ihre Seite gebraust war, – da streifte nach geschlagener und gewonnener Schlacht der Gerettete den wunden Schwertarm auf und ließ in seinen Helm rinnen das hellrote Blut, wie es den Wunden der seligen Götter entfleußt, die das lichte Asgardh bewohnen, und mischte es hier mit den dunkeln Tropfen, die aus Skirnirs breiter Brustwunde troffen, goß Met dazu aus Thors ledernem Feldschlauch, der sich stets von selbst wieder füllt, und tranken nun aus dem Helm beide, der Gott und der Bauernsohn, Blutsbrüderschaft und Treue bis zum Tode. Skirnir aber war es, als hab' er Feuer getrunken, so heiß schossen die wenigen Tropfen Götterblutes durch seine Adern.

Und verstrichen so viele Winter; wacker standen in allerlei Fährlichkeit die Blutsbrüder zusammen, immer lieber gewannen sie sich in ihren Herzen und ward das ein Sprichwort unter Göttern und Elben und Menschen und Riesen: wenn zwei Männer recht treue Freundschaft hielten, sagte man: »die halten zusammen wie Freir und Skirnir«.

*

 

IX.

Da geschah das, daß einmal Skirnir von den Asen ausgesandt ward auf Kundschaft nach Riesenheim, zu erforschen, ob nicht die Feinde wieder einen Einbruch rüsteten. Der Sterbliche war ja unverdächtiger als ein Gott, auch wenn sich der verkleidete.

Lange war der Späher ausgeblieben: tief ins Riesenreich war er unerkannt eingedrungen: manch wichtige Kunde hatte er erforscht: er freute sich, sie Freir bringen zu können und Odhin, der ihm gar gütig gesonnen war: nun suchte er den Heimweg auf andern Pfaden.

Da kam er – die Sonne ging schon zu Golde – von hohem ödem Felsgebirg herabgeschritten in ein Tal, das lag nahe der Grenze zwischen Riesenheim und Menschenheim.

Er sah unten in der grünenden, grasreichen Niederung zu seinen Füßen ein stattliches, wohlumzäuntes Gehöft liegen: er hörte das Brüllen der Rinder in den Stallungen: aus dem Dache des Wohnhauses stieg bläulicher Rauch: die Abendkost ward bereitet auf dem Herd; auf dem First ragten zwei schräg gekreuzte Balken, je mit einem Wolfes- und einem Drachenhaupt, das Wahrzeichen riesischer Behausung.

Der Jüngling lenkte seine Schritte den Berghang hinab gegen den Hof: auch hier war vielleicht noch wertvolle Kunde zu erfahren: vorsichtig suchte er sich unvermerkt zu nähern von der Rückseite her. Auf der letzten Erhebung des hier sanft abfallenden Höhenzugs, hinter einem mächtigen Felsstück, das als Grenzstein der Hofmark gegenüber der des Nachbarn aufgerichtet sein mochte, lugte er, beide Hände auf seinen langen Bergstock gelehnt, von oben hervor über den mehr als brusthohen Pfahlzaun in den Hofraum hinein.

Er kam von Niedergang: so fiel das volle Licht der sinkenden Sonne auf das Haus und dessen Vorplatz. Scharf abgehoben von der dunkeln wetterbraunen Holzwand sah er eine Mädchengestalt knieen vor der Türe des Stalles: sie wandte ihm den Rücken zu, eifrig beschäftigt mit einem jungen Rosse, dessen glänzendes Weiß hell in der Sonne leuchtete; er konnte nicht genau wahrnehmen, was sie an dem Tiere tat, doch hörte er es freudig wiehern.

Haupt und Nacken des Mädchens waren zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen mit einem dunkeln Tuche verhüllt.

Der Späher sah, daß es ganz allein war; im Hause regte sich nichts; das Pförtlein in dem Zaun auf der Rückseite des Gehöftes war geöffnet.

Rasch eilte nun Skirnir den glatten Wiesenhang hinab, mit unhörbarem Schritt trat er durch die offne Pforte, schon stand er dicht hinter dem jungen Weibe, ganz unbemerkt, wie er wähnte: auf den Schattenfall zu achten hatte der so lange Zeit Blinde noch nicht gelernt. Aber sein Schatte, von der Sonne nach vorn auf das weiße Roß geworfen, verriet ihn. Das Mädchen sprang rasch auf und wandte sich gegen ihn.

*

 

X.

Da zuckte der Jüngling zusammen, er schloß die Augen, er stöhnte leise. Er hat später Freir gesagt: »Es ward mir, wie da ich zuerst das Licht erschaut: ich fürchtete wieder zu erblinden.« Erschrocken, geblendet bedeckte er, den Bergstock an die Schulter gleiten lassend, die Lider mit beiden Händen.

Aber gleich darauf – wie damals, da er zuerst gesehen! – zwang ihn die Sehnsucht nach dem schönen Glanz, doch wieder gierig hinzuschauen: er ließ die Hände sinken, – sie falteten sich von selbst über seiner Brust – er schlug die Augen groß auf und sah und sah. – – –

So hatte die Jungfrau gute Muße, den Fremden zu mustern. Und sie tat es: sie maß ihn prüfenden Blickes: von der weißen Wollmütze mit dem breiten hellroten Saum – die liebe Mutter hatte den ihm so gewirkt, gar gut hob sich ab die Farbe von seinem dunkelbraunen krausen Gelock – über den langen dunkelgrünen Mantel hin, der, vorn offen, die schlanke Jünglingsgestalt nicht verbarg – bis zu seinen Füßen schweifte das Auge: dann aber haftete es, – wie nachdenksam – auf dem edel gebildeten Antlitz: denn Skirnir war schön: hochgewölbt die freie Stirn, anmutig geschwungen die Brauen, die dunkeln Augen sanft und gütevoll, der lichtbraune weiche Bart umfloß die feinen, ausdrucksvollen Lippen; zierlich und fein waren ihm alle Glieder gewachsen an dem schlanken Leibe, der die Mittelgröße nicht überragte.

Als sie zu Ende war mit der Musterung des sprachlos Staunenden, warf die Jungfrau das herrliche Haupt trotzig in den Nacken und fragte: »Was gaffst du?« Herb, rauh kam das heraus. Bei der raschen Bewegung glitt ihr das Tuch herab: sie fing es mit der Linken: aber eine prachtvolle Flut von lichtbraunem, wie von Sonnengold durchzittertem Haar ergoß sich nun über den weißen Hals, die nackten, schimmernden Schultern. »Hast du noch nie ein Weib gesehn?« Noch heftiger klang diese Frage.

»Keines – gleich – dir!«

So notwendig, so wahrhaftig kam das aus seiner tiefsten Brust hervor: – so hilflos! Das plötzliche Aufleuchten des Haares im Sonnenglanz: – es hatte ihn nochmal geblendet. Die hoch Ragende – sie war voll so groß als der schlanke Skirnir – fühlte: der Gast war weit mehr überrascht durch die plötzliche Begegnung als sie. Er war ratlos, unsicher: dies Gefühl mehrte ihr die eigne Sicherheit, die nur einen Augenblick ins Wanken gekommen war. – Kühl, forschend, bis in seine Seele hinein suchend ließ sie die lichtblauen, prächtig leuchtenden Augen ruhen auf seinem edeln, aber jetzt wirr bewegten Antlitz, in dem die Farbe rasch wechselte.

*

 

XI.

Und nun plötzlich, – als sei sie zu einem Ergebnis gelangt, – kaum merklich hatte sie genickt! – nahm ihr Blick einen drohenden Ausdruck an: – er erschrak! Das hatte wie Zorn, wie tödlicher Haß hervorgeblitzt unter den langen, sehr schönen, dunkelbraunen Wimpern.

Aber sofort verschwand dieses lodernde Leben wieder aus dem streng vom Willen gehüteten Gesicht und ganz gefühllos kam nun die dritte Frage aus den scharf geschnittenen reizvollen Lippen: »Was suchst du hier?«

»Ich? ... – Nachtherberge!«

»Die soll dir werden. – Sage nicht mehr: du könntest lügen. Komm ins Haus!«

»Wer ...?« Er staunte sie noch immer an – wie einst das Licht – und konnte sich des Anblicks nicht ersättigen.

»Des Riesen Gymir, meines Vaters, war der Hof zu eigen, bis er ... bis er starb. Ihn erbte Beli, mein Bruder. – Nun, Hvitr, lauf in den Stall, du bist fertig.«

Sie gab dem milchweißen Roß, das mißtrauisch, mit weit geöffneten Nüstern, den Fremdling beschnuppert hatte, mit der flachen Hand einen zärtlichen Schlag auf den Bug: das kluge Tier nickte, die lange kraushaarige Mähne schüttelnd, mit dem Kopf und trabte in geschmeidiger Bewegung nach der Zauntüre des umgatterten Roßgartens, der zur Rechten an den Hofraum stieß, schob die ein wenig geöffnete mit dem rechten Vorderfuß vollends auf und sprang dann lustig hinein auf den grünen Anger; die Türe fiel hinter ihm zu.

Wie die Jungfrau zur Seite trat, sah der Gast, sie hatte dem Liebling Mähne und Schweif zierlich mit breiten kirschroten Bändern durchflochten: das stand schön zu seiner milchweißen Farbe.

»Und du frägst nicht –?« Er zögerte; er fürchtete nun doch ihre Fragen. Denn wie konnte er Unwahres reden vor diesen Augen!

»Wir Riesen sind wirtlich, nach Sitte der Vorzeit. Wirtlichkeit forscht nicht nach des Gastes Namen. Selbst die Blutrache ruht, solang den Totschläger das Dach deckt und hütet der heilige Herd.«

»Skirnir heiß ich.« Kaum merkbar hob sie die stolzen Brauen: ein schwer erklärbarer Ausdruck, wie von Befriedigung, von Bestätigung legte sich über das ruhige Antlitz.

»Der Sohn Skirs aus Skirsdala. Aus Riesenheim reis' ich zurück zu ...«

»Den Freunden,« fiel sie rasch nickend ein. »Tritt über die Schwelle – flugs! – daß ihr Schutz dich beschirme. Die Abendmilch ist gekocht. Nimm vorlieb. Wir Riesen sind Hirten, wie von jeher die Ahnen. Ackerfrucht der Menschen erwarte du nicht in Gerdhas Gehegen, die Gabe des verhaßten Rotbarts und – andrer.«

Sie wandte sich, hob das weiße langfaltige Gewand, das um die jungfräulichen Hüften von einem mehr als handbreiten rotbraunen Ledergürtel mit goldener Schlußnadel zusammengehalten war, mit der Linken ein wenig empor und schritt dem Gaste voran auf die Hintertür des Hauses zu, welche sie öffnete.

»Folge!« mahnte sie. Aber nur zögernd folgte er, langsamen Schrittes. Denn er konnte das Auge nicht lösen und nicht die durstig den Anblick einsaugende Seele von der herrlichen, von der wonnigen Gestalt, von dem edel gewölbten Haupte im Schmuck des leuchtenden Haares, von dem stolzen Nacken, von den weißen Armen, von den Schultern, wie sie aus dem lichtblau gesäumten Gewand hervorglänzten: er mußte mit den Augen begleiten den schwebenden Schritt: das Herz schlug ihm sehr stark, das Blut darin tobte, es stieg ihm siedheiß in die Schläfe, und nur mit Anstrengung vermochte er zu atmen.

*

 

XII.

Sie durchschritten nun zunächst den breiten Gang, der, von West nach Ost, von der Hinterpforte zu der Halle mit der Haupttür auf der Vorderseite führend, den ganzen Innenbau in eine Nord- und eine Südhälfte schied.

Gerdha schlug einen bis auf den Estrich herabhängenden Vorhang zurück von stärkstem dunkelgelben Hanfgespinst, – es war wohl ein altes Segel: nun standen sie in der geräumigen Halle: sie war gefügt von mächtigsten Eichenstämmen, denen die Rinde verblieben war; auf dem hohen, aus einer einzigen unbehauenen ganz gewaltigen Felsplatte dunkeln Urgebirgsteins bestehenden Herde brannte, wiewohl es Hochsommer war, ein wohlgepflegtes Feuer; auf der um den ungefähr viereckigen Herdstein rings gezimmerten breiten Bank lag, mit dem Gesicht gegen den Herd gewandt, mit einem Walroßfell zugedeckt, ein Mann in eisgrauem Bart; der schien bergesalt.

Es befremdete Skirnir, daß der Greis, obwohl sie ganz unhörbar eingetreten waren, sofort emporfuhr und mit heiserer Stimme rief: »Ein fremder Schritt! Wen bringst du da, Gerdha?«

»Einen Gast, Oheim. – Setze dich, Fremdling« – sie sprach das dringend – »an den Herd. – Gleich!«

Der Jüngling gehorchte: an dem nun auf den Ellbogen gestützten Alten vorüber schritt er an die andre Kante des Herdes, lehnte den Bergstock an die Wand und ließ sich auf der Holzbank nieder.

Der Greis flüsterte: »Gerdha, liebe Niftel! Komm! Neige dein Ohr ganz nah. Wo bist du?« Und er griff mit der zitternden Rechten in die leere Luft: da merkte Skirnir, daß der Alte blind war. »Du Armer!« sprach er mitleidig mit seiner weichen, wohllautenden Stimme. »Du schaust nicht das schöne Licht! Das ist sehr hart.«

Der Weißbärtige wandte sich nun ihm zu. »Seine Stimme ist gut,« raunte er halblaut vor sich hin. »Aber wer darf trauen? – Ich bin dir fremd,« sagte er nun laut, »woher solch' Mitgefühl? Ist verdächtig!« brummte er, mißtrauisch den Kopf hin und her wiegend, wie Bären wohl in der Gefangenschaft pflegen.

»Woher? – Nun, bedarf das Mitleid noch besonderer Ursach? Wohl denn: ich selbst war blind, viele Jahre! So weiß ich, wessen du darbst.«

Gerdha ging während dieser Reden in der Halle hin und her; sie hob den mächtigen, unten erzbeschlagenen Kessel von Lindenholz – so weiß wie die darin dampfende Milch – von dem Herde, langte aus Verschlägen in den Wänden Butter, Käse und Rauchfleisch, wie getrocknete Fische hervor und stellte alles, zuletzt auch einen roh geformten, in der Hand gedrehten Teller aus grauem Ton auf den mächtigen runden Tisch: – das heißt auf die genau wagrecht durchgesägte Scheibe einer Rieseneiche, die, auf die langen Wurzeln gestützt, mitten in der Halle stand, doch so, daß der Gast von dem Herd aus bequem zulangen mochte; – und auch ein Messer legte sie dazu, aus Feuerstein, in ein Stück Elchgeweih gar fest mit Baumbast gebunden; dem alten Mann schob sie mit eigner Hand die Bissen in den Mund und gab ihm die gekochte Milch zu trinken, welche sie in eine flache Schale gegossen und sorgfältig durch Blasen gekühlt hatte; aber sie verlor bei dieser emsigen Geschäftigkeit kein Wort, das beide Männer wechselten.

*

 

XIII.

»Bist auch du blind geboren?« fragte Skirnir. Grimmig schüttelte der Alte das breite Haupt. »Nein doch! – Geblendet!« knirschte er. »Nicht zur Strafe! Meintat verübte Hrimnir nie. Redlich rühmt man uns Riesen. Im Kampfe! Von ihm! Von dem Riesenzermalmer! Dem Verhaßten! O könnt' ich ihn würgen an seinem Halse, bis er verröchelte.« Er ballte die magern, knochigen Fäuste.

»Mußt nicht daran denken, Ohm, lieber,« mahnte Gerdha freundlich, ihm die langen Strähne weißen Haares aus den runzligen Wangen streichend. »Es macht dich grimmig.«

»Ich denke nichts andres,« grollte der Alte, »in meiner wachenden Nacht, der endlosen. Immer, immer wieder seh' ich's vor mir,« fuhr er, mehr für sich selbst als für den Fremden erzählend, fort und immer zorniger ergrollend im Verlauf des Berichts, »wie ich und mein tapfrer Bruder Geir in der Schlacht gegen die Argen von Asgardh sieghaft vordrangen gegen der Walküren Schar – dein Vater, Gerdha, rang ferne von mir mit dem bluttriefenden Tyr! – Freia, die kecke, wollten wir uns lebend greifen, das schöne Wunder, so kampfkühn und zugleich so süß zu schauen, so weiß und so weich! Schon hielt der Bruder am Speerarm sie fest, schon griff ich nach der schlanken Hüfte, sie vom gelben Roß herabzuzerren. Da ersah Er uns – der Riesenwürger. Ein Wurf seines schrecklichen Hammers – hart an meinen Augen vorbeiblitzend – in den Kopf des Bruders – der tot! Ich aber – brennenden, sengenden Schmerz in beiden Augen – lasse, aufbrüllend, das Weib fahren, taumle zurück, schlage die Hand vor die Augen – ach nur vor die leer gebrannten Höhlen! Seither Nacht – immer Nacht! – Viele, viele Winter! Viel mehr als ich noch Haare trage auf meinem Kopf. Alt, alt, so alt wie der Eichwald am Fjord bin ich seither geworden: – ich war jung wie der im ersten Anflug stand! – blind, elend! Während sie immerdar in dem Alter beharren, das zu ihrer Eigenart gehört, haben sie es einmal erreicht, die Argen von Asgardh. Wohl immer noch prangt sie in Mädchenblüte, die schlanke Freia, und in Jünglingsschöne ihr Bruder Freir.«

Scharf blitzte es da aus den lichtblauen Augen zu dem Gaste hinüber; der senkte die dunkeln Wimpern und verbarg die erglühenden Wangen hinter den beiden Händen, die einen länglichen Krug emporhoben, dessen Neige von Milch er schlürfte.

»O wenn ich einmal einen von ihnen greife!« drohte der Alte jetzt grimmiger. »Oder von ihren Genossen aus Midhgardh, den hündisch ihnen dienenden Menschlein. Die Riesen stärke konnte nicht der Blitz, konnte selbst das Alter nicht ganz mir nehmen. Und noch weniger – den Riesen zorn

Damit riß er, sich bückend, mit den knochigen, hagern, krallenähnlichen Fingern einen dicken Kloben von Eichenholz, der ihm beim Sitzen als Fußstütze diente, mitten auseinander und warf beide Stücke in die Ecke der Halle, daß das ganze Gehöft erdröhnte und erbebte. Furchtlos war Skirnir: – Odhin selbst hatte das gesagt: – aber doch nicht ohne leises Grauen spürte er diesen abgrundtiefen Haß; er schwieg nachdenksam.

*

 

XIV.

»Unvorsichtiges junges Ding,« fuhr der Alte, nun leise in den Bart raunend, fort, »törichte Niftel.« Da erhaschte er die an ihm Vorüberschwebende mit der Rechten am Gewand und zog sie mit Gewalt heftig ganz nahe heran. »Du hättest es nicht wagen sollen,« flüsterte er, ihr Haupt ertastend mit der Linken, in ihr Ohr. »Was Wirtlichkeit! Üben sie die Übeln von Asgardh gegen uns? Dein Bruder ist noch nicht zurück von der Fahrt zu unsern Vettern im Frostatal. Und auch mein Sohn: – wann kehrt er heim von der Jagd? Wohl ist es nur ein Menschenmann – gleich kannt' ich's am Schritte! – jedoch wer weiß, ob er nicht im Dienste geht der Argen. Seinen Namen sollte man doch erlisten.«

»Skirnir,« erwiderte sie, ebenso leise. »Er hat ihn – ungefragt – gesagt.«

Der Alte zuckte die Achseln. »Gelogen.«

Sie schlug die Augen nieder, drückte die schönen Lippen fest zusammen: – dann sprach sie fest: »Nein. Ich weiß, er log – dabei – nicht.«

»Gleichviel! Ich rufe die Knechte.« Und bevor die wehrende Hand der Jungfrau es hindern mochte, hatte der Blinde ein Seil erfaßt, das aus einer Dachluke über seinem Haupt bis an seine Schulterhöhe herabhing, und heftig daran gerissen.

Da ertönte oben auf dem Dach ein weithin hörbarer, hell knatternder Klang: ein schwerer Stein, um den das Seil geschlungen war, schlug da oben, von der Gabelung des Drachenbalkens und des Wolfbalkens getragen, nun wie ein Hammer auf das flache Dach.

»Wie überflüssig, Ohm!« grollte das Mädchen. »Ich fürchte mich nicht! Vor keinem aus Midhgardh! – Und vor keinem aus Asgardh!« schloß sie trotzig.

Da ward die Vordertüre der Halle heftig aufgerissen und herein stürmten zwei Männer, riesiger noch als Riesen zu sein pflegen.

»Was soll's?« schrie der vordere. Der war nackt bis auf einen breiten borstigen Gürtel – die ganze Schur eines Ebers – um die Lenden; in der Rechten schwang er drohend einen jungen Tannenbaum, eben ausgerissen: denn in den Wurzeln staken noch die frischen Erdschollen.

»Ich rannte her von der Arbeit im Walde – ohne Waffe war ich: da riß ich die Waffe mir aus der Erde.« Und breit lachend fletschte er die großen Zähne.

»Wen totschlagen?« rief der zweite, hinter ihm nachdringend in die Halle. Er strich das wirre Rothaar aus den weit offenen hellgrauen Augen und warf den Mantel aus Wisentfell zurück, seine furchtbare Eisenstange besser schwingen zu können. So wild holte er damit aus, daß er Splitter aus dem Eichengebälke der Halldecke schlug. »Den Knirps da?«

Skirnir regte sich nicht, auf Gerdha sah er, nicht auf die Riesen: denn er erwog, es könnte wohl sein letzter Blick sein im Leben.

»Am heiligen Herd?« zürnte die Jungfrau, vor den Gast tretend und die Rechte in Abwehr erhebend. »Schämt euch! Längst spotten die Stolzen in Asgardh: ›roh wie ein Riese‹. Sollen sie auch noch schelten dürfen: ›und wie ein Riese ruchlos‹? Geht nur wieder an euere Arbeit, Hirten. Ihr solltet ja die verwilderten Stiere einfangen.«

»Ja, und harte Arbeit ist's,« brummte der mit der ausgerissenen Tanne. »Mußte einem – er folgte nicht lebend – das Genick brechen, mit der Hand; nicht so stark würde dabei krachen,« lachte er breit, »in meiner Hand dort des Männleins Genick.«

Unverwandt und unverzagt schaute Skirnir ihm in das wilde Gesicht.

»Ist es ein kleiner Mensch oder ein großer Zwerg?« höhnte der andre. – »Ein Held ist er,« sprach Gerdha entrüstet, »und mein Gast. Daß aber die Länge des Leibes den Sieg nicht gewährt, das solltet nachgerade sogar ihr gemerkt haben in euern dumpfen Köpfen. Viele Schlachten – solang ich lebe – haben die Riesen gegen Asen und Menschen geschlagen: habt ihr je von einem Siege der Riesen gehört?«

»Sie hält im Herzen nicht zu uns – zu den andern! Ist auch begreifbar! Aber warte nur! –« stöhnte der Alte dumpf vor sich hin. Laut sprach er nun: »Damit ihr nicht umsonst aufgestört seid von euerer Arbeit, – geht, sucht meinen Sohn im Honigwald. Er jagt dort auf Bären. Gleich soll er in die Halle kommen! Er lasse den Bär in der Wildnis! Ein Füchslein schloff durch den Hinterzaun in das Gehöft. Der Vater ruft nach dem Sohn. Eilt!«

Tölpisch sich neigend stolperten die ungefügen Gesellen hinaus, nicht ohne Blicke tödlichen Hasses auf den Gast.

*

 

XV.

Der aber dachte gar nicht der Drohenden; an den Herd gelehnt hielt er die Augen nur auf Gerdha gerichtet.

»Reiche mir meine Arbeit herüber, Niftel!« gebot der Greis. »Wer weiß: vielleicht entbrennt er bald, der letzte Kampf: dann muß die Waffe fertig sein. Keine andre mag ihn erlegen, den Ärgsten der Argen!«

Das starke Mädchen schleppte doch nicht ohne Anstrengung eine wuchtige Keule herbei, die in der Ecke der Halle lehnte: es war die gewaltige Wurzel einer gewaltigen Eiche, am schweren Ende so dick wie ein Mannesschenkel, am Handgriff so dick wie ein Mannesarm; gierig tastete der Blinde danach und drückte die furchtbare Waffe wie zärtlich an die Brust. »Aber wo,« fragte er eifrig, »wo bleibt das Beste daran? Gib, Gerdha! Es kann ja eilen.«

Mit einem mitleidigen Blick schob ihm das Mädchen einen schweren Hammer zu, das heißt ein Stück Granit, in ein Hirschgeweih gezwängt, und einen Menschenschädel, der, zur Schale ausgehöhlt, eine große Zahl scharfer, spitzer Tierzähne trug, – alle vom gleichen Tier offenbar: und nun bemerkte Skirnir, auf die Keule blickend, daß schon eine dichte Reihe gleicher Zähne rings in dem Schlagende der Keule gefestigt waren: emsig mühte sich der Alte, mit dem Hammer noch immer mehr solcher scharfer Spitzen einzuschlagen. Aber nur mühsam kam der Blinde damit vorwärts; er ermüdete bald und ruhte, das graubärtige Kinn vorbeugend, auf dem Handgriff.

Skirnir fragte nicht nach dem seltsamen Tun des Alten: seine Gedanken und – nach kurzem Abschweifen – seine Blicke ruhten nur auf ihr; die Sonne war hinter dem Westgebirg versunken: es ward nun rasch dunkel: aber die Jungfrau fühlte ihn, diesen verzehrenden Blick.

»Iß, Gast!« mahnte sie, sich von ihm ab und dem Tische zuwendend. »Ich ... ich kann nicht.« – »Ah ja! Bist Besseres gewöhnt,« zürnte sie. »Brot! Die Gabe ...«

»Es ist nicht das!« Willfährig griff er, seine gute Absicht zu zeigen, nach dem Milchkrug, hob ihn an den Mund – dann setzte er ihn – mit unsicherer Bewegung – auf den Tisch zurück. »Mir – mir schwindelt ein wenig.« Er schloß die Augen. Das unausgesetzte, heiße, stumme Anschauen der schönen Jungfrau hatte ihn berauscht wie feuriger Wein. »Mir ist,« fuhr er fort, »ich erblinde wieder.« Er fuhr mit der Rechten über beide Augen. »Ich glaube – ich bin müde.«

Das Mädchen sah scharf hinüber nach der Herdbank: bei dem roten Glimmen der Scheite sah sie deutlich, der Alte war, mit dem Rücken gegen den Herd gelehnt, eingeschlafen; die Keule hielt er noch zwischen den Knieen.

»Ich bin wegmüde,« wiederholte der Gast mit seiner weichen traurigen Stimme. Er wagte nicht mehr, sie anzuschauen, so heiß ihn danach verlangte. »Zeige mir, wo ich schlafen mag.«

*

 

XVl.

Da trat sie raschen Schrittes plötzlich dicht vor ihn hin: er schrak zusammen, er blickte auf: der Glast des Herdfeuers beleuchtete voll ihr schönes, weißes Antlitz:-es war jetzt so edel in seinem tiefen Ernst. »Nicht schlafen darfst du,« flüsterte sie ihm ganz leise zu. »Fliehen mußt du! Sogleich!«

»Schon fort ...? Fliehen? Ich fürchte mich nicht. Ich will noch ... bleiben.« Hier labte er voll seine Augen an ihrem Anblick. »Und muß ich drüber sterben.«

»Aber du sollst – du darfst nicht sterben!« Fast flehend brach der Ton aus ihrer Brust.

»Für die Eltern,« sagte er ruhig, wie bei sich selber erwägend, »ist gesorgt. Und sonst niemand schmerzt Skirnirs Tod.«

»Doch! ... Freir, deinen Blutsbruder.«

Da trat er überrascht vor: »Du weißt ...?«

»Alles. – Schwer wund lag der Vater auf blutiger Wal, gefällt – o wüßt' ich von wessen Hand!« Sie hob die geballte Rechte. Ihr hoher Busen wogte. Und nun begann sie leise: langsam, schwer kamen ihr die Worte: oft spähte sie hinüber nach dem Greis auf der Herdbank.

»Nacht war's, mondlose. Nicht gar zu weit war das Schlachtfeld von unserm Gehöft entlegen. Ich hatte – hoch oben im Heudach des Rossestalls – aufhorchend mit Grauen den Lärm des Kampfes vernommen. Er schien sich allmählich seitab nach Norden zu entfernen. Da kam mein Bruder, bleich, blutbesprengt, mit zerbrochener Keule angerannt. ›Rasch, Gerdha,‹ drängte er, ›hilf mir den wunden Vater davontragen: er ist mir allein zu schwer, mein Schwertarm, von Elbenpfeil getroffen, versagt mir fast. Eile!‹«

Ich erschrak, aber ich folgte gleich. Wir liefen durch den dunkeln Herbstnebel, liefen, bis wir das Schlachtfeld erreichten. Der Kampf war zu Ende. Hinter hohem Felsen verborgen spähten wir aus: da sahen wir alles, die Besiegten und – die Sieger! Ein mächtig Feuer hatten die angezündet; in dessen Flackerscheine sahen wir sie alle, Tyr, bluttrunken, Thor, laut lachend, aeltrunken, Bragi, die Harfe schlagend, liedtrunken: – dann aber, fernab den andern, einsam, auf seinen Speer gelehnt, Odhin, siegtrunken. In weitem Bogen schlichen wir, nun wieder vom Nebel geborgen, um das Feuer herum und suchten und fanden den Vater, der, über viele Tote unsres Geschlechtes hingestreckt, noch atmete. Schwer ward es uns, den wuchtigen Leib aufzuheben. Und wie wir, unter unsrer Last gebeugt und lautlos dahinschlichen, unter dem Winde, abgewandt von dem lodernden Siegesfeuer, da ...«

Sie stockte, sie schlug die langen, schönen Wimpern nieder.

»Nun? Da ...?«

»Da sahen wir zwei Männer stehen: die tranken abwechselnd aus einem Helm. Wir hielten, ausruhend, ein wenig an: da sprach der eine – deutlich trug der Wind jedes Wort uns zu! –:

›Treue trag' ich dir bis zum Tode,
Skirnir, Sohn Skirs, mein Schirmer.‹

Und der andre« – fuhr sie noch leiser fort – die Stimme versagte ihr – »was sagte der?«

Da sprach Skirnir, rasch einfallend, feierlich:

»Mein froher, mein freudiger Freund!
Alles dir opfre ich, was irgend mein eigen:
Leib und Leben und liebste Lust.«

*

 

XVII.

»Ja, so lautete es,« sprach das Mädchen, tief ernst, leicht mit dem Haupte nickend, »gerade so. – Und im Glanze der auflodernden Flamme sah ich deutlich beider Männer Antlitz – zum erstenmal. Der eine, im dunkelbraunen Haar, warst du. Und – – der andre? – Der im sonnengoldnen Gelock, das war ...?«

»Freir.«

»So dacht' ich!« – Sie senkte die Lider, sie atmete tief. »Immer noch seh' ich – auch mit geschlossenen Augen – dies Bild! – Euch beide, mein' ich. – Im Wachen und – im Traum.« Sie verstummte, in Sinnen verloren.

»Schlag zu, mein Sohn, mit der Keule!« krächzte da eine heisere Stimme. Der Alte regte sich im Traum auf der Herdbank.

Gerdha fuhr erschreckt auf. »Flieh!« flüsterte sie. »Sofort. Ich zeige dir den nächsten Pfad an die Grenze. Nicht auf der breiten Heerstraße! Wenn sie heim kommen, mein Vetter, mein Bruder! Der erkennt dich wieder! Sie zerreißen dich! Wenn nicht hier in der Halle: – sicher auf dem Wege.« – »Ich weiß mich zu wehren,« sagte Skirnir ruhig, sich aufrichtend. – »Nein, nein!« rief sie in wachsender Angst. »Du bist des Todes, wenn sie dich erblicken.« – »Und wenn: – was tut das dir?« – »Du sollst nicht sterben! Du darfst nicht sterben! – Folge! – Ach um – wenn nicht deiner Eltern, um – um – nun ja: deines Blutsbruders willen! Denk' an seinen Schmerz! Ich bitte dich! Hörst du? Gerdha bittet! Ich bat noch nie einen Menschen als den Vater und die arme Mutter. Flieh!« Und sie rang flehend die ineinander greifenden Hände dicht vor seinem Angesicht.

Ihm war so seltsam: ihre Sorge, ihr Schmerz um ihn rührte ihn: – und doch mußte er, von ihrem Liebreiz ganz gefangen, jeder Bewegung dieser weißen, weichen, hold gerundeten Hände folgen und immer nur denken: »Nie sah ich dergleichen. Nie dacht' ich, daß eine Hand schön sein könne! Wie schön sind doch diese Hände.«

Da riß ihn aus solchem Bewundern eine neue rasche Bewegung der Maid: sie löste plötzlich die verschlungenen Hände, schlug sie, das edle Haupt mit dem lang nachwallenden Haare zurückbeugend, vor die Stirn und seufzte tief: »O, vergeblich bitten! Das schmerzt.«

Allüberwältigend war der Ton. Skirnir faßte rasch den Bergstock, der neben ihm lehnte. »Ich gehorche dir, Gerdha! Leb' wohl! Aber – wir seh'n uns wieder.« Lautlos sprang er an die Haupttüre.

Sie eilte mit ihm hinaus, durch den Vorderhof, dann rechts seitab einen kaum sichtbaren Fußsteig, der in den hier ganz nahen Föhrenwald führte, weitab von der Reitstraße, die geradeaus von dem Gehöft zuerst über das Heidemoor, dann, künstlich erhöht, über abgrundtiefe Sümpfe leitete. Es war nun ganz finster. Sobald der Wanderer den Saum des Waldes erreicht hatte, war es, als habe die Nacht ihn verschlungen und unsichtbar gemacht.

Hochklopfenden Herzens kam die Jungfrau nach eiligem Gang zurück an das Gehöft: leise trat sie durch die offen gelassene Türe, leise glitt sie an die Herdbank: sie lauschte: der Riese sprach wieder im Schlaf:

»Ja, ja, sie hält heimlich im Herzen zu den Menschen, die Tochter des Menschenweibes. Ich warnte den Bruder so treulich vor solcher Vermählung. Nun regt sich das Halbblut in ihr. Aber warte nur! Wohl weiß ich mich hinzutasten an das Gastbett. Ich erwürge ihn im Schlafe!«

Da atmete das Mädchen hoch auf: »Er ist in Sicherheit! – Und ich – ich! – hab' ihn gerettet!«

*

 

XVIII.

Am andern Tage stand Skirnir vor Freir auf dem Gipfel des hohen Berges, wohin jener den Späher beschieden hatte, zu berichten, was er erkundet habe in Riesenheim. Er hatte nur des Gottes Namen emporgerufen in die helle heitre Luft, die oberhalb des Berges blaute, – über der Niederung lagerte dichter Nebel, dessen Dunst sich auch noch bis über die Mitte des Felsgebirges hinaufzog: – gleich stand, aus der Höhe herab lautlos geglitten, wie ein schießender Stern, die lichte Gestalt: denn leicht durchmessen sie die Räume, die seligen Götter, die das weite Asgardh bewohnen.

»Dank dir, Freund!« sprach Freir, nachdem der Kundschafter seinen Bericht geschlossen. »Gar wichtig ist, was du Findiger erforscht. Zumal das von der Trutzmauer, dem Riesenvirke, daran sie bauen. Kein Zweifel: sie rüsten von dort her zum Einbruch in Midhgardh: wenn wir sie – wie immer! – zurückgetrieben, – dort wollen sie sich wieder sammeln und halten. Gleich meld' ich es in Asgardh Odhin. Er wird dir gütig vergelten: denn reich lohnt er treuen Freundesdienst. Fahr wohl! Ich eile zu ihm. Aber ... du hast noch etwas zu sagen, so dünkt mir. Du blickst so bedeutsam, ... so ganz seltsam. Sprich! Hast du noch andres erfahren in Riesenreich?«

»Ja!« sprach Skirnir und schloß die Augen in seligem Erinnern. Er erglühte über und über: heiß stieg ihm die Welle des Blutes vom Herzen in die Wangen.

»Du zögerst! Was hast du noch gesehen?«

»Ein Weib ... ach nein! ... eine Göttin! Schöner ist sie als Frigg und Freia zusammen.« – »Still, Freund,« lächelte der heitre Gott. »Gut, daß sie beide so fern. Das hören sie nicht gern, die Weiblein, auch wenn sie Göttinnen sind.« – »Ein Mädchen! ... O nun erst dank' ich dir, daß du mir die Augen aufgetan! Als ich sie erschaute, wurde mir wieder wie damals, da ich zuerst in mich sog das leuchtende Licht, es hier hineinfluten fühlte in die Stirne: nur diesmal ohne Schmerz der Blendung. Ein seliger Rausch! Er machte mich schwindeln!« »Nun,« meinte Freir lachend, »du hast noch nicht eben viele Weiber gesehen, seit ich dir half. An mich würde Rausch, und Schwindel nicht rühren!« – »O Herr! .. Und ich gönne mir's gar nicht allein, um so viel Lieblichkeit – nein: Herrlichkeit! – zu wissen. Du, mein Gebieter, mein Freund, der mir erst die ganze Welt des Lichts geschenkt: – auch du sollst sie sehen und dann gestehen: ›es lebt nicht ihresgleichen.‹ Ich führe dich gar bald – der Weg ist nicht weit! – nach Gymirs, des Riesen, Gehegen.«

»Nun,« erwiderte der Gott wohlgemut auf des Freundes Wunsch eingehend, »eilt es dir so gewaltig: – die Mühe des Wanderns können wir uns sparen. Und beinahe,« spottete er gutmütig, »könntest du mich neugierig machen, das Wunder zu schauen, das sogar Freias Schönheit überstrahlen soll. Ich halte mein Schwesterlein, so kühn und doch so weich, für aller Mädchen schönstes! Vielleicht hat der holden Schwester Schöne mich gefeit, daß mich bisher noch kein Weib berückt hat!«

»Was ist Freia gegen Gerdha!« rief Skirnir leidenschaftlich.

*

 

XIX.

Eine ganz leichte Wolke – ein Wölklein nur, aber doch ein Schatte des Unmuts – senkte sich auf des Gottes hellleuchtende Stirn: »Hm, ich hatte mir das anders vorgedacht. Und vielleicht – noch jemand außer mir. Wer weiß, was der Treue hätte gewinnen mögen in Volkwang, wo der Rotlockigen Lindenbäume so süß duften in der Sommernacht. Mein Schwesterlein ...!« Diese Worte hatte er still für sich gesprochen, über den blonden weichen Flaumbart streichend. Nun begann er laut, fast ungehalten: »Laß doch seh'n, ob sie auch mich berauschen wird, die Riesenmaid.« Und er hob gebietend die Rechte, in der er die goldene Sonnenlanze mit der goldstrahlenden Spitze trug.

»Was willst du tun?« fragte Skirnir erstaunt.

Aber der Gott sprach, ohne ihm zu antworten, im Klang des Befehls:

»Weichet, ihr wallenden
Wolken, ihr wogenden!
Nichtige Nebel seid ihr, wo nahet
Sonnig, selig und sieghaft
Das lodernd leuchtende Licht,
Hurtig hebt euch von hinnen!
Und alles sei offen.
Was dem Blick will wehren den Weg
Nach Gymirs Gau und Gehege.«

Da fielen wie auf einen Zauberschlag die ziehenden Wolkengespinste, die Mittelgebirg und Niederung umzogen hatten; was in der Ferne lag, schien plötzlich wunderbar nahe gerückt: solchen Zauber mag die Sonnenlanze zaubern an Nebelgebilden.

Deutlich wie auf halbe Speerwurfsweite sahen beide das Gehöft des Riesen unter sich liegen.

Und eben trat Gerdha aus der Vordertüre der Halle in den Hof hinaus: voll traf die edle Gestalt der volle Strahlenguß des Sonnenlichts, der soeben auch da unten die Nebel zerrissen hatte: hoch erhob die Jungfrau, die Sonne, die auch die Steinriesen ehren, zu grüßen, die beiden wunderschönen nackten Arme: da glänzte alles ringsum wieder von deren Weiße.

Dankend für das Licht wandte sie das wundervolle Antlitz gegen den Berggipfel, über dem die Sonne soeben durchgebrochen war: so schaute sie gerade dem für sie unsichtbaren Gott in das Gesicht. –

Da erschrak Skirnir sehr.

Denn mit lautem Aufschrei taumelte Freir nach rückwärts: er schloß die hellen Augen: – da ward plötzlich wieder alles von Nebelgewölk verfinstert.

Skirnir aber fing in seinen Armen den Sinkenden: der gab nicht Antwort auf Zuruf noch Frage.

*

 

XX.

In Volkwang, Freias Hallengebiet oben in Asgardh, waltete bange Stille. An Freirs Lager, das dort in aller Hast sie aufgeschichtet, saß Freia: sie fuhr zuweilen mit linder kühler Hand über des Bruders heiße Stirne hin.

Und war das gar seltsam zu schauen, wie der Walküren kampfwilde Führerin des Siechen nun so zärtlich pflegte, so leise sich regte, so sanft ihm die weichen Felle zurechtschob, auf denen sein Haupt ruhte.

Ihr Falke, nicht gewöhnt, so viele Tage zu rasten, saß auf der Stange zu Häupten des Pfühls: erstaunt sah er mit seinen klugen goldbraunen Augen dem Gebaren der Herrin zu. Wunden schlagen hatte er sie oft gesehn, im Gefecht hoch über ihr schwebend, und, falls Gefahr sie bedräute, herabstoßend und dem feindlichen Riesen mit gesträubtem Gefieder die Fänge in das Gesicht schlagend: Sieche pflegen hatte er sie nie gesehn.

Vor der Türe des Gemaches stand harrend Skirnir. Sacht pochte er an. Da erschien schon die junge Göttin in der halbgeöffneten Türe: ihr wunderherrliches rotes Gelock flutete gelöst auf die weißen Schultern; sie war sehr, sehr schön: aber Skirnir sah nichts davon: gesenkten Auges wollte er – ganz lautlos – an ihr vorbeigleiten.

Er konnte doch nicht: sie stand im Wege, den Zeigefinger der Linken an die schwellenden Lippen legend: ganz leise hauchte sie: »Noch ist meine Weile der Wache nicht um. Vielgetreuer. Auch verlangt dich Odhin – dich allein zur Zwiesprach! – sobald er zurückgekehrt. Siehst du? Dort kommt er. Wie langsam schreitet er heran, bedächtig bei jedem Schritte vorsetzend den Speer! Wie sinnend, wie sorgend! Tief hat er den Hut in die Stirne gezogen, die rechte Hand auf der Brust im dunkeln Mantel vergraben, das mächtige Haupt vorgesenkt. Das bedeutet nichts Gutes! Trauriges hat er wieder ergrübelt. Mir bangt um den Bruder! Ich lass' euch allein.« Sie trat zurück und schloß lautlos die Türe.

Eilfertig ging Skirnir dem Nahenden entgegen; so traf er ihn unter den Lindenbäumen, die in Volkwang vor der Halle stehen; still war es dort und feierlich schön; die Amsel sang ihr flötend Lied vom Wipfel des höchsten Baumes; der holde Ton flutete herab vermischt mit dem holden Duft der Lindenblüten: es war gar hold, süß und doch nicht glücklich: – so ahnungsvoll war es. – –

*

 

XXI.

Unter dem Schatten der letzten Linden trafen sie zusammen.

Der Frage Skirnirs zuvorkommend sprach der Gott, sich mit dem Rücken an den breiten Stamm lehnend und leicht mit der Hand über die starken, hochgewölbten Brauen streichend: »Herstellen muß ich Freir – um jeden Preis. Nicht kann ich ihn missen in der Kampfreihe der Asen, den raschen Helden und sein leuchtend Sonnenschwert. Ich warf drum die Lose. Es ist wie ich gefürchtet, – gewußt, seit ich des Weges wanderte über den Nebelberg und ihn ohne Besinnung neben dir liegen sah, sein Haupt auf deinem Schoß.«

»Hättest du, o großer König von Asgardh, ihn nicht in deinem Mantel mit dir hinaufgetragen – – ich wußte mir nicht zu helfen.«

»Seitdem sann ich, sorgte, grübelte und ahnte. Nun weiß ich – ach, was ich sogleich gewußt. Denn ahn' ich Unheil, – ahn' ich immer recht.« Er schwieg, verdüstert, eine kurze Weile. Dann aber warf er das Haupt in den Nacken und lupfte leise den Speer: »Gleichviel! Nicht was wir tragen, wie wir's tragen, ... das macht alles aus. Aber, Jüngling, das verstehst du nicht. Oder ... doch schon?« Und es forschte der Blick des aufleuchtenden Auges in des Erschauernden Antlitz.

»Ich ... ich glaube, es zu verstehn.«

»Dann, desto besser – für ihn, vielleicht nicht für dich. Höre: liebessiech liegt der Unselige, wund von jenes Weibes Schöne wie von durchbohrendem Speerwurf getroffen. Er stirbt.« – »Wehe!« – »Oder – nach den untrüglichen Losen, die ich geworfen, er kann nur genesen, wird sie sein Weib.«

Da ward Skirnir sehr bleich, bleich bis in die Schläfe, die das dunkle Haar beschattete. Scharf ruhte des Gottes durchdringender Blick auf ihm, aber er merkte es nicht; er hatte die Augen fest geschlossen.

»Nun wäre das nicht schweres Werk. Gar bald hätte ich die Maid aus Riesenheim mitten aus ihrer bärenhaften Gesippen Waffen herausgeholt, auf diesem Arm: – schon manche riß er nach oben! – durch die Wolken getragen und dem Siechen an die Brust gelegt zu seligem Genesen.«

»Sie – Gerdha! – zwingen?« Schwer kamen die drei Worte heraus: er drückte wieder die Augen zu.

Geraume Weile schwieg Odhin.

Nun schlug Skirnir die Wimpern auf: aber sofort senkte er sie abermals: denn ihn traf ein Blick des Gottes, der drang bis in den Grund seiner Seele.

»Den Freund zu retten,« begann nun der Gewaltige nachdruckvoll, »nicht, der Riesin zu schonen, dasmuß nun all' mein Sorgen sein: und« – so schloß er zögernd, bedeutsam – »auch das deine, Skirnir, dächte ich.«

Der wollte heftig erwidern, aber zuvorkommend fuhr Odhin fort: »Du willst mir einwenden: ›Gerne Skirnir opfern für Freir, aber nicht ... ‹«

Skirnir erschrak im tiefsten Herzen: das waren die Worte gewesen, die sich ihm schon auf die Lippe gedrängt hatten.

*

 

XXII.

Ruhiger hob der Gott aufs neue an – fast mitleidig klang nun sein Ton –: »Ja, ja, junger Gesell, so gut wird es uns nicht, daß wir uns diejenigen Heldentaten und – was viel, viel schwerer! – diejenigen Opfer aussuchen dürfen, die wir vorziehen, welche wir freudig verrichten und gern darbringen – mit Wollust selbst im Weh! Anders – ich hab' es in vielen Qualen nicht ergrübelt, nein, bitter erlebt! – ganz anders ist solches geordnet. Nicht, was wir – ob auch mit Schmerzen! – zu opfern bereit sind – o nein! gerade das, was wir nicht hingeben wollen, – um keinen Preis! – was uns viel teurer ist als unser Leben, als – und das wirst du am besten würdigen – als das Licht unsrer Augen ... –«

Skirnir erbleichte: ein fröstelnder Schauer durchrieselte ihn.

»Ja, das, dessen Verlust wir nicht einen Atemzug überleben zu können glauben – gerade das, junger Gesell fordert uns am liebsten ab das Schicksal. Oder« – und nun legte sich tiefster Ernst über das geistgewaltige Antlitz – »oder sie: die noch viel eherner, noch unerbittbarer als das eherne Schicksal, sie, das Allergrößte und das Allergrausamste zugleich, was Gott oder Mensch zu denken vermag: die Pflicht!«

Tief erschüttert lauschte Skirnir: auch den Gott hatten seine eignen Worte stark ergriffen, er atmete schwer.

Nach längerem Schweigen begann er wieder, viel leiser, mit weichem, mit schmerzdurchzittertem Klang; und wahrlich, es hatte der Jüngling nicht geglaubt, daß diese machtvolle Stimme, die er den Schildkrach des Kampfsturms hatte überdröhnen und Schreck und Entsetzen in die steinharten Herzen der Felsriesen hatte jagen hören, daß diese Stimme so zart hinschmelzen, so rührend erweichen könne: »Ja, er ist im linden Säuseln« dachte er, mit hingegebenem Lauschen, »wie im brüllenden Sturm« – als der Gott nun, traurig vor sich hinblickend, langsam sprach:

»Wird es Menschen schwer, ihr Liebstes zu opfern, – Odhins sollten sie denken! Wo ist mein rechtes Auge? Ich gab es dahin als ein Opfer, Göttern und Menschen heilsame Weisheit einzutauschen. Ja, und könnt' ich damit abwenden, was – ich fürchte sehr! – unabwendbar Göttern und Menschen droht – den Schatten eines ferne her, langsam, aber unaufhaltsam herandüsternden Verderbens: – ich gäb' auch noch das andre Auge dafür hin.«

»Ach Odhin, blind sein, nachdem man sehend war, – es muß hart sein.«

Da rief der Graubärtige, ausbrechend, in wildem Schmerz: »Aber die Geliebte hingeben, nachdem du dich geliebt weißt, Knabe, – das ist doch noch härter.«

»Ja,« seufzte Skirnir, ganz erschrocken, das – das muß nicht zu ertragen sein!«

»Meinst du?« lachte der Gott grimmig. – Aber gleich darauf sprach er wieder in tiefer Wehmut: »Wo ist Gunlödh im blonden Wellenhaar? Nach Hel sank sie, zu Tod gegrämt, hinab! Man singt von mir: ›Er nahm den Met der milden Maid und ließ Gunlödh sich grämen!‹ Ich! Ich – freiwillig – sie sich grämen lassen! Sie – die ich so heiß geliebt, wie nie noch Weib ward von Manne geliebt! Ich sie verlassen aus treulosem Wankelsinn oder aus Furcht etwa vor dem Riesen, ihrem Vater. Sie – die mir viel lieber war als meine beiden Augen! Den Untergang der Welt – sofort – hatte mir Mimir geweissagt, schloß ich nur noch einmal sie in die Arme. Weißt du nun, Menschenkind, wie grausam sie ist, die schrecklichste Macht: die grausame Pflicht? Nicht selbst leiden ist das ärgste bei zerrissener Liebe: – die Geliebte – die liebende Geliebte – leiden wissen, leiden lassen müssen.«

»Die liebende Geliebte!« wiederholte der Jüngling tonlos, starr vor sich hinschauend.

*

 

XXIII.

»Das ist noch viel härter,« nickte der Gott, »als sich um eines andern willen die eigne Liebe aus dem Herzen reißen.«

»Vergib, o Herr, das kann doch nicht geschehen,« sprach Skirnir, ein trübes Lächeln auf den feinen Lippen, leicht das dunkle Lockenhaupt schüttelnd.

»Du hast recht. Denn ›ewig ist die Liebe‹. So sang dereinst ein Skalde auf Thule. Der kannte sie. Von Thule bis nach Asgardh drang dies sein Lied. Was im Herzen zuckt, zu zertreten – nicht Freund kann's fordern, nicht Pflicht – nicht einmal sie – die Schreckliche! – kann's gebieten. – Es – es darf nur nie mehr zutage.«

»Es darf nur nie mehr zutage,« wiederholte Skirnir und drückte die geballte Linke auf die Brustfalten seines Mantels, als wollte er dabei sein Herz zerdrücken.

»Raub und Gewalt,« begann Odhin rauher aufs neue, »fruchten hier nicht. Wenig sonst – wahrlich! – würd' ich dich fragen, ob dir's genehm. Aber nur dann wird Freir genesen, wenn Gerdha freiwillig – aus Liebe, – sein Weib wird.«

»Freiwillig! ... – Aus Liebe ... –!«

»Ja, freiwillig! Also auch meine Zaubertränke, Liebesrunen, – ich kann sie diesmal nicht brauchen. – – Und nun – bedenke! – das Schlimmste: wonnig Weib will gewonnen werden durch Werbung. Zwingen ja muß man sie durch überwältigende Liebesgewalt. In den glimmenden Funken unbewußten Sehnens – sie träten ihn aus, entdeckten sie ihn! – muß lodernd schlagen, zum Brand ihn entfachend, des stürmenden Mannes flammend, fortreißend, siegend Verlangen. Freir, dein Freund, ist wahrlich schön und heldenhaft genug, ein Weib zu gewinnen. Auch der uns so bitter hassenden Riesenjungfrauen gewann schon manche ... – einer von Asgardh.«

Er verstummte, traurig; ein Gewölk von Erinnerung senkte sich auf die stolze Stirn.

Von Mitgefühl fortgerissen streckte der Jüngling dem Gewaltigen die Rechte hin: »Man – man weiß es,« flüsterte er scheu.

Aber Odhin sah es nicht, hoch sich aufrichtend fuhr er fort: »So würd' ich nicht zweifeln: Freir, in voller Manneskraft und Mannesschöne, heiß werbend um Gerdha, werde sie gewinnen trotz Bruder, Vetter und Ohm. Aber ach! Dort drinnen liegt er ja, siech, hilflos hingestreckt auf das Lager. Und nicht eher – so las ich aus den Runenlosen – kann er vom Pfühl sich heben, bis Gerdha ihm zuflüstert: ›Hier, nimm mich hin. Ich liebe dich!‹«

»Hier, nimm mich hin. Ich liebe dich!« – Ganz leise, stöhnend, sprach es Skirnir nach; nur an der Bewegung der Lippen merkte das der scharf blickende Gott.

»Freir kann nicht werben für sich selbst,« fuhr Odhin, wie mit sich selbst beratend, fort: aber er ließ das bohrende Auge nicht von des andern Antlitz. »Wer soll für Freir werben? Freia? Nein! Ein Mann muß es sein. Nur ein Mann kann die schlummernde Glut erwecken im Weibe. Ein Mann, der der Jungfrau schildern kann, wie ihre Schönheit allbezwingend dahinreißt: – ein Mann, der Gerdha kennt, und ihrer Schöne Wirkung. Ein Mann, der die verbrennende Qual von nicht erfüllter Liebe kennt. Also kann nicht Odhin, nicht Thor, nicht Tyr, der Asen nicht Einer Gerdha für Freir gewinnen. Das kann nur, wer ...«

» Ich kann es,« sprach Skirnir laut. Er schlug nun die gesenkten, dunkeln, traurigen Augen auf und sah Odhin fest in das Antlitz. »Ich kann es und ich will's

»Und ich wußte es, mein Sohn,« erwiderte Odhin, einen Schritt näher tretend und ihm die Rechte auf die Schulter legend. »Ich werde dir dabei helfen.«

*

 

XXIV.

Am Abend dieses Tages saßen in Gymirs Gehegen an dem offenen Herdfeuer Beli und Steingrimr, des alten Hrungnir Sohn; der Greis kauerte auf seiner gewohnten Stätte, der Herdbank, in halb wachem Brüten; nur hier und da erhaschte er ein Wort aus der Zwiesprache der beiden jungen Männer: dann gab er wohl, nickend oder kopfschüttelnd, auch etwa mit einen kurzen Wort Beifall oder Unwillen zu erkennen; und ward er so vollends wach, dann schaffte er auch gar eifrig an seiner Arbeit, grimmig die spitzen Zähne hämmernd in die dicke Keule.

Es war schon ziemlich spät in der Sommernacht.

Das Feuer auf dem Herde, herabgebrannt, glimmte nur noch in wenigen Eichenkohlen, die ihre dunkelrote Glut schwach in den weiten, viereckigen Raum ausstrahlten; den Kienspan, der in dem Öhr des Erzhakens neben dem Herde gebrannt, hatten sie zu Ende brennen lassen in erregtem Gespräch und nicht erneut: warf doch der Mond durch das weit geöffnete Fenster einen breiten Streifen hellen Lichtes auf den gelben Lehmestrich. Der wechselvolle Nachtwind, der durch die gleiche Öffnung drang, spielte launisch in den lang an den Holzwänden herabhängenden Fellen von Eisbär, Elch und Wisent; manchmal klirrten und klangen dann auch leise die Riesenwaffen aneinander, die dazwischen aufgereiht waren: plumpe Steinäxte, dicke Eichenbalken, vorn zugespitzt und die Spitze im Feuer gehärtet, Wurfkeulen von dem zähen Holz der Eibe, selten eine eherne Klinge, Menschen abgestritten oder Zwergen abgetauscht.

»Kurz, ich verstehe nicht, Vetter,« begann nach längerem Schweigen Steingrimr, »warum du noch zögerst.« Und er richtete die ungetümen Glieder hoch auf und fuhr unwirsch mit der breiten tatzenhaften Rechten durch das dichte braunrote Haar, das ihm, steif wie Stoppeln, auf dem großen Kopf emporstarrte.

»Dann verstehst du nicht eben leicht, Vetter,« lachte Beli, der lange nicht so ungeschlacht war; »ich sagt' es dir deutlich.«

»Weil du nicht wissest, ob sie mich liebt!«

»Siehst du? Du hattest es doch verstanden!« – »Darauf kommt es mir gar nicht an.« – »Aber mir.« – »Warum dir?« – »Weil ihr!« – »Pah«, meinte Steingrimr kopfschüttelnd, »man frägt sie nicht lange, die Jungfrauen unsres Volkes.« – »Gerdha ist anders denn andre.«

»Ja leider!« brummte von der Herdbank her Hrungnir und tat einen grimmigen Schlag auf die Keule; »das macht in ihr das Blut aus Midhgardh.« – »Ja, ja!« nickte sein Sohn. – »Wie durch ihr braunes Haar – vom Vater geerbt – sich ein sonniger Streif oder ein rotleuchtender Goldglanz zieht von der Mutter her.«

*

 

XXV.

»Mag wohl daher rühren,« erwiderte Beli, achselzuckend. »Aber du, Alter, solltest schlafen, nicht mehr dich mühen.«

»Doch, doch!« rief der mit heiserer Stimme und hämmerte emsig drauf los. »Meine Arbeit eilt. Wer weiß, wann die Waffe gebraucht wird! Wann es gilt, den Verhaßtesten zu ...« da war er wieder zurückgesunken an die Herdwand.

»Freilich,« grollte sein. Sohn, »freilich ist sie anders als alle die andern langen, plumpen Dinger. Zierlicher, schöner, feiner! Gerade deshalb will ich sie ja haben!« schloß er, die flache Rechte klatschend auf den breiten Schenkel schlagend.

»Und gerade deshalb, Vetter, will sie dich – vielleicht – nicht!« – »Woher weißt du das?« brauste der Werber auf. Im Zorne sträubte sich ihm das Rothaar auf dem Wirbel. – »Je nun ...« lachte Beli und sein großes blaues Auge ruhte heiter auf dem Ungeschlachten. – »Übrigens ... frage sie doch! Gleich morgen! Dann sind wir rasch im reinen. Heute schlummert sie wohl schon lang. Oder sie träumt in ihrer Kammer wachen Auges. Denn seit vielen Monden schon,« fuhr er, mehr mit sich selbst als zu dem Vetter redend, langsam fort, »geht sie umher wie verträumt, manchmal eine halb verlorne Weise still vor sich hinsummend, die dereinst ihre Mutter mitgebracht aus Thule. Wie lautet es doch:

›Liebe ist Leid,‹

Und dann? – Das andre fehlt mir – am Ende aber heißt es:

›Seele-versehrendes Sehnen
Und stummes stolzes Sterben,
Aber immer ewig ist die Liebe.‹

Ein seltsam, schwermütig Lied,« schloß er. »Aus Thule kam's.« – Ganz nachdenklich war er geworden. »Es mag wohl wahr sein,« sprach er nun ganz leise und nur zu sich selbst, über den starken braunen Bart streichend, »wahr für Riesen wie für Menschen. Und auch das ist wahr, daß nach uraltem Recht unsres Volkes schon manchmal Halbbruder die Halbschwester gefreit. Viele Ahnensteine beweisen's.« Er versank in stilles Sinnen. –

»Wenn ich sie frage –« unterbrach seine Gedanken laut und unwirsch der Werber.

»Sagt sie sicher: nein!« schalt der Alte an dem Herd und hieb auf die Keule.

»Nun,« lachte Beli aufstehend, »wenn ihr das beide, Vater und Sohn, so sicher wisset, so schlagt euch nur die Weißarmige als Schnur und Braut aus dem Sinn. Denn ich hab' mir's gelobt: ›Nie geb' ich die Holde wider ihren Willen hin.‹ Horch! Was war das? Da draußen! Vor dem Fenster!« Und er wollte hinausblicken.

Aber der Vetter zog ihn am Arme wieder herab auf die Hallenbank, darauf er neben ihm gesessen. »Nichts. Eines Nachtvogels Ruf. Höre weiter auf mich.« – »Ich will nicht!« rief Beli laut.

Da richtete sich Hrungnir höher auf und drohte mit der geballten Linken: »Du! Du! Hältst mehr zu ihr als zu uns. Rätst du weshalb?« – »Weiß nicht! Aber ich hab' es lieb, mein holdes Halbschwesterlein.« – »Bist doch aber,« grollte Steingrimr, »Vollriese, von Mutterseite wie von Vaters halben.« – »Wohl! Doch werd' ich es Gerdhas Mutter nie vergessen, was sie für mich getan. Meine gute Mutter war bald gestorben, nachdem sie mich geboren. Da legte Gerdhas Mutter mich, den kränkelnden Sohn des Riesen, der sie geraubt, an die eigene Brust und bot mir die rettende Milch: Gerdha an der rechten, mich an der linken Brust nährte sie zugleich. Und wenig Freude doch wahrlich fand sie in des Riesen Gehöft, die Königstochter aus Thule, welche, die laut Jammernde, mein Vater aus ihrer verbrannten Hofburg entführte, während der Fürst fern über See gesegelt war. Sie nährte, sie rettete ihres Räubers Sohn. Des Dankes dafür soll Gerdha genießen.«

*

 

XXVI.

»Ja, ja,« grollte der Greis, »mit der Milch des Menschenweibes hast du das fremde Gift eingesogen, das Gift aus Midhgardh. Willst du vielleicht die Hochfärtige – wenig weiß sie an uns treuen Riesen zu loben! – einem Menschenmanne zum Weibe geben? Ober einem Lichtelben? Oder gar einem ...?«

»Sprich's nicht aus,« schrie Beli, zornentflammt aufspringend. »Du weißt es, wie ich sie hasse, die Argen von Asgardh. Die der Riesen uralt Reich und Recht gebrochen! Vom Knaben an lehrte der Vater mich, zugleich mit Axtwurf und Stangenhieb, sie hassen. Und nun vollends, seit sie mir wie den Ohm, den Vater erschlagen! Blutrache schulde ich ihnen. Schmach über mich, zahl' ich's nicht heim. O wüßt' ich, wer den tödlichen Streich geführt! Des Vaters Töter suche ich – ihn allein – in jedem Kampf aus allen Asen mir heraus. Nicht rasten will ich, bis ich ihn ausgefunden, bis ich sein Herzblut rinnen sah.«

»Hat denn der Ohm nicht ...?« fragte Steingrimr. »Er konnte nicht mehr sprechen, als ich ihn fand in dem Haufen unsrer Sterbenden und Toten. Aber ich habe doch eine sichere Spur.« – »Welche?« forschte der Alte, innehaltend in seinem Hämmern. – »Drei Asen standen und ein vierter, – – ein Midhgardhmann – da ich zuletzt ihn aufrecht und kämpfend gesehen, gerade vor dem Vater, in der Reihe gegen ihn: Tyr, Freir und Er, der Ärgste der Argen von Asgardh,« knirschte er. »Einer von den vieren war's. Die such' ich auf im nächsten Kampf – einen nach dem andern – und töte sie oder falle.«

»Gut, Neffe,« rief der Alte. »Dann nimm du die Waffe, statt meines Sohnes. Nun ist sie fertig. Der letzte Wolfszahn, – der siebzigste – steckt darin. Da, nimm sie hin! Und zerschlage die stolze, die hochmütige Stirn voll undurchdenkbarer Grübelgedanken, zerschlage sie ihm, und jeder der siebzig Wolfszähne soll sich einbeißen in sein verhaßtes Gehirn: – dem schrecklichen, dem unerträglichen Odhin von Asgardh. Nimm, sag' ich. Ich will's,« schrie er heiser hervor.

Sein Sohn, der ihm näher saß, nahm ihm aus der magern, jetzt vor Erregung zitternden Hand die schwere Waffe ab und reichte sie Beli: »Aber Vater,« sagte er, »was hast du getan? Allzugut hat es dein Haß gemeint! Du hast ja so viel Wolfszähne hineingeschlagen, daß die Keule ganz durchlöchert ist und sonder Halt. Sie zerbricht beim ersten Schlag.«

Der Alte hatte es nicht gehört oder nicht verstanden; er war nach dem heftigen Ausbruch in sich zusammengesunken; jetzt richtete er sich wieder auf: »Was sagt ihr, Knaben? Was?« Bedeutsam legte Beli die Hand auf des Vetters Schulter und kam seiner Antwort zuvor: »Wir meinen, weshalb die kleinen Wolfszähne? Ein paar Hauer vom Eber wären stärker und ...« – »Das versteht ihr nicht, ihr Buben. Kommt, kommt ganz nah: – daß die aus Thule es nicht hört und nicht seine, des Arglistigen, Späher es etwa erlauschen.« Sie taten ihm den Willen und traten dicht an ihn heran; er ertastete – langsam – beider Köpfe und zog sie an seinen Mund: Dann zischelte er leise – mit tiefster, mit wollüstiger Befriedigung des Hasses – »merkt: ein uralter Riese las es einst in den Sternen: ›Nur Wolfesrachen mag Odhin verderben.‹ Nun, der Rachen kann ihm doch nicht schaden: nur die Zähne darin. So hab' ich denn, ich, der blinde schwache Greis, es ausgesonnen, was allein ihn verderben mag, den Hoch ...« Da sank er wieder zurück.

Ganz langsam ließ Beli die Keule niedergleiten, aber sie zerspellte doch in viele, viele Splitter, die Wolfszähne rollten auf dem Estrich umher. – »Viele lange Winter hat er daran gearbeitet: So waren – so kindisch –« sprach Beli traurig, »bisher all' unsre Anschläge wider den Gott der raschen Gedanken. Ein übles Zeichen.« Er trat sinnend nah an das Fenster.

»Ich zerreiß ihn lebendig,« drohte Steingrimr, ihm folgend, »komm ich ihm nah genug.« – »Das wirst du schwerlich.« – »Ich erwerfe ihn fernher mit Felsen, – groß wie ich selber. Ich werfe gut, ich fehle selten. Aber – noch einmal – höre von Gerdha. Nicht gegen ihren Willen? Weichliche Schwäche! Jedoch willst du sie also jedem geben, den die Törin sich wählt?«

»Behüte!« rief Beli laut. »Ich hab' es dem Vater zwar nicht geschworen, – wir Riesen schwören nicht, aber wir halten ungeeidete Worte treuer als Asen, Elben und Menschen ihre Ringeide – aber versprochen hab' ich es ihm: »nie geb' ich die Holde andrem Mann als aus Riesengeschlecht, weder Ase noch Elbe noch Mensch soll den Gürtel ihr lösen. Solang ich den Arm heben kann, wird sie nur eines Riesen. Aber horch! Welch Seufzen da draußen?«

Er beugte sich zu dem offnen Fenster hinaus: jedoch die Bank, die darunter an die Hauswand gezimmert war, stand leer: alles still, einsam: nur das silberne Mondlicht spielte auf dem weißen Lindenholz des Sitzes. Alles leer.

»Nun, dies Wort war ein Trost,« meinte Steingrimr. »Aber komm,« schloß er gähnend, »laß uns schlafen gehen. Morgen trifft uns die Reihe, an dem Riesenvirke zu bauen. Ist harte Arbeit, braucht Kräfte.«

Schweigend schloß Beli den Fensterladen und beide Männer suchten in der Nebenkammer ihre Streu aus Schilf.

Kurz vorher war in die Hinterpforte des Hofes, von wo aus man das Frauengemach zunächst erreichte, eine schlanke weiße Gestalt geschlüpft: »Also nie! – Niemals!« seufzte sie.

*

 

XXVII.

An Freirs Lager, zur Linken seines Hauptes, stand Skirnir, zur Reise gerüstet.

Zur Rechten beugte sich Freia über des Bruders bleiches Haupt; über den Kranken hinweg reichte sie dem Scheidenden die weiße Hand und ein warmer Blick ihrer goldbraunen Augen fiel auf ihn, als sie sprach: »Dank! – schon die Botschaft von deiner beschlossenen Fahrt, die ich bringen durfte, hat dem Siechen mächtig wohlgetan. Als ich sie ihm in das Ohr geflüstert, hat er zum erstenmal das Auge wieder aufgeschlagen. – Sieh, auch jetzt blickt er dich an. – Sprich! Er will reden mit dir.«

Skirnir beugte das erzbehelmte Haupt und sprach ruhig, feierlich: »Sage mir, Freir, volkwaltender Gott, mein teurer Herr, sage mir, daß ich ihn löse, nein, daß er dir sich löse, deinen Gram.«

Da stöhnte der Liebessieche tief auf und nur schwer brachte er die Worte hervor: »Wie sollen Worte sagen der Seele großen Gram! Die Sonne wird leuchten noch viele Lage, aber nie zu meinem Glück.« – »Wir teilten, Herr, viele Speere: solche, die wir warfen, und solche, die wir auffingen. Ich meine, du könntest mir vertrau'n.« – »Ach,« seufzte der Kranke, »wie Zauber befiel mich's! Seit ich in Gymirs Gehegen gesehen das wonnige Weib ...! Wie leuchteten doch ihre Arme! Die Lust erglänzte von deren Scheine. – Mehr lieb' ich die Maid, als je, seit die Welten geworden, Weib ward von Manne geliebt.«

Da schlug Skirnir schweigend die graudunkeln Augen nieder. – – –

»Aber,« fuhr Freir fort, »von Asen und Alfen und Riesen will es nicht Einer, daß ich sie gewinne! Und ich selbst liege hier siech! – Du, so sagte die liebe Schwester – du, Vielgetreuer, wolltest um sie für mich werben? Das tat wohl! Doch: du wirst dich selber verderben bei den grimmen Thursen.« Angstvoll, zagend nickte Freia, die kühnste sonst der kühnen Walküren. Aber der Liebende fuhr fort: »Und dennoch: ... versuch' es.«

»Das ist die Liebe,« meinte Freia entschuldigend, »sie ist immer selbstisch.«

»So?« sagte Skirnir. » Muß sie es sein? – Gleichviel! – Ich bringe dir die Jungfrau oder lasse das Leben.« Und er richtete sich hoch auf.

»Dank! – Aber wann? Wie lange ...?« Fiebrig, hastig forschte er.

»Vor neun Nächten kann ich nicht zurück sein.«

»Geh, eile! Du solltest schon fort sein. Lang ist eine Nacht: – länger sind zwei: wie mag ich dreie dauern? Ein Jahr ist minder lang als eine halbe Nacht des Harrens. Des Liebesverlangens! Eile doch! Geh! Du könntest schon unterwegs sein. Doch was weißt du von Liebesverlangen!«

Skirnir stand schon an der Türe.

»Vergib ihm,« flüsterte Freia, die ihm leise nachgeschwebt war, das leuchtende wallende Rothaar leicht über die linke Schulter zurückwerfend und bittend sein Auge suchend. »Der Männer Liebe – nicht die unsrige,« – hauchte sie sanft – »der Männer Liebe ist selbstisch.« – »Du sagtest es schon,« sprach Skirnir und schob den Helm zurecht. »Leb wohl! – –«

*

 

XXVIII.

Über die braune Heide daher kam gewandert ein Mann, langsamen, aber gleichmäßigen Schrittes. Er trug das behelmte Haupt vornüber gebeugt; der dunkelgrüne Mantel, der ihm von den Schultern floß, wogte leise nach im Winde; in Gedanken verloren schritt er dahin; unlieben Gang schien er zu gehen; er seufzte zuweilen tief auf; aber auch im Seufzen nicht unterbrach er den steten Schritt. Er machte so wenig Geräusch und war offensichtlich so ganz nur mit sich selbst beschäftigt, daß das scheue Heidegevögel – der Rohrschwirl, die Heidenelster und selbst der mißtrauische Heerwegvogel – kaum aufflogen von dem Nest oder von der Wurmsuche, streifte er auch nah an dem Verstecke von hohen Halmen vorüber, darunter sie duckten.

Im Westen, wo Asgardh lag hinter goldgesäumten Sommerwolken, ging die Sonne allmählich zu Rüste; langgestreckt fiel des einsamen Wanderers Schatte vor ihn; denn nach Osten trachtete sein Schritt: ostwärts liegt Riesenheim. Zu Ende verlief nachgerade das offne, weite Heideland; immer häufiger ward nach und nach, immer höher und zuletzt immer dichter allerlei Buschgestrüpp: zuerst noch das echte Gewächs der Heide: leuchtend gelb blühender Ginster und ernster, dunkelgrüner Wacholder, dann aber immer zahlreicher auch andres Strauchwerk: Rotdorn, Hasel, Weißdorn und Hagbuche, bis allmählich Buschwald begann, der nach Osten zu immer mehr in wahren Hochwald überging, – Urwald, der aus schwarzem Ursumpf emporstieg. – –

Vor dem Eingang dieses eigentlichen Waldgebiets stand, hoch aus dem niedrigen buschigen Heckicht ragend, eine alte, alte Esche: einer ausgestellten Vorwache vergleichbar blickte sie weit über das offne Land gen Westen hin; arg zerzaust war ihr Haupt vom Sturm, – wie das der Vorwacht wohl ergehen mag –; ein paar Äste, halb geknickt, verdorrten am Stamm; aber trotzig stand der Baum und stolz.

Wie der stille Wanderer auf Pfeilschuß heran war, strich ein großer dunkler Vogel ab vom höchsten Wipfelzweig: er gab nicht Ruf, wie wohl sonst ein Warner: lautlos zog er zu Walde, ganz langsam, nur selten mit den Schwingen schlagend.

»Dämmerig war's in dem dicht bestandenen, tiefen Gehölz: wie der Traurige hinter die ersten Stämme trat, verließ ihn der letzte Gruß der Sonne; ihn fror: fester zog er den Mantel um sich: aber ohne Zögern schritt er weiter, immer weiter. –

Der breite Wald war nie gelichtet worden: den Grenzhag bildete er zwischen Midhgardh und Riesenreich; aber ein zur Not kennbarer, obzwar schmaler Pfad durchschnitt ihn ziemlich gerade von West nach Ost, durch daneben gelegte Steine zuweilen gezeichnet; und das war gut: denn rings lag tückischer Sumpfgrund in dem Walde, hart links und rechts von dem erhöhter Steg. Gegen die Mitte der dunkelnden Baumwildnis hin ward das Gestrüpp und der Moorgrund immer schlimmer: abgestorbene, ertrunkene Baumriesen ragten zu beiden Seiten aus dem schweigenden, schwarzen Wasser. Dazu ward es immer finsterer unter dem dichten Laubdach der uralten Eichen, Eschen und Ulmen, deren Wipfel hoch über des Wanderers Haupt ineinander griffen; wenige Schritte nur konnte er den Weg vor sich übersehen.

So überraschte es den Sinnenden, der stets nur traurig auf den Boden vor sich niedergeblickt hatte, als er plötzlich vor einem Hemmnis seiner Schritte stand.

*

 

XXIX.

Das war ein ansehnlicher Hügel, der die ganze Breite des Weges sperrte: rechts und links davon gähnte der schwarze Moorgrund: mannshoch ragte daraus das Schilf hervor mit seinen grauen federähnlichen Blütenfahnen.

Ein mattes Licht glomm vor dem Aufstieg am Fuße des Hügels: es drang aus einem verlöschenden Hirtenfeuer; der Hirt, ein alter Mann, saß davor; ein wolfähnlicher Hund kauerte zu seinen Füßen, lang ausgestreckt, den spitzen Kopf auf den Vorderfüßen ruhend; oben auf dem von Eschen bestandenen Hügel saßen zwei große dunkle Vögel, einer davon war der von der Spähesche abgestrichne: hier hatte er wieder aufgebäumt. Dichtes Hartriegelgebüsch, finster, dem Blick undurchdringbar, und ein paar hohe Basaltfelsen füllten den schmalen Raum zwischen dem Hirten im langfaltigen dunkelblauen Mantel und dem Fuße des Hügels; sacht, seltsam knurrte der hochbeinige Hund, seltsam krächzten zu seinen Häupten die Vögel: da erkannte Skirnir, daß es Raben waren.

Der Alte rührte sich nicht; regungslos saß er, das Haupt, vom schwarzen Schlapphut die Stirne beschattet, vornüber gebeugt, gelehnt auf seinen langen Hirtenstab: denn das war doch wohl der stattliche Schaft: die Spitze war freilich über der Schulter im faltigen Mantel verhüllt.

Skirnir schritt vorwärts, ganz im gleichen Schritte wie bisher, als ob Hirt und Hund und Hügel nicht wären; langsam sprach er: »Hebe dich, Hirt, der am Hügel du hausest und wachest des Weges, heb' dich von hinnen.«

Kaum merklich hob der das Haupt, dabei den Hutrand noch tiefer über das eine Auge rückend und ohne sich zu regen, erwiderte er: »Eilt es so arg, junger Gesell?«

»Es eilt.« – »Doch nur langsam kamst du des Weges.« – »Aber unaufhaltbar.« – »Als ob du schwer trügest.« – »Mein Gepäck ist schwer. Nicht leicht sind schwere Gedanken.« – »Mancher weiß seinen Weg, doch nicht sein Ziel.« – »Ich weiß mein Ziel! Besser als meinen Weg.« – »Und den Rückweg?« – »Nicht jeder Weg hat einen Rückweg.« – »Wohin willst du, Wandrer? Suchst du Gymirs Gehege? – denn gerade dort, hin zieht von hier sich der Steig über den Hügel. – Solltest du nach schön Gerdha begehren? Dann bist du so gut wie gestorben: grimm sind die Riesen, welche die Holde behüten.« – »Wer gefaßt ist zur letzten Fahrt, der zögert, zaudert und zagt nicht.« – »Wohl anders redetest du, gewännest du Gerdhas Gunst. Schön ist die Schimmernde und wert ist sie wahrlich, um sie das liebe Leben zu lassen. Auch ich war einst jung, junger Gesell. Ich schelte dich nicht, willst du um die Wonnige werben.« – »Nicht für mich! – Laß mich vorbei!«

»Doch« – und hier traf ihn, dessen Gesicht das Feuer bestrahlte, während der Alte im tiefen Schatten saß, ein Strahl des Auges wie ein durchbohrender Pfeil – »wenn du nun gar nicht zu werben mehr brauchest? Wie, wenn sie dich schon liebt? – Rotkehlchen, das neugierige Wichtlein, sang mir vom Wildrosenbusch herab: ›seit Monden geht Gerdha verträumt umher, seit zuerst auf der Walstatt sie Einen gesehen‹ . Aber welchen? Wie, wenn sie nun dich heimlich heget im Herzen? Schön ist dein Antlitz, wohlgetan steht dir die Gestalt.«

Aber der Jüngling schüttelte die braunen Locken: »Wie käme mir solch' Glück!« – »Solch' Glück?« schnell und scharf kam die Frage. – Erschrocken fuhr Skirnir zusammen: »Nein – du fragst mit Recht! – solch' Unglück!« – »Und wenn nun aber doch? Was dann?«

»Dann – dann – ...« sein Auge leuchtete kurz auf. Allein gleich darauf schloß er, langsam vor sich hinredend und traurig: »dann würde ich es ihr ausreden. Würde ihr sagen: ein andrer lebt, der ist soviel mehr wert als Skirnir, soviel mehr deiner Liebe wert als ich – wie – wie Asgardh glücklicher ist als ... das Elend der Erde.«

*

 

XXX.

Da rührte sich der Alte zum ersten Male: zufrieden nickte er mit dem gewaltigen Haupte und strich mit den Fingern durch den wirren grauweißen Bart: »Wacker gesprochen. Das verdient redlichen Rat. – Um den Rückweg nicht sorgt, wer da auszog, zum Tode bereit: aber wer andre geleitet?« Staunend sah Skirnir auf den Alten: »Du redest weiser als du ahnen kannst. Aber das ist doch der nächste Weg nach Gymirs Gehöft und Gehegen?« – »Der nächste, doch nicht der beste. Der beste – merke! – der sicherste zieht nicht nach Westen, zieht von seinem Hof aus nach Süden in diesen Wald.« – »Warum der sicherste?« – »Du wirst es finden, kehrst du je zurück. – Aber wenig hold ist man dort den Gästen aus Midhgardh. Die Riesen sind –« – »Ich fürchte sie nicht. Ich suche den Hof.« – »Dann hast du Unglück.« Der Alte lächelte und blinzelte mit dem allein sichtbaren Auge. »Sie sind nicht bei Hofe: Beli baut und Steingrimr der Starke an dem Grenzwall der Thursen. So raste bei mir, bis die Männer zurück sind.«

»Ich fürchte sie nicht, doch auch such' ich nicht sie. Laß mich vorüber.«

Aber der Graubart wich nicht von der Stelle; mit dem Schaftende seines Stabes ritzte er langsam Zeichen in die dunkle feuchte Walderde, die unter den Eschenwurzeln sichtbar ward: »eilt es so arg?« wiederholte er. »Was immer du in Gymirsgardh ausrichtest in der Hofherren Abwesenheit, – hofft nicht, zurückzugelangen, ohne daß sie dich einholen. Der Alte auf der Herdbank hat das Rufseil stets zur Hand: reißt er, – gar rasch sind die Riesen zur Stelle.«

»Ich weiß.« – »Waglich ist der Weg, den du wanderst.« – »Ich weiß!« – »Wenig weise wähn' ich den Mann, welcher die Warnung wirft in den Wind! Stark sind die Steine, die Steingrimr wirft. Und ein Held, ob ein Riese, – nicht lieb' ich sie wahrlich! – ist Beli, der Bräutlichen Bruder!« – »Sage für wen hütest du, Hirt, wenn nicht für die Riesen?« – »Ferne rasten die dunkeln Rosse, die auf hohem Berge ich hege. – Aber mich jammert um Gerdha.« – »Warum?« – »Wartete deiner wirtlich die Weiße – so ist ihre edle Art! – und kommt der Bruder dazu, wird er sie züchtigen: darfst du das dulden?« – »Ich schütze sie!« – »So? Womit? Wo sind deine Waffen, den Wilden zu wehren?« – »Er hat recht!« sprach Skirnir zu sich selbst, klagend. »In mein Weh versunken, um meine Rückkehr nicht besorgt, bedacht' ich nicht genug –: sie, sie muß ich ja zu ihm geleiten, wenigstens: sicher ihm senden.«

»Unter dem Mantel wohl birgst du sie weislich,« begann der Wirrbart aufs neue, »wie vorsichtigem Wanderer ziemt: ›denn in der Fremde befällt rings dich Feindesgefahr,‹ so sang ja warnend in seinem hohen Liede der Wegfärtigen Gott.« Aber trübe lächelte der Jüngling und schlug mit beiden Händen den flutenden Mantel weit auseinander; da stak nur ein kurzes Dolchschwert – nackt ohne Scheide, – in seinem Wehrgurt. – »So willst du die Riesen bestehe«? – Nie kehrst du zurück!« – »Wohl möglich,« meinte Skirnir. – »So willst du Gerdha beschützen?« – »Ach, du hast recht, Alter!« seufzte der Ratlose. – Zuweilen, leider nicht immer,« meinte der und griff hinter sich in das Gebüsch und hinter die Basaltsteine. »Sieh, da hab' ich einen trefflichen Eschenspeer. Ich vertausch' ihn dir gern.« – »Ich ... ich trage weder Ringe mit mir noch Wat; doch lebt mir ein reicher Freund, der würde wohl für mich bürgen.« – »Wo?« – »In ...! Weit von hier.« – »Pah,« sprach der Alte kopfschüttelnd, »dann frommt er uns nicht. Den Bürgen muß man haben, um ihn zu würgen! Aber wir werden schon finden, was du mir dagegen leistest. Doch der Speer verfliegt auf Einen Wurf. Das Schwert ist treu wie die Hand selbst.« – »Ich habe ein gutes Kurzschwert: – hier.« – »So? Gib einmal her!« Der Alte nahm die starke Klinge, die der Jüngling ihm reichte, zwischen Daumen und zwei Finger seiner knochigen, sehnigen, magern Hand, die dem Fange des Adlers vergleichbar, drückte daran, bog sie und warf sie, in zwei Stücke gebrochen, seitab in den Sumpf.

»Was tust du?« schalt der Wandrer.

»Ich waffne dich. Da liegt schon lang in dem Hügel ein treffliches Langschwert aus Saxland. Der Held, dem es zu eigen war, und dem sie's mitgegeben, schwingt ein besseres oben in Walhall. Die Klinge beißt: denn eine lebende Natter ward in die heiße Spitze geschmiedet. Wölundr hieß der Schmied, der es schuf. Da! Nimm es.« – »Dank! Aber wie zahlen?« – »Ich schenke nichts her. Das wissen gar viele speertote Männer. – Jedoch wie willst du dich der Steine erwehren, welche der ungetüme Sohn Hrungnirs schleudert? Felsen wirft er, wie Knaben flache Kiesel zum Tanzen werfen auf die glatte See. Der beste Schirm ist dem Manne der Schild. Da schlummert mir einer unter dem Moose: das ist der beste Schild auf Midhgardh gewesen. Helgi einst trug ihn, der die Hundinge schlug. Vierfach überzieht ihm Elchhaut das Getäfel der Eiche. Weichest du, wirf ihn über den Rücken. Da!« – »Dank! Nie im Leben kann ich's vergelten!« – »Aber nach dem Leben vielleicht! – – Und endlich: der Helm da! Er gleißt und verrät dich. Und wenig doch schützt er. Mit meinem Stab hier durchstoß ich ihn leicht.«

Mit raschem Ruck schwang er, bevor der Erstaunte sich dessen versah, den langen Schaft aus dem Mantel, drehte ihn wirbelnd in der Faust und stieß die verborgene Spitze ganz leicht gegen den Helm: der zersprang wie ein Möwenei beim Druck eines Fingers: Skimir aber sah nun, das war kein Hirtenstab, das war ein Speer.

»Besser als der schreiende Helm ist die stille dunkle Kappe hier.« Der Alte griff in seinen weiten Mantel und holte daraus hervor eine seltsame ungestalte Verhüllung aus ganz weichem nebelgrauem Fell, stand plötzlich auf – hoch überragte er den schlanken Skirnir – und zog ihm die eng anliegende, weiche, dehnbare Mütze über Hinterkopf, Stirn und Nase bis an den Mund: nur die Augen fanden zwei gar schmale Schlitze, gerade noch genügend, hindurchzugucken.

»So! – Nun aber gib mir die Hand,« lachte der Hirt behaglich in sich hinein. »Sonst verschwindest du mir. Es wird auf einmal gar dunkel.« – »Dank! Aber wo – wo find' ich dich wieder – oder mein Bote – dir's zurückzugeben?«

»Ich wandere weit über die Wege der Welt. Wir finden uns wieder.« – »Und – noch einmal – wann zahlen?« – »Im Tode – nach dem Tode! Nun fromme dir die Fahrt nach Gymirs Gehegen.«

Schon schritt der Alte weitaus gen Westen: sein langgestreckter Hund trabte ihm voran, – unglaublich rasch trabte der! – aber langsam, langsam flogen über seinem Haupte die beiden Raben: bald war er in Wald und Heide verschwunden. – – –

Wie Skirnir nun über den Kamm des Hügels stieg, merkte er, daß ihm die Tiere des Waldes nicht auswichen. Ein rotes Eichhorn, hell von dem zum letztenmal noch aufflackernden Feuer beleuchtet, blieb aufrecht vor ihm sitzen mitten auf dem Schmalpfad und nagte ruhig weiter an der Schale der Haselnuß, die es zierlich zwischen beiden Vorderpfötlein hielt, bis er es mit der Fußspitze berührte: da huschte es, fauchend und kollernd, den Stamm der nächsten Ulme hinauf.

Da erkannte der Jüngling, was das für eine Kappe war, die er auf dem Haupte trug, und wer der Hirt gewesen, der sie ihm geliehen: nur so viel greisenhafter hatte der Mann ausgesehen als ... »Odhin von Asgardh,« rief er sich wendend. »Danke dir, Hoher! – Zwar den Nachruhm der Heldenschaft wird sie mir mindern, solche Zauberhilfe. Aber das Gelingen wird sie mächtig erleichtern. Und nur eins ist notwendig: des Freundes Genesung. Darin liegt alles, auch Skirnirs Ruhm und Ehre.« Und rascheren Schrittes ging er nun vorwärts, den Hügel hinab, tiefer in den Wald, in die sinkende Nacht, in das Grauen.

*

 

XXXI.

Wie die Morgensonne über die Ostberge schaute, stand der Jüngling vor Gymirs Hofwere; der Frühtau war durch die weiche Hülle gedrungen und lag auf seinem dunkeln Haar, auf dem ein wenig helleren Flaumbart, der ihm die schmalen Wangen umsäumte.

Vorsichtig hatte er hinter den letzten Bäumen des Waldes, sobald er des Gehöftes ansichtig geworden, hervorgelugt, ob die Hofherren, ob ihre Knechte sich zeigten. Aber keiner von ihnen machte sich merkbar. »Soll es gar nicht zum Kampfe kommen?« Trübe sagte er das, während er über die feuchte Wiese hin auf den Zaun der Vorderseite des Hofes zuschritt.

Da ward die breite Haustüre des Wohngebäudes von innen aufgestoßen und auf die Schwelle, ihm gerade gegenüber, trat Gerdha heraus, in weißem Gewände, das wellige lichte Braunhaar gelöst. Sie hob die beiden herrlichen nackten Arme nach oben, der klimmenden Sonne entgegen, und andächtig sprach sie:

»Ich neige dir, Frau Sonne!
Gib Gerdha Gutes!
Betaut ist der Tag: –
Ein erfreuender Anfang!
So sende mir Segen,
Sel'ge Frau Sonne!«

»O wie schön, wie wunderschön sie ist!« flüsterte der Lauscher verzückt vor sich hin. »Nur noch eine kurze Weile – einmal noch! – mich ihres Anblicks sättigen, unverstört! Zum letztenmal! Denn nehm' ich die Hehlkappe vom Haupt und richt' ich meine Botschaft aus: – niemals – wie immer der Ausgang – schau' ich sie wieder!«

Und wirklich war das junge Weib so schön, daß Himmel und Erde wiederzustrahlen schienen von ihrer Schöne.

Er stand und schaute und schaute, bis sie sich seitwärts wandte, die Stirnseite des Hauses entlang schritt und um die Ecke bog nach der Türe des Stalles. Nun eilte Skirnir durch das breite Wagentor des Holzzaunes in den Hofraum: er nahm die Tarnkappe ab und barg sie im Wehrgurt: »ich darf sie nicht jäh erschrecken,« dachte er, »auch nicht gleich von Anfang durch Zaubergewande verraten, wer die sind, die mich senden.« So blieb er nahe dem Zauntor stehen, ihrer Rückkehr harrend.

Alsbald erschien die Strahlende wieder und nun war ihr Anblick, das Bild, das sie darbot, noch lieblicher denn zuvor. Denn sie führte gar zärtlich ihr milchweiß Rößlein an der lockigen Mähne, die wunderschöne, weich gerundete Hand ganz darin vergrabend: das junge Tier wieherte fröhlich der frischen Morgenluft entgegen.

Da erschaute das Mädchen den Fremdling, der, hoch aufgerichtet, den ragenden Speer auf der Schulter, regungslos vor ihr stand.

In dem klaren Antlitz ließ sie keine Spur von Überraschung merken: und daß sie in rascher Bewegung die linke Hand auf den plötzlich hoch wogenden Busen gedrückt hatte, – das war ihm unsichtbar geblieben: der Hals des Rosses hatte es verborgen.

Sie ließ das Tier an der Mähne nun los und schob es gegen die Hecke innerhalb des Zaunes hin, wo es an den zarten jungen Trieben zu nagen begann; sie sprach, ihm fest in die Augen sehend: »Abermals in Gymirs Gehegen, Skirnir? Bist du müde, zu leben? Nicht ein zweites Mal kann ich dich retten. Doch tritt in die Halle, – bald kommen sie zurück – daß du rasch den Herdfrieden gewinnst.«

Aber regungslos blieb Skirnir stehen, die dunkeln Augen so ernst auf sie gerichtet, daß sie erschrak. »Du willst nicht in das Haus?« – »Nein. Ich suche nicht den Frieden dieser Halle: ich kam, ihn zu brechen.« – »Hüte dicht« rief sie, hastig einen Schritt zurückweichend. Aber er folgte ihr, langsam. »Was suchst du hier?« – »Dich.« – »Was willst du von mir?« – »Dich selbst.« – »Verwegener!« Glühend Rot schoß ihr in die Wangen, ihre lichtblauen Augen sprühten Blitze, die feingeschnittenen Nasenflügel zuckten, sie zog die stolz gewölbten starken dunkelfarbigen Brauen streng zusammen: berauschend schön war sie in ihrem Zorn.

Er sah es! Er sah es mit tausend Schmerzen: dann begann er traurig das Haupt schüttelnd: »Nicht für mich wahrlich, den armen Erdenmann ...«

Da brach Skirnir verwundert ab: er staunte gar sehr über die Wirkung seiner Worte: völlige Wandlung trat ein in dem schönen Antlitz: es verlor plötzlich alle Farbe: milchweiß wurden die eben noch zornglühenden Wangen, verschämt senkte sie die langen, dunkelschattenden Wimpern und ein wunderselig Lächeln spielte um den kirschroten vollen Mund.

Skirnir sah das alles: aber, unkundig der Frauen, erriet er nichts weiter: er erkannte nur, sie grollte nicht mehr. Zuversichtlicher trat er wieder einen Schritt näher und sprach – nur ganz leise zitterte es wie verhaltens Weh durch seine weiche wohllautende Stimme: »mich senden zu Gerdha die Asen von Asgardh, mich sendet zu dir der schönste der Götter, Freir ... –«

Da schlug sie groß die Augen auf; sie leuchteten vor Glück und Glanz.

»Um deine Hand für ihn zu werben. Hör' es, Gerdha: Freir verlangt dich zum Weibe.« – »Ah!« brach es da wie ein Jauchzen aus dem aufatmenden Munde; sie schlug die beiden lichten Hände vor die Augen: leise zitterte dabei das schöne Haupt und die wogende Brust. –

Da kam das Weißroß, aufgeschreckt durch den Schrei der Herrin, vom Zaune her in hohen Sprüngen und schob zutraulich den Kopf auf ihre Schulter. Sie ließ die erhobnen Arme nun auf seinen Hals gleiten: »du hast recht, Hvitchen!« sie streichelte ihm den glatten Bug: »du mahnst an die Heimat.«

Aber der Bote drängte: »Welchen Bescheid auf Freirs Werbung gibt Gerdha? Guten, so hoff' ich.« – »Keinen Bescheid gibt Gymirs Tochter, des Riesen. Es ist ja doch nur Hohn!« – »O Jungfrau, sieh mir ins Auge. Ist es Hohn, was daraus zu dir redet?«

So ernst, so traurig, so rührend schaute das dunkle Auge, – – milder gab sie zur Antwort: »du stammest aus Midhgardh, wie – zur Hälfte – ich selbst: ich glaube dir: du meinst es ehrlich mit Gerdha. Aber von Asgardh die Argen! Wann einer der Übermütigen zu ihr kam, unsres Volkes manche Jungfrau lächelte schon; wann er dann schied, dann hat sie geweint, geweint alle Tage, die sie noch lebte.« »Niemals wird Freir scheiden von dir, nie du von ihm! Nicht hierher ja kommt er zu flüchtigem Besuch: er entbietet, er ladet, er holt dich durch mich hinauf in Asgardhs goldene Säle, dort bei ihm zu wohnen, sein Weib immerdar.« Wieder zog jenes selige, so verschämte, und doch so freudigstolze Lächeln um ihren Mund: »Sein Weib. – Sein! Doch: er hat mich nie gesehen!« – »Doch! – Einmal. Das genügte. Ich zeigte dich ihm. Und auch du hast ihn ja gesehen. Einmal oder ...?« – »Einmal. Das genügte. Ich erschrecke sonst nicht: doch damals erschrak ich.« – »Vor Furcht! Auf dem Schlachtfeld.« – »Nicht vor Furcht!« lächelte sie verträumt. – »Ich weiß nicht: – doch süß war der Schreck. Aber,« fuhr sie aus dem Sinnen empor, »das Schlachtfeld! Dies Wort warnt zur rechten Zeit. Dort – dort!« rief sie, den weißen Arm ausstreckend nach Westen. »Wo so viele unsres Volkes erschlagen lagen! Zu Hauf getürmt lagen die Toten! Und darüber hingestreckt: mein eigener Vater! Ah,« schrie sie plötzlich grell auf, »es ist ja unmöglich! Wer weiß, ob nicht er ...? Soll ich die Hand erfassen, die meinen Vater schlug?« – Da sprach Skirnir laut und fest: »Nicht Freir hat Gymir getötet.« – »Nicht?« jubelte sie und strahlend traf ihn der Glanz des lichten Auges. »Wirklich nicht? O du Guter, du meinst es treu?« – »Ich meine es treu.« – »Täusche mich nicht – lüge nicht!« – »Ich lüge nie. Ich stand ganz nah. Freir schwang das Sonnenschwert –« – »Von Speerwurf fiel der Vater!« atmete sie auf. »Wer warf jenen Speer? Du etwa?« – Sie schauderte zurück. – »Nein,« sprach er innig, »dies Ärgste, Gerdha, dies Allerärgste blieb mir doch erspart. Du brauchst mich nicht zu hassen.«

»Wer aber? Wer?« – »Ich sah es genau. Wohl kannte ich Gymir aus manchem Gefecht. In der Reihe gegen ihn und die Seinen standen Odhin, Freie und Tyr –«

»Jawohl, jawohl,« bangte sie. »So sagt der Bruder!« – »Und fochten im Vorkampf ...« – »Ein Vierter stand aber dabei.«

»An Freirs schildlosem Arm, wie immer: – ich. Doch hinter uns im Eibengebüsch kauerte Loki. Zwischen uns durch flog sein Speer und Gymir fiel.« – »Der Verhaßte! und ihn sollte ich da oben ...?« – »Nie wirst du Loki schauen in Asgardhs goldenen Sälen. Seine Tücken wurden erkannt. Friedlos gelegt floh er in Wildnis aus. Freie war's, der ihn vor Siegvater übler Ränke verklagt und sonnenklar überführt hat.« – »Dank! – Dank ihm! – Und dir!« – Sie reichte ihm – zum erstenmal – die Hand hin.

Aber traurig schüttelte er das edle Haupt: »Nicht fass' ich deine Hand, o Herrin, nicht rühr' ich an dich – ich hab' mir's gelobt – bis ich dich Freir gebracht, deinem Gemahl. – Nun horch auf, wie er wirbt: elf Äpfel, allgolden, Idunen zu eigen, beut er der Braut. Ewig erneun sie, verjüngend, die Jugend, auf daß du, unalternd, wie Freia und Frigg und die Himmlischen all, nie endender Freuden mit dem Gatten genießest.«

Aber das Mädchen schüttelte das Haupt: »Die elf Äpfel, allgolden, nehme ich nicht! Um keines Mannes Liebe! Und nie mögen wir beide, Freir und ich, beisammen sein, solange wir atmen. Mein Blut zieht mich hinab zu Riesenreich.« – »Aber deine Schönheit,« rief der Jüngling in ausbrechendem Gefühl, »trägt dich sieghaft empor, wohin du gehörst: zu den unendlich schönen, den seligen Göttern!« Lebhaft war er einen Schritt vorgetreten.

Verwirrt, leicht erschrocken sah die Jungfrau zu ihm hinüber.

»Vergib,« stammelte er, Schamröte auf der Stirn, »ich sprach ja nur in seinem Namen!« – »Nein,« wiederholte sie zögernd. »Des Thursen Tochter ...!« – »Aus Midhgardh stammt dir die Mutter. Mehr, mein' ich wahrlich, ward dir zu eigen von Menschengemüt als von rauhen Riesen, o Königskind du von Thule! Daghelm, deinen Großvater, der im Kampfe für Odhin gegen die Riesen fiel, wirst du in Walhall strahlend schaun. Mit offnen Armen schreitet er der Enkelin entgegen. Gehörst du näher als zu ihm, der dort noch leuchtend unter Thules Krone geht, zu jenem blöden Alten auf der Herdbank dort? Willst du das Weib werden seines rotborstigen Sohns?« – »Nie!« – »Sie werden dich zwingen.« – »Nein. Mein Halbbruder – ich dank' es ihm tief – wird mich nicht zwingen.« Traurig dachte sie, wie er sie doch nur einem Riesen geben wollte: aber ruhig klang ihre Stimme, da sie fortfuhr: »unvermählt werd' ich sterben.«

»O Gerdha,« flammte Skirnir leidenschaftlich auf. »Du! Soll so viel Schöne ungepflückt verblühn? Freudlos schleichen die Tage alterndem Weib ohne Mannesminne – ohne Erinnerung sogar! ›Die preis ich selig‹ – so lehrte die liebe Mutter mich einst – ›die, ob auch nur einmal, – beglückt und beglückend – in Mannes Arme geruht, die da selig gefühlt, daß sie einmal – und wär' es nur einmal! – den Geliebten in Wonne berauscht. Des mag sie dann immer, beim Erwachen und beim Entschlummern, stolz, froh und befriedet gedenken: höchstes Weibes Glück ist ihr geworden, denn den Geliebten hat voll sie beglückt.« So lehrte die Mutter. Ich ... weiß es ja nicht; aber eins weiß ich, darf ich erinnern: willst du verdorren, der vertrocknenden Blume vergleichbar, die, auf dorrendem Glutsand erwachsen, nicht leben kann und doch auch nicht sterben? Hart ist ihr Los. Einsam und öd und ungeduldig, leer, im lechzenden Durste des Sehnens, nährt sie Mißgunst und Neid. Und nun du, o Gerdha! Sahst du niemals dein Bild in spiegelndem Quell? All' dieser Reiz soll welken, keinem zur Freude? Denke dich dagegen: sein Weib! Seines! Des Strahlendsten der Götter! Goldig wogt ihm das lange Gelock, es leuchtet sein Auge und ...« – »Laß ab,« sprach sie, leicht die linke Hand erhebend. »Ich hab' ihn ja gesehn!« – »Wie kannst du noch zögern? Weshalb ...?« – »Sprich,« erwiderte sie, hold errötend, »ist ihm also zu Sinn: – ich zweifle nicht, du redest die Wahrheit: denn« und nun sah sie ihm voll in die edeln Züge – »nie sah ich glaubwürdiger Antlitz: du hast so treue Augen! – Aber ist es dem Werber ernst, – weshalb sendet er dich? Weshalb« – hier zögerte sie eine Weile, dann vollendete sie rasch – »weshalb kömmt er nicht selbst?« – »Weil er krank liegt, siech bis zum Sterben.« – »Ah! Ah! Weh!«

Mit lautem Aufschrei trat sie, beide Hände hoch erhoben und ausgespreitet, ganz nah an den Boten heran.

Der öffnete weit die erstaunten Augen. »Das war mehr als Mitleid,« sprach er kopfnickend zu sich selbst.

»Krank?« stöhnte sie. – »Er! – Was ...?« – »Liebeskrank. – Liebessiech bis zum Sterben. Ich – ich zeigte dich ihm! Wie er zuerst dich erschaut, fiel er in meine Arme, wie blitzgeschlagen. Seither liegt er regungslos. Und also entschieden die Runenlose: er stirbt! Nie wieder wird er vom Lager sich heben, legt sich nicht Gerdha ihm liebend – nicht aus Erbarmen! – ans Herz. So ist es. Ich eid' es. Bei Odhin ... – nein, – bei dem Allerheiligsten: bei dem Licht deiner Augen.«

Eine kurze Weile noch zauderte die Jungfrau. Sie hatte die lichten Hände ineinander gerungen und sah starr mit gesenkten Augen zur Erde. – »Sterben?« fragte sie tonlos. »Sterben – um mich?« – »Das ist sein Los: Tod oder du.« – »Gehen wir!« rief sie plötzlich, hoch sich aufrichtend. – »Aber – merk' es wohl! – nicht aus Erbarmen! Warum willst du sein werden? Sprich!« – »Weil ich ihn liebe – über alle Maßen! Namenlos!« jubelte sie laut. – Da schlug er die dunkeln Wimpern nieder: »Ja. – – Wie muß sie ihn lieben, mir, dem Fremdling, das zu sagen! – – Komm,« sprach er ruhig, »steig' auf dein Pferd. Es eilt ihm.« – »Gleich! Gleich!« – Sie warf einen feuchten Blick hinter sich auf die Halle, in der sie groß gewachsen war. – »Komm! – Er leidet. – Laß alles dahinten.«

»Alles, – bis auf der Mutter letzte Gabe.« Sie war im Hause verschwunden.

Er sah ihr lange schweigend nach. »Über alle Maßen! Namenlos!' – Ist's nicht zu viel des Glückes, auch für einen Gott? – Schweig, neidisch Herz. Sei begnügt, daß gerade du, dein törichter Wahn sie zusammenführen durfte. Gerdha und Skirnir: Licht und Blindheit! Ich bringe sie dem, zu dem sie gehört.«

Er griff das Roß an der Mähne mit der Linken, löste mit der Rechten den weichen Mantel von der Schulter und glättete ihn. als Decke über des Tieres Rücken; dann führte er es an die Bank vor dem Hause: »hier mag sie aufsteigen. Ich ... berühre sie nicht. – – – Und dann, wann ich sie sicher an seine Brust gesendet, – dann zuschauen? – Nein! – Lieber wieder erblinden; – diesmal: für immer! – Wo bleiben sie, die tapfern Riesen?«

Er sah umher: da erblickte er aus dem Fenster zum Dache hinaufführend ein Seil. – Er nickte. –

Schon trat Gerdha aus der Türe. »Nur diesen halben Armreif der Mutter nehm' ich mit: die andre Hälfte schläft, um ihren Arm geschlungen, in ihrem Hügelgrab. – Nun, Hvitr, lauf, mein Rößlein.« – Sie schwang sich von der Hofbank auf den Rücken des Tieres, das lustig mit dem Vorderhuf auf den Sand hieb. »Komm nun, du treuer Bote.«

»Ich komme,« sagte der und riß aus voller Armeskraft an dem Seil. Ein donnergleiches Gepolter erkrachte oben auf dem Dache.

»Was tust du?« rief das Mädchen entsetzt. »Du rufst die Riesen herbei.« – »Sie sollen nicht sagen, daß Skirnir dich stahl. – Lauf, Rößlein!« – »Du sitzest nicht hinter mir auf? Halte dich an mir. Es ist Platz.«

»Nicht mein Platz! – Vorwärts!«

Und die Rechte in die Mähne des Rosses schlingend und sich fest daran haltend sprang er zu Fuß neben dem rasch ausgreifenden Tiere her. Er stockte nie, blieb nie zurück. Aus der offnen Hoftüre schossen wie Pfeile Roß und Mann.

Gerdhas Haar flatterte gelöst im Winde nach, einem leuchtenden Sterne vergleichbar: denn scharf war der Ritt und der Westwind blies lebhaft entgegen.

*

 

XXXII.

Bald vor dem Hofe verließ Skirnir die Richtung, aus welcher er gekommen, und schlug den von dem Hirten ihm geratenen Weg nach Süden ein. Aber nicht gar weit waren die Flüchtlinge gekommen, da hörten sie hinter sich ein mächtig Schreien.

Erschrocken wandte Gerdha das Haupt. »Weh mir!« rief sie. »Schon folgen sie uns! Was hast du getan!«

»Was ich mußte,« erwiderte Skirnir, der, ohne in seinen weiten Sprüngen einzuhalten, nur kurz umgeblickt hatte. »Rascher, Rößlein, rascher!« Und er schlug dem feurigen jungen Tier freundlich ermunternd mit der flachen Linken auf den glatten Bug: laut wiehernd griff es noch stärker aus.

»Wir sind verloren!« klagte Gerdha. »Ach und dann auch Er.« – »Gerettet bist du gleich. Und dann – auch Er. – Lauf, Rößlein!« Der Weg, der zuerst durch mooriges Wiesland geführt hatte, ward jetzt – schon lange vor dem Wald – ein schmaler Steilpfad, eine Art von Hochdamm: auf beiden Seiten abgrundtiefer Sumpf, darin Mensch und Tier weder schwimmen noch waten mochte; viele Rasten weit dehnte sich das so hin: zu umgehen war der hohe Engstieg nicht.

Nur auf der gerade entgegengesetzten Südseite mündete er auf festem Waldboden: von da ab ward er zu breiterer Straße.

Aber noch hatten sie den langen Schmalweg nicht durchmessen, da schlug haarscharf neben dem Rößlein zur Rechten ein furchtbarer Felsstein platschend in den Sumpf: hochauf sprang und spritzte das schwarze Wasser.

»Das war Steingrimr!« rief das Mädchen. »Das galt mir.« – »Verfehlt!« brüllte es hinter ihnen. »Eher zerwerf' ich der Hausflüchtigen jeden Knochen im weißen Leib, eh' ich sie dem Menschengewürme gönne.« Gerdha schauderte leicht. »Fürchte dich nicht,« rief Skirnir zu ihr hinauf, »gleich bist du geborgen.«

Aber da erdröhnte auf seinem Rücken ein Krach und er stürzte vornüber. Wenig fehlte und er wäre in den bodenlosen Sumpf hinab getaumelt. Doch er hielt sich mit starker Hand fest an der Mähne des Rosses und richtete sich wieder auf. »Was war das?« – »Ein Speerwurf.« – »Speere wirft mein Bruder! Das galt ...«

»Mir. Der Schild auf meinem Rücken ist treu. Der Speerschaft brach: hier ist die Feuersteinspitze. – So! Nun bist du gesichert. Spring' ab!« Er verlangte so heiß, sie vom Pferde zu heben, einmal nur die schlanke Gestalt zu umfassen: aber er bezwang sich; ohne die Hand nach ihr auszustrecken, blieb er ruhig vor ihr stehen und wartete, bis sie – ohne seine Hilfe – herabgeglitten war.

Sie standen nun an dem Eingange des Waldes, an dem Ende des schmalen Hochpfades durch den Sumpf. »Das Rößlein muß jetzt ein wenig verschnaufen, muß trinken – dort rinnt ein Quell aus dem Moose! –: sonst kann es dich nicht weiter tragen.« – »Aber einstweilen ...?« – »Sorge nicht. Sie kommen nicht herüber in den Wald. Aber damit dich nicht von ferne her des wütenden Tölpels Geschosse treffen – er wirft wirklich recht weit! – da: nimm diese Kappe! Ziehe sie über das Haupt.«

Noch einmal sog er mit heißen, brennenden, durstigen Augen in sich den weichen, den unendlichen Liebreiz der ganzen Gestalt: – – »nun leb wohl, Gerdha! Die Kappe macht dich unsichtbar: ich schaue dich dann nicht mehr.« – »Du begleitest mich nicht weiter?« – »Ich bleibe hier. Ich darf sie nicht über den Hochdamm lassen.« – »Dank! Noch eins!« – »Was befiehlst du, Herrin?« – »Mein Bruder! – Er war immer gut gegen mich. Du darfst ihn nicht töten. Schone sein! Um jeden Preis.«

»Um jeden Preis?« wiederholte er. »Außer dem einen,« dachte er bei sich, »daß sie zu dem Geliebten gelangt; also ist das gemeint!« – »So!« rief er nun wieder laut, »das Roß hat genug getrunken. Reite nur stets geradaus durch den Wald, dann draußen auf der Heide gen Mittag. Bald gelangst du so an einen hohen Berg. Ein Regenbogen wölbt sich über ihn. Dort nimm die hehlende Kappe vom Haupte – vergiß das ja nicht! – hörst du? – Dann rufe: ›Heimdall, hier steht Freirs Braut.‹ Und gar bald wirst du an seinem Herzen ruhn. – Leb wohl, Gerdha!«

Laut rief er ihr dies Lebewohl nach: denn schon war sie seinen Augen in die leere Luft entschwunden; schon hörte er die Hufe ihres Pferdes fern und ferner auf den harten Wurzeln des Waldwegs klappen ... immer schwächer ... jetzt verhallen ... –

Da sprang er zurück auf den schmalen Hochpfad und lief den Verfolgern eine Strecke darauf entgegen.

*

 

XXXIII.

Nun machte er Halt, warf den runden Schild vom Rücken an dem langen Riemen herum auf den linken Arm, zückte mit der Rechten den Eschenspeer und füllte, breit sich dehnend, den linken Fuß unter dem Schilde vorgestemmt, den ganzen Raum des engen Sumpfsteiges. Es war Zeit. Denn die Riesen waren da. Beide hatten vom ersten Tagesgrauen an geschanzt an dem Thursenvirke, das hier Midhgardh bedrohen, Riesenreich aber schließen sollte.

Es lag der Ort nicht gar zu weit nördlich von ihrem Gehöft; gewaltige Felsmassen von Urgestein türmten und fügten sie da neben- und aufeinander, ohne Mörtel, nur die Zacken und die Vertiefungen ineinander passend; ihre Waffen hatten sie zu der Arbeit weislich mitgenommen: denn nahe war die Grenze der Feinde.

Das Notzeichen von dem Dache der Halle her hatte sie aufgeschreckt von ihrem Werk. Aufblickend erkannten sie Gerdhas Gestalt, auf ihrem weißen Rößlein davon jagend gen Süden, und einen Menschenmann, der an ihrer Seite dahin sprang. Brüllend vor Wut hatte Steingrimr mit jeder Faust einen Felsen, die größten, die zur Hand lagen, aufgegriffen. Aber Beli, der stumm blieb, – nur ganz bleich war er geworden vor tödlichem Zorn – erkannte, daß er zu Fuß die Reiterin nicht einholen könne: so lief er auf die nahe Roßweide der Riesen, wo deren mächtige Pferde – halb wild – grasten.

Steingrimr sah ein, daß der Vetter recht habe und folgte seinem Beispiel. Darüber verstrich einige Zeit: denn nicht sofort gelang es, die scheuen und bösen, schlagenden und beißenden Hengste zu greifen.

Steingrimr war zuerst auf eines mächtigen Tieres Rücken gesprungen: – ein Brandfuchs war's –: vom Gaule herab hob er die beiden schweren Felsstücke wieder auf, die er einstweilen hatte fallen lassen müssen, und er jagte nun den Fliehenden nach, je einen Fels mit jedem Arm an die Brust drückend, nur mit den Schenkeln sich haltend auf dem ungezäumten Gaul.

Hinter ihm folgte auf schnaubendem Rappens Beli, den schweren Eichenbalken auf der Schulter, den er bei der Arbeit als Hebel verwendet hatte; aber auch den mitgeführten Wurfspeer hatte er aufgerafft. –

Kaum stand Skirnir auf dem Sumpfstieg, als Steingrimr heranraste auf dem unter seinem Gewichte stöhnenden Hengst: auf halbe Steinwurfweite herangekommen, hob der Riese, mitten im Rennen, mit beiden Fäusten das zweite ihm noch verbliebene Felsstück über seinen Kopf und schleuderte es mit aller Kraft seines ungetümen Leibes auf den Jüngling, den er allein durch die Wucht des anprallenden Rosses umzurennen vertraute.

Stark, niederbeugend war schon der Luftdruck des sausenden, fast manneshohen Felsens: gerade auf dem Fleck schlug er nieder, wo Skirnir gestanden.

Aber Skirnir stand nicht mehr da.

Geduckten Hauptes war er vorwärts gesprungen und hatte den Speer nicht gegen den Reiter, gegen das gewaltige Roß gezielt: denn auch er erkannte, er war verloren, erreichte ihn der Ansprung des wuchtigen Tieres. In die linke Brust getroffen schrie das wilde Roß gellend auf, bäumte sich, stieg, überschlug sich und stürzte samt seinem Reiter, der, brüllend vor Wut zugleich und Todesangst, die ungeschlachten Arme um des Hengstes Hals geschlungen hatte, in fürchterlichem Sturz von dem Hochpfad hinab in die schwarze Sumpfflut zur Rechten: dumpf gurgelte und brodelte es nach aus der Tiefe. – – –

*

 

XXXIV.

Nun war auch Beli heran. Das Geschick seines Vetters vor Augen sprang er weislich vom Pferde herab: er sah, den Feind über den Haufen zu reiten, das durfte er jetzt nicht mehr hoffen.

Denn mit heller Verständigkeit, mit findiger Klugheit verteidigte der verachtete Fremdling aus Midhgardh den Weg wider die überstarken Feinde.

Skirnir war sofort zurückgesprungen an die Stelle, wo der gewaltige Fels, der ihm bis an die Schulter reichte und fast die ganze Breite des Steiges sperrte, niedergesaust war, tief sich einbohrend mit dem spitzen Zackenende in den weichen Boden von altem verfilzten Moorgrund: mit Mühe zwängte sich der Schlanke daran vorbei und stand nun dahinter, gedeckt wie von trefflichster Schutzmauer durch das Geschoß selbst des überwundenen Riesen.

Beli sah, zu Roß war hier nicht durchzukommen. So schritt er zu Fuß, grimmig den dicken Hebelbalken schwingend, gegen den Jüngling heran.

»Nur nicht ihn töten!« sprach der zu sich selbst. – »Elender Mädchenräuber!« schrie der Riese. »Nicht sollst du, Bauernsohn! – denn ich kenne dich, Skirnir! – froh werden ihres weißen Leibes.« – »Nicht raubte ich Gerdha: – freiwillig kam sie mit mir.« – »Die Schamlose!« knirschte Beli. Es war ja wahr! Er hatte es ja gesehen, wie sie selbst eifrig das Roß angetrieben hatte mit schlagender Hand. »Das ist das Blut des Menschenweibes in ihr! Warte, Verführer!« – »Nicht für mich warb ich um Gerdha: Freirs des Strahlenden Weib wird sie werden.« – »Eines von Asgardh!« rief Beli grimmig, sprang vor und schlug einen wilden Streich gegen Skirnirs Haupt: der aber duckte behend unter den Fels: auf des Steines scharfe Kante schmetterte der Eichenbalken und zersprang in große Splitter.

Da ergriff den Riesen Riesenzorn: er schleuderte den nutzlose Stumpf, der ihm in der Faust geblieben war, in das Moorwasser, packte mit beiden Händen den Stein und suchte ihn auf den dahinter Stehenden niederzustürzen. Wohl stemmte sich Skirnir dawider: doch merkte er bald, daß er den Armen des Riesen auf die Dauer nicht werde widerstehen können.

»Laß von dem Steine, Beli,« sprach er. »Ich will hervorkommen und offen mit dir kämpfen.« Aber Beli ließ nicht los: schon brachte er den tief eingegrabenen Stein ins Wanken, schon neigte dessen Gewicht hinüber. »Hüte dich, ich stoße zu!« warnte der Jüngling, das Schwert ziehend. – »Ich darf ihn noch nicht durchlassen,« sprach er ernst zu sich selbst. »Noch holt er sie ein vor dem Berge und dort nimmt sie ja die Tarnkappe ab! – Hüte dich!« wiederholte er drohender. – »Hüte du dich!« gab Beli zurück und, um den Felsen vollends zu stürzen, – er bog schon stark nach links über – stemmte er nun das rechte Knie mit aller Kraft von der Seite her gegen den Rand: breit ragte sein mächtiger Schenkel neben dem Steine hervor. Das ersah Skirnir: er stieß ihm die Spitze des scharfen Schwertes von oben nach unten in den Schenkel. Der Riese schrie auf vor Schmerz, ließ den Stein los und sank stöhnend auf den Rücken.

*

 

XXXV.

Behutsam trat der Sieger nun hinter dem Steine hervor. »Ich warnte, Beli. Schmerzt es arg?«

Der Wunde suchte sich zu erheben: umsonst. – Hilflos fiel er zurück: grimmig ballte er die Faust: du höhnst noch, Mensch!« – »Nein, Beli,« sagte Skirnir, der sich nun überzeugt hatte, daß der Wunde die Schwester geraume Zeit nicht verfolgen konnte. »Es tut mir leid, daß ich dich treffen mußte. Ich warnte. Aber sei getrost, du stirbst nicht an der Wunde. Sicher nicht!« Mit großen Augen sah der Riese auf seinen Besieger.

»Du verstehst mich nicht und all' mein Tun, nicht wahr?« – »Nein. Aber ... O könnt' ich dir ans Leben.« – »Du kannst,« sagte Skirnir langsam und trat ganz dicht an ihn heran. »Dein Arm, deine Hand blieben ja hell.«

Immer stärker staunte der Wunde. »Das ... das ist nicht Hohn!« sprach er vor sich hin. »Dann« – scharf sah er auf den Jüngling – »dann ist es: Wahnsinn!« – »Mag wohl sein. – Ober Trübsinn. – – Ist wohl dasselbe.« – »Gleichviel! Schwester und Vetter hab' ich an dir zu rächen. O hätt' ich eine Waffe!« schrie er, Skirnir, der sich über ihn beugte, plötzlich mit der linken Hand am rechten Arme packend. – »Nimm die meine,« sagte Skirnir und hielt ihm den Griff seines Schwertes hin: die Spitze war noch rot.

Ein grimmes, grelles Jauchzen – schon stak die Klinge in Skirnirs Brust: der Riese ließ die Waffe darin haften.

»Ich danke dir,« sagte Skirnir, die Klinge festhaltend in der Wunde. »Dort kommt einer: – vor dem muß ich dich noch schützen.«

Aus dem Walde kamen raschen Schrittes, in Hut und Mantel, den Speer in der Hand, Odhin heran. Sowie er an dem Felsstück vorbeigeschlüpft war, erblickte er den vor dem Steine auf ihn zuwankenden Jüngling und zugleich den Riesen: er sah, daß der nur wund war: sofort stand auf seiner hohen Stirne zwischen seinen Brauen die tiefe Falte seines tödlichen Asenzorns: augenblicks hob er zum Wurfe den Speer. Skirnir fiel ihm in den Arm: »Nein! Um ihrer willen! Ich flehe dich an – in ihrem Namen! – bist du irgend zufrieden mit Skirnirs Fahrt.«

»Ich bin zufrieden,« erwiderte der Gott und senkte den Speer. »Ich komme von Gerdha. Aus Asgardh. Soeben hat Thor mit dem Hammer sie Freir zum Weibe geweiht. Er ist genesen? Aber du? ... Ich weiß, ich sehe alles! – Nun stehst du, Skirnir, sollst du im Tode dem Hirten bezahlen die Gabe der Waffen: sie war dir vonnöten: nicht ohne sie entkam Gerdha. Du stirbst nun den Bluttod und immerdar lebst du droben bei uns mit den Einheriar in Walhall, Asgardhs goldenem Festsaal.«

Da hauchte Skirnir – er ward schon sehr bleich –: »Großer Wunschgott – darf ich auch für mich wünschen? Belis Leben erbat ich für ... sie.« – »Was immer du willst und was ich mag gewähren. Denn du warst treu.« – »So erlaß mir den Lohn! Nicht in Walhall! Nicht ... –! Laß mich hinab ... – nach Hel.« Schon wollten die dunkeln Augen müde sich schließen: mit Anstrengung schlug er sie nochmals weit auf und schaute flehend in des Gottes gewaltiges Angesicht.

Das ward nun sehr ernst.

Nickend mit dem mächtigen Haupte sprach Odhin: »Traurig ist es in Hel! – Doch es sei! – Du Armer: nicht zum Heil gedieh dir, daß dir jemals Freir genaht.«

»Doch! Ihm dank' ich ja, daß ich – – sie – sehen konnte.« Er zog die Klinge aus der Wunde: »sag' ihm – ich danke ihm.« Und er sank dem Gott an die Brust und war tot.

Langsam ließ der Schweigende ihn – und zärtlich – zu Boden gleiten; dann drückte er ihm einen Kuß auf die bleiche, schöne Stirn. – Nun richtete er sich hoch wieder auf, den dunkeln Mantel mit der Linken über der Brust zusammenziehend, die Rechte um den Speerschaft schlingend.

So sprach er vorgebeugt, verträumt und traurig, vor sich hin: »Fahr wohl, du Armer! – Und doch war er reich. Denn echte Liebe hat er geliebt. Lieben aber – ist es nicht seliger noch als geliebt sein? Und ist es nicht besser – sag' es, Gunlödh im blonden Gelock! – um Liebe sterben, als ohne Liebe leben?«

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