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Sisto e Sesto

Heinrich Federer: Sisto e Sesto - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Federer
titleSisto e Sesto
sendernoname@abc.de,hille@abc.de
created19990518
firstpub1913
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5. Kapitel

Ohne Widerwort haben Sesto und Poz'do das Urteil verlesen hören. Morgens früh um fünf Uhr gilt es also! Achte hat es schon vom Turm geschlagen. Noch ein paar Stunden ist ihr Leben wert.

Dann haben sie den Priester Zaccaria Mense empfangen und laut und ungescheut voreinander und miteinander gebeichtet, Vater und Sohn. Dem Geistlichen ist so ein Beichten noch nie vorgekommen, so viel Roheit im Tun und so viel Einfalt im Denken, dieses grobe Räubertum und diese Feinheit, ihm ihr Bettkissen unter die Füsse zu schieben und mit nackten Knien auf dem kahlen Steinboden zu liegen, bis er sie absolviert hat. Morgen früh, sagte Zaccaria unter der Türe, würde er nochmals kommen. Eine Stunde vor ... er verschluckte das grimmige Wort, etwa um vier Uhr. Ob es so gefalle? Gut! Er wolle sie dann mit seinem Arm kräftig bis zum Leiterchen und mit seinem Gebet bis an die Himmelspforten geleiten. So habe der Papst es ihm auf die Seele gebunden. Nun möchten sie nicht weiter grübeln, sondern tüchtig schlafen. Alles sei ja nun geschlichtet.

Aber ans Schlafen mochten sie jetzt nicht denken. Nur noch sieben Stündlein dürfen sie leben. Gott! und die sollten sie noch verschlafen! Nein, wenn sie je im Leben wach waren, wollten sie es jetzt sein, wach wie nie, wach nicht wie zwei, wach wie zehntausend Wächter des Lebens. Keine Minute soll ihnen entgehen.

Sesto wundert sich über den Papst. Er hat der Witwe in Paritondo Geld für ein Haus und einen Acker und zwei Kühe und eine Stallmagd zugesagt. Sisto ist doch gut.

»Aber er hätte uns grüssen sollen,« betont Poz'do hartnäckig. »Er ist stolz. Er tut nicht wie Christus. Christus hat keinen Apostel zu den Sündern geschickt. Er ist selbst zu ihnen gegangen.«

»Sei still, Knab!« forderte Sesto. »Wir wollen nicht mehr an das, wir wollen ans Sterben denken, auf dass wir es morgen nicht fürchten, wenn wir das Beil und den Scharlachenen sehen.«

»Ich fürchte mich ja gar nicht!« erwiderte Poz'do und reckte seinen abgemagerten Leib und blähte die bleiche Spitzbubennase frech. »Es geht ja so schnell vorbei wie ein Schluck Wasser. Wir sagen einander Addio ... eins ... zwei ... drei ... und wir küssen uns schon im Paradies. Nicht wahr, Vater, so ist es! ... Aber wer soll zuerst gehen? Willst du, Vater?«

Sesto erbebte bei der Frage. In diesen vergitterten und verriegelten Wochen hat er seinem Vaterherzen die lebenslang verschlossenen Türen sperrangelweit geöffnet und seinen Poz'do wie ein Nesthöckerchen in sich aufgenommen und weich gebettet. Erst jetzt ward er Vater und liebte wie ein Vater. Nun könnte er sein Kind unmöglich sehen, wie es vor dem Block abkniet, den Hals blosslegt und sich den rotverstrubelten, tapfern Knabenkopf abschlagen lässt. Früher hätte er sich daraus eine Ehre gemacht, zuerst den Sohn wie einen Helden sterben zu sehen und dann dem Henker zu sagen: »Sieh', so sterben die Peretti. Fein hat dir's mein Sohn gezeigt. Nun pass auf, was der Vater kann!« ... Aber dieser Stolz ist vorbei. Sesto ist ein anderer geworden.

»Vater«, wiederholte der Jüngling, »willst du zuerst daran? Ich möchte lieber! Ich mache es dir vor. Du sollst dich freuen, wie ich gar nicht zittere, wie ich noch lache zum Tod.« Indem er das sagt, lacht er auch schon mit den harten, kieselsteinernen Augen. Schmeichlerisch kniet er zum Vater auf der Matratze und strählt ihm mit allen zehn Fingern den üppigen, verwilderten Zuchthausbart. »Gewiss, dabei bleibt es, ich sterbe zuerst. Dann wird es dir leichter, wenn du nicht zurückschauen musst: kommt mein Bub auch herzhaft nach? lässt mich nicht zu lang allein drüben warten? Es ist zuerst sehr finster und ernst im Jenseits. Da wollen wir eng nebeneinander gehen. Darum lass mich voraus und komme gleich nach! Nicht wahr, so, Vater!«

»Schatz meines Lebens, niemals, niemals! Lass mich voran! Ich bin dir im Bösen vorangegangen, jetzt will ich auch im Guten zuvorderst sein.«

»Vater, wenn ich nur zusehen könnte! Aber ich muss mir das Gesicht verhalten. Und doch möchte ich dich bis zuletzt im Auge haben, und gar nichts anderes, o dilettissimo padre!«

»Du wirst es schon aushalten, Figliulo mio! Du bist und bleibst ja doch immer mein starker, munterer Poz'do. Nein, du wirst mit keiner Wimper zucken. Nur lachen wollen wir nicht. Wir wollen weinen, wenn wir können. Es ist nicht zum Lustigsein, wenn man sterben muss ... jetzt schon sterben, bevor ein einziger Knochen müde geworden ist, und einem das Blut noch so heillos ... ach, ich Narr, was red' ich von mir! Nein, aber du, du junger, wildwüchsiger, vollblütiger du ... da du noch so Schönes und Grosses leben könntest ... Ach, Poz'do!«

Den Gewaltigen übermannte es von allen Felsen, die Poz'do noch überklettern, von allen Sonntagen, wo er Messe läuten, von allen hübschen Bergtöchtern, unter denen er sein Gepons auslesen könnte.

»Vater, Guter, Liebster, nicht weinen! Tu mir's zu lieb und weine doch nicht!« heischte Poz'do. Er dachte gar nicht mehr wie der Vater über die Gitter hinaus. So war es nun einmal, also!

Eine kurze Zeit, während der man die Mäuse im Luckenwerk herumknuspern hörte, schwiegen die Peretti. Aber rasch raffte sich auch der Vater wieder auf und meinte ernster als je: »Du hast soeben dem Richter zum voraus verziehen, und dem Henker und allen Plaggeistern, so wie dir Gott im letzten Stündlein verzeihen soll. Aber, Bub, Bub, nicht die Musketieri haben dich aus unserem lieben Dorf dahergeschleppt und nicht der Scharfrichter köpft sich morgen in diesem Loch ... ahi, ich bin's, ich, ich, ich! Kannst du mir das verzeihen? Du sagst ja ... weil du das Leben noch nicht kennst. Aber wenn du es kenntest wie ich, oder wenn drüben in der Ewigkeit dich ein Engel aus einer Wolkenhöhe herab über das ganze, herrliche Leben schauen lässt, das du noch vor dir gehabt hättest, o dann wirst du mich da drüben, wo sonst wohl alle Bitterkeit aufgehört hat, noch trotz der süssen Engel und der allersüssesten Madonna, die das nicht hören kann, für alle Ewigkeit verfluchen ...«

»Vater!« fuhr Poz'do bitter dazwischen.

»O wär' ich ein anderer gewesen,« grollte Sesto unaufhaltsam weiter, und die Gier des Lebens übernahm ihn auch schon wieder für sein eigenes graues Haar, »wahrhaft, wir stürben morgen nicht, und noch fünfzig Jahre nicht. Wir lägen jetzt im Gras am Sassalpe, wo der berühmte Barbone den Wolf zum Teufel gehornt hat, und besähen uns das heimelige Tal zu Füssen, oder wir ässen jetzt Erdbeeren im Querciawald, oder wir kletterten in den sibyllinischen Gipfeln herum, jagten und schössen auf Adler ...«

»Und auf Menschen, Vater, das auch!«

Sesto stutzte. »Ja, ich habe dich morden gelehrt, du hast recht,« schrie er auf, »und darum sage ich ja, hast du meinethalb alles verloren, die Berge und die Ziegen darin und die Hütte von Paritondo und das Messläuten und die Freiheit und die Ehre und das Leben. Dich sollte man am Leben lassen und mich dafür zweimal töten.«

»Vater, dummes Zeug, was du sagst, schweig' doch!« trotzte jetzt Poz'do. »Das ist alles nicht wahr. Viel besser weiss ich, wie du mich nie hast mitnehmen wollen. Oft, wenn ihr Mannen euch zu einem Streich fertig machtet, hast du mich auf die Alpe Pigori geschickt für nichts und wieder nichts. Einmal musste ich an die Schafschur nach Visso und vielmal im Querciawald Eichenrinden suchen. O ja, immer wolltest du mich weghaben. Da bin ich dir aber einmal doch nachgeschlichen. Weisst du noch, über der Majaschlucht, wo ihr ein Feuer machtet, traf ich dich. Die andern riefen: ›bravo, Poz'do, bravo!‹ Aber du hast mich ...« – Poz'do lacht mit allen breiten Zähnen – »halbtot geprügelt und wie einen Hund heimgeschickt. Das zweitemal aber widerstand ich durchaus und da sagtest du: ›In Gottes Namen, wir können nichts dafür, das liegt im Blut!‹ So, Vater, hast du gesagt.«

Was sollte Sesto darauf entgegnen? Es ward ihm schwerer und leichter zugleich, wie einem, dem man aus der einen Hand nimmt und in die andere gibt. Es war froh, als in das ratlose Schweigen Schritte vor dem Verlies erschollen. Die drei Eisenriegel des Pförtleins wurden weggeschoben. Der Wärter erschien in der Öffnung. Bisher kalt und mit den stummen Äuglein schon zum voraus jede Frage ablehnend, war er jetzt wie ein umgekehrter Handschuh geworden. Er trug ein Körblein am Arm, verneigte sich damit höflich und warf in einem tüchtigen Schwung ein reines Tischtuch über ihren Steinklotz, an den sie tafelten. Zugleich winkte er den Pagen herein, der hinter ihm noch auf der Schwelle wartete. Dieser trug eine weite Silberplatte auf den Armen mit Krüglein und Tellern und Bechern, die lustig aneinanderklingelten und einen unsäglich feinen Duft von Gebratenem und Gebackenem in diese Hungerzelle ergossen. Überall am Geschirr war die dreifache Krone und das gekreuzte Schlüsselpaar Petri eingestichelt. Der Page hatte aber, das sah man seinem sirupverschmierten Stupsnäslein und dem Kinn und breiten Krausenkragen an, unterwegs wie ein Vogel mit dem Schnabel aus der gehäuften Pfirsichschale stibitzt. Denn an den Henkeln des schweren Tabletts konnte er keinen Finger frei bekommen. Nun hatte er wohl rasch den süssen Verrat ums Mäulchen mit der Zunge säuberlich abgeschleckt, so dass es da wie die lautere Unschuld aussah. Aber die Spitzbüberei an Nase und Kinn, wohin die längste Schelmenzunge nicht reichte, widerlegte ihn gewaltig. »Seid nicht böse,« wollte er darum fröhlich bitten. Aber als er nun zum erstenmal mit seinen Salonstiefelchen in so ein entsetzliches, unmenschliches Freiheitsloch klapperte und den Moder der schimmeligen Wände roch und als er gar den schönen, wilden Buben da sitzen sah, wohl einen gleichalterigen und doch schon Ring und Kette an den Füssen und weiss Gott was für Missetaten auf dem Gewissen, ach, da zerrann ihm der Spass, und er besann sich nur noch auf seinen kurzen Auftrag. Mit wohltönender, aber zitternder Stimme lud er ein: »Signori, erlabet euch! Das Gedeck kommt von seiner Heiligkeit Allerhöchstselbst. Es ist das Geschirr und Nachtessen des Papstes. Er bittet euch, sich dessen mit so gutem Herzen und so tapferem Appetit zu bedienen, als er sich vor einer Stunde euerer beiden Näpflein bedient hat. Ihr möchtet ihn jetzt und immer brüderlich im Sinne behalten. Gott gesegne euer Essen und Trinken!«

Mit diesem üblichen Tischspruch und einer so melodischen Verbeugung, wie sie nur die Colonnapagen – die Orsini sind stolzer und steifer – hienieden fertig bringen, verabschiedete er sich und vergass vor dem Ernsten, was er eben gesehen, auf dem ganzen Rückweg seine Dieberei wegzuwischen, obwohl er nun beide Hände frei hatte. Erst als er in die vatikanischen Gärten gelangte und sich plusternd und federnd wie ein Vogel an der frischen Luft und am köstlichen Spritzwasser der Fontana Conti vom Gestank und Grausen jenes Verliesses erholt hatte, gewann er die schnelle lose Spatzenart seines Berufes zurück und bespiegelte sich im fackelhellen Wasser. Da sah er nun die Sirupnase wieder und strich sie lachend mit den weissen Fingerspitzen in den Mund. Es schmeckte auch so noch kostbar.

Viel königlicher benahm sich der andere Knabe im Gefängnis. Mit einem schnöden Blick strafte er das ganze Tafelzeug und sagte dann trocken zum Schliesser: »Ach was, wozu nun so hintendrein diese Grosshanserei? Was brauchen wir noch Essen und Trinken? Daran hätte man früher denken sollen. Kommt der Korb da etwa auch noch vom Onkel Papst?«

»Nein«, erwiderte der Wächter verlegen. »Schon vor Wochen hat ihn ein altes Männlein aus den Abruzzen gebracht. Ein Pfarrer oder so was. Er redete bald Latein, bald ein Römisch, das ich noch nie gehört habe. Nun, zu den Gefangenen darf ich nichts ein– und nichts auslassen, bis sie freigesprochen ... oder ... ja ... oder ...«

»Wir wissen schon, sag's nur!« forderten Sesto und Poz'do, einer mild, einer stolz.

»Oder am letzten Tag sind. Und jetzt ist euer Urteil am Tor angeschlagen, und so habt ihr auch den Korb, wiewohl ich nicht begreife, wozu einer diesen blöden Mist so weit her zur Stadt tragen ...«

In diesem Augenblick schoss ihm rot und zischend wie ein Blitz eine Ohrfeige auf die Backe, wie man wohl in ganz Rom runder und vollendeter noch nie eine erlebte. Denn Poz'do hatte schon den Korb über das silberne Gedeck ausgeschüttet. Was war da herausgekollert: ein paar Steine und Erdschollen von Paritondo, einige silbergraue Zweige der Bergolive und der derbe Bart eines Abruzzen–Geissbocks. Und diese Herrlichkeiten, wogegen das ganze Kuppeln– und Säulen–Rom ein zerbrechliches Schachtelzeug war, hatte der Mensch da ... gut, wohl ihm! ... er war schon hinausgegangen! Er hatte wohl noch eine tiefe Reverenz vor der Ohrfeige des päpstlichen Neffen gemacht und wird fürder damit wie mit einer Rangerhöhung prunken.

Nun erst, als den Bergleuten das Abruzzengeschenk da mitten im Silber allein und ohne fremde Augen gehörte und mit der echten Figur und dem scharfen Geruch der Alpen zu Kopfe stieg, fanden sie nicht Worte, nein, Schreie des Entzückens.

»Vater, die Heimat!«

»Die Heimat, Poz'do!«

Sie fragten nicht nach da Dia oder wem, der das gebracht haben könnte, auch nicht nach Frau oder Mutter, die das vielleicht geschickt habe. Was war da Dia und was war gar erst Schuora Anizia? Er ein Prete und sie schon vielmehr eine Haushälterin Peretti als Frau Peretti; wie alle diese Gebirgsmütter, nachdem sie den jungen Mann beglückt und ihm Kinder beschert haben, bei allem Mannsvolk und zuerst bei den eigenen Jünglingssöhnen wieder zum Rang einer Magd herabsinken, aus dem sie für eine kurze Festzeit emporgeholt worden waren. Was also war das alles, und wäre da Dia ein Prete wie San Bernardino und Anizia eine Padrona wie die Grossmutter Christi! Das da ist Heimat, mehr gibt es nicht.

Der starke Sesto nimmt jeden Erdknollen und jeden Kiesel in die Hand und küsst und segnet ihn mit feuchten Blicken. Und Poz'do riecht am Geissbart und an den verdorrten und doch so lieben Olivenblättern, und in ihren von der römischen Fieberluft entzündeten Augen steigt sie mit majestätischer Frische auf, kühlend und schattend und herzberuhigend, diese wilde, hungrige, verlotterte und doch so unendlich teure Abruzzenheimat. Wie ein helles Wolkengebilde steht sie vor ihnen, das jetzt aus dem blauesten Phantasiehimmel hervorwächst, mit hundert seltenen Gesichtern winkt und dann wieder langsam verrinnt. Sie sehen das elende Geschiebsel von vierzehn Hütten, aber hören darum und daran von weissen Ziegen und gelben Schafen ein süsses Getrappel. Die dunkelgrün niederhangenden Schatten des Querciawaldes spielen darob und noch höher, bald weiss wie Jubel, bald grau wie das Unglück, ragen die Giebel des sibyllinischen Felsenpalastes empor. Ach, das alles steigt aus dem elenden Laub und Lehm da herauf und benimmt den zweien die Sinne. Was ist doch das für ein Himmel der Paritonder? So hoch wie kein Himmel über Rom und so blau wie keiner ob Neapel und so still wie Gottes Seele, die darin schläft. Drum schweigt an solchem Orte alles und sind auch die alten Sibyllen aus ihrer tausendjährigen Ruhe noch nie erwacht. Nur zwei dunkle Pünktlein leben in diesem Himmelmeer, das Adlermännchen und Weibchen vom Quineshorst. Zehnmal flintenschusshoch nehmen sie täglich um Mittag ihr Sonnenbad, die Adlerin in einem kleinern Kreis sich wiegend und immer zum Nest der Jungen zurückäugend, er aber, in weitem selbstherrlichen Bogen um die Frau und ihre Sorgen herum. Und unten im Menschenhorst von Paritondo sieht man nun auch junge und alte Menschenvögel. Na, am Stubenfenster lebt und klebt also noch immer der alte Solio, und die Hühner der Teresi und der Puritani streiten sich auch immer noch ums Bächlein herum. Auch der Laffe Simione stottert noch immer zur Küsterei hinauf sein »Ga .. arr .. rasso .. grasso, fate sempre gr .. arar .. asso!«, obschon die arme Anizia immer nur Suppensalat kocht. Und nun ist es ja freilich wahr, am Haus neben dem Kirchlein rätscht Frau Peretti den Hanf über die Dreschklappe. Ist es der Hanf oder ihr eigen Haar, was so grau schimmert? Sie schaut nicht ein einziges Mal auf und hält sich nah ans Gefaser. Sieht sie denn nicht mehr gut oder drückt ihr das Alleinsein schon den Kopf so tief? Jawohl, das müssen wir gelten lassen, untadelig war sie. Wenig Liebe genoss sie. Sie wird wohl wieder heiraten, wenn der Kummer verraucht ist. Weg, weg! ... Doch sieh, es muss Samstag sein. Don da Dia schnauft langsam von Surigno herauf. In die Kirche, Sigrist! morgen gibt es eine gesungene Messe. Ja, da stehen wir schon mitten drin, aber was ist das für eine Ordnung! Die Weihwasserbecken sind trocken, die Kränze am Altar dürr und die Heiligenbanner voll Staub, auch das ewige Licht knistert und spritzt wie am Erlöschen. Alles ist verlottert, seit wir nicht mehr dabei sind. Aber wie kommt das, die Madonna am Altar steht ohne Stäubchen und Spinnfaden da. Und wie sie nur immer noch so lächeln kann! Ach ihr tut nichts weh! Lächle sie nur! Sie darf ja immer in Paritondo unter den hohen Bergen, im kühlen Kirchlein bleiben und dem Wind und den Ziegenschellen draussen und den wohlklingenden Litaneien in den Bänken zuhören. Hat sie es schön! Schau, schau, wie ihr Lächeln immer grösser wird! Und doch hat sie immer noch keinen Schleier! Oder doch? Was ist nun das, ist das ihr wehendes Haar oder ihr Lächeln oder ist es doch ein heller Schleier? Ja doch, ja, es ist ein Schleier, schneeweiss aus ihrer reinen Hand wie ein feiner Mondschein quillend, zu ihnen hinüber. Nehmt ... Söhne ... meinen Schleier ... zum Schirm ... zum ... Schlei ... er ... nehmt ... Schlei ...

Unter diesem Schleierwehen sind Sesto und Poz'do nun doch gegen alle Verabredung eingeschlafen, die Schollen der Heimat fest in die Hand geklammert. Und das Lächeln der Madonna lächelt und der Schleier flattert durch die Träume weiter. Sie atmen nicht wie unter dem Dunkel der letzten Armsündernacht, sondern ganz wie Freie unter einer schönen umbrischen Mittagssonne sich ins Gras legen und, während es ihnen unzählige kleine Wunder ins Ohr flüstert, darüber ein Stündchen einschlafen, um dann fröhlich ihrer lieben seligen Freiheit weiter zu folgen.

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