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Sinter Klaas

Joseph von Lauff: Sinter Klaas - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSinter Klaas
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1921
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100820
projectid3ce496a7
status1
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1

»Hupla!«

An einem ockergelben Häuschen, das mit seinem kleinen Garten und Ziegenstall an die alte verwahrloste Stadtmauer stieß, schlug herrisch die niedrige Tür auf.

Ein knirpsiger Mensch, ganz in Schwarz gekleidet, glattrasiert, einen schäbigen Zylinder mit Trauerflor auf dem Kopf, das gekniffene Gesicht energisch, zurückhaltend, manchmal lächelnd, meist aber grausam wie das Aussehen eines Knollenblätterichs, war auf der Schwelle erschienen, machte hier Halt und rief über die Schulter in den Hausflur zurück: »Lena, meinen Medaillenstab!«

»Hier, Vater!«

»Merci!«

Dann ging er.

Ein üppiges Weibsbild, das trotz des frischen Wetters seine kräftigen Formen mit einer dünnen Kattunbluse umkleidet hatte, sah ihm mit großen, runden Augen nach, bis die nächste Straßenecke ihn verschwinden ließ. Dann wandte sie sich, kicherte in sich hinein und sah auf den Boden, wo eine feiste, graue, gezähmte Ratte mit klebrigem Schwanz zu ihren Füßen hockte.

»Na, Jette,« sprach sie diese an, »nu geht die Komödie auf den Wassermühlen los. Mir soll's egal sein, auch dir; wir haben doch nichts davon. Jetzt komm' man!« und von dem ekelhaften Ungeziefer begleitet, trat das dralle, nicht unschöne, wenn auch etwas aus dem Leim geratene Frauenzimmer wieder in den Hausflur zurück, ließ sich in der Küche nieder und genehmigte sich ein Schälchen mit Kaffee.

Inzwischen war der Alte weiter gepilgert, geschwollen, stocksteif, wie der Tod im Puppentheater; mit einer gewissen Selbstherrlichkeit und Grandezza schritt er durch die Kesselstraße, über den Großen Markt mit den altfränkischen Giebeln, wo der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz in Stein gemetzt aufragte und die vierhundertjährige Linde eben dabei war, die ersten grasgrünen Blättchen durch die Hüllen zu stoßen – er, Jan van den Birgel, und sagte den Tod an.

Er ging von Haus zu Haus, wenigstens zu solchen, die sich durch ihr Äußeres vorteilhaft hervortaten; denn was er zu melden hatte, war für die Honoratioren bestimmt. Die kleinen Leute wurden in Bausch und Bogen und mehr summarisch behandelt.

Bei einer gediegenen Schnirkeltreppe, die zu einer vornehmen Tür mit blanken Messingbeschlägen führte, hielt er den Fuß an. Neben dem Eingang hing ein schwarzes Brett, auf dem Protokolle, Auktionen und sonstige gerichtliche Sachen mit Oblaten festgeklebt waren.

Hier wohnte der Notar.

Mit dem Medaillenstab klopfte Jan van den Birgel an. Als ihm geöffnet wurde, leierte er seinen Spruch herunter; aber dieses Geleier war zähfadig, hatte den Geschmack von welken Blumen auf der Zunge, war mit Krepp umwickelt und erinnerte an Firnis und Hobelspäne.

»Christian Franz Malthus ist tot,« sagte er langsam. »Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace!«

Dann ging er zum Apotheker, dicht nebenan.

»Christian Franz Malthus ist tot. Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace!«

Dann zum Doktor.

»Christian Franz Malthus ist tot. Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace!«

Und wieder klopfte er an.

Es war beim Steuerempfänger ...

Es mochte auf vier gehen. Die Schwalben, die erst vor wenigen Tagen zurückgekehrt waren, hatten bereits niedrigen Flug; im Westen spreitete sich schon ein resedafarbiges Band, das sich hier und da mit rosigen Tupfen bedeckte – da drehte sich Jan van den Birgel dem Kesseltor zu, überschritt die Schleusenwerke und trat auf den Paternosterdeich, der in einer mächtigen Schleife, an stillen Ortschaften und Gehöften vorüber, nach Wissel und Emmerich führte.

Hier blieb er stehen und sah in die Gegend.

Jan van den Birgel war ein grausiger Kerl. Auf den ersten Blick gewahrte man nicht, worin eigentlich das Grausige bestand. Er konnte demütig sein, aber unter dieser scheinbaren Demut lagen häßliche Gedanken, wie Sumpf und Moder unter einem stehenden Wasser. Er war wie eine Nebelkrähe, die unter blankem Sonnenlicht ihres Weges zog und sich doch am wohlsten fühlte, wenn sie auf irgend eine mistige Stätte oder bei einem verluderten Tier einfallen konnte. Sein Lebensbuch umfaßte Seiten, die beschrieben waren, aber auch solche, die keine Zeile enthielten, und diese gaben dem ganzen Buch das Gepräge. Wie alt er eigentlich war, wußte keiner zu sagen. Sein Aussehen wechselte wie das eines Chamäleons. Was er eigentlich trieb, auch darüber schwiegen die Akten. Sein Leben ging hin wie das eines Maulwurfs, einer Küchenschabe, oder wie das eines Borkenkäfers, der seine heimlichen, unheimlichen Gänge bohrte, sich im Holzmulm amüsierte, Eier und Maden erzeugte, die ihrerseits wieder ihr weiteres Dasein auf eigene Gefahr und Laune förderten und sich dabei trefflich erhielten. Nur das wußten alle: vor etlichen Jahren war er noch Leinweber gewesen, wobei ihm sein fleißiges Weib das Garn haspelte und die fertiggestellte Ware auf dem Wege des Hausierhandels unter die Leute brachte. Aus dieser Ehe war eine Tochter, die Lena, entsprossen. Die wuchs heran zu einem starken Menschenbild, schmal in den Schultern, breit in den Hüften, geschmeidig in den Gliedern und mit Brüsten, die an eherne Kuppeln erinnerten. Eine Zeitlang verknüpften sich mit diesen Kuppeln unliebsame Erörterungen, die aber im Laufe der Tage zurückebbten, dann gänzlich verstummten. Während nun diese Gerüchte in sich zusammenfielen, hatte Frau van den Birgel das armselige Leben überbekommen, streckte unter dem Leintuch die Beine steif und wurde unter den Lebensbäumen dicht beim Kalvarienberg begraben. Mit diesem Tage hatte der trauernde Gatte die Lade kaltgestellt und das emsige Schiffchen in eine Ecke gepfeffert. Er wollte nicht mehr. Statt dessen schaffte er sich einen Zylinder mit hängendem Trauerflor an, legte sich einen Medaillenstab zu und versah das Amt eines Leichenbitters in der kleinen Gemeinde. Durchschnittlich fünf bis sechs Tote im Jahre. Davon konnte keine Kirchenmaus leben, geschweige denn ein Mann, der sein Handwerk beiseite getan und eine Tochter zu ernähren hatte, deren Haupttätigkeit darin bestand, mit Jette zu schäkern, ihre blanken, tadellosen Zähne zu zeigen und im übrigen Gottes Wasser über Gottes Acker laufen zu lassen. Und doch lebte Jan van den Birgel, lebte gut und gediegen, hatte allsonntags sein gesottenes Huhn im Topf und seine Bouteille Doppelbier auf dem Tisch und, wenn's hoch her ging, auch seinen Boonekamp of Magenbitter; aber über das Wie und Wodurch, über die Möglichkeiten dieses Lebens, das mit dem der Lilie auf dem Felde eine gewisse Ähnlichkeit hatte, darüber schwieg die Chronik des kleinen Ortes, wußte niemand etwas Bestimmtes zu sagen, darüber gingen nur Mutmaßungen ... und dennoch: die Fäden hierzu liefen ins Geldrische. Dort, zwischen den unermeßlichen Nierswiesen, auf einem stattlichen Anwesen, das über fruchtbare Äcker, treffliche Viehbestände und ausgedehnte Molkereien verfügte, trafen sie sich und schürzten sich hier zu einem festen gordischen Knoten zusammen, und der derzeitige Besitzer dieser weitverzweigten Liegenschaften hütete sich wohl, den scheußlichen Knoten kurzerhand auseinander zu schlagen.

So standen die Dinge, als Jan van den Birgel, der Mann mit dem schäbigen Zylinder und der langen Pleureuse, auf der Deichkrone stand und in die weite Gegend hinaussah.

Drüben, keine Büchsenschußweite von ihm entfernt, auf einem niedrigen Hügel, der sich unvermittelt aus der Ebene erhob, lag die Höfkenssche Mühle, klobig, im weißen Chorhemd, 'ne schwarze Schieferkalotte auf dem Kopf und mit gewaltigen Armen, die sie langsam und gemächlich im Kreise bewegte.

Dort mußte er hin und weiter in die Niederung fort, wo der Gutshof Op gen Dort sich am fetten Boden ausstreckte, breit hingelagert, und von dem jungen Hans Harkort regiert, dem die Menschen den seltsamen Namen ›Kalviner‹ beigelegt hatten. Ja, auch zum Kalviner mußte er hin, aber erst später. Vorher jedoch ...

»Dorthin!« sagte er mit heiserer Stimme, streckte den Medaillenstab aus und gespensterte an der schwarzen Kuhle und der Mergelgrube vorbei auf die Windmühle los.

Unmittelbar neben ihr, von einer weißen Mauer flankiert und mit abgekröpften Linden umstanden, lag das Wohnhaus, fett und gemästet wie die Mühle selber, mit blanken Scheiben, ziegelroten Pfannen und der ganzen Behäbigkeit eines niederrheinischen Anwesens.

Als Jan van den Birgel den mit Karren, Roßäpfeln und ausrangierten Mahlsteinen besetzten Hof überschritt und dann in den Hausflur trat, empfing ihn das Gebelfer eines bissigen Spitzes.

»Kusch' dich, du Vieh!«

Vor der bleiernen Stimme verkroch sich der Hund wie eine arme Seele, die etwas auf dem Kerbholz hat und nicht weiß, was sie mit ihrem Elend anfangen soll.

Gleich darauf pochte der Medaillenstab gegen die erste Tür rechts vom Eingang.

»Wer ist da?«

»Ich!«

»Wer, ich?«

»Jan van den Birgel.«

»Dann in Gottes Namen: herein!«

Der Windmüller Cornelis Höfkens, auch der ›Matador‹ geheißen, saß an diesem Nachmittage mit brennender Kalkpfeife im Lehnstuhl, breitbeinig, mehlüberstaubt und mit einem glatten Gesicht, das an die Physiognomie eines weißen, verschnittenen Bullen erinnerte. Von den Ohrläppchen zogen sich graumelierte Hasenpfötchen bis zur Mitte der feisten Backen, die noch die frische Spur des Rasiermessers an sich hatten. Er war ein Mann in den sechziger Jahren, ernst und würdig in seinem Gehaben, und gehörte zu denen, die ihre wohlüberlegten Worte langsam wie die lauretanische Litanei durch die Zähne ziehen. Eine weitläufige Verwandte aus dem Geldrischen, Mamsell Apollonia Korthals mit Namen, versah ihm den Hausstand.

Die etwas kurzatmige und reichlich mit Matronenspeck ausgestattete Dame verstand es, ihm das Leben so angenehm wie nur möglich zu machen. Cornelis fühlte sich wohl unter ihrem Zepter und ließ sie schalten und walten nach bestem Gutdünken. Im übrigen suchte er seine eigenen Wege. Sein Geschäft ging ihm über alles, aber auch die Solopartie, die ihn und seine Freunde, als da waren: der emeritierte Kappesbauer und Schnapsbrenner Pitt Lörksen, der Spezereiwarenhändler Dores Schweißgut und Christian Franz Malthus, allwöchentlich zweimal in der Wirtschaft ›Zum dicken Tommes‹ zusammengebracht hatte. Mit dem Ableben des letzteren war allerdings eine empfindliche Lücke zu Tage getreten, klaffte eine bedenkliche Leere, die den ersprießlichen Fortbestand der Kartengemeinschaft in Frage stellte, wenn nicht gar unmöglich machte. Christian Franz Malthus, der ›Trumpfkönig‹ im Spiel, diese Säule am Stammtisch des ›Dicken Tommes‹, dieser stiernackige Mensch, wenn auch in den letzten Jahren merklich zusammengebrochen, hatte die Partie aus der Hand gelegt und war plötzlich und unversehens koppheister gegangen. Sein geheimnisvolles Ableben wirbelte die Gemüter der kleinen Stadt bunt durcheinander. Man stand vor einem Rätsel, das keine Lösung verstattete. Die niedergefallenen Flore und Kreppschleier lagen so dicht, daß darunter jede Vermutung erstickte und ersticken mußte. Nur Cornelis hatte seine eigenen Gedanken, und als er sich mit ihnen näher befaßte, sie von sich wies, aber immer wieder auf den traurigen Zusammenhang der Dinge zurückkam, da lief ein kalter Schauer über den Rücken des Lebendigen.

So saß er mit seiner brennenden Kalkpfeife und sandte lichte Wölkchen zur verräucherten Decke, als einer Einlaß begehrte.

»In Gottes Namen: herein!« sagte er feierlich und sah mit glanzlosen Augen auf den Boten des Todes.

Jan van den Birgel senkte dreimal den Medaillenstab vor ihm nieder.

»Tag, Höfkens!« sagte er in seiner leiernden Sprechweise. »Christian Franz Malthus ist tot, Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace

»Ich weiß, ich weiß,« versetzte Cornelis, »und wenn's Backsteine regnet – ich komme.«

»Kann's mir denken,« meinte Jan van den Birgel, »aber von wegen der Solopartie – 'n Halbstündchen früher. Ich glaube, er hat's so gewünscht auf Leben und Sterben.«

»Das hat er,« bestätigte der Müller mit feuchten Augen.

»Und dann – vergeßt die Kalkpfeife nicht!«

»Die?!« sagte Cornelis. Über sein blankes Gesicht lief ein tiefes und trauriges Verstehen. »Man bloß keine Sorge. Fünfundzwanzig Jahre hindurch an dem nämlichen Stammtisch gesessen – ich und mein Geschäfts- und Solokollege, fünfundzwanzig Jahre hindurch Karten gekloppt, immer dasselbe, fein und mit allen Schikanen – ich und mein Geschäfts- und Solokollege ... Gottverdomie noch mal, und da das Beste vergessen?«

Seine Worte erstickten.

»Menschenskind,« fuhr er mit verhaltener Stimme fort, wobei er sich aufwuchtete, »das wäre ja nächst dem leibhaftigen Satan ... Hier stehe ich mit brennender Kalkpfeife, und mit brennender Kalkpfeife werde ich meinem Geschäfts- und Solokollegen die letzte Ehre antun. Amen. Im übrigen: habt Ihr Pitt Lörksen verständigt?«

»Verständigt,« nickte Jan van den Birgel. ›Trumpfsieben‹ kommt pünktlich.«

»Und Dores Schweißgut?«

»Dito verständigt. ›Grünober‹ nimmt sich die Ehre.«

»Merci!«

»Nichts zu danken, absolut nichts zu danken. Es war alles ein Tun, und nu kann ich wohl weiter machen, zum Kalviner und so. Aber was ich noch sagen wollte, Herr Höfkens ... Ich meine: eigentlich habt Ihr die große Nummer gezogen.«

»Was heißt das: ›die große Nummer gezogen›‹?«

»Gott, wie man so redet!« griemelte der Leichenbitter vergnügt vor sich hin. »Ich weiß nichts Bestimmtes, absolut nichts Bestimmtes; aber mir ist so der Gedanke aufgegangen: jetzt bekommt Ihr die dreifache Portion Wind in die Segel.«

»Warum das?«

»Komische Frage, Herr Höfkens. Herr Malthus ist tot, tot wie 'ne Ratze, wird übermorgen begraben, na, und so weiter. Auch sein Geschäft wird übermorgen begraben; denn sind männliche Erben vorhanden? Keine blasse Idee von 'ner Ahnung. Wer soll da die Wassermühle betreiben? Ich will nicht und dito Ihr auch nicht. Also – das gibt Wind in die Segel. Gratuliere. Oder habt Ihr 'ne andere Ansicht?«

»Ja, seine Tochter, die macht es.«

»Die?« meinte Jan van den Birgel und lachte kurz und grindig auf. »Nicht rühr' an die Sache. Simonis bedankt sich.«

»Simonis, Simonis ...?!«

Der sonst so behäbige Windmüller fiel aus seiner Rolle. Der Name wirkte auf seine Gemütsverfassung wie Feuer und Schwamm auf trockenes Roggenstroh. Seine Beschaulichkeit legte er ab, wie einer einen linden, wohltuenden Pelzrock an den Nagel hängt, um dafür einen groben Arbeitskittel aus der Kirschholzkommode zu nehmen. Mit einer herrischen Handbewegung zeigte er auf einen Stuhl.

»Nehmt Platz!« sagte er zwischen den Zähnen und warf sich selbst in den zunächst stehenden Sessel.

Jan van den Birgel folgte mit einem gewissen Unbehagen der dringlichen Aufforderung. Als er sich endlich niedergelassen, den fuchsigen Zylinder auf den Tisch gestülpt und den Medaillenstab wie ein Sponton neben sich aufgepflanzt hatte, meinte er lauernd: »Also ich bitte, Herr Höfkens. Was soll's mit Simonis?«

»Der kommt gleich an die Reihe,« versetzte der Müller, »zuerst das mit dem ›Wind in die Segel‹. Auf Parol, Herr Jan van den Birgel« – und der alte Herr war aus einem verschnittenen zu einem veritabelen Bullen geworden – »ich für meine Person habe mich nie an dem verfluchtigen Spruch gehalten: Ungegönnt Brot soll fett machen. Der Deuwel mag's fressen! Ich und Malthus sind immer die besten Freunde gewesen, und ich hab's ihm niemals verübelt, wenn seine Wassermühlen die doppelte Arbeit besorgten. Im Gegenteil: liefen seine Mahlgänge wie geschmiert, war's meine Freud', gingen sie mal weniger gut, war's mein Elend. So hab' ich's immer gehalten, und kein Neid oder sonstig Begehren ist mir dabei unter die Weste gekommen. Auf Parol, niemals im Leben! und jetzt, wo er tot ist, kann ich nur wünschen, daß sich Kosman Kraneboom als erster Gesell weiter betätigt und Franziska als einziges Kind die Geschäfte besorgt, um das Unternehmen proper über Wasser zu halten. Das wollte ich sagen von wegen der infamen Geschichte mit dem ›Wind in die Segel‹. Ich will nicht andermanns Profit. Ums Verrecken nicht, unter keiner Bedingung. Jedem das Seine. Und wer da etwas anderes herausspekuliert, dem schlage ich die Knochen zusammen. Verstanden? Meine Weste bleibt rein, ist es immer gewesen, wird niemals einen Flecken besitzen, im Angedenken an den da« – dabei zeigte er mit dem Daumen der rechten Hand über die Schulter – »an den Trumpfkönig, an meinen verstorbenen Geschäfts- und Solokollegen, sonst kann ich ihm nicht als Matador unter die himmlischen Augen treten, wenn es so weit mit mir ist und sie mir das letzte Hemd über die Ohren ziehen. Kurzum, was Malthus geschaffen, das muß weiter florieren, und dazu ist nötig: Franziska muß aus dem Geldrischen heraus, muß auf die Wassermühlen zurück, um mit Hilfe von Kosman die ganze Geschichte auf dem alten Standpunkt zu halten. Auf Parol, das ist meine ehrliche Meinung, und damit Strich unter die Sache.«

»Aber Simonis ...!« warf Jan van den Birgel lauernd dazwischen.

»Der?!« schrie der Müller, und unter seinen wie mit Spinnweben verhangenen Brauen brannte ein häßliches Licht auf. »Bleibt mir mit Simonis vom Leibe! Da liegt ja das Elend! Das ist ja der Anfang von seinem Jammer und Sterben gewesen. Drum pinkert jetzt der Wurm in der Mühle, ist er auf die Hobelspäne gekommen, wird ihm der Deckel über die Nase geschoben, und wenn ich dran denke, wird mir der Oldenkott Rippchentabak zum Ekel,« und dabei zerbrach er die irdene Pfeife und warf die einzelnen Stücke mit einem grimmigen Fluch in eine verlorene Zimmerecke. Verzweifelt flocht er die Hände zusammen und sagte: »Malthus, Malthus, du bist von jeher 'ne noble Nummer gewesen, immer derselbe, vornehm bis dahin, keine menschliche Seele konnte dir was nachsagen, nicht so viel, wie das Schwarze unterm Nagel bedeutet. Aber dann kam einer und hat dir die richtige Besinnung verkleistert – und da bist du den Holzweg gefahren, den richtigen Holzweg – und da ging das nicht anders – du mußtest ... und als ich genauer zusah, da hattest du deine einzige Tochter dem Simonis verschrieben ... Malthus, warum?! – Himmel, Herrgott und Mühlstein ...!«

Mit geballter Faust schlug er auf den Tisch, daß der Tabakkasten davon aufhoppelte.

»Ja,« sagte Jan van den Birgel und zwinkerte listig mit seinem linken Augenlid, »wenn einem seine Mühle so abbrennt, ich meine seine Mehl- und Kornspeicher, da kann schon alles passieren.«

»Was abbrennt? Was kann alles passieren? Ihr wollt doch nicht sagen, Jan van den Birgel ...?!«

»Nichts will ich sagen. Dafür ist mir mein Mundwerk zu schade. Aber das mit der Mühle ... irgend 'ne Unvorsichtigkeit ... gut versichert ... Gott ja! da kann doch irgend ein Streichholz ... und wenn da in der Nähe sich so'n bißchen Stroh und Werg befindet ... Selbstverständlich,« und er machte mit seinem Sponton eine bedeutsame und große Bewegung, »bei Malthus – ausgeschlossen die Sache. Aber sie ist doch nun einmal vor die Hunde gegangen – die Wirtschaft. Dran laßt sich nichts ändern.«

»Wenn auch,« fiel der Alte dazwischen. »Drum brauchte er sich nicht dem Simonis mit Haut und Haaren zu verkaufen. Da waren noch andere da. Zum Beispiel: hier steht der Matador,« und mit einem Ruck war Cornelis Höfkens in die Höhe gefahren. »Hier steht er, und wenn er ein Einsehen gehabt hätte, ich war immer zu haben, bei Tages- und Nachtzeit, bar und in Kassenscheinen, ganz gleich, und wären mir dabei die Hypotheken auf die eigene Mühle geflogen. Auf Parol! dafür hab' ich bei den grünen Husaren gestanden. Aber er wollte ja nicht und tat's lieber mit dem Simonis probieren. Unsinn, verfluchter! Was ist bei dem ganzen Handel herausgekommen? Kein Dittchen. Nur Unglück und Elend. Er ist darüber so halber sinnig geworden, und sie, was die Tochter bedeutet, die hat er auch auf dem Kerbholz.«

»Nein,« konstatierte Jan van den Birgel mit sichtlichem Wohlbehagen, »die hat er nicht auf dem Kerbholz. Das pure Gegenteil ist hier Trumpf in der Karte. Gut, sie hat den Simonis geheiratet. Aber warum das? Um die niedergebrannten Kornspeicher wieder aufs neue zu richten, um wieder Kapital auf die Mühle zu tragen und den Alten aus der Predullig zu helfen.«

»Ich sagte schon eben: ich hatte mich solidarisch verpflichtet.«

»Schon richtig, aber Simonis war forscher. Er wird schon seine Gründe gehabt haben – der Alte. Und außerdem: 'ne piekfeine Sache die Heirat. Alles doppelt und dreifach. Plüschene Sofas und so, und ich sage Euch, Höfkens, die kann allsonntags mit 'nem Juckergespann ins Hochamt 'neinkariolen. Ist das vielleicht nichts? Hundert schleckern die Finger nach so was. Das Weibsbild ist glücklich.«

»Mensch, Sie!«

»Herr Jeses! ich will's auf die Gabel nehmen und doppelt beschwören.«

Feierlich hob der Leichenbitter das Sponton in die Höhe.

Ein Fluch fiel über ihn her.

»Ruhe, Jan van den Birgel! Kein Wort mehr. Ich weiß es schon besser, wie es um mein Patenkind steht. Die kann den gestrigen Tag nicht mehr finden, die ist elend bis in die Knochen und ging am liebsten ins Wasser hinein, um ihr jämmerliches Leben zu ersäufen wie 'ne überflüssige Katze. Das weiß ich, so wahr ich hier stehe, so wahr ich der Matador bin und dereinstmals hoffe, das hölzerne Kamisol in Ehren zu tragen.«

»Das sind pure Redensarten, Herr Höfkens.«

»Was, Redensarten?!« fragte der Alte und trat auf ihn zu, »wo mir da alles bis an den Hals geht und mir das Herz abdrehen will, wo mir das Gesagte als Trauer und Tränen über die Zunge stolperte, da wollt Ihr meine Worte als Redensarten verschleißen? Herr, in drei Teufels Namen noch mal!« – und seine sonst, so ruhige und langsame Stimme flackerte auf – »nochmals gesagt: ich bitte um Ruhe, Jan van den Birgel, denn da ist noch eine andere Sache, eine ganz andere Sache,« und er warf den Kopf herum und trat ans Fenster.

»Nu kommt die Kalvinergeschichte,« klang's hinter ihm her.

»Ja, die Kalvinergeschichte!« gab der Müller zurück, stieß den Flügel auf und sah in den Abend, der langsam aus den sterbenden Lichtern des Tages herauswuchs. Die Schatten hatten schon lange Beine und schmale Gesichter. Dabei war die Luft so blank wie eine Spiegelscheibe, die die Fernen wiedergab, als wenn sie auf dem Präsentierteller lägen. Jenseits des Paternosterdeichs, kaum eine halbe Stunde von der Höfkensschen Mühle entfernt, erstreckte sich eine schmale Hügellehne quer durch die Niederung. Von dort blinkten helle Fenster, in denen der letzte Schein der untergehenden Sonne wie böhmische Granaten blutete, gleich gespenstigen Augen herüber. Die Konturen eines weitverzweigten Gutshofes hoben sich scharfumrissen von der Terrainwelle ab, die die ganze Gegend beherrschte. Von zersplissenen Baumgruppen flankiert, weißgekalkt und von saftigem Wiesengrün umbettet, machte der Gebäudekomplex einen stolzen Eindruck, der jedes niederrheinische Bauernherz höher schlagen ließ. Er stand wie auf einer Goldfolie, ruhig, trotzig und einsam, als hätte der lauliche Frühlingsabend seine ganze Glorie um ihn gespreitet.

»Da wohnt der Kalviner,« sagte Cornelis, und sein Arm hob sich langsam, um ebenso langsam wieder an seinem Leibe herunter zu sinken. »Wassermühlen und Op gen Oort die nämliche Schose. Alles riecht nach dem Spaten. Malthus ist tot, und der da von drüben ... Besser schon: er wäre von der Koppel gesenst wie mein Solokollege. Aber das kommt noch, das kommt noch, denn der Mensch kann nur 'ne gewisse Portion Not und Mordio vertragen. Was drüber hinausgeht, darf höchstens mit 'ner Handvoll Kirchhofserde wieder gutgemacht werden. Simonis, Hundekanaille ...!«

Unvermittelt schraubte der gutmütige Mensch sein Wort in die Höhe. Es klang schrill und blechern.

»Das ist ja nächst dem leibhaftigen Satan! Das ist ja, um den Katzenschwanz zwischen die Türe zu klemmen und das Biest gottslästerlich zu verprügeln. Das ist ja ... Zerquält und zerschunden, gehetzt und abgetrieben wie'n armselig Stück Wild! Himmel, Herrgott und Mühlstein! Mensch, wie konntet Ihr dem ehrlichen Kerl nur das gebrannte Herzleid antun?! Hundekanaille ...!« und mit heiserem Stöhnen warf er den Schädel herum. »Und Ihr da, Jan van den Birgel, Ihr und Simonis, Speck und Schwarte von der nämlichen Sorte, Ihr habt mitkomplottiert und dem braven Kalviner ...«

»Höfkens, macht keine Geschichten!«

»Ach was, Geschichten! Ich weiß, was ich weiß, oder Gottes Wort ist gelogen.«

»Höfkens, ich sage noch einmal ...«

Grinsend und lauernd hatte sich der unheimliche Gesell von den Binsen erhoben.

»Sagt, was Ihr wollt! Ich bleibe bei meiner Ansicht und bin erbötig, sie unter die Leute zu bringen. Basta!«

»Höfkens, ich sage zum dritten und letzten ...«

Die Stimme des kleinen Mannes vibrierte.

»Laßt mich aus dem Spiel, oder ich beschreie die Sache!« Mit erhobenem Stab war er näher getreten, den Blick starr und stur auf den Müller gerichtet. Seine magere Brust hob und senkte sich krampfhaft. Sein fahles Gesicht wurde noch fahler und fahriger und erinnerte in seiner scheußlichen Tünche an das eines Totenkopfes, auf dem nur noch spärliche Haarreste standen. Dabei wirbelte er das schwarze Sponton durch die Luft.

»'runter mit dem verfluchtigen Medaillenstab!« gebot der Müller mit herrischer Handbewegung, »denn mit dem niederträchtigen Ding habt Ihr schon, Strunk und Stiel, Glück und Reputation zusammen gehauen. Fisimatenten, infame!«

»Mensch, beleidigt mein Amt nicht, sonst kann es immer passieren ...«

»Was kann passieren? Immer nur heraus mit der Sprache!«

»Wartet man ab!« grinste der Kleine, und dann mit seinen kalten, steifen Fingern die Schultern des erregten Mannes berührend, sagte er tonlos, nachdem er die grauen Augen verächtlich geschlossen und sie wieder geöffnet hatte: »Beleidigt mein Amt nicht, sonst: Höfkens und Malthus, Wind- und Wassermüller werden in denselben Mustopf geworfen. Mir ganz partie egal, wie es kommt. Ich kann warten und warte. Aber das sag' ich Euch, Müller: ich brauche nur diese Finger gegen die Mühle zu strecken, hier diese fünf Finger – und drei Tage später könnt Ihr bereits als Matador mit dem Trumpfkönig Solo in der Ewigkeit spielen.«

Er lachte kurz und abgehackt auf, kurz und niederträchtig. Es klang, als habe ein Elstervogel vom Galgenholz heruntergegeckert.

Gleichzeitig klappte der Medaillenstab bei Fuß.

»Verstanden, Cornelis?«

Ja, er hatte verstanden.

Höfkens erbleichte.

Eiswasser lief ihm über Nacken und Rücken.

Was wollte der Mensch nur? Der Kerl hatte zu infame Manieren. Ihm so den Tod an die nackte Kalkwand zu malen! Das war ja bei Licht besehen 'ne Niedertracht, wie kein schäbiger Bußprediger sie besser hätte ausdenken können. Am liebsten hätte er dem widerwärtigen und gefährlichen Knirps die Drohung ums Maulwerk gepfeffert; aber er wagte es nicht. Seine Willenskraft erlahmte unter dem höhnischen und lästerlichen Blick dieses scheußlichen Beamten, der noch immer drohend vor ihm stand, ihm von Zeit zu Zeit die Schultern mit seinen kalten und steifen Fingern betippte und immer wieder versicherte, er brauche nur die Hand zu strecken, um die schwarzen Bretter in die Mühle tragen zu lassen, die nach Firnis riechenden Bretter, mit den blanken Beschlägen und dem finstern Bahrtuch darüber.

Mit beiden Händen wehrte er ab.

»Unsinn!« sagte er mit unsicherer Stimme. »So leicht stirbt sich das nicht; denn ich hoffe noch immer meine zwölf bis fünfzehn Jährchen zu leben. Was meint Ihr dazu, Jan van den Birgel?«

Mit einem breiten Lächeln suchte er sich über seine schweren Bedenken, über das ekelhafte Angstgefühl, das sich an ihn geworfen hatte, hinweg zu schwindeln. »Im übrigen,« brummte er kleinlaut, wenn er auch versuchte einen jovialen Ton anzuschlagen, »'nen ›Ollen Klaren‹ gefällig?«

»Wenn's denn sein muß, warum nicht?« versetzte der Kleine. »Aber Frieden gehalten, dann kann's noch mal gut gehen.«

Cornelis atmete auf, begab sich ans Eckschab und entnahm ihm ein Gläschen und eine Bouteille mit gebranntem Wasser.

»Beste Qualität!« meinte er freundlich, schenkte ein und präsentierte den Fusel. »Wohl bekomm's!«

»Merci!« sagte Jan van den Birgel, wippte das Gläschen hinunter, stülpte sich den Zylinder über den kahlen Schädel und achselte den Trauerflor über den linken Arm. »So, nu muß ich zum Kalviner 'nüber.«

»Gute Verrichtung!«

»Danke und nochmals gesagt: Christian Franz Malthus ist tot. Begräbnis am Freitag, präzise drei Uhr. Requiescat in pace! Vergeßt die Kalkpfeife nicht!«

Dann sockte er ab.

Cornelis Höfkens sah ihm mit bleiernen Augen nach.

Wie der Kerl dahin latschte! Jetzt verließ er das Haus – jetzt ging er den Windmühlenhügel hinunter – jetzt war er an der Mergelgrube – jetzt auf dem Fahrweg – jetzt bog er ein, um an den Wassermühlen vorbei nach Op gen Dort zu pilgern ... aber es war so, als zöge der Tod in eigener Person neben dem ausgetragenen Menschen her.

Dem Alten kam die Besinnung zurück und mit ihr der alte Haß, den er nicht mehr los werden konnte.

Da ging das Unheil, das Elend, der grindige Schleicher, der ihm das Sterben ins Haus gewünscht hatte. Unsinn! Erstunkene Lügen! Aber man konnte immer nicht wissen ..

»Gottverdammich nochmal!«

Langsam hob er die Faust und streckte sie hinter ihm her.

Ein Fluch trat ihm zwischen die Zähne.

»Hundekanaille!« knirschte er grimmig.

 

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