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Singinens Geschichten

Paula Dehmel: Singinens Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
booktitleSinginens Geschichten
authorPaula Dehmel
year1921
publisherE. A. Seemanns Verlag
addressLeipzig
titleSinginens Geschichten
created20040620
sendergerd.bouillon
firstpub1921
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Von der Eule und den Märchenstuben

Puhuh! machte es in der Nacht und stieß an mein Fenster. Ich stand auf und öffnete es; da saß eine große Eule draußen, und ihre roten Augen flimmerten. Sie hatte einen Mäuseschwanz zwischen den Klauen und tippte mich damit an; da wurde ich auch eine Eule und durfte mitfliegen.

Es war ganz dunkel, aber ich hatte ja Eulenaugen und konnte fein sehen. Wir flogen durch den Wald; der Wind blies die Zweige auf und nieder, und sie rauschten sehr. Kein einziger Stern stand am Himmel; mir war gruselig, aber schön zu Mute.

Ganz schwarz lag der See unten; er sah garnicht mehr aus wie Wasser. Ein paar Frösche quarrten laut ihre langen Töne.

Unsre Flügel surrten wie große Brummfliegen, als wir runterflogen; und der Stein war kalt und glibberig, auf den wir uns hinhockten.

Hier wollen wir Mäuse fangen, sagte die Eule und lauerte mit ihren gelben Augen. Und wirklich kam eine Maus unter dem Stein hervor.

Ich sah zu, wie sie auf sie loshackte und sie auffraß. Willst du auch was davon? fragte sie; aber ich hatte keine Lust zu Mäusebraten.

Endlich war sie satt, und wir konnten weiterfliegen. Husch, hoch hinauf in den alten Turm, wo die uralte Glocke hängt, die ganz von alleine läutet, wenns stürmt oder wenn einer sich selbst umbringt.

Sie klang leise, als unsre Flügel an sie antippten. Unter dem Steingesims hingen eine ganze Masse Fledermäuse, mit den Füßen nach oben. Wir jagten sie auf, und nun machten sie große Kreise, immer um uns rum, aber muckstill; man hörte sie nicht fliegen.

Soll ich dir das Turmgemach zeigen, wo Dornröschen eingeschlafen war? fragte die Eule, und wir flogen rings um den Turm. Wir kamen an ein großes Fenster und sahen in die Stube. Da stand wirklich noch das alte verstaubte Spinnrad, die Spindel lag am Boden, und Spinnweben hingen überall. Eine alte häßliche Fee war aber nicht da; die ist gewiß schon lange gestorben, und Dornröschen auch und der Prinz.

Weißt du noch mehr Märchenstuben? fragte ich die Eule.

Ja, willst du Ritter Blaubarts Turmgemach sehen? mit all den abgehackten Köpfen? Und die gelben Augen funkelten ihr, als sie das sagte.

Ich fürchtete mich aber und schrie: nein, lieber nicht! Da lachte die Eule; schrecklich lachte sie, mir wurde ganz angst. Ich wachte auf und saß im Hemd auf dem Fensterbrett und mußte sehr niesen.

Ich ging wieder zu Bett und zog die Decke fest über den Kopf; aber einschlafen konnte ich noch lange nicht, die Eule machte immer noch große Augen.

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