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Singinens Geschichten

Paula Dehmel: Singinens Geschichten - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
booktitleSinginens Geschichten
authorPaula Dehmel
year1921
publisherE. A. Seemanns Verlag
addressLeipzig
titleSinginens Geschichten
created20040620
sendergerd.bouillon
firstpub1921
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Vom Geist der Fruchtbarkeit und des Gedeihens

Unsere Kuh Bleß hat ein Kälbchen bekommen. In der Nacht habe ich sie brüllen gehört, und als ich heut Morgen auf den Hof kam, winkte mir Line in den Stall. Da kniete ein mageres kleines Kälbchen, und die Kuh leckte es.

Wo ist das Kälbchen hergekommen? fragte ich. Line lachte und sagte, das ginge mich nichts an. Da lief ich zum alten Steffens und fragte den. Der sagte: Du weißt doch, wie die Hühner Eier legen: nun, grade so legen die Kühe gleich die lebendigen Kälbchen.

Steffens, sagte ich, werden die kleinen Kinder auch gelegt? – I, du dummes Gör, rief er; du weißt doch, daß die der Storch bringt, und so unnütze wie dich bringt die wilde Katze.

Ich wußte aber, daß der alte Steffens gelogen hatte, denn bei uns gibts gar keine Störche, und immer kommen kleine Kinder; und da lief ich zu meinem Vater.

Der saß in der Laube beim Kaffeetrinken. Vati, bitte, sag mir: wo kommen die kleinen Kinder her?!

Da hat mich Vater ernst angesehen und mir dann ein sehr schönes Märchen erzählt; und ich habe ihn nun noch viel lieber und Mutter auch. Und das Märchen weiß ich ganz und gar auswendig:

Tief im Schoße der Väter wohnt seit ewigen Zeiten der Geist der Fruchtbarkeit, und tief im Schoße der Mütter der Geist des Gedeihens. Und wenn Vater und Mutter sich von Herzen lieb haben und sich innig umfangen, bildet der Geist der Fruchtbarkeit aus dem Blute des Vaters einen winzigen Lebenskeim und gibt dem Vater die beseeligende Kraft, ihn in den Schoß der Mutter hineinzusenken. Das nennen wir die Zeugung, Singine.

Und der kleine Keim gleitet tief in den Mutterschoß, wie ein Samenkorn in die Erde; so tief, daß weder Luft noch Licht ihn berührt. Aber der Geist des Gedeihens ersetzt ihm die Sonne; voller Liebe empfängt er ihn, pflegt und hegt ihn unter dem Herzen der Mutter und nährt ihn im Dunkeln von ihrem Blut.

So wächst der Keim wie die Blume im Erdreich, schwillt und sprießt im Mutterleib und wird langsam ein kleiner Mensch. Und an dem Tage, wo er die Augen aufschlagen will, um endlich doch die Sonne zu sehen, drängt ihn plötzlich der Geist des Gedeihens aus der engen Pforte des Mutterleibes hinaus in die Welt. Das macht der Mutter schweren Schmerz; aber sie freut sich so auf ihr Kindchen, daß sie willig die Schmerzen duldet.

An dem Tage sagen wir: Es ist ein Mensch geboren, Singine. Kannst du dies wahre Märchen wohl schon begreifen? –

Ich gab meinem Vater still einen Kuß und mußte die Augen schließen und Hände falten; mir war so heilig wie bei der Weihnachtsfeier. Nun weiß ich doch, daß ich ein Stückchen von Vater und ein Stückchen von Mutter bin, und hab sie nun noch viel lieber als je.

Ich ging auch gleich zu Mutter hinein, und als ich ihr das Märchen erzählte, hat sie mich auf den Schoß genommen und mich geküßt wie früher, als ich noch klein war.

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