Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paula Dehmel >

Singinens Geschichten

Paula Dehmel: Singinens Geschichten - Kapitel 25
Quellenangabe
typepoem
booktitleSinginens Geschichten
authorPaula Dehmel
year1921
publisherE. A. Seemanns Verlag
addressLeipzig
titleSinginens Geschichten
created20040620
sendergerd.bouillon
firstpub1921
Schließen

Navigation:

Vom Geburtstag und dem Schatzhäusermännlein

Gestern hatte ich Geburtstag; elf rote Lichterchen brannten um ein großes weißes herum, es war ganz feierlich. Line hat mir einen schönen Kuchen gebacken mit Schokoladenstreifen drin; den esse ich am liebsten. Ein niedliches grün-und-weißgestreiftes Kleid habe ich auch bekommen und zwei Bücher: Hauff's Märchen und Grube's Geschichtsbilder.

Nach dem Kaffee durfte ich drin lesen. Das Märchen »Das kalte Herz« – von dem Peter und dem Schatzhäusermännlein – ist sehr schön. Und weil ich doch auch ein Sonntagskind bin, habe ich mich gleich mit dem Schatzhäusermännlein angefreundet, und er hat mich mit in seinen Tannenwald genommen. Da war es ganz still. Hohe dunkle Tannenbäume standen da und rauschten leise; sie haben gewiß auch ihre Sprache, wir verstehen sie bloß nicht. Unten wuchsen lauter Farnkräuter; die waren fast so hoch wie das Männlein und ich.

Er hatte ein braunes Kittelchen an und Sandalen und faßte mich an der Hand und ging mit mir einen schmalen Weg entlang. Ein großer Hirschkäfer kam gerade auf uns zugelaufen; er humpelte sehr, er hatte sich ein Beinchen gebrochen. Das Männlein nahm gleich Salbe aus der Tasche und bestrich die Wunde damit; da konnte das Tierchen wieder ordentlich laufen, das war doch nett.

Bist du müde, Singine? fragte der Schatzhäuser. Ja, ein bißchen, sagte ich. Da pfiff das Männlein auf zwei Fingern, wie die Dorfjungens bei uns zu Hause, und gleich kam ein weißer Hirsch angelaufen mit einer schönen roten Schabracke und vielen silbernen Klingeln dran. Eigentlich gehört er der Elfenkönigin, sagte der Schatzhäuser; aber wir sind sehr befreundet, da borgt sie mir ihren Springfuß manchmal, wenn ich Sonntagskinderbesuch habe. Und er half mir auf den Hirsch klettern.

Hei, das war ein feines Spazierenreiten! Um das Geweih hing eine goldne Kette, daran konnte ich mich festhalten; und die Glöckchen machten eine feine Musik dazu. Bergauf und bergab ging es, ein ganzes Stück in den Wald hinein.

Der Schatzhäuser hatte ein Säckchen auf der Schulter, mit allerlei Gutem drin für die Tiere; wilde Kaninchen und Wiesel, Marder und Eichhörnchen, alle kamen zutraulich zu uns hergelaufen und holten sich einen Leckerbissen oder ließen sich von dem guten Männlein kurieren.

Nun wollen wir frühstücken, sagte der; und ich rutschte von dem Hirsch herunter und setzte mich neben ihn auf eine lange Baumwurzel, die war grad so wie eine Bank. Springfuß aber schüttelte seine Glöckchen und lief in den Wald zu seiner Königin zurück.

Nun pfiff das Männlein wieder, aber viel leiser und feiner als das erste Mal. Gleich kamen viele Blumenkinderchen über die Wiese hergegangen: blaue Glocken und Anemonen, Ehrenpreis und Tausendschönchen, Wicken und Winden. Sie trugen in den Händchen Blattkörbe mit reifen Beeren; das leuchtete und duftete nur so. Sie sangen ein leises Waldliedchen und stellten die Körbchen dem Männlein und mir auf den Schoß. Himbeeren und Erdbeeren, Blaubeeren und Brombeeren waren darin; so schöne hatte ich noch nie gegessen.

Jetzt kommt mein Geburtstagsgeschenk, sagte der Schatzhäuser und klatschte in die Hände. Da fingen die Blumenkinderchen an zu tanzen, im Kreise und zu zweien, links herum und rechts herum; sie hoben im Takt ihre Röckchen und neigten sich und knixten und führten einen allerliebsten Tanz auf. Die andern Blumen standen still hinter ihnen und sangen ein feines Tanzlied; wie schön war das alles! Das ist ein liebes Geburtstagsgeschenk, sagte ich; ich danke dir, gutes Männlein.

Nun will ich dir aber meine Waldschule zeigen, sagte der Schatzhäuser. Eine Schule? fragte ich; was willst du denn hier mitten im Walde mit einer Schule?

Das sollst du gleich sehn, kleine Neugier! lachte das Männlein und schloß die Tür zu einem niedlichen Borkenhäuschen auf. Das stand mitten auf einer großen Wiese, und ein paar Häschen sprangen drauf herum und schlugen Purzelbäume.

Hier ist zuerst meine Webeklasse, sagte der Schatzhäuser und winkte mir in das erste Zimmer. Viele kleine Spinnen hockten da in den Ecken und mühten sich ab, Netze zu weben, große Netze und kleine Netze, dicke und dünne; ganz verschieden sahen die aus. Eine große Kreuzspinne war die Lehrerin; und wenn es die Kleinen nicht gleich richtig machten, mußten sie wieder von vorn anfangen. Das machte mir viel Spaß, und ich sah eine ganze Weile zu.

Das kuckst du ihnen doch nicht ab, lachte der Schatzhäuser; komm nur weiter.

In der nächsten Stube war großes Gepiepse und Gelärme. Wohl hundert kleine Singvögel flogen da herum oder saßen auf Stangen. Alle konnten sie noch nicht ordentlich singen und lernten nun bei einer alten Amsel; die übte ganz geduldig Lieder mit ihnen ein, allein und im Chor. Das war zu lustig; am liebsten hätte ich auch mitgepfiffen.

Aber lernen die Vögelchen und die Spinnchen das alles nicht viel besser bei ihren Eltern? fragte ich das Männlein.

Natürlich, sagte der. Aber es sind auch bei den Tieren recht unbegabte Kinder; die kommen mit ihren Geschwistern nicht mit. Auch gibt es immer welche, die haben ihre Eltern zu früh verloren; die lasse ich hier alles schön lernen. Nester bauen gehört auch zum Unterricht; das ist sehr wichtig, wie du dir denken kannst. Und nun kuck mal hier!

Wir kamen in eine große Stube, da kribbelte es von jungen Häschen und Kitzchen und Hirschkälbchen. Das sind auch alles kleine Waisenkinder, sagte das Männlein; und er gab mir ein Milchfläschchen in die Hand. Gleich kamen die Tierchen angelaufen, und jedes wollte gern trinken. Ich suchte mir ein niedliches kleines Kitzchen aus und freute mich, wie es sog und schluckte. Die andern Tierchen brauchten auch nicht blos zusehn, sie bekamen Milch und Salatblätter, Kräuter oder feines Gras; alle schnupperten und drängten sich um das gute Männlein.

So, nun habt ihr genug, sagte der und schloß eine Nebentür auf; da lagen ein paar winzig kleine Füchslein auf Stroh und blinzelten uns klug an. Das ist 'ne wilde junge Gesellschaft, lachte der Schatzhäuser, darum haben sie ihr apartes Zimmer; manchmal habe ich auch Luchschen, Marder und Wieselkinder hier, grade wie's kommt. Und er nahm etwas Fleisch aus einem Spinde und verteilte es unter die Tierkinder, die lustig danach schnappten.

Ach Schatzhäuser, sagte ich, ich möchte wohl länger bei dir bleiben und mit deinen lieben Tieren und den Blumenkindern spielen und dir helfen und ihnen Futter geben; es ist alles so lieb hier.

Da wurde das Männlein ganz ernst und sagte: Nein, hier kann ich keine Menschen gebrauchen, die würden mich blos stören; nur manchmal laß ich ein Sonntagskind, wie du eins bist, ein bißchen hereinkucken. Aber wenn du mir helfen willst, kannst du das doch tun. Du brauchst blos immer gut und sorglich mit den Waldtieren umgehn und den Vögeln im Winter Futter streun, dann wird der Schatzhäuser immer gern an dich denken. Und dabei legte er seine Hand auf meinen Kopf – und ich saß wieder auf meinem Stuhl in der Geburtstagsstube und hatte das Märchenbuch auf dem Schoß.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.