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Singinens Geschichten

Paula Dehmel: Singinens Geschichten - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
booktitleSinginens Geschichten
authorPaula Dehmel
year1921
publisherE. A. Seemanns Verlag
addressLeipzig
titleSinginens Geschichten
created20040620
sendergerd.bouillon
firstpub1921
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Vom Pudel und der alten Margret

Der Pudel ist die Nacht wieder da gewesen, der große schwarze Pudel mit den roten Augen. Er saß auf meiner Bettdecke und glotzte mich an. Ich traute mich garnicht, die Augen aufzumachen, und wollte beten; mir fiel aber kein Anfang ein, so sehr fürchtete ich mich.

Da setzte der schreckliche Pudel die Pfote auf meine Brust, und ich schrie laut auf. Mutti hörte es und machte Licht; da war der Pudel gleich weg, und Mutti nahm mich in ihr Bett und küßte mich und sagte, ich hätte blos schlecht geträumt.

Ich kenne aber den Pudel, er ist schon öfter dagewesen und hat mich so sehr angesehen.

Heut Abend will ich zur alten Margret gehen und ihr Brot und Äpfel bringen. Die weiß viele heilige Sprüche und Hausmittel; die wird mir schon sagen, wie ich den bösen Hund wegbringe. Mutter und Vater glauben nicht an so'was; sie sagen, ich habe Albdrücken und soll abends keine Äpfel essen.

Bei der alten Margret ists schön heimlich. Immer hat sie Garn zu wickeln; das muß ich ihr halten, wenn sie erzählt. Viele schöne Geschichten weiß sie: von dem Kobold Fixfax und dem Himmelsprinzeßchen, von der Taube Turtli und dem Mondmädchen Mirlamein und noch viele andere.

Auf der Sofalehne sitzt ihr schwarzer Kater Willibald und macht grüne Augen; die große bunte Holzuhr tickt dazu.

Manchmal darf ich in der alten geschnitzten Truhe kramen und das geblümte grüne Seidenkleid rausnehmen, das der alten Margret ihr Brautkleid gewesen ist; und alle die Holzschachteln mit den gemalten Rosen drauf darf ich aufmachen, und alle die bunten Bänder, Spitzen und Perlketten darf ich auspacken und darf mich damit putzen.

Dann spiele ich Prinzessin oder Fee, und die alte Margret ist die Schäfertochter oder das Gänseliesel und darf sich was wünschen. Dann hebe ich mein Zauberstöckchen hoch und hexe ihr das Gewünschte irgendwohin. Das ist ein hübsches Spiel, und man kann sich immer was Neues dabei ausdenken. Zuletzt packe ich alles wieder schön ein und schließe die Truhe zu, mit dem großen zackigen Schlüssel.

Aber ein Zauberkraut für den Pudel will ich mir doch lieber nicht von ihr geben lassen. Vater sagt, ich brauche den häßlichen Hund blos ordentlich anpacken, dann geht er von selber weg und kommt nicht wieder.

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