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Singinens Geschichten

Paula Dehmel: Singinens Geschichten - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
booktitleSinginens Geschichten
authorPaula Dehmel
year1921
publisherE. A. Seemanns Verlag
addressLeipzig
titleSinginens Geschichten
created20040620
sendergerd.bouillon
firstpub1921
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Vom Schneemann

Am zweiten Weihnachtsfeiertag waren Erich und Marie wieder da. Wir aßen Nüsse und Pfefferkuchen und spielten mit meinem neuen Lebensrad. Wenn man das dreht, werden die Bilder drin lebendig. Ein Clown schlägt Purzelbäume, ein Pudel springt durch den Reifen, ein Junge klettert auf einen Berg und wieder runter, und noch viel andres ist drin zu sehen; es ist ein lustiges Spielzeug.

Nachher haben wir einen Schneemann gemacht. Erst ein paar dicke Beine und einen Bauch, dann Hals und Arme und zuletzt den Kopf. Vater schenkte uns einen alten Kragen und einen Schlips; damit putzten wir unsern Schneemann fein aus. Der alte Steffens holte uns noch einen schwarzen Hut und eine Tabakspfeife, das konnten wir gut gebrauchen. Die Augen machten wir aus Kohle, und Mund und Nase aus Mohrrüben. Der Kerl sah ganz famos aus; wir nannten ihn den weißen Peter und tanzten um ihn herum. Zuletzt machte Erich ihm noch eine lange Perücke und einen Bart aus schwarzem Papier, da sah er wirklich beinah aus wie ein Mensch.

Bald nach dem Kaffee ließ Vater den Schlitten anspannen, und wir brachten Fröhlichs nach Hause. Hei, das ging schnell, viel schneller als im Wagen. Und der weiße Wald glitzerte, und die Abendsonne stand wie eine rote Kugel am Himmel. Wir waren eine Weile ganz still vor Freude; man hörte blos die Schlittenglöckchen bimmeln. Als wir nach Hause kamen, war es schon dunkel; ich aß schnell mein Butterbrot und ging zu Bett.

Kaum war ich eingeschlafen, hörte ich unten was pfeifen.

Nanu, dachte ich, was ist denn los? und sprang aus dem Bette. Draußen schien der Mond, und ich sah ganz deutlich, wie der weiße Peter unten im Hof auf und ab ging. Ich machte das Fenster auf: Willst du wohl still stehn, alter Junge! Schneemänner gehn doch nicht spazieren!

Ach, sagte der, ich kann mir doch auch mal die Füße vertreten, sie sind mir eklig kalt geworden; übrigens könnte man auch mal Schlitten fahren, das habe ich lange nicht mehr getan. Und da zog er auch schon den Schlitten aus dem Schuppen. Willst du mit? rief er heraus.

Natürlich wollte ich. Ich zog mir Vaterns großen Pelz an und ging hinunter. Richtig, da saß unser Schneemann auf dem Bock; vier große weiße Pudel waren vor den Schlitten gespannt. Eingestiegen und los! Hei, wie wir flogen! Ich konnte kaum um mich sehen, so schnell gings.

Wo fahren wir denn hin, Peter? fragte ich. In den weißen Garten, sagte der Schneemann; und schon waren wir da.

Mitten im Walde blühten Hunderte von weißen Blumen, große und kleine. Ihre Blätter waren weiß, und das Gras war weiß, und alle Käferchen und Schmetterlinge waren weiß; sogar der Mond, der hoch oben stand, sah ganz weiß aus. Es war eigentlich ein bißchen gruselig, als wir ausstiegen und in dem weißen Garten umhergingen.

Peter, sagte ich, wir wollen wieder nach Hause; hier ist es mir zu weiß und zu still, und mich friert.

Aber die weißen Pudel waren mit dem Schlitten weggefahren, und der Schneemann nahm mich auf den Arm. Da wurde er immer größer und höher; wie ein Berg wurde er, und ich wuchs mit, beinah bis in den Himmel.

Und da kam auch schon das Luftschiff angefahren; rasch hinein in die Gondel, und nun wie der Wind nach Hause. Heidi, das ging ja noch schneller als wie im Schlitten! Aber der weiße Peter machte sich so furchtbar dick im Luftschiff; ich hatte auf einmal gar keinen Platz mehr, und plötzlich fiel ich – fiel ich – und bums! lag ich in meinem weichen Bett und wachte auf.

Verwundert guckte ich mich um. Es war Mondschein. Hatte ich denn das alles blos wieder geträumt? –

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