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Singinens Geschichten

Paula Dehmel: Singinens Geschichten - Kapitel 21
Quellenangabe
typepoem
booktitleSinginens Geschichten
authorPaula Dehmel
year1921
publisherE. A. Seemanns Verlag
addressLeipzig
titleSinginens Geschichten
created20040620
sendergerd.bouillon
firstpub1921
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Von der Weihnachtsfee

              Ich bin aus einem hellen Lande;
da wächst und blüht ein Baum, um den
wir all in strahlendem Gewande
mit silberweißen Flügeln stehn.

Der Baum ist grün, grün ohne Ende,
und seine Höhe mißt kein Sinn;
und seine Zweige sind wie Hände,
die strecken sich nach Jedem hin.

Der Baum trägt viele tausend Kerzen,
und jede ist den andern gleich;
und ihre Flammen sind wie Herzen,
die leuchten klar und warm und weich.

Er hängt voll Gold bis an die Spitze,
und seine Jahre zählt kein Mund;
und seine Wurzeln sind wie Blitze,
die dringen in den härtesten Grund.

O komm, komm! Tausend Früchte warten,
dein goldner Apfel pflückt sich leicht;
denn Jedem öffnet sich der Garten,
wer sinnt, wie man den Baum erreicht.

Kommt, seht ihn schimmern! Heut aufs neue
erfüllt sich, was die Schrift verhieß:
Einst pflanzte, daß der Mensch sich freue,
Gott einen Baum im Paradies.

Dieses Gedicht habe ich am Heiligen Abend aufgesagt. Es ist von dem Dichter Richard Dehmel; der hat noch 'ne ganze Masse solcher schönen Gedichte gemacht.

Mutter hat mir ein langes weißes Kleid angezogen und mir einen silbernen Gürtel umgebunden. Über den Kopf bekam ich einen feinen Schleier mit einem Kranz von Christrosen; die haben wir beide, Line und ich, aus Rauschgold und Blattsilber ausgeschnitten. Onkel Joachim hat mir noch ein paar weiße Flügel aus Berlin mitgebracht; nun sah ich ganz aus wie eine richtige Christfee.

Als der Baum angesteckt war, durfte ich das Lied aufsagen. Vater hat mich nachher geküßt und hat gesagt: das war schön, Singine. Und Line und der alte Steffens haben ganz andächtig dagestanden und mich so fromm angekuckt, als wäre ich wirklich das heilige Christkind.

Und in der Nacht, als alles schlief, habe ich mir meine Flügel wieder angemacht und bin in den Himmel geflogen. Da habe ich zugesehen, wie die Engelchen viele Sterne blank putzten und sie an den großen Weihnachtsbaum mitten im Himmel hängten. Und die Jungfrau Maria hatte das Jesuskind auf dem Arm und legte grüne Tannenzweige rings um einen langen Tisch, die strahlten wie lauter Edelsteine. Und alle Engel sangen schöne Lieder; die konnte ich aber nicht verstehen, die waren gewiß in der Himmelsprache gesungen.

Die kleinsten Engel spielten mit goldnen Bällen; manchmal rollte ihnen einer weg und über die Wolken. Da sagten sie: Wenn er auf die Erde fällt, wird er eine Sternschnuppe; die Menschen können sie aber nicht fangen, denn die Bälle sind aus Sonnenstrahlen gemacht und zergehen in der Luft.

Der liebe Gott nahm mich auf den Schoß und sah so gut und freundlich aus wie vorhin Vater, als er sagte: das war schön, Singine. Er gab mir einen Kuß und sprach: Werde auch so schön und sanft wie die Christfee! Er und die Engelchen hatten nämlich das Gedicht bis in den Himmel gehört; und das geschieht immer, wenn etwas recht von Herzen kommt, sagte der liebe Gott.

Nachher nahm mich ein Engel auf den Arm und brachte mich einszweidrei wieder in mein Bett. Da träumte mir noch lauter Schönes vom Himmel und von den himmlischen Heerschaaren.

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