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Singinens Geschichten

Paula Dehmel: Singinens Geschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
booktitleSinginens Geschichten
authorPaula Dehmel
year1921
publisherE. A. Seemanns Verlag
addressLeipzig
titleSinginens Geschichten
created20040620
sendergerd.bouillon
firstpub1921
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Vom Wacholdernestchen

Sonntag Mittag habe ich das Wacholdermännchen gesehen; unten im Wacholderbusch rappelte was, und wie ich nachsah, war es das Wacholdermännchen. Es sah ganz aus wie ein kleiner Junge, blos daß es keine Hände, sondern Vogelkrallen hatte und einen richtigen Papageienschnabel.

Es sah sehr lustig aus, und ich lachte und freute mich.

Was machst du denn da? fragte ich.

Ich pflücke Beeren zum Wacholderschnaps, sagte der Kleine; der schmeckt gut, willst du mal kosten? Und er nahm eine Flasche aus seinem Röckchen und gab sie mir. Ich kostete, und es schmeckte sehr gut. Plötzlich mußte ich aber niesen und die Augen zumachen, weil mir ein bißchen schwumelig wurde.

Als ich wieder hinsah, war das Wacholdermännchen weg. An der Erde saß ein hellgrüner Laubfrosch, der patschte sich mit seiner linken Hand auf seinen weißen Bauch und spielte mit der rechten die Mundharmonika. Neben ihm hockte eine kleine braune Schnecke, die hatte die Fühler rausgesteckt und hörte andächtig zu.

Wo ist das Wacholdermännchen hingekommen? fragte ich; ihr müßt es doch gesehen haben. Der Frosch glotzte mich dumm an, sagte blos quack und spielte weiter. Die Schnecke aber hatte Angst und kroch in ihr Häuschen.

Da hörte ich von drüben was lachen – drüben steht nämlich noch ein Wacholderbusch; und wie ich hingehe, sitzt der Kleine schon oben auf der Spitze und baumelt mit den Beinen. O, sagte ich, ausrücken gilt nicht; wollen wir nicht zusammen spielen?

Da hopste er herunter, grade auf meinen Arm. Ich schrie laut, und er wollte sich totlachen. Ich hatte mich natürlich blos ein bißchen erschrocken und lachte nun mit. Paß mal auf, sagte er, ich will dir meine Wohnung zeigen; und er bog die Zweige sachte auseinander. Da war ein großes Nest mit drei ganz kleinen Wacholderkinderchen; die hatten auch Vogelkrallen und gelbe Papageienschnäbel, und das Wacholderweibchen fütterte sie mit kleinen Schnecken und Wacholderbeeren. Es sah allerliebst aus. Ich wollte gern hinfassen und mir eins von den niedlichen Jungen nehmen, aber das Wacholdermännchen sprang schnell von meinem Arm in den Busch und machte die Zweige dicht hinter sich zu; da konnte ich nichts mehr sehen von ihm und seiner possierlichen Familie.

Nachher wollte ich das Nest suchen, aber der Wacholder piekte mich in die Hände, das tat weh. Er hat gewiß nicht leiden wollen, daß ich sein Völkchen störe. Da hielt ich blos das Ohr hin und hörte still zu, wie es drin flüsterte und kicherte.

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