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Sind Götter?

Felix Dahn: Sind Götter? - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleSind Götter?
printrunZweite, durchgesehene Auflage
year1878
correctorreuters@abc.de
secondcorrectort-stur@altmuehlnet.de
senderwww.gaga.net
created20070606
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XIX.

– – – So weit hatte er geschrieben, der gottverlassene Bruder Irenäus, – da brach das Strafgericht des Himmels über ihn herein.

Ich, Aaron von Perusia, durch Gottes Gnade berufen, diese Lämmer des heiligen Columban zu weiden, ward auch der Gnade gewürdigt, das räudige Schaf aus der Herde zu treiben.

Längst war ich auf der Spur: ihm und seinem weltlichen, heidnischen, sündhaften, gottlosen, ja gottesläugnerischen Treiben; er hatte das richtig geahnt im schuldbewußten Gewissen: auf Schritt und Tritt ließ ich ihn bewachen von gotteseifrigen Brüdern aus Italia, ohne daß er es merkte: dem frömmsten von ihnen, dem Bruder Ignatius von Spoletum, gelang es, sein Vertrauen zu gewinnen – denn tölpisch arglos sind sie, diese Barbaren – dadurch, daß er sich öfter Harfe von ihm vorspielen ließ. Diesen bat er einmal um neues Pulver zur Dinte aus seinem Vorrath, da er die eigne zugetheilte Dosis verschrieben habe und von »dem Haupt der Pharisäer« – so nannte der Freche seinen Abt und Oberhirten – könne er nicht neues Atrament verlangen, ohne abzuliefern, was er mit dem alten Vorrath geschrieben.

Bruder Ignatius sagte sofort das Alles, frommer Pflicht gemäß, mir, seinem Abt; das Dintenpulver aber gab er ihm doch: mit der Klugheit der Schlange, die da Gott wohl gefällt an seinen Priestern.

Bald darauf ging der Sünder wieder aus auf eine seiner geheimnißvollen Wanderungen, die er immer machte, Nächte lang fortbleibend, wenn ihn ein Auftrag aus dem Kloster zu entkommen gestattete. Ich verwehrte ihm den Ausgang nicht: denn am leichtesten hoffte ich auf einem dieser Schleichwege sein geheimes Treiben zu entdecken. Ich schickte ihm jedesmal Späher nach: aber jedesmal verschwand er plötzlich den fernher vorsichtig Folgenden ganz räthselhaft mitten in den Waldfelsen des Strandes.

Ich selbst entsendete ihn diesesmal: und sowie er aus dem Klosterhofe getreten, durchsuchte ich sofort seine ganze Zelle auf's genaueste.

Da fand ich endlich, nach großer Mühe, diese gottlosen Blätter, in seiner verfluchten zierlichen Handschrift, ganz klein geschrieben, zwischen zwei Steinplatten des Fußbodens in einer Ritze listig versteckt.

Ich nahm das Teufelswerk mit mir und las und las mit steigendem Entsetzen: so viel Sünde, so viel Weltlust, so viel heidnische Freude an Kampf und Gesang und Trunk und Fleischesliebe, so viel endlich des Zweifels, des Unglaubens, der nackten Gottesleugnung war unter dem Dach des heiligen Columban, war unter meinem Hirtenstab aufgezeichnet und aufgewachsen!

Grauen ergriff mich und heiliger Zorneseifer.

Sofort berief ich heimlich die Brüder aus Italia zum engern Rath und zum Gericht; ich wies ihnen die ärgsten Giftbeulen in dem Geschreibsel, welches ja aller sieben Todsünden voll war, und das einstimmig gefällte Urtheil lautete: erst dreihundert Geiselhiebe, dann Einmauerung in der Strafzelle bei Essig, Wasser und Brod bis zu reuiger Zerknirschung und völliger Sinnesbesserung.

Ungeduldig erwarteten wir die Rückkehr des armen Sünders.

Mit dem Vesperläuten trat er in die Pforte des Klosterhofes.

Sofort stellte ich mich selbst vor die Thür, warf den Stangenriegel vor und rief die Brüder aus Italia herzu – die Mehrzahl, die Angelsachsen, welche dem Ruchlosen hold waren wegen seines sündhaften Harfenspiels und lau im Eifer des Herrn, hatte ich vorher im Refectorium versammelt und eingeschlossen, bis der Frevler gebunden wäre.

Eilig erschienen sie und etliche bewaffnete Klosterknechte hinter ihnen: da hielt ich dem Elenden statt aller Anklage nur diese Blätter entgegen und verkündete ihm das gefällte Urtheil.

Doch, ehe wir's uns versahen, sprang der Gottverhaßte blitzschnell nach der Cisterne im Klosterhof und holte aus dem innern Gestein einen furchtbaren, schrecklichen Hammer hervor.

»Hilf heut, lieber Hammer Halfreds, seinem Sohne!« so rief er mit dröhnender Stimme.

Und das Nächste war, daß mir zu Sinne ward, als fiele der Himmel auf mein Haupt und meinen Hals: ich stürzte zu Boden. Spät erwachte ich wieder: da lag ich zu Bett, ein aufgegebener Mann, und die Brüder aus Italia wehklagten an meinem Lager und erzählten, der grimme Simson habe mit einem zweiten Streich den Riegel am Thor zerschmettert, die Pforte aufgerissen und das Freie gewonnen. Wohl folgten ihm die Klosterknechte und von den Brüdern etliche, geführt von dem Bruder Ignatius: als aber der Flüchtling sich plötzlich wandte und die eifrigsten der Verfolger, einen der Knechte, der ihn greifen wollte, mit dem furchtbaren Hammer tödtete und den Bruder Ignatius mit einer schwern Wunde niederstreckte, da ließen die Anderen von ihm. Alsbald verschwand er wieder wie immer in Fels und Wald.

Niemals haben wir ihn wieder gesehen, obzwar ich noch am Tag meines Erwachens Alles ringsum genau nach ihm absuchen ließ am Strande: die Felshöhle, von der diese verfluchten Blätter sprechen, vermochten wir nicht zu finden: ich hatte die Knochen des alten heidnischen Mörders in die See werfen lassen: vermuthlich barg sich dort der Sohn, bis er auf einem Schiff die Insel verlassen konnte. Ich aber habe von seinem Hammerschlag, der mir auf einer Seite Schulter und Schlüsselbein zerschmetterte, für meine Lebtage eine häßliche Krummhalsigkeit davon getragen, welche äbtlicher Würde schweren Eintrag thut.

Dieses sündhafte Buch aller Gräuel aber schickte ich nach Rom an den heiligen Bischof mit der Anfrage, ob wir es verbrennen sollten oder noch aufbewahren zur Verfolgung der Spuren und Ueberführung des entsprungenen Mönches, wenn wir seiner wieder habhaft würden.

Lange, lange Zeit kam kein Bescheid.

Aber nach vielen, vielen Jahren kam das Buch zurück aus Rom mit der Weisung, es aufzubewahren – nur die gotteslästerlichsten Stellen darin waren getilgt – und zum warnenden Exempel für Andere solle der Abt Sanct Columbans aus einem mitgesendeten Briefe des Erzbischofs Adaldag von Hamburg auf diesen Blättern beifügen, welch gräßliches Ende nach einem sündhaften Leben höchster irdischer Lust (welche er, deß dürfen wir uns getrösten, ohne Zweifel in der Hölle mit ewigen Qualen zu büßen haben wird) dieser Abtrünnige durch das Strafgericht Gottes gefunden hat.

Nach dem Briefe des Erzbischofs leidet es nämlich keinen Zweifel, daß unser entsprungener Bruder Irenäus niemand anders ist, als der an allen Höfen des Nordlands viele Jahre als Krieger und als Harfensänger hochgefeierte, mit allem Erdenruhm und Erdenglück gekrönte Jarl Sigurd Halfredson, der am Hofe König Haralds von Halogaland plötzlich – man wußte nicht, von wannen er gekommen – mit einem Skalden des Königs auftauchte und sich durch Hammerwurf und Harfenschlag bald solchen Ruhm gewann, daß ihm König Harald drei Burgen, den Heerbefehl über alle seine Krieger und seine Tochter Gunnlödh zur Ehe gab.

Es war aber König Harald der grimmigste Christenhasser und der ärgste Widersacher der Ausbreitung des Evangeliums im Nordland.

Und Jahre lang führte Iarl Sigurd die Scharen König Haralds und immer führte er sie zum Sieg.

Der Herr prüfte damals die Seinen durch schwere Heimsuchung: er hatte sein Antlitz von ihnen gewandt und mochten die Vasallen der Bischöfe und die christgläubigen Nordlandsfürsten nicht zu bestehen vor Jarl Sigurd und seinem gefürchteten Hammer.

Das Ende aber dieses Blutmenschen war gräßlich: und deßhalb wird es, wie der heilige Vater befohlen, aus dem Briefe des Erzbischofs hier aufgezeichnet als furchtbare Warnung für alle, welche dieses lesen.

Als er nämlich abermals in einer großen Schlacht die Bischofsritter geschlagen hatte, traf ihn, da er in sündhafter Freude auf der Verfolgung »Sieg! Sieg!« jauchzte, ein Pfeil tödtlich in die Brust.

König Harald ließ an die rechte Seite des Sterbelagers seine Heidenpriester und die Skalden treten, die ihm von Walhalla tröstend singen sollten.

Der Wunde winkte sie hinweg mit der Hand.

Da traten an die andere Seite des Sterbenden drei Christenpriester, die in der Schlacht gefangen worden, und wollten ihm das heilige letzte Sakrament reichen, wenn er den Herrn bekenne.

Unwillig stieß sie der Gottlose mit dem Arme von sich: und als König Harald ihn staunend fragte, an wen er denn glaube, wenn nicht an die Asen und nicht an den weißen Christus? – da lachte er und sprach: »Ich glaube an mich selbst und meine Stärke. Küsse mich noch einmal, Gunnlödh, und reiche mir Griechenwein in goldenem Becher.«

Und küßte sie und trank und sprach:

»Schön ist's, im Siege sterben,« und starb.

Und blieb er aber von Heidenpriestern und Christen ungeehrt und unbestattet, da er sie beide noch im Tode trotzig abgewiesen.

So ist es denn gewiß und gereichet Allen zur Warnung, uns aber zu gerechtem Trost, daß die gottverfluchte Seele dieses ruchlosesten aller Sünder von Ewigkeit zu Ewigkeit in der Hölle brennen muß. Amen.

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