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Sind Götter?

Felix Dahn: Sind Götter? - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleSind Götter?
printrunZweite, durchgesehene Auflage
year1878
correctorreuters@abc.de
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XVII.

Und nach manchem Jahre kam er auf seinem morschen Bot über die See gefahren, welche die Insel Caledonia umspült, landete, ergriff seinen Hammer und schritt aufwärts gegen einen steilen Felshügel, an welchem Ziegen und Schafe weideten.

Es war früh am Morgen, in der Zeit, da die Rosen zu blühen beginnen.

Nebel wogte auf der See und auf den Felsen.

Da sah Halfred den Schafhirten oben auf dem Felsenhang stehen, der auf der Hirtenpfeife eine liebliche Weise blies.

Und war er anfangs zweifelhaft, ob er auch an diesen Hirtenknaben die Götterfrage thun solle; denn wie Weiber ließ er auch Knaben unbefragt: und der Hirt schien ihm fast ein Knabe zu sein.

Als er aber näher gegen ihn heraufstieg, sah er, daß der Hirt einen Speer führte und eine Hirtenschleuder, mit welcher sie die Wölfe erlegen.

Und der Hirtenjunge glaubte, ein Räuber oder Berserker komme gegen ihn und seine Schafe heran.

Und langte aus seiner Ledertasche einen scharfen, schweren Stein und legte ihn auf die Schleuder.

Und holte aus mit derselben, wie zum Schwunge.

Halfred hielt die Linke über das eine Auge, das ihm geblieben und blickte empor, mühsam, geblendet: denn eben brach die Sonne gerade ob dem Haupte des Hirten durch das Nebelgewölk und zeigte diesem klar die Gestalt des halbnackten Mannes mit verwildertem, wehendem Haar und Bart, der nun, drohend den Hammer erhebend, den Hügel hinaufstieg; auf einer Felsenplatte, unter einer großen Esche, blieb er stehen und rief den Hirten an:

»Sind Götter, Hirtenknabe? Sagst du ja, – so mußt du sterben.«

»Götter sind nicht!« rief der Hirt mit heller Stimme zu Thal, »aber weise Männer haben mich gelehrt: es lebt der allmächtige, dreieinige Gott, Schöpfer Himmels und der Erde.«

Da stutzte der Mann mit dem Hammer einen Augenblick, als ob er nachsänne.

Denn solche Antwort hatte er nie erhalten.

Bald aber sprang er wieder dräuend nach oben.

Jedoch zuvorkommend schwang der Hirt seine Schleuder: sausend fuhr der scharfe Stein: es war ein scharfer, harter, dreispitziger Feuerstein: ich hatte ihn sorgsam aufbewahrt für höchste Gefahr: – und wehe, wehe mir Armen! nur allzugut traf er: ohne Laut stürzte Halfred, wie er stand, auf den Rücken unter dem Eschenbaum, selbst einem plötzlich gefällten Stamme vergleichbar.

In wenig Sprüngen hatte der Hirt den Liegenden erreicht, vorsichtig den Speer vorhaltend, ob nicht plötzlich der Feind wieder aufspringe, der vielleicht nur listig sich verwundet gestellt.

Als er aber näher herantrat, sah er, daß das nicht Verstellung war, sondern lautere Wahrheit.

Blut strömte über des Gestürzten rechte Wange und in der Höhle des rechten Auges stak der scharfe Schleuderstein.

Den Hirten aber, wie er in das furchtbar gewaltige Antlitz des Mannes sah, der lautlos zu seinen Füßen lag, ergriff Rührung und Grauen zugleich: er hatte nie zuvor ein so mächtiges Antlitz geschaut, so edel und so traurig zugleich.

Und ihn überkam abergläubische Furcht, ob nicht der oberste der Heidengötter, Odhin, der einäugige, der Wanderer mit dem weißen Bart, hier ihm täuschend erschienen sei.

Aber bald fühlte er noch viel mehr Rührung und Erbarmen, als der wunde Mann mit weicher Stimme begann:

»Wer du auch seist, der du diesen Wurf gethan, nimm den Dank; o Hirtenknabe; eines welt- und wehe-müden Mannes! Du hast mir auch des zweiten Auges Licht genommen: ich brauche nun nicht mehr die Menschen und den Himmel zu schauen, die ich beide nicht mehr verstehe, seit lange. Und bald werde ich hinfahren, wo Fragen nicht mehr gefragt werden und Flüche nicht mehr geflucht. Habe Dank, wer du auch seist, du hast von allen Menschen – bis auf Eine – das Beste gethan an Halfred Hamundssohn!«

Da warf ich laut aufschreiend meinen Speer zur Seite, stürzte auf die Kniee, umfaßte das bleiche blutende Haupt und rief:

»O Halfred, Halfred, mein Vater, vergieb, vergieb mir – ich bin der Mörder – und dein Sohn!« –

Denn ihr, die ihr dereinst dieses Pergament entrollen werdet – haltet inne an dieser Stelle und schaut aufwärts zu der Sonne, wenn es Tag ist, und zu den Sternen, wenn es Nacht ist, und fragt mit Halfred: »Sind Götter?«

Denn ich, der ich diese Blätter heimlich und mit Angst nächtlicher Weile schreibe, ich bin der Hirtenknabe – Halfreds Sohn, der ihn erschlagen hat.

Und die Götter oder der Christengott haben es geschehen lassen, daß der Sohn den Vater geblendet und gemordet hat.

Ich weinte heiße Thränen auf meines lieben Vaters bleiche Stirne. Er aber wandte das Haupt, als ob er mich sehen wollte und sprach:

»Das ist hart, daß mir der Fluch so gar genau in Erfüllung geht, daß ich noch ganz erblinden muß vor dem Tode.

Gern hätte ich noch dein Angesicht in der Nähe gesehen, mein lieber Sohn.

So weiß ich nicht, ob das Goldgewoge, das ich um dein Haupt gebreitet sah, dein Haar war oder die Sonnenstrahlen.

Du schienst mir gut anzuschauen von Gestalt, mein Knabe!

Aber sage mir, wie heißest du?

Haben sie dich wirklich Lügnersohn, Neidingsohn, Harthiltsrache genannt bei der Geburt? Und wie geschah es, daß du in's Leben kamst? Ich wähnte Frau Harthilt verbrannt in dem Erbhaus.«

Und ich legte meines lieben Vaters Haupt auf meine Kniee und trocknete mit den langen, gelben Haaren, die ich damals noch tragen durfte, das Blut von seiner Wange und erzählte ihm Alles.

Wie meine Mutter aus der brennenden Festhalle nicht in das Ehehaus zurückgetragen werden wollte, sondern auf eines der Schiffe ihres Vaters.

Wie sie von dort, als der Kampf und der Brand Erbhaus und Schiffe bedrohte, von ihren Frauen und den Schiffsknechten auf ein Bot jenes Schiffes gebracht und auf diesem Bote aus dem Fjord gerudert wurde.

Wie sie auf dem Bote alsbald eines Knaben genas, selber aber zu sterben kam und ehe sie starb, noch die Hand auf mein Haupt legte und sprach:

»Nicht Lügnersohn, nicht Neidingsohn, nicht Harthiltsrache soll er heißen, – nein: Fridgifa Sigskaldssohn.«

»Sie behielt Recht, auch darin,« sagte Halfred, »du hast den Sigskald endlich zum Frieden verholfen.«

Und wie, nachdem sie gestorben war, der furchtbare Kampf und Brand am Gestade die Knechte und Frauen immer weiter fortscheuchte in die weite See.

Und wie das kleine Bot fast bei heftigem Weststurm sank, und alle Knechte und Frauen von den Sturzwellen hinausgespült wurden, bis auf einen Ruderer und eine der Mägde, die das Knäblein unter dem Steuergransen barg.

Und wie endlich Christenpriester, welche auf Bekehrung der Heidenleute ausgesegelt waren, die Halbverhungerten auflasen aus den Wellen und alle drei hierher brachten nach der Insel des heiligen Columban, und jene beiden und das Knäblein mit dem Taufwasser netzten.

Und wie die beiden, meine Pflegeältern, mir Alles erzählten von meinem Vater und meiner Mutter, was sie wußten, bis zu dem Brand in der Festhalle.

Und wie sie beide nicht müde wurden mir meines Vaters Herrlichkeit in Schlacht und Sang zu preisen.

Und wie die Mönche von St. Columban, als ich heranwuchs, mich lesen und schreiben lehren wollten, ich aber viel lieber mit den Jägern und Hirten des Klosters auf's Feld hinaus lief und auf die Pergamentblättlein lieber Scheibenpuncte zeichnete für meine kleine Armbrust.

Und wie sie mich endlich der Bücher unfähig sprachen, als ich eine kostbare Malerei, die auf Daumenbreite in Goldgrund die ganze Passion darstellte, mit meinem kleinen Bolzen durch und durch schoß, und mich mit einer Tracht Prügel zum Schafjungen des Klosters erhoben.

Und wie ich nun seit Jahren, da meine Pflegeältern gestorben, die Schafe des Klosters hütete und meine einzige Freude dabei der Kampf mit den Bären, den Wölfen und den Lämmeradlern war.

Oder auch auf meiner Hirtenpfeife zu blasen.

Oder auch dem Rauschen von Meer und Wald zu lauschen. Und Halfred legte mein Haupt auf seine breite Brust und umschloß es mit seinen beiden Armen und legte seine Hand auf meinen Scheitel und schwieg lange Zeit ganz still.

Und ich brachte ihm Wasser zu trinken aus der Quelle und Milch von meinen Schafen und wollte ihm den Stein aus der Wunde ziehen; aber er sagte:

»Laß nur, mein lieber Sohn, es geht zu Ende.

Aber ich fühle das Band von meinem Gehirn genommen, das seit vielen, vielen Jahren darauf drückte.

Und es wird hell und licht vor meinen Gedanken: ich kann wieder inwendig schauen wie Alles gewesen ist, seit ich die Dinge draußen nicht mehr sehe.

Und ich will dir und mir selbst bevor ich sterbe noch alles deutlich und genau vorführen wie alles gewesen ist. Gieb mir nochmals von deiner Schafmilch zu trinken.«

Und ich gab ihm zu trinken und er legte sein Haupt wieder auf meine Knie und hob an zu erzählen, ganz klar und hell, wie alle Dinge gewesen seit jener Sonnwendnacht.

Und aus seinem Munde habe ich alles erfahren, was ich in den früheren Blättern dieses Buches aufgeschrieben habe von jener Nacht an.

Und manches hab' ich aus seiner Erzählung auch über die früheren Zeiten vernommen, wovon meine Pflegeältern nichts wissen konnten.

Und ich behielt alles in getreuem Gedächtniß.

Und als es gegen Abend ging, war er zu Ende mit seiner Erzählung und sprach:

»Lege mein Antlitz so, daß noch einmal die Sonne darauf scheint, ich will die liebe Herrin noch einmal fühlen.

Und ich that, wie er gebot.

Und er athmete tief und sprach:

»Es muß wohl Frühling sein. Ein Duft von wilden Rosen weht mir zu.«

Und ich sagte ihm, daß er unter einem blühenden Rosenbusch liege.

Und da erhob ein schwarzer Vogel aus dem Busch einen milden Gesang.

»So höre ich auch noch einmal der Amsel Abendlied!« sprach Halfred. »Nun lebt alle wohl! Sonne und Meer, Wald und Himmelssterne, Wild-Rosenduft und Vogelsang und auch du, mein lieber Sohn! Hab' Dank, daß du mich erlöset hast aus Irrsinn und argem Leben.

Ich kann dir zum Dank als all' mein Erbe nur diesen Hammer lassen: wahre ihn treu.

Ob Götter sind? ich weiß es nicht – mir ist, die Menschen werdens nie ergründen – aber ich sage dir, mein Sohn, ob Götter leben oder nicht: Hammerwurf und Harfenschlag und Sonnenschein und Weibeskuß, sie lohnen des Lebens.

Mögest du ein Weib gewinnen, das nur ein schwacher Abglanz Thora's wäre, dann Heil dir, mein Sohn.

Begrabe mich hier, wo Wald und Meer zusammenrauschen.

Lebe wohl, mein lieber Sohn! Frau Harthilts Fluch ward mir in dir zum Segen.«

Und er starb.

Die Amsel schwieg im Busch. Und als die Sonne sank, warf sie noch einen warmen, vollen Guß ihrer Strahlen auf sein gewaltiges Antlitz.

So starb des Wunsches Sohn.

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