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Sind Götter?

Felix Dahn: Sind Götter? - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleSind Götter?
printrunZweite, durchgesehene Auflage
year1878
correctorreuters@abc.de
secondcorrectort-stur@altmuehlnet.de
senderwww.gaga.net
created20070606
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XII.

Und währte das viele Tage: und auf Halfreds Stirne wichen die Falten und Furchen eine nach der andern. Und konnte wieder tief Athem holen mit voller Brust ohne zu seufzen.

Und er trug das Haupt wieder hoch empor gerichtet – wenn er es nicht gerade niederbeugte, dem Knaben in die goldnen Augen zu sehen, was er immer wieder und wieder that.

Und solche Furcht hatte Halfred, Thoril wieder zu verlieren, daß er ihm den langen Tag nicht von der Seite wich: und weil Thorils Lager und Schlafraum so schmal waren, daß, wie er sagte, Halfred sie nicht theilen konnte, so legte sich dieser vor der Thüre auf die Schwelle.

Und konnte zwar wieder nicht schlafen; aber jetzt, weil er voll Sehnen die Athemzüge des Schlummernden zählte. Und beim frühesten Morgengrauen schon pochte er Thoril aus Schlaf und Schlafgemach.

Und schien des Wunsches alte Gabe Halfred wieder gegeben, alle Herzen zu gewinnen: denn die beiden Pfleger des Knaben, die voll Mißtrauen den fremden Mann an Thorils Hand auf ihre Hütte zuschreiten sahen – mit dem Speere war ihm der alte Moëngal entgegengefahren, – waren ihm alsbald hold und gewonnen, als er sie mit dem alten Wunsches-Lächeln bat: »Lasset mich genesen an Thorils goldnen Augen.«

Am dreißigsten Tage aber – die Zeit, da der Singschwan ihn holen sollte, war lange verstrichen, aber Halfred dachte nicht daran – zogen die beiden aus mit Angel und Netz, Fische zu fangen. Denn Moëngals Vorräthe waren ausgegangen.

In der Mitte des Eilandes lag ein dunkler See zwischen hohen, steilen Felswänden. Aus dem See aber ging ein Flüßchen in das offene Meer. In einem kleinen Bote fuhr man auf dem See und auf dessen Ausfluß in das Meer. Und waren da viele edle Fische, die man Silberlachs nennt, in dem See und in dem Fluß bis in die Salzfluth hinein.

Und Halfred und Thoril fuhren den ganzen Morgen auf dem See und legten Grundangeln und Netze.

Und als es gegen Mittag immer heißer und heißer auf sie niederbrannte, sagte Halfred:

»Komm hinweg von dieser schattenlosen Tiefe. Da oben auf dem Felsenrande sehe ich eine silberne Quelle glitzernd niederstäuben, – aus Wildrosen, aus Erlen bricht sie vor – da oben ist es kühl und schattig. Leicht finden wir auch eine Grotte in dem Tufstein: mich lüstet nach frischem Quellwasser. Und dort oben zur Linken nicken dunkle süße Beeren – die stillen den Durst und die jungen Knaben lieben sie – laß uns hinaufklimmen: ich stütze dich gern.«

Und langsam stiegen sie die steilen Felshänge hinan: Thoril gestützt bald, bald geführt von Halfred.

Da quoll ihnen auf dem halben Wege zur Quelle ein starker Duft aus einem hohlen Lindenbaum entgegen, wie Wein, – es war aber wilder Honig, den Waldbienen hier zusammengetragen.

Und Thoril tauchte den Zeigefinger tief in das helle dichte Gezäh und legte ihn auf Halfreds Lippen und lächelte ihn an und sprach:

»Nimm! es ist viel süße!«

Und gar holdselig sah er aus.

Da rief Halfred:

»Solchen Honig haben, so sagen die Leute, die Götter auf meine Lippen gelegt – versuch', ob es wahr ist.«

Und er faßte rasch Thorils Haupt, der sich zu ihm herniederbeugte, mit beiden Händen und küßte ihn auf die schwellenden Lippen.

Da fuhren beide auseinander – heiß wie Gluth durchschoß es Halfreds Leib – Thoril aber wandte das Antlitz leis erbebend ab und stieg rascher den Fels hinan.

Halfred blieb stehen, tief Athem holend.

Dann folgte er.

»Sieh, Thoril,« rief Halfred Halt machend, »diese Höhle von den Elben in den Fels gesprengt: die dichten Dornbüsche mit den duftigen rothen Blumen verdecken fast den Eingang: da sieh, dort hütet die braune Nachtsängerin an ihrem Neste die schmale Pforte. Und wie die Honigbienen darum schwärmen! Hier wollen wir im Herabsteigen eindringen und uns lagern, wenn wir getrunken da oben.«

Aber Thoril gab nicht Antwort und stieg rascher empor.

Noch etwa fünfzig Schritte hatten sie aufwärts zu klimmen bis an den Felsenrand, von welchem der Sturzquell silberstäubend herabdrang: Halfred fiel es auf, daß der Knabe fortan stets voran ging, ihm den Rücken zuwendend, und, wenn er ihn im Klimmen stützen wollte, ohne umzusehen sich selber half.

Heiß brannte der Mittag auf die Felsen nieder; rings war tiefe Stille: nur blaue Fliegen schossen schwirrend durch den Sonnenduft und hoch aus den Lüften scholl manchmal der schrille Schrei des Wanderfalken, der mit gespannten Schwingen ob ihren Häuptern kreiste.

Sie waren aber nun so hoch gedrungen, daß sie weit über die kleine Insel hinweg nach drei Seiten hinter und neben sich das blaue Meer erschauten.

Das Meer aber schlang um die blühende Insel seinen dunkelstahlblauen Arm, wie gepanzerter Held um blühendes Weib.

Fern von Westen aber nahte ein weißes Segel. –

Endlich hatten sie die Höhe erreicht: Thoril stand oben hart an dem Wasserguß, wo kaum Ein Paar Menschenfüße auf dem nassen, glatten, bröckeligen Gestein Stehraum fand.

Unter ihm, etwa fünf Fuß tiefer, hielt Halfred und sah zu ihm empor: »Gieb mir zu trinken, mich dürstet sehr!« rief er ihm zu.

Und Thoril zog aus seiner Fischertasche eine gewölbte silberglänzende Perlmuttermuschel. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, füllte die Muschel randvoll und wandte sich, Halfred die Schale herab zu reichen: da glitt sein Fuß von dem glatten Gestein: vergebens wollte er sich halten, die Arme ausspreitend an den nackten Felswänden, Halfred sah ihn gerade auf sich herabstürzen: weit breitete er die beiden starken Arme aus, die leichte Last aus sich zu nehmen: aber sieh! welch Wunder! in dem raschen Fall war die Spange gebrochen, welche Thorils weißes Linnengewand über der Brust zusammenhielt: weit auseinander, über die Schultern herab, fiel das Gewand: zugleich fiel das Fischernetz, welches die goldenen Haare zusammenfaßte: ein reicher Strom von fluthendem Gelock ergoß sich über den schimmernden Nacken und die wogende Brust:

»Ein Weib bist du! Ein Mädchen!« jubelte Halfred laut empor; »Dank euch, ihr Sterne! Ja, das ist Voll-Liebe!«

Und das schöne Mädchen barg die erglühenden Wangen an Halfreds Hals.

In wenigen Schritten hatte dieser mit seiner schlanken Bürde die Felshöhle wieder erreicht, an der sie beim Aufsteigen vorbeigekommen. Halfred bog die Zweige des wilden Rosenstrauches zurück. Die Nachtsängerin, welche dort, an ihrem Neste sitzend, sang, flog nur kurz auf: es ward gleich wieder so still in der schattigen Höhle, daß das Vögelein alsbald wieder zu Neste flog und den Eingang hütend laut und ununterbrochen sang und schmetterte.

Und die Bienen flogen summend um die wilden Rosen. – –

Und als die Abendsonne rothglühend über das Eiland schien, schritten Halfred und das Mädchen aus der Höhle.

Und war nun des Mädchens Antlitz noch unvergleichlich schöner denn zuvor.

Und trug sie das Haar nicht mehr im Netze, sondern frei wallend, daß es wie ein Mantel aus Sonnengold gesponnener Fäden vom Hals bis auf die Kniee sie bedeckte.

Und statt der verlorenen Spange hielt ein kleiner Rosendornzweig mit einer aufgeblühten Rose das Gewand über ihrer Brust zusammen.

Und so schritten sie Hand in Hand zu dem See hernieder und dort holte Thora ihre dreieckige Harfe aus dem Bot und so wandelten sie entlang des Flüßchens, das aus dem See nach dem Meer eilte, hinab an die Bucht gen Westen.

Das Schiff aber, welches von Westen her auf die Insel gehalten hatte, war der Singschwan gewesen.

Jetzt lag er in geringer Entfernung in der Bucht vor Anker; hell leuchteten seine Segel im Abendlicht. Und das Schutbot fuhr von dem Schiff an den Strand, Halfred und das Wasserbot abzuholen, geführt von Hartvik und Eigil.

Und sprangen die Blutsbrüder an den Strand und staunten sehr, als sie Halfred Hand in Hand mit einem wunderschönen Weibe stehen sahen: stumm fragten ihre Blicke.

Halfred aber sprach, den Arm um das schlanke Mädchen schlingend:

»Diese ist Thora Goldauge, König Thoruls Tochter.

Sie ward hier vor mir verborgen und in Knabenkleider gehüllt, daß ich sie nicht finden sollte.

Aber ich habe sie doch gefunden: gegen Sternenlauf und Götterwillen: liebet sie wie mich selber: denn sie ist mein Weib.«

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