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Sind Götter?

Felix Dahn: Sind Götter? - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleSind Götter?
printrunZweite, durchgesehene Auflage
year1878
correctorreuters@abc.de
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XI.

Und fuhr der Singschwan wieder in den Westrwogen im Spätfrühling und Frühsommer, in der Zeit, welche die Lateiner Mensis Madius nennen.

Und waren ihnen auf langer Reise die Vorräthe ausgegangen. Und war auch das Schiff der Rast und Heilung bedürftig.

Und sprachen die Blutsbrüder zu Halfred, als sie in die Gewässer der Insel Hibernia gelangten:

»Mann und Mast müssen sich bessern; wir wollen landen in König Thoruls Hafenburg und an Bord schaffen, was wir brauchen. Weit gerühmt ist König Thoruls Halle; höchste Harfenkunst wird dort gepflegt. Komm' mit in die Burgstadt, erfreue dein Herz an Menschengesellung; denn dort kannst du nicht, wie sonst, einsam auf dem Schiffe liegen: auch auf den Singschwan werden viele Leute kommen, Handwerker und Kaufleute, und du würdest nicht allein sein unter deinen Sternen. Sollen wir nicht nach der grünen Insel steuern?«

Und Halfred nickte und freudig drehte Hartvik das Steuer scharf nach West.

Als sie aber die Thürme von Thorulshalle im Morgenlicht aus den Wellen steigen sahen, ließ Halfred mit eigner Hand das Wasserbot herab, das auf den Steuerhochsitz festgebunden lag, und sprach:

»Wenn ihr euch erfreut habt an König Thoruls Hof und das Schiff versorgt, holt mich ab von jenem kleinen Felsen-Eiland nach zwanzig Nächten.«

Und er nahm Pfeil und Bogen und Angelruthe, sprang in das Bot und ruderte nach dem Holm.

Der Singschwan aber segelte weiter nach Westen.

Und Halfred landete auf der schmalen, felsigen Insel; er fand eine bequeme Bucht und zog das Bot ganz heraus auf den weißsandigen Strand.

Und wehte ihm da in der Luft etwas entgegen, das ihm fremd war und doch wohl bekannt: nur unter goldneren Sternen hatte er früher den Rausch solchen Duftes genossen.

Es lebt nämlich eine Blume, welche zart röthlich ist wie Mädchenwangen. Rosa nennen sie die Lateiner, und duftet wie Kuß von reinen Mädchenlippen.

Und diese Blume hatten die Römerhelden, so lange sie mächtig waren, auch in diesen Westlanden künstlich in Häusern und Gärten gepflegt.

Seit vieler Zeit aber waren die Römerhelden verschollen, die Säulenhäuser verlassen und verfallen, die Gärten verwildert.

Und verwildert war auch die mädchenfarbne Blume, welche man Rosa nennt, und war über alle Eilande verweht und hatte sie alle wuchernd überzogen.

Und athmete ein starker, berauschender Duft von ihnen her.

Auf jenen kleinen Eilanden und Holmen, welche um die große Westerinsel Hibernia liegen, waltet aber ein ganz milder Lufthauch: der Schnee bleibt dort zu Lande selten liegen und nur dünn und auf kurze Zeit gefrieren die Quellen.

Und die Singvögel, welche anderwärts vor dem Frost wichen, halten Winterrast in diesen Verstecken, wo Wiesen und Sträucher und Bäume grün bleiben auch in der schlimmsten Zeit.

Denn es regnet dort viel und feucht ist der Hauch der ringsum wogenden Seefluth.

Und die Heidenleute nennen deßhalb jene Eilande »Baldurs Inseln:« denn Baldur heißt ihnen der Gott des Frühlingslichts.

Und als Halfred die Hügel am Strande hinauf schritt, war alles Unterholz und liebe Lenzgedorn in Vollblust: Weißdorn und Rothdorn, Schlehdorn und Hagedorn und die wilden Rosen.

Und auch die vielen edlen Fruchtbäume, welche die Römerhelden von Mittag und von Aufgang mitgebracht, standen in voller Blüthe.

Und aus allen Büschen und Bäumen scholl ihm entgegen ein süßer Ton von dem grauen, braunen Singthierlein, welches die Lateiner Luscinia nennen, die Leute aus Grekaland Philomela, wir aber die Nachtigal.

Und Halfred schritt aufwärts und landeinwärts an der Seite eines raschen klaren Quellbachs, welcher unter lichtgrünem Gebüsch über weiße Kieseln daher schoß.

Er kam auf der Höhe in ein durchsichtig Gehölz von Erlen, jungen Buchen und schlanken weißen Birken; da flogen bunte breitflüglige Falter auf der stillen sonnigen Waldwiese über die schönsten Blumen hin. Tief im Hag rief die Walddrossel. Die Wipfel und schwanken Aeste der Birken nickten und wogten.

Und da vernahm er, vom Morgenwind getragen, noch andern Laut als das Lied der Nachtsängerin, viel heller und zarter: es waren leis gerührte Saiten eines Harfenspiels, das aber viel lieblicher klang, als er je zuvor von sich oder andern Skalden hatte Harfe spielen hören.

Und hoch von oben, wie aus dem Himmel, schien der Ton zu kommen.

Halfred ging dem Klingen nach, es rief und lockte ihn mächtig.

Kein Laut hatte, seit seine Harfe im Sterben schrillend aufgeschrieen, durch sein Ohr seine Seele erreicht: dieser Harfe Klang erweckte seine Seele: er glaubte, Elben oder Bragi, der Liedgott, harften da in den Lüften.

Er wollte den Spieler nicht verscheuchen, aber erlauschen; leise ging er dahin mit gewählten Schritten: das Waldgras verrieth ihn nicht, denn es war weich, hoch und dicht.

Er war nun dem Laut ganz nahe gekommen: und doch sah er den Sänger noch immer nicht. Vorsichtig bog er das dichte Weißdorngebüsch auseinander und erblickte nun einen kleinen grünen Waldbühl: darauf standen im Kreise sechs Buchen: die siebente aber, die höchste, stand in der Mitte und überragte alle: und war da um diesen Stamm eine zierliche Wendeltreppe von weißem Holz gezimmert: und aus dem gleichen weißen Holz war ein leichtes Gerüst da eingefügt, wo die breiteren Aeste der Buche aus einander gingen: Geländer und Brüstung des Gezimmers waren künstlich geschnitzt.

Und aus dieser luftigen Baumlaube hernieder kam der wunderbare Ton.

Noch näher schritt Halfred und lugte durch die Zweige und die Lucken des Gerüsts: sein Herz schlug stark – vor Staunen, vor Göttergrauen, vor Sehnsucht.

Da sah er den Spielmann. An der Brüstung lehnte ein Knabe, der war wundersam schön: so schön, sagte mir Halfred, wie er auf Erden niemals Schönheit geschaut: so schön wie die Elben sein sollen, an welche die Heidenleute glauben.

Er war ganz weiß: weiß war sein lang gezognes Antlitz, wie der Stein, welchen die Griechenleute Alabastron nennen: weiß war das faltige Gewand, das ihm vom Hals bis unter die Kniee reichte, und weiß die Riemenschuhe an seinen Füßen.

Augen aber und Haar des Knaben waren wie Gold.

Und sagte mir Halfred, daß das Auge wie eines Adlers Auge goldbraun war: in dem lichten Haare jedoch, das ein gleichfarbig Netz statt eines Hutes zusammenhielt, spielte fluthend sonnfarbner Glanz hin und her: als habe sich ein Sonnenstrahl darin verirrt und suche nun stets vergeblich den Ausgang.

Es harfte aber der Knabe auf einem kleinen dreieckigen Saitenspiel, wie es nur die Skalden auf Hibernia führen und spielte eine nie gehörte Weise.

Und spielte und sang so schön, wie Halfred noch niemals spielen und singen gehört: traurig und doch selig zugleich war die Weise, wie ein Schmerz der Sehnsucht, den aber das Herz um keine Lust der Erde hingeben würde.

Und Halfred sagte mir, zum ersten Mal seit jener Sonnwendnacht zog wieder warmer Hauch über seine Seele.

Und der schöne Knabe in der luftigen Laube ergriff ihm die Augen und das traurig selige, sehnende Lied ergriff ihm die Seele.

Und zum ersten Male seit vielen, vielen Jahren konnte seine Brust hoch aufathmen.

Und Thränen füllten ihm die Augen und frischten und heilten und verjüngten ihn, wie kühler Thau nach Sonnenbrand die Haide.

Und lauteten stets am Schlusse von zwei Zeilen die Worte des Liedes gleich klingend: und doch auch wieder nicht ganz gleich: als ob sich zwei Stimmen suchten im Hall und Widerhall.

Oder wie wenn Mann und Weib, Eins und doch Zwei, sich zusammen schließen im Kuß.

Der Knabe sang in der weichen, lispelnden, irischen Sprache, welche Halfred wohl kannte: aber jenen Gleichklang hatte er nie gehört, welcher viel ohrgefälliger klingt als die gleichanlautenden Stäbe der Skalden.

Und das Lied des Knaben klang:

Weiße Rose nickt an Zweigen
Sehnend durch die Maienluft:
»Sonnengott, dir bin ich eigen!
Wann wirst du dein Antlitz zeigen,
Aufzutrinken meinen Duft?
Wann wirst du mit heißem Grüßen
Zittern über meinem Blüh'n?
Komm, – und muß ich's sterbend büßen –
Laß in meinen Kelch den süßen
Gotteskuß hernieder glüh'n.«

Da schloß der Knabe Gesang und Spiel mit hell tönendem Vollklang der Saiten.

Und sowie er schwieg und die Harfe in die Zweige hing, siehe, da kamen von der nächsten Buche zwei schneeweiße Tauben geflogen: die setzten sich die eine zur Rechten, die andere zur Linken auf des Knaben Schultern, der lächelnd ihre Köpfchen streichelte und langsam, sinnend, mit edlem, fast etwas zagem Schritt die weiße Holztreppe herunter wandelte und nun auf den schönen blumenvollen Rasen der Waldwiese trat.

Halfred sorgte, der zarte Harfner möchte erschrecken, schritte er plötzlich aus dem Dickicht auf ihn zu.

Er rief ihn daher zuerst von weitem und mit leiser Stimme an, langsam näher kommend:

»Heil, feiner Knabe! bist du ein Sterblicher, sollen die Götter dir hold sein. Bist du aber selbst ein Gott oder, wie ich rathe, der Lichtelben Einer, so sei du mir Erdenmanne nicht unhold.«

Da wandte sich der Knabe langsam, ohne zu erschrecken oder nur zu erstaunen, auf ihn zu, der jetzt ganz nahe gekommen und sprach mit wohllaut-schwingender Stimme:

»Willkommen, Halfred. Bist du endlich kommen? Lang harr' ich dein.«

Und bot ihm beide Hände hin, den Blick der goldnen Augen bis in seine Seele tauchend.

Halfred aber wagte nicht, diese Hände zu berühren: er fühlte tief aus seines Wesens Grunde wohlige Wärme aufsteigen und durch Leib und Seele rieseln Schauer des Wohlgefallens, der Freude an höchster Schönheit: aber auch heiliges Grauen wie vor Götter- oder Geisternähe: denn er zweifelte nun vollends nicht mehr: ein Ueberirdischer stand vor ihm.

Fast versagten ihm Athem und Stimme, als er frug:

»Wer hat dir Halfreds Kommen und Namen verkündet?«

»Das Mondlicht.«

»So bist du also, wie ich gleich erkannte, der Lichtelben Fürst, dem Mond und Sterne Sprache sprechen. Sei mir hold, o lieblichster der Götter.«

Da lächelte der Knabe: »Ich bin ein Menschenkind gleich dir, Halfred. Tritt näher: fasse meine Hände.«

»Wer aber bist du, wenn du sterblich bist?« fragte Halfred, immer noch zögernd.

»Thoril, König Thoruls älternverwaistes Enkelkind.«

»Und warum weilst du einsam hier, auf kleinem Eiland, wie verborgen, und nicht in König Thoruls Halle?«

»Ihm träumte dreimal, mir drohe Gefahr in dem Monat, da die Wildrosen blühen: ein fremdes Schiff, das in seiner Hafenburg lande, werde mich davon führen auf Nimmerwiedersehen.

Der Gefahr mich ganz sicher zu entziehen, sandte er mich hieher aus diese entlegene kleine Insel, an der wegen des Klippengürtels kein Meerschiff landen kann: nur Moëngal, sein alter Waffenträger, und dessen Weib, meine Amme, sind mit mir: dort in jenem kleinen Holzhaus hinter dem Buchenhügel wohnen wir. Aber so lange die liebe Herrin leuchtet und die bunten Tagfalter über die Blumen fliegen, weile ich hier in lauschiger, luftiger Laube.«

»Aber, du Wunderknabe, wenn du wirklich ein Menschenkind, wie verrieth dir mein Kommen, meinen Namen der Mond?«

»Ich soll nicht schlafen im Mondlicht, weil es mich hinauszieht und empor: vom Lager hebt es mich zwingend auf und zu sich hinan; mit geschlossenen Augen, sagen sie, wandl' ich dann dahin auf schmälstem Dachesfirst und weithin durch Wälder und Berge schaue ich was sich spät, was sich ferne begiebt.

Sorgfältig hüten sie mich davor in der Königshalle; aber hier blickt der traute Mond frei durch die Ritzen unseres Hüttendachs.

Und da sah ich vor sieben Nächten ein Schiff mit Schwanenbug, das näher und näher herantrieb: auf dem Deck unter den Sternen lag schlummerlos ein dunkelbärtiger Mann mit mächtigem Antlitz: Halfred riefen ihn zwei Freunde.

Und immer näher flog der Segelschwan; als aber in einer Wolkennacht der Mond nicht auf mein Lager schien und mein Auge Schiff und Mann nicht sehen konnte, da ergriff mich Sehnsucht nach dem mächtigen Antlitz: und ich legte seither mein Pfühl und mein Haupt stets sorgsam unter den vollen Guß des Mondlichts: und Nacht für Nacht schaute ich wieder die hohe Stirn und die bleichen Schläfe.

Aber noch schöner und herrlicher bist du als dein Traumbild und niemals habe ich einen Mann gesehen deinesgleichen.«

»Du aber bist,« rief Halfred, des Sängers Hände beide fassend, »so frühlingschön wie Baldur, holder Knabe!

Nie hab' ich solchen Liebreiz noch geschaut an Jüngling oder Mädchen: wie Sonnenschein auf erstarrte Glieder, wie Chioswein durch durstende Kehle fluthet deine Schönheit durch mein Auge tief mir in die Seele: du bist wie Amselruf und Waldesblume, wie Abendstern im Goldgewölk, bist wie das allerwundersamste Lied, das je aus Skaldenmund geklungen: selbst, so wie du lebst und wandelst, bist du eitel Dichtung.

O Thoril, goldner Knabe, wie bist du so hold! wie hast du mein trauerkrankes Herz erquickt! o Thoril, geh nicht mehr von mir!

Greife nochmal in die Zauberharfe: erhebe noch einmal den süßen Gesang, der mir die Seele aus Todesschlaf geweckt.

O komm, laß mich das schwere Haupt auf deine Kniee legen und in dein sonnig Wunderantlitz schauen, weil du die Harfe stimmst und spielst und singst.«

Und also thaten die Beiden.

Und zutraulich flog eine der beiden Tauben von Thorils Hand auf Halfreds breite Schulter und gurrte der andern Taube nickend zu.

Und als das Lied zu Ende war, faßte Halfred wieder des Knaben beide Hände und zog sie langsam, langsam über seine Stirne und seine feuchten Augen.

Und war das ganz wie in den heiligen Büchern der Juden zu lesen steht von dem König voll Gram und Schwermuth, der nur bei'm Harfenspiel des Knabens Isai's genas.

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