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Sind Götter?

Felix Dahn: Sind Götter? - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleSind Götter?
printrunZweite, durchgesehene Auflage
year1878
correctorreuters@abc.de
secondcorrectort-stur@altmuehlnet.de
senderwww.gaga.net
created20070606
modified20141208
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IX.

Und Halfred war in tiefes, tiefes Schweigen verfallen, seit der Kampf zu Ende war und er Vandrads Sterbewort vernommen; er sprach kein Wort.

Als es aber voller Tag geworden, landete der Singschwan und die Männer stiegen an's Land.

Schweigend winkte Halfred den Segelbrüdern, die Leichen aus der Trinkhalle, der Erbhalle, von den Schiffen und auf dem Gestade alle zusammen zu tragen. Er hieß sieben Scheiterhaufen errichten und auf diesen wurden die Todten verbrannt mit ihren Waffen. Die Asche aber befahl Halfred zu mischen, von Freund und Feind.

Und schüttete sie selber in eine große, steingeplattete Grube, die er graben ließ hart an der Fluthgrenze am Strand. Und ließ dichte Erde darauf häufen und einen ungeheuren schwarzen Felsblock, den einst der Hella ausgeworfen, darauf wälzen. Und kostete das viele Tage Arbeit.

Halfred aber schwieg.

Und die Nächte über saß er an dem Aschengrabe und sah bald aufwärts in die Sterne der Sommernacht und dann wieder starr auf die Erde und das Felsengrab.

Und leise, leise schüttelte er manchmal das Haupt.

Aber er sprach kein Wort.

Und als nach sieben Nächten die Sonne aufging, schritten Hartvik und Eigil auf ihn zu, der auf dem Steine saß, und sprach da Hartvik: »Halfred, mein Blutsbruder! Ein großes Unheil ist geschehen; dir, auch mir, auch uns: Vater und Schwester und viele Freunde hab' ich verloren: und Eigil hat auch viel verloren, was ihm theuer war. Wir wollen es tragen, alle Drei. Komm, Halfred, Sigskald, auf mit dir! Dies Schweigen und Brüten ist vom Uebel. Erbhalle und Methhalle, die Feuer verbrannt, baut Axt wieder auf. Harfen gibt es noch viele auf Erden und der Singschwan wirft die angesengten Federn aus. Auf, Halfred, trinke: da hab' ich dir von des Singschwans Beutevorrath aus Grekaland einen Becher Chioswein gebracht, den du immer liebtest. Trinke, sprich und lebe!«

Halfred stand mit einem Seufzer auf, nahm den Becher aus Hartviks Hand und goß den Wein langsam auf das Aschengrab: die Erde sog ihn gierig ein.

»Kommt heute um Mitternacht wieder. Dann sag' ich euch Bescheid. Ich kann es immer noch nicht zusammendenken. Noch einmal will ich die Götter fragen, die in den Sternen wohnen, ob sie mir immer noch Antwort weigern.«

Und setzte sich wieder auf den Stein und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Und als um Mitternacht die Beiden kamen, wies Halfred gen Himmel: »Es sind so viele tausend, tausend Sterne. Aber sie schweigen mir alle. Unablässig, seit sieben Tagen und Nächten, frag' ich mich und frage die Sterne: warum ließen die Götter das Ungeheure geschehen?

Ist es eine Schuld, daß ich ein Gelübde geleistet, wie viele geleistet werden im Nordland?

Hunderte von Frauen hätten das hingenommen ohne Groll.

Ist es meine Schuld, daß Frau Harthild anders geartet war?

Und es war keine Lüge, daß ich ihr Liebe trug in jener Nacht. Voll-Liebe war es wohl nicht, wie Sudha das nannte, das mag sein. Nie kannte ich »Voll-Liebe.«

Und sei's drum – hassen mich die Götter um begangene Schuld – warum strafen sie nicht mich allein? – warum büßen und leiden Andere, viele Andere um meine Schuld? Warum verderben sie König Hartstein und viele andere Fürsten und tausend Männer von allen Küsten und Inseln? Warum verderben sie Frau Harthild selbst, die sie rächen wollen, und unsern ungebornen Knaben? Was haben sie Alle verschuldet? Redet, ihr beiden, wenn ihr mehr wißt als ich und die Sterne!«

Aber die Blutsbrüder schwiegen und Halfred fuhr fort:

»Es müssen doch Götter sein!

Wer hatte sonst die Riesen gebändigt, das Meer beruhigt, die Erde geebnet, den Himmel gewölbt und die Sterne verstreut? Wer lenkte die Schlacht sonst? und wie kämen nach dem Tode wackre Helden nach Walhall und die Schlechten in die finstre Schlangenhölle?

Denn jenes furchtbare Andere, das mir von fern her auch schon finster in die Sinne kam: daß vielleicht keine Götter leben, – – will ich nicht mehr denken.

Es müssen Götter sein! sonst kann ich nichts, gar nichts mehr denken, und es springt mir in Wahnsinn das pochende Hirn.

Und wenn Götter sind, müssen sie auch gut sein und weise und mächtig und gerecht.

Sonst wäre es ja noch viel furchtbarer zu denken, daß Wesen, mächtiger und klüger als die Menschen, sich der Qualen der Menschen freuten, wie ein böser Bube, der zum Spielen den gefangenen Käfer spießt.

Das also darf man nicht denken: – beides nicht – daß keine Götter oder daß böse Götter sind.

Und so will ich denn fromm ergeben dies ungeheure Unheil tragen, erwartend, daß ich im Lauf der Jahre auch dieses Räthsel rathe – ein so schweres ward mir noch niemals aufgegeben.

Euch aber, ihr Vielgetreuen, die ihr bis in den Tod zu mir gestanden und eure Sippe nicht geschont und eure Nächsten um mich verloren, euch will ich nie verlassen, mein Lebenlang, und euch großen Dank tragen: und sollt ihr mir das Liebste sein auf immerdar, euch allein will ich leben!«

Da sprach Hartvik: »Nicht also darfst du reden, Halfred. Harfe sollst du wieder sieghaft schlagen, Hammer wirst du wieder freudig schwingen, unter blauem Griechenhimmel Blut der Rebe schlürfen und ein wonnesamer Weib als –«

Da sprang Halfred empor von dem schwarzen Stein:

»Schweig, Hartvick: Frevel redest du.

Wer so schwer wie ich getroffen ist vom Haß der Götter, die da leben und gerecht sind, der steht wie der blitzgeschlagene Baum am Wege: Vöglein singt nicht darauf, Thau netzt ihn nicht, Sonne küßt ihn nicht.

Wie sollte ich singen und lachen, trinken und küssen, um den so viele tausend Männer und Frauen Todesverderben erreicht hat oder Todestrauer für immerdar.

Nein! Andres habe ich mir gelobt.

Lange zweifelte ich, ob ich noch leben könne nach solchem Unheil, das die Götter an dies Haupt geknüpft: und nicht könnt' ich es, wenn ich nicht noch an gute Götter glaubte und auf des Räthsels Lösung harrte.

Aber Glück und Freude haben keinen Theil mehr an Halfred Hamundsson: auf ewig sag' ich ihnen ab.«

Und er kniete nieder und nahm aus seinem Brustlatz einen Lederbeutel, der war mit weißer Asche gefüllt: und langsam streute er und dicht über und über auf sein langlockiges schwarzes Haupthaar, auf Antlitz, Brust und Leib die weiße Asche:

»Hört mich, ihr guten, allwaltenden Götter, und ihr strahlenden, allsehenden Sterne am Himmel, und von den Menschen auf Erden Hartvik und Eigil, meine Blutsbrüder!

Abschwöre ich hier, um des grausen Unheils willen, das ich herausgeführt über Weib und Kind und viele hundert Freunde und Fremde, abschwör' ich für immer dem Glück und der Freude, dem Sang, dem Frohtrunk, der Weibesliebe.

Den Todten nur, den um meine Schuld Erschlagenen, mit deren Asche ich mich hier auf ihrem Grabhügel bedeckt, gehör' ich an und unter den Lebenden meinen treuen Blutsbrüdern.

Und breche ich dies schwurheilige Gelübde, – ganz soll Frau Harthilds Fluch sich vollenden.«

Und die Sterne und die Freunde hörten schweigend seinen Schwur.

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