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Simplizitas

Marie von Olfers: Simplizitas - Kapitel 6
Quellenangabe
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typepoem
authorMarie von Olfers
titleSimplizitas
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1884
firstpub1884
correctorJosef Mühlgassner
senderwww.gaga.net
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Buchschmuck

Feurig färben sich die Wipfel,
Flammen steigen züngelnd in die Gipfel,
Glühend fassen sie die Aeste,
Tödten Vögelchen im Neste,
Alles stirbt in ihrer Nähe;
Weh! den wilden Gluthen wehe!

Ein jäher Lichtstrom weckt die Schläfer auf.
Die Mühle brennt – die Mühle steht in Flammen!
Noch halb im Schlafe läuft das Volk zusammen;
Es steht entsetzt und thatenlos zu Hauf
Und läßt dem Feuer seinen Lauf.
Hier kann die Hülfe nichts mehr nützen,
Nichts ist hier mehr zu wahren und zu schützen.

Simplizitas steht unter ihnen,
Ihr goldnes Haar vom Flammenlicht beschienen;
Sie ahnt die Leiden nicht, die sich bereiten
In dieser Gluthen wilderregtem Streiten. –
Wie schaurig sieht es um die Mühle aus!
Jetzt bringen sie des Hauses Herrn heraus;
Bei seiner Leiche mehrt sich das Geschrei
Und schlimme Worte, Flüche sind dabei.
Hat ihn die Gluth nicht schwarz genug verbrannt,
Daß man den Armen dennoch fand?
Der Ring verrieth's ... den trug er an der Hand;
Sein Trauring war's, von seiner Frau gegeben.
Der bleichen Lippen schwer bekämpftes Beben
Spricht laut genug »Ich hab ihn längst erkannt!«

Doch lauter wird der Frager Toben.
»Wer gab den Schlüssel ihm? Wer ließ ihn ein dort droben?«
Da wirft sich schreiend Klaus zum Vater hin,
Nur langsam faßt man seiner Worte Sinn.
»Sie war's! sie war's! sie ließ den Vater ein!
Die Hexe trägt die Schuld allein!«
Und zeugend hebt er seine kleine Hand
Zum Orte auf, wo still die Jungfrau stand.

Da theilt sich schreckensvoll die Menge,
Bis vor dem wogenden Gedränge
Simplizitas allein zurückgeblieben.
Sie schüttelt scheu ihr hellerglänzend Haar,
Das ihr der Wind ins Angesicht getrieben,
Und schlägt verwirrt den holden Blick empor,
Den fragenden, wie ein gescholtnes Kind,
Das nicht recht weiß, weshalb wir böse sind
Und so in Unschuld alle Schuld verlor.

Still war's umher. – Doch wie vor Ungewittern,
Wenn lautlos in der Luft die Blätter zittern.
Jetzt bricht der Sturmwind los mit Tosen,
Es schrei'n und dröhn die Zügellosen
Und dringen auf sie ein in wilder Lust. –

Das arme Kind, in dem die Angst erwacht,
Gleich einer fremden, unbegrenzten Macht,
Will fort, erschreckt, nur halb bewußt.
Umsonst! – sie fleht vor tauben Ohren;
Wen sich des Volkes Zorn erkoren,
Der ist verloren. –

Simplizitas erscheint ihr wilder Groll
Wie eines Ungeheuers grause Näh.
Bald lächelnd, bald die Augen thränenvoll,
Versucht sie sich zu retten, flüchtig gleich dem Reh.
Umsonst – – ein lebendes Gefängniß
Schließt sich der Kreis, erbarmungslos,
Wie Meeresfluth steigt die Bedrängniß,
Die Angst, die Noth wächst riesengroß.

Doch seht! es weicht der wilde Schwarm,
Es sinkt der kühn erhobne Arm.
Wer lähmt die rohe Volksgewalt?
Wem sind sie scheu und bang gewichen,
Als ob ein Zauber sie beschlichen?
Der armen elenden Gestalt,
Dem schwachen Weib, zerlumpt und alt.
Frohlockend hat die Tochter sie begrüßt,
Sie sanft gestreichelt und so heiß geküßt.
Wer fühlte sich in seiner Mutter Nähe,
Nicht sicher, was auch rings umher geschähe!

Im Volke hebt sich Stimm auf Stimme:
»Nehmt euch in Acht, das ist die Schlimme!
Die Hexe ist's! seid ja auf eurer Hut,
Daß euch die Arge nur kein Leides thut.
Seht nur den Kater! seht das ist der Böse!
Die Augen funkeln ihm wie höllisch Feuer.
Vergangnes Jahr, so um die Aehrenlese,
Da hat sie noch dem John, dem Dicken,
Es angethan mit ihren Blicken.
Er starb ... verbrannt ist Hof und Scheuer,
Laßt uns hinweg! hier ist's nicht mehr geheuer!
Das Kind hat sicher gleiche Macht,
Ihr merkt's am Jammer dieser grausen Nacht!«
Die Alte lacht in kreischend hellem Ton,
Und spricht der Dummheit triumphirend Hohn.
Wünscht ihnen Pestilenz und Krieg und Hungersnoth,
Ein schlimmes Leben und noch schlimmres Sterben.
Bang schleicht sich alles fort, als wär ihr Drohn Verderben
Und jedes ihrer Worte sichrer Tod.

Da richtet sich die Müllerin empor,
Den kleinen Sohn in ihren Armen
Und dräuend spricht sie ihm die Worte vor,
»Die Rache, die ich heut verlor,
Du sollst sie fordern ohn' Erbarmen,
Nicht ruhn, nicht rasten, bis mir Recht geschehn;
Ich weihe dich dazu mit heil'gen Mutterhänden,
Und ist der Gott gerecht, zu dem wir flehn,
So hört er mein Gebet und wird Erfüllung senden.«

Und wie sie's sprach, da stürzt das Haus zusammen
Und Finsterniß bezwang die Flammen.

Buchschmuck
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