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Simplizitas

Marie von Olfers: Simplizitas - Kapitel 5
Quellenangabe
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typepoem
authorMarie von Olfers
titleSimplizitas
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1884
firstpub1884
correctorJosef Mühlgassner
senderwww.gaga.net
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Buchschmuck

Wild stürmend zieht der März heran!
Fängt so der milde Frühling an?
Das Gräschen scheu hervorgewagt,
Es stirbt im Elend, eh es tagt.

Zur Mutter war Simplizitas gegangen,
Doch heim zur Mühle trieb sie das Verlangen;
Sie schleicht sich hin mit leisem Beben
Und sucht das frohe Kinderleben.

Dort stehn die Kleinen, hart am Mühlenrad.
Sie mochten in vergangner Zeit so gerne lauschen,
Wenn sich's im Sonnenschein, mit wonnevollem Rauschen
Aufblitzend, tropfend umgewendet hat –
Zerbrochen war es nun ... ein falber Schein
Umspielte geisterhaft den todten Stein;
Zog um die Kinder lichte Kreise;
Die standen da wie kleine Greise,
Es drang kein Glanz in ihre Herzen ein.
Simplizitas der Sonnenhellen
Erscheinen räthselhaft die Spielgesellen.
Blüht nicht die Welt von neuem auf
Und tausend Freuden keimen mit herauf?
Umsonst versucht sie mit des Waldes Schätzen
Die armen Kinder zu ergetzen –
Die Blüthen, wilder Kluft entnommen,
Die Beere, einsam roth erglommen,
Der Käfer mit den goldnen Decken,
Nichts will die alte Liebe wecken,
Sie wenden sich von ihr mit Schrecken;
Der Bursch gar sieht sie feindlich an
Und droht, wagt sie sich nah heran,
Denn täglich redet ihm die Mutter vor,
Daß er den Vater ihrethalb verlor.
Doch trifft Simplizitas das Dirnchen nur allein,
So freut sich's endlich doch der Spielerei'n
Sie scheut sich, weil's der Bruder thut,
Im Grunde ist sie herzlich gut,
Simplizitas der Anmuthvollen
Und weiß nicht recht, weshalb die andern grollen.

Nur selten blieb die Mutter jetzt zu Haus,
Um Brod zu schaffen, dingte sie sich aus
Und kam sie heim, dann war sie tagessatt
Und frug nicht, wer an ihrer Statt
Ihr Kind gehabt – – die größte Noth
Ist starr und einsam, wie der Tod.
Zwei Monde gingen hin seit jener Nacht;
Gefangen hat der Mann sie zugebracht.
Sie denkt an ihn mit Angst und Grauen
Und hofft ihn nimmermehr zu schauen.

Heut war ein sanfter nebelhafter Tag,
Wo alles draußen wie im Schlafe lag;
Simplizitas steht dort am Schlehdornhag
Und sucht die Kleine anzulocken
Mit Anemonen, Frühlingsglocken.
Das Dirnchen sieht sich zweifelnd um,
Der wilde Klaus, er weiß nicht drum,
Und schüchtern nimmt es eine Anemone
Und wieder eine, Küß'chen giebt's zum Lohne.

Da kam des Wegs ein Mann geschlichen,
Sein Angesicht, sein Kleid verblichen,
Schlaff hing das Haar ihm um die Schläfe,
Der trank des Kummers bittre Hefe
Bis ihm des Lebens Mark verdorrt –
Scheu irrt sein Blick von Ort zu Ort. –
Jetzt tritt er auf den Mühlensteg,
Zum Hause nimmt er jetzt den Weg.
Jetzt tritt er nah zur Jungfrau hin;
Er spricht »du weißt noch wer ich bin!«
Das Kindchen schreit und birgt sich bang;
Sie aber kennt der Stimme Klang,
Es ist ihr Herr! – er kehrt zurück!
Er bringt dem Hause neues Glück.
Sie weiß vor Freude kaum sich recht zu fassen:
»Jetzt seid ihr armen Kinder nicht verlassen,
Der Vater wird nun bei euch sein!«

Doch eisern faßt er sie bei beiden Händen
Und spricht »sei still; sonst fangen sie mich ein,
Sie werden manchen Boten nach mir senden,
Du kennst das Haus, du kennst die Stelle,
An der der Schlüssel hängt zur Lucht,
Ich hätt' ihn mir schon selbst gesucht,
Allein der Klaus sieht mir zu helle;
Wer weiß was ihm die Mutter klagt.
Daß ich zurück bin, darf sie nimmer wissen,
Hat sie doch selbst mich fortgejagt;
Sie gönnte mir kein Ruhekissen
Und keine Nacht mehr unter ihrem Dach.
Doch wird es auch die letzte sein,
Kein Segen zieht mit mir herein,
Ich such mir stilleres Gemach.«

Da that Simplizitas wie ihr der Herr befohlen
Und ging den Schlüssel von der Lucht zu holen;
Vom Nagel nahm sie ihn, sah nicht den finstren Blick,
Den Klaus ihr schickt, und bringt ihn froh zurück.

Da schleicht das Kind hervor ganz sacht,
Denn wissen muß es, wem zur Nacht,
Simplizitas den Schlüssel heut gebracht.
Er fürchtet sie, sonst hätt er sie gefaßt
Die Hexe, die er haßt.
Er klimmt die Stiege eilig auf;
Dort kennt er einen Pfeiler, der ihn deckt.
Jetzt still – jetzt kommt der Schritt herauf,
Jetzt schallt er dicht, wo sich das Kind versteckt,
Jetzt geht er hart an ihm vorbei ... –
Es weiß, daß es der Vater sei;
Und spät und zitternd schleppt es sich herunter.

Die Kleine fand er schlafend in der Wiegen;
Doch ihm, ihm scheint, als blieb er ewig munter,
Als könnt er nie mehr ruhig schlafend liegen.
Die Mutter kam, sie fragte hin und her,
Sein kleines Herz das wurde zentnerschwer.
Doch von dem Vater hat er still geschwiegen.

Buchschmuck
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