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Gutenberg > Marie von Olfers >

Simplizitas

Marie von Olfers: Simplizitas - Kapitel 32
Quellenangabe
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typepoem
authorMarie von Olfers
titleSimplizitas
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1884
firstpub1884
correctorJosef Mühlgassner
senderwww.gaga.net
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Buchschmuck

So lebten seliglich die Dreie. –
Die Alte fürchtet nicht, daß sie den Schmerz entweihe,
Wenn sie Simplizitas verzeihe.
Denn Liebe macht das Herz nicht ärmer,
Nur reicher und für alle wärmer.
Wo sie sich wird dem Herzen schenken,
Da stirbt kein liebes Angedenken;
Kein theures Bild wird ihr erblassen,
Wie Sonnenlicht wird sie's umfassen
Und um so heller leuchten lassen.

Es folgt der Alten jetzt das Kindchen
Wie seinem Herrn ein treues Hündchen.
»Gern«, sprach sie, »säh ich's wachsen und gedeihn,
Simplizitas! jedoch ihr seid zu Zwei'n,
Ich möchte gern bei meinem Sohne sein.«

Und als das Frühjahr kam mit frischem Erdengrün,
Schien ihr ein andrer Lenz zu blühn.
Der Körper siechte – doch die Seele
Erwachte jung und voller Kraft,
Als ob sie freiheitdurstend nur die Stunden zähle,
Die sie noch hielten in des Kerkers Haft. –
Zu ihrem Sohne sprach die Alte oft
Und sagt ihm, was sie wünscht und hofft.
»Simplizitas ist hier bei mir,
Mit ihrem Kindchen ist sie hier.
Ich wies sie nicht von meiner Thür,
Nicht wahr, nun darf ich hin zu dir? –«

An einem schönen Maienmorgen
Da stand das Kindchen vor der Kranken,
Das Röckchen voll von jungen Ranken,
Von Knospen, halb in Hüllen noch verborgen –

»Das ist der Frühling«, sprach's, »ich bracht ihn her,
Weil dir das Gehen wird so schwer.«

»Mein Frühling! ja, der wird es werden!
Doch nicht auf Erden.
Im Himmel wohnt er, wenn ich ihn nur finde!
Geh, bitte,« sprach sie zu dem Kinde,
»Daß Gott zwei lichte Flügel mir entfalte,
Um hinzufliegen; – weit, gar weit
Ist's durch die Zeit zur Ewigkeit –«

Die Kleine aber warf sich auf die Alte
Und rief: »Wenn ich dich nun für mich behalte?
Wenn ich dich nimmer von mir lasse,
Dich fest mit meinen Aermchen fasse?«

Von Thränen floß der Alten Auge über,
Sie sprach: »Laß Liebchen mich hinüber,
Mein Sohn ist dort so ganz allein,
Du wirst bei deiner Mutter sein.
Sieh, alle Vögelchen sind dein;
Dir will ich all die kleinen Sänger geben,
Und alles schenk ich heut euch Zwei'n.
In meiner Hütte sollt ihr leben,
Ich habe alles fest bestimmt,
Daß keiner euch ein Plätzchen nimmt.

Komm her, Simplizitas, hier ist dein Kleines,
Dein Unschuldvolles, lieblich Reines,
Das Flügel über mich gebreitet
Und mich zu meinem Sohn geleitet,
Gott segne dich in ihm dafür.
Und mögst du an der Himmelsthür
Einst stehn und selig können sagen,
Gott gab dies liebe Kindchen mir;
Ich hab es sorgend durch die Welt getragen,
Es nie verlassen, nie versäumt,
Den besten Platz ihm immer eingeräumt,
Um keine Lust es je betrogen,
Ihm keine Freude vorgezogen.
Nicht wahr, du wirst uns hier nicht scheiden,
Wir dürfen bei dir stehn, wir beiden?«

Da sprach Simplizitas: »Gott helfe mir dazu,
Daß ich an meinem Kinde also thu!«

»Dir, Liebchen«, sagt die Alte, »läßt der Herr mich ein,
Schick ich zum Trost ein Engelein.
Jetzt geh und mach aus deinen Blüthen
Den schönsten Paradiesesgarten,
Den wird es dir dann helfen hüten. –«

Die Kleine lacht und nickt zufrieden
Und geht des Engelchens zu warten. –

Der helle Glanz des Tages war geschieden
Und goldne Abendlichter streuten
Die Funken aus beim Vesperläuten,
Da sucht die Sterbende die Arme auszubreiten,
Als stünde Einer dort im Weiten
Am lichten wolkigen Gelände,
Zu dem sich ihre Seele wende,
Wie hier der Tag zu seinem Ende.
Sie stammelt: »Kommen soll ich, kommen,
O Herr! – hast du mich aufgenommen?«
Und frohe Botschaft scheint sie zu erwerben,
Denn ihre Lippen lächeln noch im Sterben.

Die Liebe hat die Thür erschlossen,
Sie sprach: »Du bist der Unsern Eine,
Tritt her zur seligen Gemeine;
Ich rechte nicht, wie sündlich oft geflossen
Die bittren Thränen, die du einst vergossen.
Ich zähle nicht nach Sünden, nicht nach Fehlen,
Ich rechne nach der Gluth der Seelen.«

Das Kindchen sieht den heil'gen Schlummer,
Ihm scheint, vorüber sei nun aller Kummer,
Es spricht: »Wie wird sie fröhlich lachen,
Wenn sie, gesundet, beim Erwachen,
Den Garten sieht, den ich ihr pflanze.«

Sie sah ihn wohl im Himmelsglanze,
Und wenn sie bald zu ihres Sohnes Rechten
Die Mutter in das Grab versenken,
So sollst du ihr die Holden alle schenken
Und lieblich sie zusammenflechten
Zu einem immergrünen Kranze.

Buchschmuck
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