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Simplizitas

Marie von Olfers: Simplizitas - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorMarie von Olfers
titleSimplizitas
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1884
firstpub1884
correctorJosef Mühlgassner
senderwww.gaga.net
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Einleitung.

Buchschmuck

Nacht war's im Wald ... er stöhnt im Sturmeswehn;
Könnt ihr das Feuer wohl darinnen sehn?
Gespenstisch kämpft es mit der dunklen Nacht
Und sinkt und stirbt und hebt sich neuerwacht.

Alt ist das Weib, das dort am Feuer haust,
Wild hat die Zeit an ihr herumgezaust
Und jedes Jahr an dem die Alte trug,
Das lag auf ihrem Haupte wie ein Fluch.

Kennt ihr sie nicht? es kennt sie jedes Kind;
Schnell schlägt's ein Kreuz und läuft davon geschwind,
Doch ist's erst sicher vor der Alten Wuth,
Dann schreit es: Hexe! Schlange! Teufelsbrut!

Wild ohne Kraft, des Kindes Spiel und Spott,
Alt ohne Hoffnung, ohne Trost und Gott.
So steht sie da, noch düstrer als die Nacht
Und zornig, wie die Gluth, die sie entfacht.

Doch neben ihr, gleich einem Sonnenstrahl,
Ein Mädchen. – Kind und Jungfrau allzumal;
Die Wange rund – ein lächelnd Augenpaar.
Jetzt halb versteckt vom goldig blonden Haar,
Der Mund, als kämen nur die frömmsten Worte,
Den Engeln gleich aus dieser Himmelspforte.
So lag sie da, als wär' sie aus der Welt;
Noch mehr, als wär' die Welt für sie bestellt.
Der Mutter Dräuen störte sie nicht mehr,
Als, wenn die Hummel honigschwer,
Die Blume streift, daß sie darüber nickt
Und hebt ihr Haupt zufrieden ungeknickt.

Eng zieht die Alte jetzt das Kind heran,
Scheu blickt es auf; doch hart läßt sie es an:
»Wir zwei sind eins, du bist mein Kind, mein Blut,
Bist meines Hasses Schatz und Liebesgut,
Dich send ich aus zu jener eitlen Welt,
Wo nur die Schönheit Recht auf Glück behält;
Mit deinen rosigrothen Wangen
Sollst du es dort, für mich erlangen. –

Sie rissen das Herz mir, mit giftigem Dorn
Und brannten es aus, bis der Grimm und der Zorn
D'rin nisteten wie zwei verdurstete Schlangen,
Die nimmermehr rasten, noch Ruhe erlangen.

Lieblich sollst du sie umstricken,
Jeden wird es süß erquicken
Dir in's schöne Aug zu blicken.
Fluch dem Blick!
Gieb als Tod ihn ihm zurück!

Sie stahlen mein Wissen mit List und mit Lug
Und schrieen dann »Seht es ist Teufelsbetrug!«
Und Elend und Krankheit und Noth ohne Gleichen,
Das nannten die Grausamen, höllische Zeichen.

Dich zu herzen, dich zu küssen
Wird man keinen zwingen müssen;
Bitter sollen sie es büßen.
Fluch dem Kuß!
Gift sei ihnen der Genuß.«

Das Mädchen saß dem Feuer zugewandt
Und lächelte dem Schein auf ihrer Hand;
Allein die Alte riß die Hand empor,
Schrie ihr die Worte scharf in's Ohr:
»Schwör mir den Schwur! schwör mir die Rache zu!
Mein Eigenthum, mein Glück bist du!«
Und wie die Alte sprach, so sprach sie's nach,
Wer weiß was sie sich dabei denken mag.
Es war ein wilder Schwur, darauf ein Fluch,
Sie betet's nach als wär's ein Bibelspruch.
Was sie versprochen, ahnt sie nicht,
Verschleiert lag der Seele junges Licht,
Gefangen wie der Keim, der über Nacht
Zum vollen Glanz erwacht.

Buchschmuck
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