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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 8. Kapitel

Wie er ein landfahrender Storcher und Leutbetrüger worden

Ich mochte damals fressen wie ein Drescher, denn mein Magen war nicht zu ersättigen, wiewohl ich nichts mehr im Vorrat hatte, als noch einen einzigen güldenen Ring mit einem Demant, der etwa zwanzig Kronen wert war, den versilberte ich um zwölfe, und demnach ich mir leicht einbilden konnte, daß dies bald aus sein würde, da ich nichts dazugewann, resolviert ich mich, ein Arzt zu werden. Ich kaufte mir die Materialia zu dem Theriaca Diatessaron und richtete mir denselben zu; alsdann machte ich aus Kräutern, Wurzeln, Butter und etlichen Olitäten eine grüne Salbe zu allerhand Wunden, damit man auch wohl ein gedrückt Pferd hätte heilen können, item aus Galmei, Kieselsteinen, Krebsaugen, Schmirgel und Trippel ein Pulver, weiße Zähn damit zu machen; ferner ein blau Wasser aus Lauge, Kupfer, Sal ammoniacum und Camphor für den Scharbock, Mundfäule, Zahn- und Augenwehe, bekam auch ein Haufen blecherne und hölzerne Büchslein, Papier und Gläslein, meine War dareinzuschmieren, und damit es auch ein Ansehen haben möchte, ließ ich mir einen französischen Zettel konzipieren und drucken, darinnen man sehen konnte, wozu ein und anders gut war. In dreien Tagen war ich mit meiner Arbeit fertig, und hatte kaum drei Kronen in die Apothek und für Geschirr angewendet, da ich dies Städtlein verließ. Also packte ich auf und nahm mir vor, von einem Dorf zum andern bis in das Elsaß hinein zu wandern und meine War unterwegs an Mann zu bringen; folgends zu Straßburg, als in einer neutralen Stadt, mich mit Gelegenheit auf den Rhein zu setzen, mit Kaufleuten wieder nach Köln zu begeben und von dort aus meinen Weg zu meinem Weib zu nehmen; das Vorhaben war gut, aber der Anschlag fehlte weit!

Da ich das erstemal mit meiner Quacksalberei vor eine Kirche kam und feil hatte, war die Losung gar schlecht, weil ich viel zu blöd war, mir auch sowohl die Sprach als storgerische Aufschneiderei nicht vonstatten gehen wollte; sah demnach gleich, daß ichs anderst angreifen müßte, wenn ich Geld einnehmen wollte. Ich ging mit meinem Kram in das Wirtshaus und vernahm über Tisch vom Wirt, daß den Nachmittag allerhand Leut unter der Linden vor seinem Haus zusammenkommen würden, da dürfte ich dann wohl so etwas verkaufen, wenn ich gute War hätte, allein gebe es der Betrüger so viel im Land, daß die Leut gewaltig mit dem Geld zurückhielten, wenn sie keine gewisse Prob vor Augen sähen, daß der Theriak ausbündig gut wäre. Als ich dergestalt vernahm, wo es mangelte, bekam ich ein halbes Trinkgläslein voll guten Straßburger Branntewein und fing eine Art Krotten, die man Reling oder Möhmlein nennet, so im Frühling und Sommer in den unsaubern Pfützen sitzen und singen, sind goldgelb oder fast rotgelb und unten am Bauch schwarz gescheckigt, gar unlustig anzusehen: Ein solches setzt ich in ein Schoppenglas mit Wasser und stellts neben meine War auf einen Tisch unter der Linden. Wie sich nun die Leut anfingen zu versammlen und um mich herumstunden, vermeinten etliche, ich würde mit der Kluft, so ich von der Wirtin aus ihrer Küchen entlehnt, die Zähn ausbrechen, ich aber fing an: »Ihr Herrn und gueti Freund (denn ich konnte noch gar wenig Französisch reden) bin ich kein Brech-dir-die-Zahn-aus, allein hab ich gut Wasser für die Aug, es mach all die Flüß aus die rode Aug.« »Ja«, antwortet' einer, »man siehets an Euren Augen wohl, die sehen ja aus wie zween Irrwisch.« Ich sagte: »Das ist wahr, wenn ich aber der Wasser für mich nicht hab, so wär ich wohl gar blind werd, ich verkauf sonst der Wasser nit, der Theriak und der Pulver für die weiße Zähn und das Wundsalb will ich verkauf und der Wasser noch dazu schenk; ich bin kein Schreier oder Bescheiß-dir-die-Leut, hab ich mein Theriak feil, wenn ich sie habe probiert und sie dir nit gefallt, so darfst du sie mir nit kauf ab.« Indem ließ ich einen von dem Umstand eins von meinen Theriakbüchslein auswählen, aus demselben tat ich etwa einer Erbsen groß in meinen Branntewein, den die Leut für Wasser ansahen, zertrieb ihn darin und kriegte hierauf mit der Kluft das Möhmlein aus dem Glas mit Wasser, und sagte: »Secht ihr gueti Freund, wann dies giftig Wurm kann mein Theriak trink und sterbe nit, so ist der Ding nit nutz, dann kauf ihr mir nit ab.« Hiemit steckte ich die arme Krott, welche im Wasser geboren und erzogen und kein ander Element oder Liquor leiden konnte, in meinen Branntewein und hielt es mit einem Papier zu, daß es nit herausspringen konnte; da fing es dergestalt an darin zu wüten und zu zapplen, ja viel ärger zu tun, als ob ichs auf glühende Kohlen geworfen hätte, weil ihm der Branntewein viel zu stark war, und nachdem es so ein kleine Weil getrieben, verreckt' es und streckt' alle viere von sich. Die Baurn sperrten Maul und Beutel auf, da sie diese so gewisse Prob mit ihren Augen angesehen hatten; da war in ihrem Sinn kein besserer Theriak in der Welt als der meinige, und hatte ich genug zu tun, den Plunder in die Zettel zu wickeln und Geld dafür einzunehmen; es waren etliche unter ihnen, die kauftens wohl drei-, vier-, fünf- und sechsfach, damit sie ja auf den Notfall mit so köstlicher Giftlatwerge versehen wären, ja sie kauften auch für ihre Freund und Verwandte, die an andern Orten wohnten, daß ich also mit der Narrnweis, da doch kein Marktag war, denselben Abend zehen Kronen löste, und doch noch mehr als die Hälfte meiner War behielt. Ich machte mich noch dieselbe Nacht in ein ander Dorf, weil ich sorgte, es möchte etwa auch ein Baur so kurios sein und eine Krott in ein Wasser setzen, meinen Theriak zu probiern, und wenn es dann mißlinge, mir der Buckel geräumt werden. Damit ich aber gleichwohl auch die Vortrefflichkeit meiner Giftlatwerge auf ein andere Manier erweisen könnte, machte ich mir aus Mehl, Saffran und Gallus einen gelben Arsenicum und aus Mehl und Victril einen Mercurium sublimatum, und wenn ich die Prob tun wollte, hatte ich zwei gleiche Gläser mit frischem Wasser auf dem Tisch, davon das eine ziemlich stark mit Aqua fort oder Spiritus Victril vermischt war, in dasselbe zerrührte ich ein wenig von meinem Theriak und schabte alsdann von meinen beiden Giften soviel als genug war hinein, davon wurde das eine Wasser, so keinen Theriak und also auch kein Aqua fort hatte, so schwarz wie eine Tinte, das ander aber blieb wegen des Scheidwassers wie es war. »Ha«, sagten dann die Leut, »seht, das ist fürwahr ein köstlicher Theriak, so um ein gering Geld!« Wenn ich dann beide untereinander goß, so wurde wieder alles klar; davon zogen dann die guten Baurn ihre Beutel und kauften mir ab, welches nicht allein meinem hungrigen Magen wohl zupaß kam, sondern ich machte mich auch wieder beritten, prosperierte noch dazu viel Geld auf meiner Reis und kam glücklich an die teutsche Grenz. Darum ihr lieben Baurn, glaubt den fremden Marktschreiern so leicht nicht, ihr werdet sonst von ihnen betrogen, als welche nicht euer Gesundheit, sondern euer Geld suchen.

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