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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 7. Kapitel

Wie Simplicius Kalender macht, und als ihm das Wasser ans Maul ging schwimmen lernte

Womit einer sündiget, damit pflegt einer auch gestraft zu werden, diese Kindsblattern richteten mich dergestalt zu, daß ich hinfüro vor den Weibsbildern gute Ruhe hatte; ich kriegte Gruben im Gesicht, daß ich aussah wie ein Scheurtenne, darin man Erbsen gedroschen, ja ich wurde so häßlich, daß sich meine schönen krausen Haar, in welchem sich so manch Weibsbild verstrickt, meiner schämten, und ihre Heimat verließen; an deren Statt bekam ich andere, die sich den Sauborsten vergleichen ließen, daß ich also notwendig eine Perücke tragen mußte, und gleichwie auswendig an der Haut keine Zierd mehr übrigblieb, also ging meine liebliche Stimm auch dahin, dann ich den Hals voller Blattern gehabt, meine Augen, die man hiebevor niemal ohne Liebesfeur finden können, eine jede zu entzünden, sahen jetzt so rot und triefend aus wie eines achtzigjährigen Weibs, das den Cornelium hat. Und über das alles so war ich in fremden Landen, kannte weder Hund noch Menschen, ders treulich mit mir meinte, verstund die Sprach nicht und hatte allbereit kein Geld mehr übrig.

Da fing ich erst an hinter mich zu gedenken und die herrlichen Gelegenheiten zu bejammern, die mir hiebevor zu Beförderung meiner Wohlfahrt angestanden, ich aber so liederlich hatte verstreichen lassen; Ich sah erst zurück und merkte, daß mein extraordinari Glück im Krieg und mein gefundener Schatz nichts anders als eine Ursach und Vorbereitung zu meinem Unglück gewesen, welches mich nimmermehr so weit hinunter hätte werfen können, da es mich nit zuvor durch falsche Blick angeschaut und so hoch erhaben hätte, ja ich fand, daß dasjenige Gute, so mir begegnet und ich für gut gehalten, bös gewesen und mich in das äußerste Verderben geleitet hatte; da war kein Einsiedel mehr, ders treulich mit mir gemeint, kein Obrist Ramsay, der mich in meinem Elend aufgenommen, kein Pfarrer, der mir das Beste geraten, und in Summa kein einziger Mensch, der mir etwas zugut getan hätte; sondern da mein Geld hin war, hieß es, ich sollte auch fort und meine Gelegenheit anderswo suchen, und hätte ich wie der verlorne Sohn mit den Säuen vorlieb nehmen sollen. Damals gedacht ich erst an desjenigen Pfarrherrn guten Rat, der da vermeinte, ich sollte meine Mittel und Jugend zu den Studiis anwenden, aber es war viel zu spät mit der Scher, dem Vogel die Flügel zu beschneiden, weil er schon entflogen; O schnelle und unglückselige Veränderung! vor vier Wochen war ich ein Kerl, der die Fürsten zur Verwunderung bewegte, das Frauenzimmer entzückte und dem Volk als ein Meisterstück der Natur, ja wie ein Engel vorkam, jetzt aber so ohnwert, daß mich die Hund anpißten. Ich machte wohl tausend und aber tausenderlei Gedanken, was ich angreifen wollte, denn der Wirt stieß mich aus dem Haus, da ich nichts mehr bezahlen konnte, ich hätte mich gern unterhalten lassen, es wollte mich aber kein Werber für einen Soldaten annehmen, weil ich als ein grindiger Kuckuck aussah; arbeiten konnte ich nit, denn ich war noch zu matt und überdas noch keiner gewohnt. Nichts tröstete mich mehr, als daß es gegen den Sommer ging und ich mich zur Not hinter einer Hecken behelfen konnte, weil mich niemand mehr im Haus wollte leiden. Ich hatte mein stattlich Kleid noch, das ich mir auf die Reis machen lassen, samt einem Felleisen voll kostbar Leinengezeug, das mir aber niemand abkaufen wollte, weil jeder sorgte, ich möchte ihm auch eine Krankheit damit an Hals hängen. Solches nahm ich auf den Buckel, den Degen in die Hand und den Weg unter die Füß, der mich in ein klein Städtlein trug, so gleichwohl ein eigene Apothek vermochte; in dieselbe ging ich und ließ mir eine Salbe zurichten, die mir die Urschlechtenmäler im Gesicht vertreiben sollte, und weil ich kein Geld hatte, gab ich dem Apothekergesellen ein schön zart Hemd dafür, der nit so ekel war wie andere Narren, so keine Kleider von mir haben wollten. Ich gedachte, wenn du nur der schändlichen Flecken los wirst, so wird sichs schon auch wieder mit deinem Elend bessern; und weil mich der Apotheker tröstete, man würde mir über acht Tag ohne die tiefen Narben, so mir die Purpeln in die Haut gefressen, wenig mehr ansehen, war ich schon beherzter. Es war eben Markt daselbst und auf demselben befand sich ein Zahnbrecher, der trefflich Geld lösete, da er doch liederlich Ding den Leuten dafür anhängte: »Narr«, sagte ich zu mir selber, »was machst du daß du nicht auch so einen Kram aufrichtest? bist du solang bei Mons. Canard gewesen und hast nit soviel gelernet, ein einfältigen Bauren zu betrügen und dein Maulfutter davon zu gewinnen, so mußt du wohl ein elender Tropf sein.«

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