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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 3. Kapitel

Wie er sich für einen Komödianten gebrauchen läßt, und einen neuen Namen bekommt

Gleichwie Mons. Canard mehr Wildbret hinwegzuwerfen, als mancher zu fressen hat, der ein eigene Wildbahn vermag, und ihm mehr Zahmes verehrt wurde, als er und die Seinigen verzehren konnten; also hatte er täglich viel Schmarotzer, so daß es ihm gleichsah, als ob er ein freie Tafel gehalten hätte: Einsmals besuchten ihn des Königs Zeremonienmeister und andere vornehme Personen vom Hof, denen er ein fürstliche Kollation darstellete, weil er wohl wußte wen er zum Freund behalten sollte, nämlich diejenigen, so stets um den König waren oder sonst bei demselben wohl stunden; damit er nun denselben den allergeneigtesten Willen erzeige und ihnen alle Lust machen möchte, begehrte er, ich wollte ihm zu Ehren und der ansehenlichen Gesellschaft zu Gefallen ein teutsch Liedlein in meine Laute hören lassen; ich folgte gern, weil ich eben in Laun war, wie denn die Musici gemeiniglich seltsame Grillenfänger sind; befliß mich derhalben das beste Geschirr zu machen, und contentierte demnach die Anwesenden so wohl, daß der Zeremonienmeister sagte: Es wäre immer schad, daß ich nit die französische Sprach könnte, er wollte mich sonst trefflich wohl beim König und der Königin anbringen; mein Herr aber, so besorgte, ich möchte ihm aus seinen Diensten entzuckt werden, antwortet' ihm, daß ich einer von Adel sei und nit lang in Frankreich zu verbleiben gedächte, würde mich demnach schwerlich für einen Musikanten gebrauchen lassen. Darauf sagte der Zeremonienmeister, daß er sein Tag nit ein so seltene Schönheit, ein so klare Stimm und ein so künstlichen Lautenisten an einer Person gefunden, es sollte ehest vorm König im Louvre eine Comoedia gespielt werden, wenn er mich dazu gebrauchen könnte, so verhoffte er große Ehr mit mir einzulegen; das hielt mir Mons. Canard vor, ich antwortet ihm: »Wenn man mir sagt', was für eine Person ich präsentieren und was für Lieder ich in meine Lauten singen sollte, so könnte ich ja beides die Melodeien und Lieder auswendig lernen und solche in meine Laute singen, wenn sie schon in französischer Sprach wären, es möchte ja leicht mein Verstand so gut sein als eines Schülerknaben, die man hierzu auch zu gebrauchen pflege, unangesehen sie erst beides Wort und Gebärden lernen müßten.« Als mich der Zeremonienmeister so willig sah, mußte ich ihm versprechen, den andern Tag ins Louvre zu kommen, um zu probiern, ob ich mich dazu schickte; also stellte ich mich auf die bestimmte Zeit ein, die Melodeien der unterschiedlichen Lieder, so ich zu singen hatte, schlug ich gleich perfekt auf dem Instrument, weil ich das Tabulaturbuch vor mir hatte, empfing demnach die französischen Lieder, solche auswendig und die Aussprach recht zu lernen, welche mir zugleich verteutscht wurden, damit ich mich mit den Gebärden danach richten könnte; solches kam mich gar nicht schwer an, also daß ichs eher konnte, als sichs jemand versah, und zwar dergestalt, wenn man mich singen hörte (maßen mir Monsig. Canard das Lob gab), daß der Tausendste geschworen hätte, ich wäre ein geborner Franzos. Und da wir die Comoedia zu probieren das erstemal zusammenkamen, wußte ich mich so kläglich mit meinen Liedern, Melodeien und Gebärden zu stellen, daß sie alle glaubten, ich hätte des Orphei Person mehr agiert, als den ich damals präsentieren und mich um meine Eurydike so übel gehaben mußte. Ich hab die Tag meines Lebens keinen so angenehmen Tag gehabt, als mir derjenige war, an welchem diese Comoedia gespielt wurde: Mons. Canard gab mir etwas ein, meine Stimm desto klarer zu machen, und da er meine Schönheit mit Oleo Talci erhöhern und meine halbkrausen Haar, die von Schwärze glitzerten, verpudern wollte, fand er, daß er mich nur damit verstellte, ich wurde mit einem Lorbeerkranz bekrönet und in ein antikisch meergrün Kleid angetan, in welchem man mir den ganzen Hals, das Oberteil der Brust, die Arm bis hinter die Ellenbogen und die Knie von den halben Schenkeln an bis auf die halben Waden nackend und bloß sehen konnte, um solches schlug ich einen leibfarbenen taffeten Mantel, der sich mehr einem Feldzeichen verglich: in solchem Kleid löffelt ich um meine Eurydike, rief die Venus mit einem schönen Liedlein um Beistand an und brachte endlich meine Liebste davon, in welchem Actu ich mich trefflich zu stellen und meine Liebste mit Seufzern und spielenden Augen anzublicken wußte. Nachdem ich aber meine Eurydiken verloren, zog ich ein ganz schwarzes Habit an auf die vorige Mode gemacht, aus welchem meine weiße Haut hervorschien wie der Schnee; in solchem beklagte ich meine verlorne Gemahlin und bildete mir die Sach so erbärmlich ein, daß mir mitten in meinen traurigen Liedern und Melodeien die Tränen herausrücken und das Weinen dem Singen den Paß verlegen wollte; doch langte ich mit einer schönen Manier hinaus bis ich vor Plutonem und Proserpinam in die Hölle kam, denselben stellte ich in einem sehr beweglichen Lied ihre Lieb, die sie beide zusammen trügen, vor Augen, und bat sie, dabei abzunehmen mit was großem Schmerzen ich und Eurydike voneinander geschieden worden wären, bat demnach mit den allerandächtigsten Gebärden, und zwar alles in meine Harfe singend, sie wollten mir solche wieder zukommen lassen, und nachdem ich das Jawort erhalten, bedankte ich mich mit einem fröhlichen Lied gegen sie und wußte das Angesicht samt Gebärden und Stimme so fröhlich zu verkehren, daß sich alle anwesenden Zuseher darüber verwunderten. Da ich aber meine Eurydike wieder ohnversehens verlor, bildet ich mir die größte Gefahr ein, darein je ein Mensch geraten könnte, und wurde davon so bleich, als ob mir ohnmächtig werden wollen, denn weil ich damals allein auf der Schaubühne war und alle Spectatores auf mich sahen, befliß ich mich meiner Sachen desto eiferiger, und bekam die Ehr davon, daß ich am besten agiert hätte. Nachgehends setzte ich mich auf einen Felsen und fing an, den Verlust meiner Liebsten mit erbärmlichen Worten und einer traurigen Melodei zu beklagen und alle Kreaturen um Mitleiden anzurufen, darauf stellten sich allerhand zahme und wilde Tier, Berg, Bäum und dergleichen bei mir ein, also daß es in Wahrheit ein Ansehen hatte, als ob alles mit Zauberei übernatürlicher Weis wäre zugericht worden. Keinen andern Fehler beging ich, als zuletzt, da ich allen Weibern abgesagt, von den Bacchis erwürgt und ins Wasser geworfen war (welches zugericht gewesen, daß man nur meinen Kopf sah, denn mein übriger Leib stand unter der Schaubühne in guter Sicherheit), da mich der Drach benagen sollte, der Kerl aber, so im Drachen stak denselben zu regieren, meinen Kopf nicht sehen konnte und dahero des Drachen Kopf neben dem meinigen grasen ließ, das kam mir so lächerlich vor, daß ich mir nit abbrechen konnte darüber zu schmollen, welches die Dames, so mich gar wohl betrachteten, in acht nahmen.

Von dieser Comoedia bekam ich neben dem Lob, das mir männiglich gab, nicht allein eine treffliche Verehrung, sondern ich kriegte auch einen andern Namen, indem mich forthin die Franzosen nicht anders als Beau Alman nenneten. Es wurden noch mehr dergleichen Spiel und Ballett gehalten, dieweil man die Fasnacht zelebrierte, in welchen ich mich gleichfalls gebrauchen ließ, befand aber zuletzt, daß ich von andern geneidet wurde, weil ich die Spectatores und sonderlich die Weiber gewaltig zog, ihre Augen auf mich zu wenden, tat michs derowegen ab, sonderlich als ich einsmals ziemlich Stöß kriegte, da ich als ein Herkules, gleichsam nackend in einer Löwenhaut, mit Acheloo um die Dejaniram kämpfte, da man mirs gröber machte, als in einem Spiel der Gebrauch ist.

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