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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 90
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 24. Kapitel

Der Jäger fängt einen Hasen mitten in einer Stadt

Dieser hatte, wie obgemeldet, unterschiedliche Hantierungen, dadurch er Geld zusammenkratzte, er zehrte mit seinen Kostgängern und seine Kostgänger nit mit ihm, und er hätte sich und sein Hausgesind mit demjenigen was sie ihm eintrugen, gar reichlich ernähren können, wenns der Schindhund nur dazu hätte angewendet, aber er mästete uns auf schwäbisch und hielt gewaltig zurück; ich aß anfangs nit mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind, weil ich nit viel Geld bei mir hatte; da setzte es schmale Bißlein, so meinem Magen, der nunmehr zu den westfälischen Traktamenten gewöhnet war, ganz spanisch vorkam; kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf den Tisch, sondern nur dasjenige, so acht Tag zuvor von der Studenten Tafel getragen, von denselben zuvor überall wohl benagt und nunmehr vor Alter so grau als Methusalem worden war; darüber machte dann die Kostfrau (welche die Küche selbst versehen mußte, denn er dingte ihr keine Magd) ein schwarze saure Brüh und überteufelts mit Pfeffer, da wurden dann die Beiner so sauber abgeschleckt, daß man alsbald Schachstein daraus hätte drehen können, und doch waren sie alsdann noch nit recht ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hierzu verordneten Behälter, und wenn unser Geizhals deren ein Quantität beisammen hatte, mußten sie erst klein zerhackt und das übrige Fett bis auf das alleräußerste herausgesotten werden, nicht weiß ich, wurden die Suppen daraus geschmälzt oder die Schuh damit geschmiert. An den Fasttagen, deren mehr als genug einfielen und alle solenniter gehalten wurden, weil der Hausvater diesfalls gar gewissenhaft war, mußten wir uns mit stinkenden Bücklingen, versalznen Bolchen, faulen Stock- und andern abgestandenen Fischen herumbeißen, denn er kaufte alles der Wohlfeile nach und ließ sich die Mühe nicht dauren, zu solchem Ende selbst auf den Fischmarkt zu gehen und anzupacken, was jetzt die Fischer auszuschmeißen im Sinn hatten. Unser Brot war gemeiniglich schwarz und altbacken, der Trank aber ein dünn saur Bier, das mir die Därm hätte zerschneiden mögen, und mußte doch gut abgelegen Märzenbier heißen. Überdas vernahm ich von seinem teutschen Knecht, daß es Sommerszeit noch schlimmer hergehe, denn da sei das Brot schimmlig, das Fleisch voller Würm und ihre beste Speisen wäre irgends zu Mittag ein paar Rettig und auf den Abend eine Handvoll Salat. Ich fragte, warum er denn bei dem Filz bleibe? da antwort er mir, daß er die meiste Zeit auf der Reis sei und derhalben mehr auf der Reisenden Trinkgelder, als seinen Schimmeljuden bedacht sein müßte; er getraute seinem Weib und Kindern nicht in Keller, weil er sich selbsten den Tropfwein kaum gönnete, und sei in Summa ein solcher Geldwolf, dergleichen kaum noch einer zu finden; das so ich bisher gesehen, sei noch nichts, wenn ich noch ein Weil da verblieben würde ich gewahr nehmen, daß er sich nicht schäme, einen Esel um ein Fettmönch zu schinden. Einsmals brachte er sechs Pfund Sülzen oder Rinderkuttlen heim, das setzte er in seinen Speiskeller, und weil zu seiner Kinder großem Glück das Tagfenster offenstund, banden sie ein Eßgabel an einen Stecken und angelten damit alle Kuttelfleck heraus, welche sie alsobald und halbgekocht in großer Eil verschlangen und vorgaben, die Katz hätte es getan. Aber der Erbsenzähler wollt es nit glauben, fing derhalben die Katz, wog sie und befand, daß sie mit Haut und Haar nicht so schwer war, als seine Kuttlen gewesen. Weil er denn so gar unverschämt handlete, also begehrte ich nit mehr an seiner Leute, sondern an gemeldter Studenten Tafel, es koste auch was es wolle, zu essen, wobei es zwar etwas herrlicher herging, wurde mir aber wenig damit geholfen, denn alle Speisen die man uns versetzte, waren nur halb gar, so unserm Kostherrn an zwei Orten zupaß kam, erstlich am Holz, so er gespart, und daß wir nit soviel verdauen konnten; überdas so dünkte mich, er zählte uns alle Mundvoll in Hals hinein und kratzte sich hintern Ohren, wenn wir recht futterten; sein Wein war ziemlich gewässert und nit der Art, die Däuung zu befördern; der Käs, den man am End jeder Mahlzeit aufstellte, war gemeinlich steinhart, die holländische Butter aber dermaßen versalzen, daß keiner über ein Lot davon auf einen Imbiß genießen konnte; das Obst mußte man wohl so lang auf- und abtragen, bis es mürb und zu essen tauglich war, wenn dann etwa ein oder ander darauf stichelte, so fing er einen erbärmlichen Hader mit seinem Weib an, daß wirs hörten, heimlich aber befahl er ihr, sie sollte nur bei ihrer alten Geigen bleiben. Einsmals brachte ihm einer von seinen Klienten einen Hasen zur Verehrung, den sah ich in der Speiskammer hangen und gedachte, wir würden einmal Wildbret essen dürfen, aber der teutsche Knecht sagte mir, daß er uns nicht an die Zähn brennen würde, denn sein Herr hätte den Kostgängern ausgedingt, daß er so keine Schnabelweid speisen dürfte, ich sollte nur nachmittag auf den Alten Markt gehen und sehen, ob ich ihn nit dorten zu verkaufen finden würde: Darauf schnitt ich dem Hasen ein Stücklein vom Ohr, und als wir über dem Mittagimbiß saßen und unser Kostherr nicht bei uns war, erzählte ich, daß unser Geizhals ein Hasen zu verkaufen hätte, um den ich ihn zu betrügen gedächte, wenn mir einer aus ihnen folgen wollte, also daß wir nicht allein Kurzweil anrichten, sondern den Hasen selbst kriegen wollen; jeder sagte ja, denn sie hätten unserm Wirt gern vorlängst ein Schabernack angetan, dessen er sich nit beklagen dürfte. Also verfügten wir uns den Nachmittag an denjenigen Ort, den ich vom Knecht erlernt hatte, da unser Kostherr zu stehen pflegte, wenn er so etwas zu verkaufen hingab, um aufzupassen, was der Verkäufer lösete, damit er nicht etwa um ein Fettmönch betrogen würde. Wir sahen ihn bei vornehmen Leuten, mit denen er diskurrierte; ich hatte einen Kerl angestellt, der ging zu dem Hocken, der den Hasen verkaufen sollte, und sagte: »Landsmann, der Has ist mein, und ich nehm ihn als ein gestohlen Gut auf Recht hinweg, er ist mir heut nacht von meinem Fenster hinweggefischt worden, und läßt du ihn nicht gutwillig folgen, so gehe ich auf deine Gefahr und Unrechtskosten mit dir hin, wo du willst.« Der Unterkäufer antwort, er sollte sehen, was er zu tun hätte, dort stünde ein vornehmer Herr, der ihm den Hasen zu verkaufen geben hätte, welcher ihn ohn Zweifel nicht gestohlen haben würde: Als nun diese zween so wortwechselten, bekamen sie gleich einen Umstand, so unser Geizhals stracks in acht nahm und hörte, wieviel die Glock schlug, winkte derowegen dem Unterkäufer, daß er den Hasen folgen lassen sollte, weil er wegen der vielen Kostgänger noch mehr Schimpf besorgte. Mein Kerl aber, den ich hierzu angestellt hatte, wußte dem Umstand gar artlich das Stück vom Ohr zu weisen und dasselbe in dem Ritz zu messen, daß ihm also jedermann recht gab und den Hasen zusprach: Indessen näherte ich mich auch mit meiner Gesellschaft, als ob wir ungefähr daherkämen, stund an dem Kerl der den Hasen hatte, und fing an mit ihm darum zu marken; und nachdem wir des Kaufs eins wurden, stellt ich den Hasen meinem Kostherrn zu, mit Bitt, solchen mit sich heimzunehmen und auf unsern Tisch zurichten zu lassen, dem Kerl aber, den ich hierzu bestellt, gab ich anstatt der Bezahlung für den Hasen ein Trinkgeld zu zwei Kannen Bier. Also mußte uns unser Geizhals den Hasen wider seinen Willen zukommen lassen und durfte noch dazu nichts sagen, dessen wir genug zu lachen hatten, und wenn ich länger in seinem Haus hätte verbleiben sollen, wollte ich ihm noch viel dergleichen Stücklein bewiesen haben.

Ende des dritten Buchs

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