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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 19. Kapitel

Durch was Mittel sich der Jäger Freund' gemacht, und was für Andacht er bei einer Predigt hatte

Wenn das Glück einen stürzen will, so hebt es ihn zuvor in alle Höhe, und der gütige Gott lässet auch einen jeden vor seinem Fall so treulich warnen. Das widerfuhr mir auch, ich nahms aber nicht an! Ich hielt in meinem Sinn gänzlich dafür, daß mein damaliger Stand so fest gegründet wäre, daß mich kein Unglück davon stürzen könnte, weil mir jedermann, insonderheit aber der Kommandant selbst so wohl wollte; diejenigen, auf welche er viel hielt, gewann ich mit allerhand Ehrerbietungen, seine getreuen Diener brachte ich durch Geschenk auf meine Seiten, und mit denen, so etwas mehr als meinesgleichen warn, soff ich Brüderschaft und schwur ihnen ohnverbrüchliche Treue und Freundschaft; die gemeinen Bürger und Soldaten waren mir deswegen hold, weil ich jedem freundlich zusprach. »Ach was für ein freundlicher Mensch«, sagten sie oft zusammen, »ist doch der Jäger, er redt ja mit dem Kind auf der Gassen und erzürnt keinen Menschen!« Wenn ich ein Häschen oder etliche Feldhühner fing, so schickte ichs denen in die Küchen, deren Freundschaft ich suchte, lud mich dabei zu Gast und ließ etwa ein Trunk Wein, welcher der Orten teuer war, dazuholen, ja ich stellte es so an, daß schier aller Kosten über mich ging. Wenn ich dann mit jemand bei solchen Gelagen in ein Gespräch kam, lobte ich jedermann ohne mich selbst nicht und wußte mich so demütig zu stellen, als ob ich die Hoffart nie gekannt hätte. Weil ich denn nun hierdurch eines jeden Gunst kriegte und jedermann viel von mir hielt, gedachte ich nicht, daß mir etwas Unglücklichs widerfahren könnte, vornehmlich weil mein Säckel noch ziemlich gespickt war.

Ich ging oft zum ältesten Pfarrer derselbigen Stadt, als der mir aus seiner Bibliothek viel Bücher lehnete, und wenn ich ihm eins wiederbrachte, so diskurrierte er von allerhand Sachen mit mir, denn wir akkommodierten uns so miteinander, daß einer den andern gern leiden mochte: Als nun nicht nur die Martinsgäns und Metzelsuppen hin und wieder, sondern auch die heiligen Weihnachtsfeiertage vorbei waren, verehrte ich ihm eine Flaschen voll Straßburger Branntewein zum neuen Jahr, welchen er, der Westfälinger Gebrauch nach, mit Kandelzucker gern einläpperte, und kam daraufhin ihn zu besuchen, als er eben in meinem ›Joseph‹ las, welchen ihm mein Wirt ohne mein Wissen geliehen hatte: Ich entfärbte mich, daß einem solchen gelehrten Mann meine Arbeit in die Hände kommen sollte, sonderlich weil man dafürhält, daß einer am besten aus seinen Schriften erkannt werde; er aber machte mich zu sich setzen, und lobte zwar meine Invention, schalt aber, daß ich mich so lang in der Seliche (die Potiphars Weib gewesen) Liebeshändeln hätte aufgehalten; »Wessen das Herz voll ist, gehet der Mund über«, sagte er ferners; »wenn der Herr nicht selbsten wüßte wie einem Buhler ums Herz ist, so hätte er dieses Weibs Passiones nicht so wohl ausfahren oder vor Augen stellen können.« Ich antwortet, was ich geschrieben hätte, das wäre mein eigene Erfindung nicht, sondern hätte es aus andern Büchern extrahiert, mich um etwas im Schreiben zu üben. »Ja ja«, antwortet' er, »das glaube ich gern (scil.), aber Er versichere sich, daß ich mehr von Ihm weiß, als Er sich einbildet!« Ich erschrak, da ich diese Worte hörte, und gedachte: »Hat dirs denn St. Velten gesagt?« Und weil er sah, daß ich meine Farb änderte, fuhr er ferner fort, und sagte: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müßig und schön, Er lebt ohn Sorg und wie ich vernehme in allem Überfluß; darum bitte und ermahne ich Ihn im Herrn, daß Er bedenken wolle, in was für einem gefährlichen Stand Er sich befindet, Er hüte sich vor dem Tier das Zöpf hat, will Er anders sein Glück und Heil beobachten; der Herr möchte zwar gedenken: ›Was gehts den Pfaffen an, was ich tu und lasse (ich gedachte: Du hasts erraten!), oder was hat er mir zu befehlen?‹ Es ist wahr, ich bin ein Seelsorger! Aber, Herr seid versichert, daß mir Eure, als meines Guttäters, zeitliche Wohlfahrt aus christlicher Lieb so hoch angelegen ist, als ob Ihr mein eigener Sohn wäret; immer schad ists und Ihr könnts bei Eurem himmlischen Vater in Ewigkeit nicht verantworten, wenn Ihr Euer Talent, das er Euch verliehen, vergrabt und Euer edel Ingenium, das ich aus gegenwärtiger Schrift erkenne, verderben lasset; mein getreuer und väterlicher Rat wäre, Ihr legtet Eure Jugend und Eure Mittel, die Ihr hier so unnützlich verschwendet, zum Studieren an, damit Ihr heut oder morgen beides Gott und den Menschen und Euch selbst bedient sein könnet, und ließet das Kriegswesen, zu welchem Ihr, wie ich höre, so große Lust traget, sein wie es ist, ehe Ihr eine Schlappe davontraget, und dasjenige Sprichwort wahr zu sein an Euch befindet, welches heißt: junge Soldaten, alte Bettler.« Ich hörte diese Sentenz mit großer Ungeduld, weil ich dergleichen zu vernehmen nicht gewohnt war, jedoch stellte ich mich viel anders als mirs ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein feiner Mensch wäre, nicht verliere; bedankte mich zumal auch sehr für seine erwiesene Treuherzigkeit und versprach, mich auf sein Einraten zu bedenken, gedachte aber bei mir selbst wie des Goldschmieds Jung und was es den Pfaffen geheie, wie ich mein Leben anstelle, weil es damals mit mir aufs höchste kommen war und ich die nunmehr gekosten Liebswollüste nicht mehr entbehren wollte; es gehet aber mit solchen Warnungen nicht anders her, wenn die Jugend schon Zaum und Sporn entwöhnet hat und in vollen Sprüngen ihrem Verderben zurennt.

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