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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 14. Kapitel

Wie der Jäger vom Gegenteil gefangen wird

Auf dem Zurückweg machte ich mir allerhand Gedanken, wie ich mich inskünftig halten wollte, damit ich doch jedermanns Gunst erlangen möchte, denn Springinsfeld hatte mir einen unruhigen Floh ins Ohr gesetzt und mich zu glauben persuadiert, als ob mich jedermann neidete, wie es denn in der Wahrheit auch nicht anders war. So erinnerte ich mich auch dessen, was mir die berühmte Wahrsagerin zu Soest ehemals gesagt, und belud mich deshalber mit noch größern Sorgen. Mt diesen Gedanken schärfte ich meinen Verstand trefflich und nahm gewahr, daß ein Mensch, der ohne Sorgen dahin lebt, fast wie ein Vieh sei. Ich sann aus, welcher Ursach halber mich ein oder ander hassen möchte, und erwog, wie ich einem jeden begegnen müßte, damit ich dessen Gunst wieder erlangte, verwundert mich daneben zum höchsten, daß die Kerl so falsch sein und mir lauter gute Wort geben sollten, da sie mich nicht liebten! Derowegen gedachte ich mich anzustellen wie die anderen und zu reden was jedem gefiel, auch jedem mit Ehrerbietung zu begegnen, ob mirs schon nicht ums Herz wäre; vornehmlich aber merkte ich klar, daß meine eigene Hoffart mich mit den meisten Feinden beladen hatte, deswegen hielt ich für nötig, mich wieder demütig zu stellen, ob ichs schon nicht sei, mit den gemeinen Kerlen wieder unten und oben zu liegen, vor den Höhern aber den Hut in Händen zu tragen und mich der Kleiderpracht in etwas abzutun, bis sich etwa mein Stand änderte. Ich hatte mir von dem Kaufherrn in Köln hundert Taler geben lassen, solche samt Interesse wieder zu erlegen, wenn er mir meinen Schatz aushändigte, dieselben gedachte ich unterwegs dem Convoi halb zu verspendieren, weil ich nunmehr erkennete, daß der Geiz keine Freunde macht. Solchergestalt war ich resolviert, mich zu ändern und noch auf diesem Weg den Anfang zu machen: Ich machte aber die Zech ohn den Wirt. Denn da wir durch das Bergische Land passiern wollten, paßten uns an einem sehr vorteilhaften Ort achtzig Feurröhr' und fünfzig Reuter auf, eben als ich selbfünft mit einem Korporal geschickt wurde voranzureiten und die Straße zu partiern: Der Feind hielt sich still, als wir in ihren Halt kamen, ließ uns auch passiern, damit wenn sie uns angegriffen hätten, der Convoi nicht gewarnet würde bis er auch zu ihnen in die Enge käme; schickte uns aber einen Kornett mit acht Reutern nach, die uns im Gesicht behielten, bis die Ihrigen unsern Convoi selbst angriffen und wir umkehrten, uns auch zu'n Wagen zu tun; da gingen sie auf uns los und fragten, ob wir Quartier wollten? Ich für meine Person war wohl beritten, denn ich hatte mein bestes Pferd unter mir, ich wollte aber gleichwohl nicht ausreißen, schwang mich herum auf eine kleine Ebne zu sehen, ob da Ehr einzulegen sein möchte. Indessen hörte ich stracks an der Salve, welche die Unserigen empfingen, was die Glock geschlagen, trachtete derowegen nach der Flucht, aber der Kornett hatte alles vorbedacht und uns den Paß schon abgeschnitten, und indem ich durchzuhauen bedacht war, bot er mir, weil er mich für einen Offizier ansah, nochmals Quartier an; ich gedachte, das Leben eigentlich davonzubringen ist besser als ein ungewisses Hasard, sagte derowegen: Ob er mir Quartier halten wollte, als ein redlicher Soldat? Er antwortet': ja rechtschaffen! Also präsentierte ich ihm meinen Degen und gab mich dergestalt gefangen. Er fragte mich gleich, was ich für einer sei, denn er sehe mich für einen Edelmann und also auch für einen Offizier an? Da ich ihm aber antwortet, ich würde der Jäger von Soest genannt, antwortet' er: »So hat Er gut Glück, daß Er uns vor vier Wochen nicht in die Händ geraten, denn zu selbiger Zeit hätte ich Ihm kein Quartier geben noch halten dürfen, dieweil man Ihn damal bei uns für einen öffentlichen Zauberer gehalten hat.«

Dieser Kornett war ein tapferer junger Kavalier und nicht über zwei Jahr älter als ich, er erfreute sich trefflich, daß er die Ehr hatte, den berühmten Jäger gefangen zu haben, deswegen hielt er auch das versprochen Quartier sehr ehrlich und auf holländisch, deren Gebrauch ist, ihren gefangenen spanischen Feinden von demjenigen, was der Gürtel beschließt, nichts zu nehmen; ja er ließ mich nicht einmal visitieren, ich aber war selbst der Bescheidenheit das Geld aus meinen Schubsäcken zu tun und ihnen solches zuzustellen, da es an ein Partens ging; sagte auch dem Kornett heimlich, er sollte sehen, daß ihm mein Pferd, Sattel und Zeug zuteil würde, denn er im Sattel dreißig Dukaten finden würde und das Pferd ohnedas seinesgleichen schwerlich hätte. Von deswegen wurde mir der Kornett so hold, als ob ich sein leiblicher Bruder wäre, er saß auch gleich auf mein Pferd und ließ mich auf dem seinigen reiten, von dem Convoi aber blieben nicht mehr als sechs tot und dreizehn wurden gefangen, darunter acht beschädigt, die übrigen gingen durch und hatten das Herz nicht, dem Feind im freien Feld die Beut wieder abzujagen, das sie fein hätten tun können, weil sie alle zu Pferd waren.

Nachdem die Beuten und Gefangenen geteilet worden, gingen die Schweden und Hessen (denn sie waren aus unterschiedlichen Garnisonen) noch selbigen Abend voneinander, mich und den Korporal samt noch dreien Dragonern behielt der Komett, weil er uns gefangen bekommen, dahero wurden wir in eine Festung geführt, die nicht gar zwei Meilen von unserer Garnison lag. Und weil ich hiebevor demselben Ort viel Dampfs angetan, war mein Nam daselbst wohl bekannt, ich selber aber mehr gefürcht als geliebt. Da wir die Stadt vor Augen hatten, schickte der Kornett einen Reuter voran, seine Ankunft dem Kommandanten zu verkünden, auch anzuzeigen, wie es abgelaufen und wer die Gefangenen seien; davon es ein Geläuf in der Stadt gab, daß nit auszusagen, weil jeder den Jäger gern sehen wollte; da sagte einer dies, der ander jenes von mir, und war nicht anders anzusehen, als ob ein großer Potentat seinen Einzug gehalten hätte.

Wir Gefangenen wurden strack zum Kommandanten geführt, welcher sich sehr über meine Jugend verwundert'; er fragte mich, ob ich nie auf schwedischer Seiten gedient hätte und was ich für ein Landsmann wäre? Als ich ihm nun die Wahrheit sagte, wollte er wissen, ob ich nicht Lust hätte, wieder auf ihrer Seiten zu bleiben? Ich antwortet ihm, daß es mir sonst gleich gülte, allein weil ich dem römischen Kaiser einen Eid geschworen hätte, so dünkte mich, es gebühre mir solchen zu halten. Darauf befahl er uns zum Gewaltiger zu führen und erlaubte doch dem Kornett auf sein Anhalten uns zu gastiern, weil ich hiebevor meine Gefangenen (darunter sein Bruder sich befunden) auch solchergestalt traktiert hätte. Da nun der Abend kam, fanden sich unterschiedliche Offizier, sowohl Soldaten von Fortun als geborne Kavalier, beim Kornett ein, der mich und den Korporal auch holen ließ; da wurde ich, die Wahrheit zu bekennen, von ihnen überaus höflich traktiert: Ich machte mich so lustig, als ob ich nichts verloren gehabt, und ließ mich so vertraulich und offenherzig vernehmen, als ob ich bei keinem Feind gefangen, sondern bei meinen allerbesten Freunden wäre, dabei befliß ich mich der Bescheidenheit soviel mir immer möglich war, denn ich konnte mir leicht einbilden, daß dem Kommandanten mein Verhalten wieder notifiziert würde, so auch geschehen, maßen ich nachmals erfahren.

Den andern Tag wurden wir Gefangenen und zwar einer nach dem andern vor den Regiments-Schulzen geführt, welcher uns examinierte; der Korporal war der erste und ich der ander. Sobald ich in den Saal trat, verwundert' er sich auch über meine Jugend und sagte, mir solche vorzurücken: »Mein Kind, was hat dir der Schwed getan, daß du wider ihn kriegest?« Das verdroß mich, vornehmlich da ich ebenso junge Soldaten bei ihnen gesehen als ich war, antwortet derhalben: »Die schwedischen Krieger haben mir meine Schnellkugeln oder Klicker genommen, die wollte ich gern wieder holen.« Da ich ihn nun dergestalt bezahlte, schämten sich seine beisitzenden Offizier, maßen einer anfing auf Latein zu sagen: Er sollte von ernstlichen Sachen mit mir reden, er hörte wohl, daß er kein Kind vor sich hätte. Da merkte ich, daß er Eusebius hieße, weil ihn derselbige Offizier so nannte; darauf fragte er mich um meinen Namen, und nachdem ich ihm denselben genennet, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Höll, der Simplicissimus heißet.« Da antwortet ich: »So ist auch vermutlich keiner in der Höll, der Eusebius heißt!« Bezahlte ihn also wie unsern Musterschreiber Cyriacum, so aber von den Offiziern nicht am besten aufgenommen wurde, maßen sie mir sagten, ich sollte mich erinnern, daß ich ihr Gefangener sei und nicht Scherzens halber hergeholt worden wäre. Ich wurde dieses Verweises wegen drum nicht rot, bat auch nicht um Verzeihung, sondern antwortete: Weil sie mich für einen Soldaten gefangen hielten und nicht für ein Kind wieder laufen lassen würden, so hätte ich mich versehen, daß man mich auch nicht als ein Kind gefoppt hätte; wie man mich gefragt, so hätte ich geantwortet, hoffte auch, ich würde nicht unrecht daran getan haben. Darauf fragten sie mich um mein Vaterland, Herkommen und Geburt, und vornehmlich, ob ich nit auch auf schwedischer Seiten gedient hätte? item, wie es in Soest beschaffen? wie stark selbige Garnison sei und was des Dings mehr ist etc. Ich antwortet auf alles behend, kurz und gut, und zwar wegen Soest und selbiger Garnison soviel als ich zu verantworten getraute, konnte aber wohl verschweigen, daß ich das Narrnhandwerk getrieben, weil ich mich dessen schämte.

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