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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 11. Kapitel

Hält allerhand Sachen in sich von geringer Wichtigkeit und großer Einbildung

Es begegnete mir auf demselbigen Marsch nichts Merkwürdiges mehr; da ich aber wieder nach Soest kam, hatten mir die lippstädtischen Hessen meinen Knecht, den ich bei meiner Bagage im Quartier gelassen, samt einem Pferd auf der Weid hinweggefangen, von demselben erkundigte der Gegenteil mein Tun und Lassen, dahero hielten sie mehr von mir als zuvor, weil sie hiebevor durch das gemeine Geschrei beredt worden, zu glauben, daß ich zaubern könnte. Er erzählte ihnen auch, daß er einer von den Teufeln gewesen sei, die den Jäger von Werl auf der Schäferei so erschreckt hätten; da solches erstbesagter Jäger erfuhr, schämte er sich so sehr, daß er abermal das Reißaus spielete und von Lippstadt zu den Holländern lief: Aber es war mein größtes Glück, daß mir dieser Knecht gefangen worden, maßen aus der Folge meiner Histori zu vernehmen sein wird.

Ich fing an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich so stattliche Hoffnung hatte, in Bälde ein Fähnlein zu haben; ich gesellete mich allgemach zu den Offiziern und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige spanneten, was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete; diese waren deswegen meine ärgsten Feinde und stellten sich doch gegen mich als meine besten Freunde, so war mir der Obristleutnant auch nicht so gar grün, weil er Befehl hatte, mich vor seinen Verwandten zu befördern; mein Hauptmann war mir darum abhold, weil ich mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel braver hielt als er und dem alten Geizhals nicht mehr wie hiebevor spendierte, er hätte lieber gesehen, daß mir neulich der Kopf hinweggeschlagen als ein Fähnlein versprochen worden wäre, denn er gedachte meine schönen Pferd zu erben; so haßte mich mein Leutnant eines einzigen Worts halber, das ich neulich unbedachtsam laufen lassen, das fügte sich also: Wir waren miteinander in letzter Cavalcada kommandiert, eine gleichsam verlorne Wacht zu halten; als nun das Schildwachthalten an mir war, (welches liegend geschehen mußte, unangesehen es stockfinster Nacht war) kroch er Leutnant auch auf dem Bauch zu mir wie ein Schlang, und sagte: »Schildwacht merkst du was?« Ich antwortet: »Ja Herr Leutnant.« »Was da? Was da?« sagte er. Ich antwortet: »Ich merke, daß sich der Herr fürchtet.« Von dieser Zeit an hatte ich kein Gunst mehr bei ihm, und wo es am ungeheursten war, wurde ich zum ersten hin kommandiert, ja er suchte an allen Orten und Enden Gelegenheit und Ursach, mir noch ehe ich Fähnrich würde das Wams auszuklopfen, weil ich mich gegen ihn nicht wehren dürfte. Nicht weniger feindeten mich auch alle Feldweibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen wurde. Was aber gemeine Knecht waren, die fingen auch an, in ihrer Liebe und Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie verachtete, indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen sondern wie obgemeldt zu größern Hansen gesellete, die mich drum nicht desto lieber sahen. Das Allerärgste war, daß mir kein einziger Mensch sagte, wie jedermann gegen mich gesinnet, so konnte ichs auch nicht merken, weil mir mancher die besten Wort unter Augen gab, der mich doch lieber tot gesehen hätte! Ich lebte eben dahin wie ein Blinder in aller Sicherheit und wurde je länger je hoffärtiger, und wenn ich schon wußte, daß es ein oder andern verdroß, so ichs etwa denen von Adel und vornehmen Offiziern mit Pracht bevortat, so ließ ichs drum nicht unterwegen; ich scheute mich nicht, nachdem ich Gefreiter worden, ein Koller von sechzig Reichstalern, rote scharlachne Hosen und weiße atlassene Ärmel überall mit Gold und Silber verbrämt zu tragen, welches damals eine Tracht der höchsten Offizier war, darum stachs ein jeden in die Augen; ich war aber ein schrecklich junger Narr, daß ich den Hasen so laufen ließ, denn hätte ich mich anders gehalten und das Geld, das ich so unnützlich an den Leib hängte, an gehörige Ort und End verschmieret, so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen, sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht. Ich ließ es aber hierbei noch nicht bleiben, sondern putzte mein bestes Pferd, das Springinsfeld vom hessischen Rittmeister bekommen hatte, mit Sattel, Zeug und Gewehr dergestalt heraus, daß man mich, wenn ich darauf saß, gar wohl für einen andern Ritter St. Georgen hätte ansehen mögen. Nichts vexierte mich mehr, als daß ich mich keinen Edelmann zu sein wußte, damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Liberei hätte kleiden mögen: Ich gedachte, all Ding hat seinen Anfang, wenn du ein Wappen hast, so hast du schon ein eigene Liberei, und wenn du Fähnrich wirst, so mußt du ja ein Petschier haben, wenn du schon kein Junker bist. Ich war nicht lang mit solchen Gedanken schwanger gangen, als ich mir durch einen Comitem Palatinum ein Wappen geben ließ, das waren drei rote Larven in einem weißen Feld und auf dem Helm ein Brustbild eines jungen Narrn in kälbernem Habit, mit einem Paar Hasenohren, vorne mit Schellen geziert; denn ich dachte, dies schicke sich am besten zu meinem Namen, weil ich Simplicius hieße; so wollte ich mich auch des Narrn gebrauchen, mich in meinem künftigen hohen Stand dabei zu erinnern, was ich zu Hanau für ein Gesell gewesen, damit ich nicht gar zu hoffärtig würde, weil ich mich schon jetzt keine Sau zu sein bedünken ließ: Also wurde ich erst rechtschaffen der erste meines Namens, Stammes und Wappens, und wenn mich jemand damit hätte foppen wollen, so hätte ich ihm ohne Zweifel einen Degen oder Paar Pistoln anpräsentiert.

Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging ich doch gleichwohl mit denen von Adel, wenn sie irgends Jungfrauen besuchten, deren es denn viel in der Stadt gab, mich sehen zu lassen und mit meinen schönen Haaren, Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muß bekennen, daß ich meiner Gestalt halber allen andern vorgezogen wurde, mußte aber daneben hören, daß mich die verwöhnten Schleppsäck einem schönen und wohlgeschnitzten hölzernen Bild verglichen, an welchem außer der Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre, denn es war sonst nichts an mir das ihnen gefiel; so konnte ich auch ohne das Lautenschlagen sonst noch nichts machen oder vorbringen, das ihnen angenehm gewesen wäre, weil ich noch nichts von Lieben wußte. Als mich aber auch diejenigen, die sich um das Frauenzimmer umtun konnten, meiner holzböckischen Art und Ungeschicklichkeit halber anstachen, um sich selbst dadurch beliebter zu machen und ihre Wohlredenheit zu rühmen: Ich aber hingegen sagte, daß es genug sei, wenn ich noch zur Zeit meine Freud an einem blanken Degen und einer guten Musketen hätte; nachdem auch das Frauenzimmer diese meine Rede billigte, verdroß es sie so sehr, daß sie mir heimlich den Tod schwuren, ohnangesehen keiner war, der das Herz hatte, mich herauszufordern oder Ursach zu geben, daß ich einen von ihnen gefordert hätte, dazu ein paar Ohrfeigen oder sonst ziemlich empfindliche Wort genug wären gewesen, zudem ich mich auch ziemlich breitmachte. Woraus das Frauenzimmer mutmaßete, daß ich ein resoluter Jüngling sein müßte; sagten auch unverhohlen, daß bloß meine Gestalt und rühmlicher Sinn bei einer Jungfer das Wort besser tun könne als alle anderen Komplimente, die Amor je erfunden; welches die Anwesenden noch mehr verbitterte.

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