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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 9. Kapitel

Ein ungleicher Kampf, in welchem der Schwächste obsieget, und der Überwinder gefangen wird

Meine Hoffart vermehrte sich mit meinem Glück, daraus endlich nichts anders als mein Fall erfolgen konnte. Ungefähr ein halbe Stund von Rehnen kampierten wir, als ich mit meinem besten Kameraden Erlaubnis begehrte, in dasselbe Städtlein zu gehen, etwas an unserm Gewehr flicken zu lassen, so wir auch erhielten. Weil aber unser Meinung war, uns einmal rechtschaffen miteinander lustig zu machen, kehrten wir im besten Wirtshaus ein und ließen Spielleut kommen, die uns Wein und Bier hinuntergeigen mußten: da gings in floribus her und blieb nichts unterwegen, was nur dem Geld wehe tun möchte, ja ich hielt Bursch von andern Regimentern zu Gast und stellte mich nicht anders als wie ein junger Prinz, der Land und Leut vermag und alle Jahr ein groß Geld zu verzehren hat. Dahero wurde uns auch besser als einer Gesellschaft Reuter, die gleichfalls dort zehrte, aufgewartet, weils jene nicht so toll hergehen ließen, das verdroß sie und fingen an mit uns zu kippeln. »Woher kommts«, sagten sie untereinander, »daß diese Stiegelhupfer (denn sie hielten uns für Musketierer, maßen kein Tier in der Welt ist, das einem Musketierer gleicher siehet als ein Dragoner, und wenn ein Dragoner vom Pferd fällt, so stehet ein Musketierer wieder auf) ihre Heller so weisen?« Ein anderer antwortet': »jener Säugling ist gewiß ein Strohjunker, dem seine Mutter etliche Milchpfennig geschickt, die er jetzo seinen Kameraden spendiert, damit sie ihn künftig irgendswo aus dem Dreck oder etwa durch ein Graben tragen sollen.« Mit diesen Worten zieleten sie auf mich, denn ich wurde für einen jungen Edelmann bei ihnen angesehen. Solches wurd mir durch die Kellerin hinterbracht, weil ichs aber nicht selbst gehört, konnte ich anders nichts dazu tun, als daß ich ein groß Bierglas mit Wein einschenken und solches auf Gesundheit aller rechtschaffenen Musketierer herumgehen, auch jedesmal solchen Alarm dazu machen ließ, daß keiner sein eigen Wort hören konnte; das verdroß sie noch mehr, derowegen sagten sie öffentlich: »Was Teufels haben doch die Stiegelhüpfer für ein Leben?« Springinsfeld antwortet': »Was gehts die Stiefelschmierer an?« Das ging ihm hin, denn er sah so gräßlich drein und machte so grausame und bedrohliche Mienen, daß sich keiner an ihn reiben durfte. Doch stieß es ihnen wieder auf, und zwar einem ansehnlichen Kerl, der sagte: »Und wenn sich die Maurenscheißer auch auf ihrem Mist (er vermeinte, wir lägen da in der Garnison, weil unsere Kleidungen nicht so wetterfarbig aussahen wie derjenigen Musketierer, die Tag und Nacht im Feld liegen) nicht so breit machen dürften, wo wollten sie sich dann sehen lassen? man weiß ja wohl, daß jeder von ihnen in offenen Feldschlachten unser Raub sein muß gleichwie die Taub eines jeden Stoßfalken!« Ich antwortet ihm: »Wir müssen Städt und Festungen einnehmen, und solche werden uns auch zu verwahren vertrauet, dahingegen ihr Reuter auch vor dem geringsten Rattennest keinen Hund aus dem Ofen locken könnet; warum wollten wir uns dann in dem, was mehr unser als euer ist, nicht dürfen lustig machen?« Der Reuter antwortet': »Wer Meister im Feld ist, dem folgen die Festungen, daß wir aber die Feldschlachten gewinnen müssen, folget aus dem, daß ich so drei Kinder, wie du eins bist, mit samt ihren Musketen nicht allein nicht fürchten, sondern ein Paar davon auf den Hut stecken und den dritten erst fragen wollte, wo deiner noch mehr wären? und säße ich nur bei dir«, sagte er gar höhnisch, »so wollte ich dem Junkern zu Bestätigung der Wahrheit ein paar Dachteln geben!« Ich antwortet ihm: »Ob ich zwar vermeine, ein so gut Paar Pistolen zu haben als du, wiewohl ich kein Reuter, sondern nur ein Zwitter zwischen ihnen und den Musketierern bin, schau! so hat doch ein Kind das Herz mit seiner Musketen allein einem solchen Prahler zu Pferd, wie du einer bist, gegen all sein Gewehr im freien Feld nur zu Fuß zu erscheinen.« »Ach du Kujon«, sagte der Kerl, »ich halte dich für einen Schelmen, wenn du nicht wie ein redlicher von Adel alsbald deinen Worten eine Kraft gibst.« Hierauf warf ich ihm einen Handschuh zu, und sagte: »Siehe da, wenn ich diesen im freien Feld durch meine Muskete nicht zu Fuß wieder von dir bekomme, so habe genugsame Macht und Gewalt, mich für denjenigen zu halten und auszuschreien, wie mich deine Vermessenheit gescholten hat.« Hierauf zahlten wir den Wirt, und der Reuter machte seinen Karabiner und Pistolen, ich aber meine Muskete fertig, und da er mit seinen Kameraden von uns an den bestimmten Ort ritt, sagte er zu meinem Springinsfeld: er sollte mir nur allgemach das Grab bestellen; dieser aber antwortet' ihm, er möchte solches auf ein Vorsorg seinen eigenen Kameraden für sich selbst zu bestellen anbefohlen; mir aber verwies er meine Frechheit und sagte unverhohlen, er besorge, ich werde aus dem letzten Loch pfeifen. Ich lachte hingegen, weil ich mich schon vorlängst besonnen hatte, wie ich einem wohlmontierten Reuter begegnen müsse, wenn mich einmal einer zu Fuß mit meiner Muskete im weiten Feld feindlich angreifen sollte. Da wir nun an den Ort kamen, wo der Betteltanz angehen sollte, hatte ich meine Musket bereits mit zweien Kugeln geladen, frisch Zündkraut aufgerührt und den Deckel auf der Zündpfannen mit Unschlitt verschmiert, wie vorsichtige Musketierer zu tun pflegen, wenn sie das Zündloch und Pulver auf der Pfannen im Regenwetter vor Wasser verwahren wollen.

Ehe wir nun auseinandergingen, bedingten beiderseits Kameraden miteinander, daß wir uns im freien Feld angreifen und zu solchem End der eine von Ost, der ander aber von West in ein umzäuntes Feld eintreten sollten, und alsdann möge ein jeder sein Bestes gegen den andern tun, wie ein Soldat tun soll, welcher dergestalt seinen Feind vor Augen kriegt; es sollte sich auch weder vor, in, noch nach dem Kampf keiner von beiden Parteien unterstehen, seinem Kameraden zu helfen, noch dessen Tod oder Beschädigung zu rächen. Als sie solches einander mit Mund und Hand versprochen hatten, gaben ich und mein Gegner einander auch die Händ und verzieh je einer dem andern seinen Tod: in welcher allerunsinnigsten Torheit, welche je ein vernünftiger Mensch begehen kann, ein jeder hoffte, seiner Gattung Soldaten das Prae zu erhalten, gleichsam als ob des einen oder andern Teils Ehr und Reputation an dem Ausgang unseres teuflischen Beginnens gelegen gewesen wäre. Da ich nun an meinem bestimmten Ende mit doppeltbrennendem Lunten in angeregtes Feld trat und meinen Gegenteil vor Augen sah, stellte ich mich, als ob ich das alte Zündkraut im Gang abschüttete, ich tats aber nicht, sondern rührte Zündpulver nur auf den Deckel meiner Zündpfannen, blies ab und paßte mit zween Fingern auf der Pfann auf, wie bräuchlich ist, und ehe ich meinem Gegenteil, der mich auch wohl im Gesicht hielt, das Weiße in Augen sehen konnte, schlug ich auf ihn an und brennte mein falsch Zündkraut auf dem Deckel der Pfannen vergeblich hinweg; mein Gegner vermeinte, die Musket hätte mir versagt und das Zündloch wäre mir verstopft, sprengte derowegen mit einer Pistol in der Hand gar zu begierig recta auf mich dar, in Meinung, mir meinen Frevel zu bezahlen; aber ehe er sichs versah, hatte ich die Pfann offen und wieder angeschlagen, hieß ihn auch dergestalt willkomm sein, daß Knall und Fall eins war.

Ich retirierte mich hierauf zu meinen Kameraden, die mich gleichsam küssend empfingen, die seinigen aber entledigten ihn aus seinem Stegreif und taten gegen ihn und uns wie redliche Kerl, maßen sie mir auch meinen Handschuh mit großem Lob wiederschickten. Aber da ich meine Ehr am größten zu sein schätzte, kamen fünfundzwanzig Musketier aus Rehnen, welche mich und meine Kameraden gefangen nahmen: Ich zwar wurde alsbald in Ketten und Band geschlossen und der Generalität überschickt, weil alle Duell bei Leib- und Lebensstraf verboten waren.

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