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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 7. Kapitel

Der Jäger erjaget abermals Ehre und Beuten

Wir durften nicht rechtschaffen lachen, beides weil wir uns still halten mußten und weils der Phantast nicht gern hatte, wovon Springinsfeld hätte zerspringen mögen. Eben damals zeigte unsere Hohewacht an, die wir auf einem Baum hatten, daß er in der Ferne etwas kommen sehe; ich stieg auch hinauf und sah durch mein Perspektiv, daß es zwar die Fuhrleute sein müßten, denen wir aufpaßten, sie hatten aber niemand zu Fuß, sondern ohngefähr etlich und dreißig Reuter zum Convoi bei sich, dahero konnte ich mir die Rechnung leicht machen, daß sie nicht oben durch den Wald, darin wir lagen, gehen, sondern sich im freien Feld behelfen würden, da wir ihnen nichts hätten abgewinnen mögen, wiewohl es daselbst einen bösen Weg hatte, der ungefähr sechshundert Schritt von uns und etwa dreihundert Schritt vom End des Walds oder Bergs durch die Ebne vorbeiging. Ich wollte ungern so lang daselbst umsonst gelegen oder nur einen Narrn erbeutet haben, machte derhalben geschwind einen andern Anschlag, der mir auch anging.

Von unserer Lagerstatt ging ein Wasserrunze in einer Klammen hinunter (die bequem zu reiten war) gegen das Feld wärts, deren Ausgang besetzte ich mit zwanzig Mann, nahm auch selbst meinen Stand bei ihnen und ließ den Springinsfeld schier an dem Ort, wo wir zuvor gelegen warn, sich in seinem Vorteil halten, befahl auch meiner Bursch, wenn der Convoi hinkomme, daß jeder seinen Mann gewiß nehmen sollte, sagte auch jedem, wer Feuer geben und welcher seinen Schuß im Rohr zum Vorrat behalten sollte. Etliche alte Kerl sagten, was ich gedächte? und ob ich wohl vermeinte, daß der Convoi an diesen Ort kommen würde, da sie nichts zu tun hätten und dahin wohl in hundert Jahren kein Bauer kommen sei? Andere aber, die da glaubten, ich könne zaubern, (maßen ich damals deswegen in einem großen Ruf war) gedachten, ich würde den Feind in unsere Händ bannen. Aber ich brauchte hierzu keine Teufelskunst, sondern nur den Springinsfeld, denn als der Convoi, welcher ziemlich Truppen hielt, recta gegen uns über vorbeipassieren wollte, fing Springinsfeld aus meinem Befehl so schrecklich an zu brüllen wie ein Ochs und zu wiehern wie ein Pferd, daß der ganze Wald einen Widerhall davon gab und einer hoch geschworen hätte, es wären Roß und Rinder vorhanden: Sobald der Convoi das hörte, gedachten sie Beuten zu machen und an diesem Ort etwas zu erschnappen, das doch in derselben ganzen Gegend nicht anzutreffen, weil das ganze Land ziemlich erödet war; sie ritten sämtlich so geschwind und unordentlich in unsern Halt, als wenn ein jeder der erste hätte sein wollen, die beste Schlappe zu holen, welche es denn so dichte setzt', daß gleich im ersten Willkomm, den wir ihnen gaben, dreizehn Sättel geleert und sonst noch etliche aus ihnen gequetscht wurden; hierauf lief Springinsfeld gegen sie die Klamme herunter und schrie: »Jäger, hieher!« davon die Kerl noch mehr erschreckt und so irr wurden, daß sie weder hinter sich, vor sich, noch nebenaus reiten konnten, absprangen und sich zu Fuß davonmachen wollten: Aber ich bekam sie alle siebenzehn, samt dem Leutnant der sie kommandiert hatte, gefangen und ging damit auf die Wagen los, spannete vierundzwanzig Pferd aus und bekam nur etliche wenige Seidenwar und holländisch Tuch, denn ich durfte nicht so viel Zeit nehmen, die Toten zu plündern, geschweig die Wagen recht zu durchsuchen, weil sich die Fuhrleut zu Pferd bald aus dem Staub gemacht, als die Aktion anging, durch welche ich zu Dorsten hätte verraten und unterwegs wieder aufgehoben werden können. Da wir nun aufgepackt hatten, lief Jupiter auch aus dem Wald und schrie uns nach, ob ihn denn Ganymedes verlassen wollte? Ich antwortet ihm: ja, wenn er den Flöhen das begehrte Privilegium nicht mitteilen wollte. »Ich wollte lieber (antwortet' er wieder), daß sie miteinander im Cocyto lägen!« Ich mußte lachen, und weil ich ohnedas noch leere Pferd hatte, ließ ich ihn aufsitzen, demnach er aber nicht besser reiten konnte als eine Nuß mußte ich ihn aufs Pferd binden lassen, da sagte er, daß ihn unser Scharmützel an diejenige Schlacht gemahnt hätte, welche die Lapithae hiebevor mit den Centauris bei des Pirithoi Hochzeit angefangen hätten.

Wie nun alles vorüber war und wir mit unsern Gefangenen davonpostierten, als ob uns jemand jagte, bedachte erst der gefangene Leutnant, was er für ein groben Fehler begangen, daß er nämlich ein so schönen Truppen Reuter dem Feind so ohnvorsichtig in die Händ geführt und dreizehn so brave Kerl auf die Fleischbank geliefert hätte, fing derowegen an zu desperieren und kündete mir das Quartier wieder auf, das ich ihm selbsten gegeben hatte, ja er wollte mich gleichsam zwingen, ich sollte ihn totschießen lassen, denn er gedachte nicht allein, daß dieses Übersehen ihm eine große Schand sein und unverantwortlich fallen, sondern auch an seiner künftigen Beförderung verhinderlich sein würde, wofern es anders nicht gar dazu käme, daß er den Schaden mit seinem Kopf bezahlen müßte: Ich aber sprach ihm zu und hielt ihm vor, daß manchem rechtschaffenen Soldaten das unbeständige Glück seine Tück bewiesen, ich hätte aber darum noch keinen gesehen, der deswegen verzagt, oder gar verzweifelt sei, sein Beginnen sei ein Zeichen der Kleinmütigkeit, tapfere Soldaten aber gedächten, die empfangenen Schäden ein andermal wieder einzubringen; mich würde er nimmermehr dahin bringen, daß ich das Kartell verletzte oder ein so schändliche Tat wider alle Billigkeit und löblicher Soldaten Gewohnheit und Herkommen beginge. Da er nun sah, daß ich nicht dran wollte, fing er an mich zu schmähen, in Meinung, mich zum Zorn zu bewegen, und sagte: Ich hätte nicht aufrecht und redlich mit ihm gefochten, sondern wie ein Schelm und Strauchmörder gehandelt und seinen bei sich gehabten Soldaten das Leben als ein Dieb abgestohlen; worüber seine eigenen Bursch, die wir gefangen hatten, mächtig erschraken, die meinigen aber ebensosehr ergrimmten, also daß sie ihn wie ein Sieb durchlöchert hätten, wenn ichs nur zugelassen, maßen ich genug abzuwehren bekam. Ich aber bewegte mich nicht einmal über seine Reden, sondern nahm beides Freund und Feind zum Zeugen dessen, was da geschah, und ließ ihn Leutnant binden und als einen Unsinnigen verwahren; versprach auch, ihn Leutnant, sobald wir in unsern Posten kämen und es meine Offizier zulassen wollten, mit meinen eigenen Pferden und Gewehr, worunter er dann die Wahl haben sollte, auszustaffieren und ihm öffentlich mit Pistolen und Degen zu weisen, daß Betrug im Krieg wider seinen Gegenteil zu üben in Rechten erlaubt sei, warum er nicht bei seinen Wagen geblieben, darauf er bestellt gewesen; oder da er ja hätte sehen wollen, was im Wald stecke, warum er dann zuvor nicht rechtschaffen hätte rekognoszieren lassen, welches ihm besser angestanden wäre, als daß er jetzund so unsinnige Narrenpossen anfing, daran sich doch niemand kehren würde. Hierüber gaben mir beides Freund und Feind recht, und sagten: Sie hätten unter hundert Parteigängern nicht einen angetroffen, der auf solche Schmähewort nicht nur den Leutnant totgeschossen, sondern auch alle Gefangenen mit der Leich geschickt hätte.

Also brachte ich meine Beuten und Gefangenen den andern Morgen glücklich nach Soest und bekam mehr Ehr und Ruhm von dieser Partei als zuvor nimmer, jeder sagte: »Dies gibt wieder ein jungen Johann de Werd!« Welches mich trefflich kitzelte; aber mit dem Leutnant Kugeln zu wechseln oder zu raufen wollte der Kommandant nicht zugeben, denn er sagte, ich hätte ihn schon zweimal überwunden. je mehr sich nun dergestalt mein Lob wieder vermehrte, je mehr nahm der Neid bei denen zu, die mir ohnedas mein Glück nicht gönneten.

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