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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 6. Kapitel

Was die Legation der Flöh beim Jove verrichtet

Ich gedachte bei mir selbst, der Kerl dürfte vielleicht kein Narr sein wie er sich stellte, sondern mirs kochen, wie ichs zu Hanau gemacht, um desto besser von uns durchzukommen; gedacht ihn derowegen mit dem Zorn zu probieren, weil man einen Narrn am besten bei solchem erkennet, und sagte: »Die Ursach, daß ich aus dem Himmel kommen, ist, daß ich dich selbst darin manglete, nahm derowegen des Daedali Flügel und flog auf Erden dich zu suchen, wo ich aber nach dir fragte, fand ich, daß man dir aller Orten und Enden ein schlechtes Lob verlieh, denn Zoilus und Momus haben dich und alle anderen Götter in der ganzen weiten Welt für so verrucht, leichtfertig und stinkend ausgeschrien, daß ihr bei den Menschen allen Kredit verloren; du selbst, sagen sie, seiest ein filzlausiger, ehebrecherischer Hurenhengst, mit was für Billigkeit du denn die Welt wegen solcher Laster strafen mögest? Vulcanus sei ein geduldiger Hahnrei und habe den Ehebruch Martis ohne sonderbare namhafte Rach müssen hingehen lassen, was der hinkende Gauch denn für Wagen werde schmieden können? Venus sei selbsten die verhaßteste Vettel von der Welt wegen ihrer Unkeuschheit, was sie denn für Gnad und Gunst einem andern werde mitteilen können? Mars sei ein Mörder und Räuber; Apollo ein unverschämter Hurenjäger; Mercurius ein unnützer Plauderer, Dieb und Kuppler, Priapus ein Unflat; Herkules ein hirnschelliger Wüterich und in Summa die ganze Schar der Götter sei so verrucht, daß man sie sonst nirgendshin als in des Augiae Stall logieren sollte, welcher ohnedas durch die ganze Welt stinkt.« »Ach!« sagte Jupiter, »wäre es ein Wunder, wenn ich meine Güte beiseit setzte und diese heillosen Ehrendieb und gottsschändenden Verleumder mit Donner und Blitz verfolgte? Was dünkt dich mein getreuer und allerliebster Ganymede? Soll ich diese Schwätzer mit ewigem Durst plagen wie den Tantalum? oder soll ich sie neben den mutwilligen Plauderer Daphitas auf dem Berg Thorace aufhenken lassen? oder sie mit Anaxarcho in einem Mörser zerstoßen? oder soll ich sie zu Agrigento in Phalaris glühenden Ochsen stecken? Nein, nein Ganymede! diese Strafen und Plagen sind alle miteinander viel zu gering; ich will der Pandora Büchse von neuem füllen und selbe den Schelmen auf die Köpf ausleeren lassen, die Nemesis soll die Alecto, Megaera und Thesiphone erwecken und ihnen über den Hals schicken, und Herkules soll den Cerberum vom Pluto entlehnen und diese bösen Buben damit hetzen wie die Wölf, wenn ich sie dann dergestalt genug gejagt und geplagt haben werde, so will ich sie erst neben den Hesiodum und Homerum in das höllisch Haus an ein Säule binden und sie durch die Eumeniden ohn einzige Erbarmung ewiglich abstrafen lassen.« Indem Jupiter so drohete, zog er in Gegenwart meiner und der ganzen Partei die Hosen herunter ohn einzige Scham und stöbert' die Flöh daraus, welche ihn, wie man an seiner sprenklichten Haut wohl sah, schrecklich tribuliert hatten: Ich konnte mir nicht einbilden, was es abgeben sollte, bis er sagte: »Schert euch fort ihr kleinen Schinder, ich schwöre euch beim Styx, daß ihr in Ewigkeit nicht erhalten sollt, was ihr so sorgfältig sollizitiert!« Ich fragte ihn, was er mit solchen Worten meine? Er antwortet', daß das Geschlecht der Flöhe, als sie vernommen, daß er auf Erden kommen sei, ihre Gesandten zu ihm geschickt hätten, ihn zu komplimentieren. Diese hätten ihm daneben angebracht, ob er zwar ihnen die Hundshäut zu bewohnen assigniert, daß dennoch zu Zeiten wegen etlicher Eigenschaften, welche die Weiber an sich hätten, teils aus ihnen sich vertreten und den Weibern in die Pelz gerieten; solche verirrten armen Tropfen aber würden von den Weibern übel traktiert, gefangen und nicht allein ermordt, sondern auch zuvor zwischen ihren Fingern so elendiglich gemartert und zerrieben, daß es einen Stein erbarmen möchte: »Ja (sagte Jupiter ferner), sie brachten mir die Sach so beweglich und erbärmlich vor, daß ich Mitleiden mit ihnen haben mußte und also ihnen Hilf zusagte, jedoch mit Vorbehalt, daß ich die Weiber zuvor auch hören möchte; sie aber wandten vor, wenn den Weibern erlaubt würde, Widerpart zu halten und ihnen zu widersprechen, so wüßten sie wohl, daß sie mit ihren giftigen Hundszungen entweder meine Frömmigkeit und Güte betäuben, die Flöh selbsten aber überschreien oder aber durch ihre lieblichen Wort und Schönheiten mich betören und zu einem falschen Urteil verleiten würden; mit fernerer Bitt, ich wollte sie ihrer untertänigen Treu genießen lassen, welche sie mir allezeit erzeigt und ferner zu leisten gedächten, indem sie allezeit am nächsten dabeigewesen und am besten gewußt hätten, was zwischen mir und der Jo, Callisto, Europa und andern mehr vergangen, hätten aber niemal nichts aus der Schul geschwätzt, noch der Juno, wiewohl sie sich auch bei ihr pflegten aufzuhalten, einziges Wort gesagt, maßen sie sich noch solcher Verschwiegenheit beflissen, wie denn kein Mensch bis dato (ohnangesehen sie sich gar nahe bei allen Buhlschaften finden ließen) von ihnen wie Apollo von den Raben etwas dergleichen erfahren hätte: Wenn ich aber je zulassen wollte, daß die Weiber sie in ihrem Bann jagen, fangen und nach Waidmannsrecht metzeln dürften, so wäre ihr Bitt, zu verschaffen, daß sie hinfort mit einem heroischen Tod hingerichtet und entweder mit einer Axt wie Ochsen niedergeschlagen oder wie Wildpret gefället würden, und nicht mehr so schimpflich zwischen ihren Fingern zerquetschen und radbrechen sollten, wodurch sie ohnedas ihre eigenen Glieder, damit sie oft was anders berührten, zu Henkersinstrumenten machten, welches allen ehrlichen Mannsbildern ein Schand wäre! Ich sagte: ›Ihr Herren müßt sie greulich quälen, weil sie euch so schrecklich tyrannisieren?‹ ›Jawohl‹, gaben sie mir zur Antwort, ›sie sind uns sonst so neidig und vielleicht darum, daß sie sorgen, wir sehen, hören und empfinden zu viel, eben als ob sie unserer Verschwiegenheit nicht genugsam versichert wären. Was wollts sein? können sie uns doch in unserm eigenen Territorio nit leiden, gestalt manche ihr Schoßhündlein mit Bürsten, Kämmen, Seifen, Laugen und andern Dingen dermaßen durchstreift, daß wir unser Vaterland notdringlich quittieren und andere Wohnungen suchen müssen, ohnangesehen sie solche Zeit besser anlegen und etwa ihre eigenen Kinder von den Läusen säubern könnten.‹ Darauf erlaubte ich ihnen, bei mir einzukehren und meinen menschlichen Leib ihre Beiwohnung, Tun und Lassen empfinden zu machen, damit ich ein Urteil danach fassen könnte; da fing das Lumpengesind an, mich zu geheien, daß ich sie, wie ihr gesehen habt, wieder abschaffen müssen: Ich will ihnen ein Privilegium auf die Nas hofieren, daß sie die Weiber verrieblen und vertrieblen mögen, wie sie wollen, ja wenn ich selbst so ein schlimmen Kunden ertappe, will ichs ihm nicht besser machen.«

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