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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 5 Kapitel

Wie er die Religionen miteinander vereinigen, und in einen Model gießen wird

Springinsfeld, der uns auch zuhörete, hätte den Jupiter schier unwillig gemacht und den Handel beinahe verderbt, weil er sagte: »Und alsdann wirds in Teutschland hergehen wie im Schlaraffenland, da es lauter Muskateller regnet und die Kreuzerpastetlein über Nacht wie die Pfifferling wachsen! da werde ich mit beiden Backen fressen müssen wie ein Drescher und Malvasier saufen, daß mir die Augen übergehen.« »Ja freilich«, antwortet' Jupiter, »vornehmlich wenn ich dir die Plag Erysichthonis anhängen würde, weil du, wie mich dünken will, meine Hoheit verspottest.« Zu mir aber sagte er: »Ich habe vermeint, ich sei bei lauter Silvanis, so sehe ich aber wohl, daß ich den neidigen Momum oder Zoilum angetroffen habe; ja man sollte solchen Verrätern das was der Himmel beschlossen offenbaren, und so edle Perlen vor die Säu werfen, ja freilich, auf den Buckel geschissen für ein Brusttuch!« Ich gedachte: »Dies ist mir wohl ein visierlicher und unflätiger Abgott, weil er neben so hohen Dingen auch mit so weicher Materi umgehet.« Ich sah wohl, daß er nicht gern hatte, daß man lachte, verbiß es derowegen so gut als ich immer konnte, und sagte zu ihm: »Allergütigster Jove, du wirst ja eines groben Waldgotts Unbescheidenheit halber deinem andern Ganymede nicht verhalten, wie es weiter in Teutschland hergehen wird?« »O nein«, antwortet' er, »aber befehle zuvor diesem Theoni, daß er seine Hipponacis-Zunge fürderhin im Zaum halten solle, ehe ich ihn (wie Mercurius den Battum) in einen Stein verwandele; du selbst aber gestehe mir, daß du mein Ganymedes seiest, und ob dich nicht mein eifersüchtige Juno in meiner Abwesenheit aus dem himmlischen Reich gejaget habe?« Ich versprach ihm alles zu erzählen, da ich zuvor gehört haben würde, was ich zu wissen verlangte. Darauf sagte er: »Lieber Ganymede, (leugne nur nicht mehr, denn ich sehe wohl daß du es bist) es wird alsdann in Teutschland das Goldmachen so gewiß und so gemein werden als das Hafnerhandwerk, also daß schier ein jeder Roßbub den Lapidem Philosophorum wird umschleppen!« Ich fragte: »Wie wird aber Teutschland bei so unterschiedlichen Religionen ein so langwierigen Frieden haben können? werden so unterschiedliche Pfaffen nicht die Ihrigen hetzen und wegen ihres Glaubens wiederum einen Krieg anspinnen?« »O nein!« sagt' Jupiter, »mein Held wird dieser Sorg weislich vorkommen und vor allen Dingen alle christliche Religionen in der ganzen Welt miteinander vereinigen.« Ich sagte: »O Wunder, das wäre ein groß Werk! wie müßte das zugehen?« Jupiter antwortet': »Das will ich dir herzlich gern offenbaren: Nachdem mein Held den Universal-Frieden der ganzen Welt verschafft, wird er die geist- und weltlichen Vorsteher und Häupter der christlichen Völker und unterschiedlichen Kirchen mit einem sehr beweglichen Sermon anreden und ihnen die bisherigen hochschädlichen Spaltungen in den Glaubenssachen trefflich zu Gemüt fahren, sie auch durch hochvernünftige Gründe und unwidertreibliche Argumenta dahin bringen, daß sie von sich selbst eine allgemeine Vereinigung wünschen und ihm das ganze Werk seiner hohen Vernunft nach zu dirigiern übergeben werden: alsdann wird er die allergeistreichsten, gelehrtesten und frömmigsten Theologos von allen Orten und Enden her aus allen Religionen zusammenbringen und ihnen einen Ort, wie vor diesem Ptolemäus Philadelphus den zweiundsiebzig Dolmetschen getan, in einer lustigen doch stillen Gegend, da man wichtigen Sachen ungehindert nachsinnen kann, zurichten lassen, sie daselbst mit Speis und Trank, auch aller anderen Notwendigkeit versehen und ihnen auflegen, daß sie so bald immer möglich und jedoch mit der allerreifsten und fleißigsten Wohlerwägung die Strittigkeiten, so sich zwischen ihren Religionen enthalten, erstlich beilegen und nachgehends mit rechter Einhelligkeit die rechte, wahre, heilige und christliche Religion der Hl. Schrift, der uralten Tradition und der probierten Hl. Väter Meinung gemäß schriftlich verfassen sollen: Um dieselbige Zeit wird sich Pluto gewaltig hintern Ohren kratzen, weil er alsdann die Schmälerung seines Reichs besorgen wird, ja er wird allerlei Fünd und List erdenken, ein Que darein zu machen, und die Sach wo nicht gar zu hintertreiben, jedoch solche ad infinitum oder indefinitum zu bringen sich gewaltig bemühen; er wird sich unterstehen, einem jeden Theologo sein Interesse, seinen Stand, sein geruhig Leben, sein Weib und Kind, sein Ansehen und je so etwas, das ihm seine Opinion zu behaupten einraten möchte, vorzumalen: Aber mein tapferer Held, wird auch nicht feiren, er wird, so lang dieses Concilium währet, in der ganzen Christenheit alle Glocken läuten und damit das christlich Volk zum Gebet an das höchste Numen ohnablässig anmahnen und um Sendung des Geistes der Wahrheit bitten lassen: Wenn er aber merken würde, daß sich einer oder ander von Plutone einnehmen läßt, so wird er die ganze Kongregation wie in einer Konklave mit Hunger quälen, und wenn sie noch nicht dran wollen, ein so hohes Werk zu befördern, so wird er ihnen allen vom Henken predigen oder ihnen sein wunderbarlich Schwert weisen, und sie also erstlich mit Güte, endlich mit Ernst und Bedrohungen dahin bringen, daß sie ad rem schreiten und mit ihren halsstarrigen falschen Meinungen die Welt nicht mehr wie vor alters foppen: Nach erlangter Einigkeit wird er ein groß Jubelfest anstellen und der ganzen Welt diese geläuterte Religion publizieren, und welcher alsdann dawider glaubt, den wird er mit Schwefel und Pech martyrisieren oder einen solchen Ketzer mit Buxbaum bestecken und dem Plutone zum Neuen Jahr schenken. Jetzt weißt du, lieber Ganymede, alles was du zu wissen begehrt hast, nun sage mir aber auch, was die Ursach ist, daß du den Himmel verlassen, in welchem du mir so manchen Trunk Nektar eingeschenkt hast?«

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