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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 3. Kapitel

Der große Gott Jupiter wird gefangen, und eröffnet der Götter Ratschläg

Solches wurde ich bald gewahr, derhalben stellte ich mein vorig gottlos Leben allerdings ab und befliß mich allein der Tugend und Frömmigkeit; ich ging zwar wie zuvor wieder auf Partei, erzeigte mich aber gegen Freunde und Feinde so leutselig und diskret, daß all diejenigen, so mir unter die Händ kamen, ein anders glaubten als sie von mir gehört hatten; überdas hielt ich auch mit den überflüssigen Verschwendungen inne und sammlete mir viel schöne Dukaten und Kleinodien, welche ich hin und wieder in der Soestischen Börde auf dem Land in hohle Bäum verbarg, weil mir solches die bekannte Wahrsagerin zu Soest riet und mich versicherte, daß ich mehr Feind in derselben Stadt und unter meinem Regiment als außerhalb und in den feindlichen Garnisonen hätte, die mir und meinem Geld nachstellten. Und indem man hin und her Zeitung hatte, daß der Jäger ausgerissen wäre, saß ich denen, die sich damit kitzelten, wieder ohnversehens auf der Hauben, und ehe ein Ort recht erfuhr, daß ich an einem andern Schaden getan, empfand derselbige schon, daß ich noch vorhanden war; denn ich fuhr herum wie ein Windsbraut, war bald hie bald dort, also daß man mehr von mir zu sagen wußte als zuvor, da sich noch einer für mich ausgab.

Ich saß einsmals mit fünfundzwanzig Feurröhren nicht weit von Dorsten und paßte einem Convoi mit etlichen Fuhrleuten auf, der nach Dorsten kommen sollte; ich hielt meiner Gewohnheit nach selbst Schildwacht, weil wir dem Feind nahe waren; da kam ein einziger Mann daher, fein ehrbar gekleidet, der redte mit sich selbst und hatte mit seinem Meerrohr, das er in Händen trug, ein seltsam Gefecht; ich konnte nichts anders verstehen, als daß er sagte: »Ich will einmal die Welt strafen, es wolle mirs denn das große Numen nicht zugeben!« Woraus ich mutmaßete, es möchte etwa ein mächtiger Fürst sein, der so verkleidterweis herumginge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu erkundigen und sich nun vorgenommen hätte, solche (weil er sie vielleicht nicht nach seinem Willen gefunden) gebührend zu strafen. Ich gedachte: ›Ist dieser Mann vom Feind, so setzts ein gute Ranzion, wo nicht, so willst du ihn so höflich traktieren und ihm dadurch das Herz dermaßen abstehlen, daß es dir künftig dein Lebtag wohl bekommen soll‹, sprang derhalben hervor, präsentiert mein Gewehr mit aufgezogenem Hahnen, und sagte: »Der Herr wird sich belieben lassen, vor mir hin in Busch zu gehen, wofern er nicht als Feind traktiert sein will.« Er antwortet' sehr ernsthaftig: »Solcher Tractation ist meinesgleichen nit gewohnt.« Ich aber tummelt ihn höflich fort, und sagte: »Der Herr wird sich nicht zuwider sein lassen, sich für diesmal in die Zeit zu schicken«, und als ich ihn in den Busch zu meinen Leuten gebracht und die Schildwachten wieder besetzt hatte, fragte ich ihn, wer er sei? Er antwortet' gar großmütig, es würde mir wenig daran gelegen sein, wenn ichs schon wüßte, er sei auch ein großer Gott! Ich gedachte, er möchte mich vielleicht kennen und etwa ein Edelmann von Soest sein und so sagen mich zu hetzen, weil man die Soester mit dem großen Gott und seinem güldenen Vortuch zu vexieren pflegt, wurde aber bald inne, daß ich anstatt eines Fürsten einen Phantasten gefangen hätte, der sich überstudiert und in der Poeterei gewaltig verstiegen, denn da er bei mir ein wenig erwarmte, gab er sich für den Gott Jupiter aus.

Ich wünschte zwar, daß ich diesen Fang nicht getan, weil ich den Narrn aber hatte, mußte ich ihn wohl behalten, bis wir von dannen rückten, und demnach mir die Zeit ohnedas ziemlich lang wurde, gedachte ich, diesen Kerl zu stimmen und mir seine Gaben zunutz zu machen, sagte derowegen zu ihm: »Nun denn meiner lieber Jove, wie kommts doch, daß deine hohe Gottheit ihren himmlischen Thron verläßt und zu uns auf Erden steigt? Vergib mir, o Jupiter, meine Frag, die du für vorwitzig halten möchtest, denn wir sind den himmlischen Göttern auch verwandt und eitel Silvani, von den Faunis und Nymphis geboren, denen diese Heimlichkeit billig ohnverborgen sein soll.« »Ich schwöre dir beim Styx«, antwortet' Jupiter, »daß du hiervon nichts erfahren solltest, wenn du meinem Mundschenken Ganymede nicht so ähnlich sähest, und wenn du schon Pans eigener Sohn wärest, aber von seinetwegen kommuniziere ich dir, daß ein groß Geschrei über der Welt Laster zu mir durch die Wolken gedrungen, darüber in aller Götter Rat beschlossen worden, ich könnte mit Billigkeit, wie zu Lykaons Zeiten, den Erdboden wieder mit Wasser austilgen; weil ich aber dem menschlichen Geschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin und ohnedas allezeit lieber die Güte als eine strenge Verfahrung brauche, vagiere ich jetzt herum, der Menschen Tun und Lassen selbst zu erkundigen, und obwohl ich alles ärger finde, als mirs vorkommen, so bin ich doch nicht gesinnt, alle Menschen zugleich und ohne Unterscheid auszureuten, sondern nur diejenigen zu strafen, die zu strafen sind, und hernach die übrigen nach meinem Willen zu ziehen.«

Ich mußte zwar lachen, verbiß es doch so gut ich konnte, und sagte: »Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst sein, wenn du nicht wieder, wie vor diesem, die Welt mit Wasser oder gar mit Feur heimsuchest; denn schickest du einen Krieg, so laufen alle bösen verwegenen Buben mit, welche die friedliebenden frommen Menschen nur quälen werden; schickest du eine Teuerung, so ists ein erwünschte Sach für die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickst du aber ein Sterben, so haben die Geizhäls und alle übrigen Menschen ein gewonnen Spiel, indem sie hernach viel erben; wirst derhalben die ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen, wenn du anders strafen willst.«

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