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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 2. Kapitel

Der Jäger von Soest schafft den Jäger von Werl ab

Als ich nun so fort hausete und im Werk begriffen war, mir einige Teufelslarven und dazu gehörige schreckliche Kleidungen mit Roß- und Ochsenfüßen machen zu lassen, vermittelst derer ich die Feind erschrecken, zumal auch den Freunden als unerkannt das Ihrige zu nehmen, dazu mir denn die Begebenheit mit dem Speckstehlen Anlaß gab, bekam ich Zeitung, daß ein Kerl sich in Werl aufhielte, welcher ein trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lassen und hin und her auf dem Land, sonderlich aber bei unsern Kontribuenten, unter meinem Namen mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübte, maßen dahero greuliche Klagen auf mich einkamen, dergestalt, daß ich übel eingebüßt hätte, da ich nicht ausdrücklich dargetan, daß ich in denjenigen Zeiten, da er ein und ander Stücklein auf mich verrichtet, mich anderswo befunden. Solches gedacht ich ihm nicht zu schenken, viel weniger zu leiden, daß er sich länger meines Namens bedienen, unter meiner Gestalt Beuten machen und mich dadurch so schänden sollte. Ich ließ ihn mit Wissen des Kommandanten in Soest auf einen Degen oder Paar Pistoln ins freie Feld zu Gast laden, nachdem er aber das Herz nicht hatte zu erscheinen, ließ ich mich vernehmen, daß ich mich an ihm revanchieren wollte, und sollt es zu Werl in desselbigen Kommandanten Schoß geschehen, als der ihn nicht drum strafte: Ja ich sagte öffentlich, daß, so ich ihn auf Partei ertappte, er als ein Feind von mir traktiert werden sollte! Das machte, daß ich meine Larven liegen ließ, mit denen ich ein Großes anzustellen vorhatte, sondern auch mein ganz grünes Kleid in kleine Stück zerhackte und in Soest vor meinem Quartier öffentlich verbrennet, unangesehen allein meine Kleider, ohne Federn und Pferdgezeug, über die hundert Dukaten wert waren; ja ich fluchte in solcher Wut noch drüber hin, daß der nächste, der mich mehr einen Jäger nenne, entweder mich ermorden oder von meinen Händen sterben müsse, und sollte es auch meinen Hals kosten! Wollt auch keine Partei mehr führen (so ich ohnedas nicht schuldig, weil ich noch kein Offizier war), ich hätte mich denn zuvor an meinem Widerpart zu Werl gerochen. Also hielt ich mich ein und tat nichts Soldatisch mehr, als daß ich meine Wacht versah, ich wäre denn absonderlich irgendshin kommandiert worden, welches ich jedoch alles wie ein anderer Bärnhäuter sehr schläferig verrichtet. Dies erscholl gar bald in der Nachbarschaft, und wurden die Parteien vom Gegenteil so kühn und sicher davon, daß sie schier täglich vor unsern Schlagbäumen lagen, so ich in die Läng auch nicht ertragen konnte. Was mir aber gar zu unleidlich fiel, war dies, daß der Jäger von Werl noch immerzu fortfuhr, sich für mich auszugeben und ziemliche Beuten zu machen.

Indessen nun, als jedermann vermeinte, ich hätte mich auf eine Bärnhaut schlafen gelegt, von der ich so bald nicht wieder aufstehen würde, kundigte ich meines Gegenteils von Werl Tun und Lassen aus und befand, daß er mir nicht nur mit dem Namen und in den Kleidern nachäffte, sondern auch bei Nacht heimlich zu stehlen pflegte, wenn er etwas erhaschen konnte, derhalben erwachte ich wieder ohnversehens und machte meinen Anschlag darauf: Mein beiden Knecht hatte ich nach und nach abgericht wie die Wachtelhund, so waren sie mir auch dermaßen getreu, daß jeder auf den Notfall für mich durch ein Feur gelaufen wäre, weil sie ihr gut Fressen und Saufen bei mir hatten und treffliche Beuten machten: Derer schickte ich einen nach Werl zu meinem Gegenteil, der wandte vor, weil ich als sein gewesener Herr nunmehr anfinge zu leben wie ein ander Kujon und verschworen hätte, nimmermehr auf Partei zu gehen, so hätte er nicht mehr bei mir bleiben mögen, sondern sei kommen ihm zu dienen, weil er an seines Herrn Statt ein Jägerkleid angenommen und sich wie ein rechtschaffener Soldat gebrauchen lasse; er wisse alle Weg und Steg im Land und könnte ihm manchen Anschlag geben, gute Beuten zu machen, etc. Mein guter einfältiger Narr glaubte meinem Knecht und ließ sich bereden, daß er ihn annahm und auf eine bestimmte Nacht mit seinem Kameraden und ihm auf eine Schäferei ging, etliche fette Hämmel zu holen, da ich und Springinsfeld mit meinem andern Knecht schon aufpaßten und den Schäfer bestochen hatten, daß er seine Hund anbinden und die Ankömmling in die Scheur unverhindert minieren lassen sollte, so wollte ich ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Da sie nun ein Loch durch die Wand gemacht hatten, wollte der Jäger von Werl haben, mein Knecht sollte gleich zum ersten hineinschliefen; er aber sagte: »Nein, es möchte jemand drin aufpassen und mir eins vorn Kopf geben, ich sehe wohl, daß ihr nicht recht mausen könnt, man muß zuvor visitieren«; zog darauf seinen Degen aus und hängte seinen Hut an die Spitz, stieß ihn also etlichmal durchs Loch und sagte: »So muß man zuvor sehen, ob Bläsi zu Haus sei oder nicht?« Als solches geschehen, war der Jäger von Werl selbst der erste so hineinkroch; aber Springinsfeld erwischte ihn gleich beim Arm, darin er seinen Degen hatte, und fragte ihn, ob er Quartier wollte? Das höret' sein Gesell und wollt durchgehen; weil ich aber nicht wußte, welches der Jäger, und geschwinder als dieser auf den Füßen war, eilet ich ihm nach und ertappt ihn in wenig Sprüngen; Ich fragte: »Was Volks?« Er antwortet': »Kaiserisch.« Ich fragte: »Was Regiments? Ich bin auch kaiserisch, ein Schelm der seinen Herrn verleugnet!« jener antwort: »Wir sind von den Dragonern aus Soest und kommen ein paar Hämmel zu holen, Bruder ich hoffe, wenn ihr auch kaiserisch seid, ihr werdet uns passieren lassen.« Ich antwortet: »Wer seid ihr denn aus Soest?« jener antwort: »Mein Kamerad im Stall ist der Jäger.« »Schelmen seid ihr!« sagte ich, »warum plündert ihr denn euer eigen Quartier? der Jäger von Soest ist so kein Narr, daß er sich in einem Schafstall fangen läßt!« »Ach von Werl wollt ich sagen«, antwort mir jener wiederum; und indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Springinsfeld mit meinem Gegenteil auch daher. »Siehe da, du ehrlicher Vogel, kommen wir hier zusammen? wenn ich die kaiserlichen Waffen, die du wider den Feind zu tragen aufgenommen hast, nicht respektierte, so wollt ich dir gleich eine Kugel durch den Kopf jagen! Ich bin der Jäger von Soest bishero gewesen, und dich halt ich für einen Schelmen, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst und den andern auf Soldaten-Manier mit mir missest!« Indem legte mein Knecht (der sowohl als Springinsfeld ein abscheuliches Teufelskleid mit großen Bockshörnern anhatte) uns zween gleiche Degen vor die Füß, die ich mit aus Soest genommen hatte, und gab dem Jäger von Werl die Wahl, einen davon zu nehmen welchen er wollte; davon der arme Jäger so erschrak, daß es ihm ging wie mir zu Hanau, da ich den Tanz verderbte, denn er hofierte die Hosen so voll, daß schier niemand bei ihm bleiben konnte; er und sein Kamerad zitterten wie nasse Hund, sie fielen nieder auf die Knie und baten um Gnad! Aber Springinsfeld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus, und sagte zum Jäger: »Du mußt einmal raufen oder ich will dir den Hals brechen!« »Ach hochgeehrter Herr Teufel, ich bin nicht Raufens halber herkommen, der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun was du willst.« In solchen verwirrten Reden gab ihm mein Knecht den einen Degen in die Hand und mir den andern, er zitterte aber so sehr, daß er ihn nicht halten konnte: Der Mond schien sehr hell, so daß der Schäfer und sein Gesind alles aus ihrer Hütten sehen und hören konnten. Ich rufte demselben herbeizukommen, damit ich einen Zeugen dieses Handels hätte, dieser als er kam, stellte sich, als ob er die zween in den Teufelskleidern nicht sehe, und sagte, was ich mit diesen Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken, wenn ich etwas mit ihnen hätte, sollte ichs an einem andern Ort ausmachen, unsere Händel gingen ihn nichts an, er gebe monatlich sein Konterbission, hoffte darum bei seiner Schäferei in Ruhe zu leben. Zu jenen zweien aber sagte er, warum sie sich nur so von mir geheien ließen und mich nicht niederschlügen? Ich sagte: »Du Flegel, sie haben dir deine Schaf wollen stehlen.« Der Baur antwortet': »So wollt ich, daß sie mich und meine Schaf müßten im Hintern lecken«; und ging damit hinweg. Hierauf drang ich wieder auf das Fechten, mein armer Jäger aber konnte schier nicht mehr vor Furcht auf den Füßen stehen, also daß er mich daurete, ja er und sein Kamerad brachten so bewegliche Wort vor, daß ich ihm endlich alles verzieh und vergab: Aber Springinsfeld war damit nicht zufrieden, sondern zwang den Jäger, daß er drei Schaf (denn soviel hatten sie stehlen wollen) mußte im Hintern küssen, und zerkratzte ihn noch dazu so abscheulich im Gesicht, daß er aussah, als ob er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher schlechten Rach ich zufrieden war. Aber der Jäger verschwand bald aus Werl, weil er sich viel zu sehr schämte, denn sein Kamerad sprengte aller Orten aus und beteuret's mit heftigen Flüchen, daß ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel hätte, die mir auf den Dienst warteten, darum ich noch mehr gefürchtet, hingegen aber desto weniger geliebt wurde.

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