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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das dritte Buch

Das 1. Kapitel

Wie der Jäger zu weit auf die linke Hand gehet

Der günstige Leser wird in vorhergehendem Buch verstanden haben, wie ehrgeizig ich in Soest worden, und daß ich Ehr, Ruhm und Gunst in Handlungen suchte und auch gefunden, die sonst bei andern wären strafwürdig gewesen: jetzt will ich erzählen, wie ich mich meine Torheit weiter verleiten lassen und dadurch in stetiger Leib- und Lebensgefahr gelebt. Ich war, wie ich bereits erwähnet hab, so beflissen Ehr und Ruhm zu erjagen, daß ich auch nicht davor schlafen konnte, und wenn ich so Grillen hatte und manche Nacht lag, neue Fünd und List zu ersinnen, hatte ich wunderliche Einfäll; dahero erfand ich ein Gattung Schuh, die man das Hinterst zuvörderst anziehen konnte, also daß die Absätz unter den Zehen standen, deren ließ ich auf meine Kosten bei dreißig unterschiedliche Paar machen, und wenn ich solche unter meine Bursch austeilete und damit auf Partei ging, wars unmöglich uns auszuspüren, denn wir trugen bald diese und bald unsere rechten Schuh an den Füßen und hingegen die übrigen im Ranzen, und wenn jemand an einen Ort kam, da ich die Schuh verwechseln lassen, sah es nicht anders in der Spur, als wenn zwo Partei allda zusammenkommen und miteinander auch wieder verschwunden wären; behielt ich aber meine letzten Schuh an, so sah es, als ob ich erst hingangen wäre, wo ich schon gewesen, oder als ob ich von dem Ort herkäme, dahin ich erst ging: So waren ohnedas meine Gäng, wenn es eine Spur hatte, viel verwirrter als in einem Irrgarten, also daß es denjenigen, die mich vermittelst der Spur hätten auskundigen oder sonst nachjagen sollen, unmöglich gefallen wäre, mich zu kriegen. Ich war oft allernächst bei denen vom Gegenteil, die mich in der Ferne sollten suchen, und noch öfters etliche Meil Wegs von demjenigen Busch, den sie jetzt umstellten und durchstreiften, mich darin zu fangen, und gleichwie ichs machte mit den Parteien zu Fuß, also tat ich ihm auch, wenn ich zu Pferd drauß war, denn das war mir nichts Seltsams, daß ich an Scheid- und Kreuzwegen ohnversehens absteigen und den Pferden die Eisen das hinterst zuvörderst aufschlagen ließ; die gemeinen Vorteil aber, die man brauchet, wenn man schwach auf Partei ist und doch für stark aus der Spur judiziert, oder wenn man stark ist und doch für schwach gehalten werden will, waren mir so gemein und ich achte sie so gering, daß ich selbige zu erzählen nicht wert achte. Daneben erdachte ich ein Instrument, mit welchem ich bei Nacht, wenn es windstill war, ein Trompet auf drei Stund Wegs von mir blasen, ein Pferd auf zwo Stund schreien oder Hunde bellen und auf eine Stund weit die Menschen reden hören konnte, welche Kunst ich sehr geheim hielt und mir damit ein Ansehen machte, weil es bei jedermann ohnmöglich zu sein schien; bei Tag aber war mir besagtes Instrument (welches ich gemeiniglich neben einem Perspektiv im Hosensack trug) nit soviel nutz, es wäre denn an einem einsamen stillen Ort gewesen, denn man mußte von den Pferden und dem Rindvieh an bis auf den geringsten Vogel in der Luft oder Frosch im Wasser alles hören, was sich in der ganzen Gegend nur regte und ein Stimm von sich gab, welches denn nicht anderst lautet', als ob man sich (wie mitten auf einem Markt) unter viel Menschen und Tieren befände, deren jedes sich hören läßt, da man vor des einen Geschrei den andern nicht verstehen kann.

Ich weiß zwar wohl, daß auf diese Stund Leut sind, die mir dieses nicht glauben, aber sie mögen es glauben oder nicht, so ists doch die Wahrheit: Ich will einen Menschen bei Nacht, der nur so laut redet als seine Gewohnheit ist, an der Stimm durch ein solches Instrument erkennen, er sei gleich so weit von mir als ihn einer durch ein gut Perspektiv bei Tag an den Kleidern erkennen mag. Ich kann aber keinen verdenken, wenn er nur nicht glaubt, was ich jetzund schreibe, denn es wollte mir keiner glauben von denjenigen, die mit ihren Augen sahen, als ich mehrbedeut Instrument gebrauchte, und ihnen sagte: Ich höre Reuter reiten, denn die Pferd sind beschlagen; ich höre Baurn kommen, denn die Pferd gehen barfuß; ich höre Fuhrleut, aber es sind nur Baurn, ich kenne sie an der Sprach; es kommen Musketier, ungefähr so viel, denn ich höre es am Geklapper ihrer Bandelier; es ist ein Dorf um diese oder jene Gegend, ich höre die Hahnen krähen, Hund bellen etc., dort geht eine Herd Vieh, ich höre Schaf blöken, Kühe schreien, Schwein grunzen, und so fortan: Meine eigenen Kameraden hielten anfangs diese Reden für Aufschneiderei, und als sie im Werk befanden, daß ich jederzeit wahr sagte, mußte alles Zauberei und mir, was ich ihnen gesagt, vom Teufel und seiner Mutter offenbart worden sein: Also, glaub ich, wird der günstige Leser auch gedenken. Nichtsdestoweniger bin ich dem Gegenteil hierdurch oftmals wunderlich entronnen, wenn er Nachricht von mir kriegte und mich aufzuheben kam; halt auch dafür, wenn ich diese Wissenschaft offenbart hätte, daß sie seither sehr gemein worden wäre, weil sie denen im Krieg trefflich zustatten käme, sonderlich in Belagerungen: Ich schreite aber zu meiner Histori.

Wenn ich nicht auf Partei durfte, so ging ich sonst aus zu stehlen, und dann waren weder Pferd, Kühe, Schwein noch Schaf in den Ställen vor mir sicher, welche ich auf etliche Meil Wegs holete; Rindvieh und Pferden wußte ich Stiefel oder Schuh anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Straß brachte, damit man sie nicht spüren konnte, alsdann schlug ich den Pferden die Eisen hinterst zuvörderst auf, oder wenns Küh und Ochsen warn, tat ich ihnen Schuh an die ich dazu gemacht hatte, und brachte sie also in Sicherheit; die großen fetten Schweinspersonen, die Faulheit halber bei Nacht nicht reisen mögen, wußte ich auch meisterlich fortzubringen, wenn sie schon grunzten und nicht dran wollten; ich machte ihnen mit Mehl und Wasser einen wohlgesalzenen Brei, ließ solchen einen Baderschwamm in sich saufen, an welchen ich ein starken Bindfaden gebunden hatte, ließ nachgehends diejenigen um welche ich löffelte, den Schwamm voll Mus fressen, und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohne ferneren Wortwechsel geduldig mitgingen und mir die Zech mit Schinken und Würsten bezahlten; und wenn ich so was heimbrachte, teilte ich sowohl den Offiziern als meinen Kameraden getreulich mit, dahero durfte ich ein andermal wieder hinaus, und da mein Diebstahl verraten oder ausgekundschaftet wurde, halfen sie mir hübsch durch; im übrigen dünkte ich mich viel zu gut dazu sein, daß ich die Armen bestehlen oder Hühner fangen und andere geringe Sachen hätte mausen sollen. Dabei fing ich an, nach und nach mit Fressen und Saufen ein epikurisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedlers Lehr vergessen und niemand hatte, der meine Jugend regierte oder auf den ich sehen durfte; denn meine Offizier machten selbst mit, wenn sie bei mir schmarotzten, und die mich hätten strafen und abmahnen sollen, reizten mich vielmehr zu allen Lastern, davon wurde ich endlich so gottlos und verrucht, daß mir kein Schelmstück, solches zu begehen, zu groß war. Zuletzt wurde ich auch heimlich geneidet, zumal von meinen Kameraden, daß ich ein glücklichere Hand zu stehlen hatte als ein anderer; von meinen Offiziern aber, daß ich mich so toll hielt, glücklich auf Parteien handelte und mir ein größern Namen und Ansehen machte als sie selbst hatten. Ich halte auch gänzlich dafür, daß mich ein oder ander Teil zeitlich aufgeopfert hätte, wenn ich nicht so spendiert hätte.

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