Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
Schließen

Navigation:

Das 30. Kapitel

Wie sich der Jäger angelassen, als er anfing das Soldatenhandwerk zu treiben, daraus ein junger Soldat etwas zu lernen

Weil dem Kommandanten in Soest ein Kerl im Stall mangelte, wie ich ihn einer zu sein gedünkte, sah er nicht gern, daß ich ein Soldat worden war, sondern unterstund sich, mich noch zu bekommen, maßen er meine Jugend verwandte und mich für keinen Mann passieren lassen wollte; und als er solches meinem Herrn vorhielt, schickte er auch nach mir und sagte: »Hör Jägerchen, du sollst mein Diener werden.« Ich fragte, was denn meine Verrichtungen sein sollten? Er antwort: »Du sollst meiner Pferd helfen warten.« »Herr«, sagte ich, »wir sind nicht füreinander, ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferd auf mich warten, weil ich aber keinen solchen werde haben können, will ich ein Soldat bleiben.« Er sagte: »Dein Bart ist noch viel zu klein!« »O nein«, sagte ich, »ich getraue einen Mann zu bestehen der achtzig Jahr alt ist; der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böck hoch ästimiert werden.« Er sagte: »Wenn die Courage so gut ist als das Maulleder, so will ich dich noch passiern lassen.« Ich antwortet: »Das kann in der nächsten Occasion probiert werden«, und gab damit zu verstehen, daß ich mich für keinen Stallknecht wollte gebrauchen lassen. Also ließ er mich bleiben der ich war, und sagte, das Werk würde den Meister loben.

Hierauf wischte ich hinter meines Dragoners alten Hosen her, und nachdem ich dieselben anatomiert hatte, schaffte ich mir aus deren Ingeweid noch ein gut Soldatenpferd und das beste Gewehr so ich kriegen konnte, das mußte mir alles glänzen wie ein Spiegel. Ich ließ mich wieder von neuem grün kleiden, weil mir der Nam ›Jäger‹ sehr beliebte, mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen, weil mirs zu klein worden, also ritt ich selbander daher wie ein junger Edelmann und dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein; ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier, dahero bekam ich bald Neider und Mißgönner, zwischen denselben und mir setzte es ziemlich empfindliche Wort, und endlich gar Ohrfeigen: Ich hatte aber kaum einem oder drei gewiesen, was ich im Paradeis vom Kürschner gelernet hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern es suchte auch ein jeglicher meine Freundschaft. Daneben ließ ich mich beides zu Roß und Fuß aufs Parteigehen gebrauchen, denn ich war wohl beritten und schneller auf den Füßen als einer meinesgleichen, und wenn es etwas mit dem Feind zu tun gab, warf ich mich hervor wie das Bös in einer Wannen und wollte allzeit vorn dran sein, davon wurde ich in kurzer Zeit bei Freunden und Feinden bekannt und so berühmt, daß beide Teil viel von mir hielten, allermaßen mir die gefährlichsten Anschläg zu verrichten und zu solchem End ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden; da fing ich an zuzugreifen wie ein Böhm, und wenn ich etwas Namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offiziern so reiche Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben durfte, weil mir überall durchgeholfen wurde. Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche Garnisonen übriggelassen, nämlich zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war ich gewaltig molest, denn ich lag ihnen mit geringen Parteien bald hier bald dort schier täglich vor den Toren und erhaschte manche gute Beut, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten die Leut von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest wie Eisen und Stahl, davon wurde ich gefürcht wie die Pest und schämten sich dreißig Mann vom Gegenteil nicht, vor mir durchzugehen, wenn sie mich nur mit fünfzehn in der Nähe wußten. Zuletzt kam es dahin, wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war, daß ich solches alles verrichten mußte, davon wurde mein Beutel so groß als mein Nam, meine Offizier und Kameraden liebten ihren Jäger, die vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsetzten sich und den Landmann hielt ich durch Furcht und Liebe auf meiner Seiten, denn ich wußte meine Widerwärtigen zu strafen, und die so mir nur den geringsten Dienst taten reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte meiner Beuten wieder verspendierte und auf Kundschaften auslegte. Solcher Ursachen halber ging keine Partei, kein Convoi noch keine Reis aus des Gegenteils Posten, deren Ausfahrt mir nicht zu wissen ward getan, alsdann konjekturiert ich ihr Vorhaben und macht meine Anschläg darauf, und weil ich solche mehrenteils durch Beistand des Glücks wohl ins Werk setzte, verwunderte sich jedweder über meine Jugend, so gar, daß mich auch viel Offizier und brave Soldaten vom Gegenteil nur zu sehen wünschten; daneben erzeigte ich mich gegen meine Gefangenen überaus diskret, also daß sie mich oft mehr kosteten als meine Beuten wert waren, und wenn ich einem vom Gegenteil, sonderlich den Offiziern, ob ich sie schon nicht kannte, ohne Verletzung meiner Pflicht und Herrndienst eine Courtoisie tun konnte, unterließ ichs nicht.

Durch solch mein Verhalten wäre ich zeitlich zu Offizien befördert worden, wenns meine Jugend nicht verhindert hätte; denn welcher in solchem Alter, als ich trug, ein Fähnlein haben wollte, mußte ein guter von Adel sein, zudem konnte mich mein Hauptmann nicht befördern, weil keine ledigen Stellen bei seiner Kompagnie waren, und keinem andern mochte er mich gönnen, weil er an mir mehr als eine melkende Kuh verloren hätte, doch wurde ich ein Gefreiter. Diese Ehr, daß ich alten Soldaten vorgezogen wurde, wiewohl es ein geringe Sach war, und das Lob, das man mir täglich verlieh, waren gleichsam wie Sporn, die mich zu höhern Dingen antrieben: Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen, ja ich konnte vor solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen: und weil ich sah, daß es mir an Gelegenheit manglete, im Werk zu erweisen was ich für einen Mut trüge, bekümmerte ich mich, daß ich nicht täglich Gelegenheit haben sollte, mich mit dem Gegenteil in Wagen zu üben, ich wünschte mir oft den Trojanischen Krieg oder eine Belagerung wie zu Ostende, und ich Narr gedachte nicht, daß der Krug so lang zum Brunnen gehet, bis er einmal zerbricht. Es gehet aber nicht anders, wenn ein junger unbesonnener Soldat Geld, Glück und Courage hat, denn da folget Übermut und Hoffart, und aus solcher Hoffart hielt ich anstatt eines jungen zween Knecht, die ich trefflich herausstaffierte und beritten machte, womit ich mir aller Offizierer Neid aufbürdete.

 << Kapitel 64  Kapitel 66 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.