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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 26. Kapitel

Wie er für einen Verräter und Zauberer gefangen gehalten wird

Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben als beide Armeen völlig aufbrachen; das war nun ein Schwarm von Lumpengesind und dahero die Hatz desto größer und erschrecklicher, die ich auszustehen hatte; sie eileten mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden desto besser zu sättigen, wie denn diese Teufelskinder im Brauch haben, wenn ihnen ein Weibsbild dergestalt übergeben wird: so folgeten ihnen auch sonst viel Bursch nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen mein Hans auch war, dieser ließ mich nicht aus den Augen und als er sah, daß es mir gelten sollte, wollte er mich mit Gewalt erretten und sollte es seinen Kopf kosten; er bekam Beiständer, weil er sagte, daß ich sein versprochene Braut wäre, diese trugen ein Mitleiden mit mir und ihm und begehrten ihm Hilf zu leisten; solches war aber den Jungen, die besser Recht zu mir zu haben vermeinten und ein so gute Beut nicht aus Händen lassen wollten, allerdings ungelegen, derowegen gedachten sie Gewalt mit Gewalt abzutreiben, da fing man an Stöß auszuteilen von beiden Seiten her, der Zulauf und der Lärmen wurde je länger je größer, also daß es schier einem Turnier gleichsah, in welchem jeder um einer schönen Damen willen das Beste tut. Ihr schrecklich Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als sie mir die Kleider vom Leib gerissen und gesehen hatten, daß ich kein Weibsbild war; seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er vielmehr gefürcht wurde als der Teufel selbst, auch verstoben alle diejenigen, die widereinander Hand angelegt hatten, er informiert' sich der Sach kurz, und indem ich hoffte, er würde mich erretten, nahm er mich dagegen gefangen, weil es ungewöhnlich und fast argwöhnische Sach war, daß sich ein Mannsbild bei einer Armee in Weiberkleidern sollte finden lassen, dergestalt wanderten er und seine Bursch mit mir neben den Regimentern daher (welche alle im Feld stunden und marschieren wollten) der Meinung, mich dem Generalauditor oder Generalgewaltiger zu überliefern; da wir aber bei meines Obristen Regiment vorbei wollten, wurde ich erkannt, angesprochen, schlechthin durch meinen Obristen bekleidet und unserm alten Profosen gefänglich überliefert, welcher mich an Händen und Füß in die Eisen schloß.

Es kam mich gewaltig sauer an, so in Ketten und Banden zu marschiern, so hätt mich auch der Schmalhans trefflich gequält, wenn mir der Secretarius Olivier nicht spendiert hätte, denn ich durfte meine Dukaten, die ich noch bisher davongebracht hatte, nicht an des Tages Licht kommen lassen, ich hätte denn solche miteinander verlieren und mich noch dazu in größere Gefahr stecken wollen. Gedachter Olivier kommunizierte mir noch denselbigen Abend, warum ich so hart gefangen gehalten wurde, und unser Regimentsschultheiß bekam gleich Befehl, mich zu examinieren, damit meine Aussag dem Generalauditor desto eher zugestellt werden möchte, denn man hielt mich nicht allein für einen Kundschaftet und Spionen, sondern auch gar für einen der hexen könnte, dieweil man kurz hernach, als ich von meinem Obristen ausgetreten, einige Zauberinnen verbrennt die bekannt hatten und darauf gestorben wären, daß sie mich auch bei ihrer Generalzusammenkunft gesehen hätten, da sie beieinander gewesen, die Elb auszutrocknen, damit Magdeburg desto eher eingenommen werden könnte. Die Punkte, darauf ich Antwort geben sollte, waren diese:

Erstlich, ob ich nicht studiert hätte oder aufs wenigste Schreibens und Lesens erfahren wäre?

Zweitens, warum ich mich in Gestalt eines Narrn dem Lager vor Magdeburg genähert, da ich doch in des Rittmeisters Diensten sowohl als jetzt witzig genug sei?

Drittens, aus was Ursachen ich mich in Weiberkleider verstehet?

Viertens, ob ich mich nicht auch neben andern Unholden auf dem Hexentanz befunden?

Wo fünftens mein Vaterland, und wer meine Eltern gewesen seien?

Sechstens, wo ich mich aufgehalten, ehe ich in das Lager vor Magdeburg kommen?

Wo und zu was End ich siebentens die Weiberarbeit, als waschen, backen, kochen etc. gelernet? Item das Lautenschlagen?

Hierauf wollte ich mein ganzes Leben erzählen, damit die Umständ meiner seltsamen Begegnisse alles recht erläutern und diese Fragen mit der Wahrheit fein verständlich unterscheiden könnten; der Regimentsschultheiß war aber nicht so kurios, sondern vom Marschieren müd und verdrossen, derowegen begehrte er nur eine kurze runde Antwort auf das, was gefragt würde. Demnach antwortet ich folgendergestalt, daraus man aber nichts Eigentliches und Gründliches fassen konnte, und zwar

Auf die erste Frag, ich hätte zwar nicht studiert, könnte aber doch Teutsch lesen und schreiben.

Auf die zweite, weil ich kein ander Kleid gehabt, hätte ich wohl im Narrnkleid aufziehen müssen.

Auf die dritte, weil ich meines Narrnkleids müd gewesen und keine Mannskleider haben können.

Auf die vierte, ja, ich sei aber wider meinen Willen hingefahren, könnte aber gleichwohl nicht zaubern.

Auf die fünfte, mein Vaterland sei der Spessart und meine Eltern Bauersleut.

Auf die sechste, zu Hanau bei dem Gubernator, und bei einem Kroaten-Obrist Corpes genannt.

Auf die siebente, bei den Kroaten hab ich waschen, backen und kochen wider meinen Willen müssen lernen, zu Hanau aber das Lautenschlagen, weil ich Lust dazu hatte.

Wie diese meine Aussag geschrieben war, sagte er: »Wie kannst du leugnen und sagen, daß du nicht studiert habest, da du doch, als man dich noch für einen Narrn hielt, einem Priester unter währender Meß auf die Wort ›Domine, non sum dignus‹ auch in Latein geantwort, er dürfte solches nicht sagen, man wisse es zuvor wohl?« »Herr«, antwortet ich, »das haben mich damals andere Leut gelehret und mich überredet, es sei ein Gebet, das man bei der Meß sprechen müsse, wenn unser Kaplan den Gottesdienst verrichte.« »Ja, ja«, sagte der Regimentsschultheiß, »ich sehe dich für den Rechten an, dem man die Zung mit der Folter lösen muß.« Ich gedachte: »So helf Gott! wenns deinem närrischen Kopf nach gehet.«

Am andern Morgen früh kam Befehl vom Generalauditor an unsern Profosen, daß er mich wohl in acht nehmen sollte, denn er war gesinnt, sobald die Armeen still lägen, mich selbst zu examinieren, auf welchen Fall ich ohne Zweifel an die Folter gemußt hätte, wenn es Gott nicht anders gefügt. In dieser Gefangenschaft dachte ich stetigs an meinen Pfarrer zu Hanau und den verstorbenen alten Herzbruder, weil sie beide wahr gesagt, wie mirs ergehen würde, wenn ich wieder aus meinem Narrnkleid käme.

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