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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 24. Kapitel

Zwo Wahrsagungen werden auf einmal erfüllt

Keiner von meines Obristen Leuten schickte sich besser, dem alten Herzbruder in seiner Krankheit abzuwarten als ich, und weil der Kranke auch mehr als wohl mit mir zufrieden war, so wurde mir auch solches Amt von der Obristin aufgetragen, welche ihm viel Guts erwies, und demnach er neben so guter Pfleg auch wegen seines Sohns sattsam erquickt worden, besserte es sich von Tag zu Tag mit ihm, also daß er noch vor dem 26. Julii fast wieder überall zu völliger Gesundheit gelangte, doch wollt er sich noch inhalten und krank stellen, bis bemeldter Tag, vor welchem er sich merklich entsetzte, vorbei wäre: Indessen besuchten ihn allerhand Offizier von beiden Armeen, die ihr künftig Glück und Unglück von ihm wissen wollten, denn weil er ein guter Mathematicus und Nativitäten-Steller, benebens auch ein vortrefflicher Physiognomist und Chiromanticus war, fehlte ihm seine Aussag selten; ja er nennete sogar den Tag, an welchem die Schlacht vor Wittstock nachgehends geschah, sintemal ihm viel zukamen, denen um dieselbige Zeit einen gewalttätigen Tod zu leiden angedrohet war. Die Obristin versichert' er, daß sie ihr Kindbett noch im Lager aushalten würde, weil vor Ausgang der sechs Wochen Magdeburg an die Unserigen nicht übergehen würde. Dem falschen Olivier, der sich gar zu täppisch bei ihm zu machen wußte, sagte er ausdrücklich, daß er eines gewalttätigen Todes sterben müßte, und daß ich seinen Tod, er geschehe wann er wolle, rächen und seinen Mörder wieder umbringen würde, weswegen mich Olivier folgender Zeit hoch hielt; mir selbsten aber erzählet' er meinen künftigen ganzen Lebenslauf so umständlich, als wenn er schon vollendet und er allezeit bei mir gewesen wäre, welches ich aber wenig achtet und mich jedoch nachgehends vielen Dings erinnert, das er mir zuvor gesagt, nachdem es schon geschehen oder wahr worden, vornehmlich aber warnet' er mich vorm Wasser, weil er besorgte, ich würde meinen Untergang darin leiden.

Als nun der 26. Julii eingetreten war, vermahnet' er mich und einen Fourierschützen (den mir der Obriste auf sein Begehren denselben Tag zugegeben hatte) ganz treulich, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt lassen. Er lag also allein darinnen und betet' ohn Unterlaß; da es aber um den Nachmittag wurde, kam ein Leutnant aus dem Reuterlager dahergeritten, welcher nach des Obristen Stallmeister fragte; er wurde zu uns und gleich darauf wieder von uns abgewiesen, er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern bat den Fourierschützen mit untergemischten Verheißungen, ihn vor den Stallmeister zu lassen, als mit welchem er noch diesen Abend notwendig reden müßte, weil aber solches auch nicht helfen wollte, fing er an zu fluchen, mit Donner und Hagel drein zu kollern und zu sagen, er sei schon so vielmal dem Stallmeister zu Gefallen geritten und hätte ihn noch niemals daheim angetroffen, so er nun jetzt einmal vorhanden sei, sollte er abermal die Ehr nicht haben, nur ein einzig Wort mit ihm zu reden; stieg darauf ab und ließ sich nicht verwehren, das Zelt selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihn in die Hand biß, aber ein dichte Maulschelle dafür bekam. Sobald er meinen Alten sah, sagte er: »Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, daß ich die Frechheit brauche, ein Wort mit ihm zu reden.« »Wohl«, antwort der Stallmeister, »was beliebt denn dem Herrn?« »Nichts anders«, sagte der Leutnant, »als daß ich den Herrn bitten wollte, ob er sich ließe belieben, mir meine Nativität zu stellen?« Der Stallmeister antwortet': »Ich will verhoffen, mein hochgeehrter Herr werde mir vergeben, daß ich demselben für diesmal meiner Krankheit halber nicht willfahren kann, denn weil diese Arbeit viel Rechnens braucht, wirds mein blöder Kopf jetzo nicht verrichten können, wenn Er sich aber bis morgen zu gedulden beliebt, will ich Ihm verhoffentlich genugsame Satisfaktion tun.« »Herr«, sagte hierauf der Leutnant, »Er sage mir nur etwas dieweil aus der Hand.« »Mein Herr«, antwort der alte Herzbruder, »dieselbe Kunst ist gar mißlich und betrüglich, derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit soweit verschonen, ich will morgen hergegen alles gerne tun, was der Herr an mich begehret.« Der Leutnant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat meinem Vater vors Bett, streckt' ihm die Hand dar, und sagte: »Herr, ich bitt nur um ein paar Wort, meines Lebens End betreffend, mit Versicherung, wenn solches etwas Böses sein sollte, daß ich des Herrn Red als ein Warnung von Gott annehmen will, um mich desto besser vorzusehen, darum bitte ich um Gottes willen, der Herr wolle mir die Wahrheit nicht verschweigen!« Der redliche Alte antwortet' ihm hierauf kurz, und sagte: »Nun wohlan, so sehe sich der Herr denn wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde noch aufgehenkt werde.« »Was, du alter Schelm«, sagte der Leutnant, der eben einen rechten Hundssoff hatte, »sollest du einem Kavalier solche Worte vorhalten dürfen?« zog damit von Leder, und stach meinen lieben alten Herzbruder im Bett zu Tod! Ich und der Fourierschütz ruften alsbald Lärmen und Mordio, also daß alles dem Gewehr zulief, der Leutnant aber machte sich unverweilt auf seinen Schnellfuß, wäre auch ohne Zweifel entritten, wenn nicht eben der Kurfürst in Sachsen mit vielen Pferden persönlich vorbeigeritten wäre und ihn hätte einholen lassen: Als derselbe den Handel vernahm, wendet' er sich zu dem von Hatzfeld, als unserm General, und sagte nichts anders als dieses: »Das wäre eine schlechte Disziplin in einem kaiserlichen Lager, wenn auch ein Kranker im Bett vor den Mördern seines Lebens nicht sicher sein sollte!« Das war ein scharfe Sentenz, und genugsam, den Leutnant um das Leben zu bringen; gestalt ihn unser General alsbald an seinen allerbesten Hals aufhenken ließ.

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