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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 23. Kapitel

Ulrich Herzbruder verkauft sich um hundert Dukaten

Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschicht erfuhr, nahm er ihm auch die Musterschreiberstell und lud ihm eine Pike auf, von welcher Zeit an er bei männiglich so veracht wurde, daß ihn die Hund hätten anpissen mögen, darum er sich dann oft den Tod wünschete! Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt darüber, daß er in eine schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Und demnach er aber sich ohnedas hiebevor selbst prognostiziert hatte, daß er den 26. Julii Leib- und Lebensgefahr ausstehen müßte (welcher Tag denn nächst vor der Tür war). also erlangte er bei dem Obristen, daß sein Sohn noch einmal zu ihm kommen durfte, damit er wegen seiner Verlassenschaft mit ihm reden und seinen letzten Willen eröffnen möchte. Ich wurde bei ihrer Zusammenkunft nicht ausgeschlossen, sondern war der dritte Mitgesell ihres Leids. Da sah ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedürft gegen seinen Vater, weil er seine Art und gute Auferziehung wohl wußte und dahero seiner Unschuld genugsam versichert war: er als ein weiser, verständiger und tiefsinniger Mann ermaß ohnschwer aus den Umständen, daß Olivier seinem Sohn dies Bad durch den Profosen hatte zurichten lassen, was vermochte er aber wider einen Zauberer? von dem er noch Ärgers zu besorgen hatte, wenn er sich anders einiger Rach hatte unterfangen wollen; überdies versah er sich seines Tods und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil er seinen Sohn in solcher Schand hinter sich lassen sollte: in welchem Stand der Sohn desto weniger zu leben getraute, um wieviel mehr er ohnedas wünschte, vor dem Vater zu sterben. Es war versichert dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich von Herzen weinen mußte! zuletzt war ihr gemeiner einhelliger Schluß, Gott ihre Sach in Geduld heimzustellen, und der Sohn sollte auf Mittel und Weg gedenken, wie er sich von seiner Compagnia loswirken und anderwärts sein Glück suchen könnte; als sie aber die Sach bei dem Licht besahen, da manglets am Geld, mit welchem er sich bei seinem Kapitän loskaufen sollte, und indem sie betrachteten und bejammerten, in was für einem Elend sie die Armut gefangen hielt und alle Hoffnung abschnitt, ihren gegenwärtigen Stand zu verbessern, erinnerte ich mich erst meiner Dukaten, die ich noch in meinen Eselsohren vernähet hatte; fragte derowegen, wieviel sie denn Gelds zu dieser ihrer Notdurft haben müßten? Der junge Herzbruder antwortet': »Wenn einer käme und uns hundert Taler brächte, so getraute ich aus allen meinen Nöten zu kommen.« Ich antwortet: »Bruder, wenn dir damit geholfen wird, so hab ein gut Herz, denn ich will dir hundert Dukaten geben.« »Ach Bruder«, antwortet' er mir hinwiederum, »was ist das? bist du denn ein rechter Narr? oder so leichtfertig, daß du uns in unserer äußersten Trübseligkeit noch scherzest?« »Nein, nein«, sagte ich, »ich will dir das Geld herschießen«; streifte darauf mein Wams ab und tat das eine Eselsohr von meinem Arm, öffnete es, und ließ ihn selbst hundert Dukaten daraus zählen und zu sich nehmen, das übrige behielt ich, und sagte: »Hiermit will ich deinem kranken Vater auswarten, wenn er dessen bedarf.« Hierauf fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freude nicht was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen und mich darinnen versichern, daß ich an dem alten Herzbruder neben seinem Sohn ein Miterb sein sollte; oder daß sie mich, wenn ihnen Gott wieder zu dem Ihrigen hülfe, um diese Summam samt dem Interesse wiederum mit großem Dank befriedigen wollten: deren ich aber keines annahm, sondern allein mich in ihre beständige Freundschaft befahl. Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu rächen oder darum zu sterben! Aber sein Vater verbot ihm solches und versichert' ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlug, wieder von mir dem Simplicio den Rest kriegen werde; »doch«, sagte er, »bin ich dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.« Demnach hielt er uns an, daß wir eidlich zusammen schwuren, einander bis in den Tod zu, lieben und in allen Nöten beizustehen. Der junge Herzbruder aber entledigte sich mit dreißig Reichstalern, dafür ihm sein Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zweien Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee für einen Freireuter gebrauchen, mir indessen unsern Vater befehlend.

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