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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 22. Kapitel

Ein schelmische Diebskunst, einander die Schuh auszutreten

Weil der Gebrauch im Krieg ist, daß man gemeiniglich alte versuchte Soldaten zu Profosen macht, also hatten wir auch einen dergleichen bei unserm Regiment, und zwar einen solchen abgefeimten Erzvogel und Kernböswicht, daß man wohl von ihm sagen konnte, er sei vielmehr als vonnöten erfahren gewesen; denn er war ein rechter Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, und von sich selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern auch überdas ein solcher Gesell, der andere festmachen und noch dazu ganze Eskadronen Reuter ins Feld stellen konnte: sein Bildnis sah natürlich aus, wie uns die Maler und Poeten den Saturnum vorstellen, außer daß er weder Stelzen noch Sensen trug. Ob nun zwar die armen gefangenen Soldaten, so ihm in seine unbarmherzigen Hände kamen, wegen dieser seiner Beschaffenheit und stetigen Gegenwart sich desto unglückseliger schätzten, so waren doch Leute, die gern mit diesem Wenddenschimpf umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, und je mehr sich sein Neid wider den jungen Herzbruder (der eines sehr fröhlichen Humors war) vermehrte, je fester wuchs die große Vertraulichkeit zwischen ihm und dem Profosen; dahero konnte ich mir gar leichtlich die Rechnung machen, daß die Konjunktion Saturni und Mercurii dem redlichen Herzbruder nichts Guts bedeuten würde.

Eben damals wurde meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht, bei welcher der junge Herzbruder aufzuwarten ersucht ward, und weil er sich aus Höflichkeit gern einstellete, war solches dem Olivier ein erwünschte Gelegenheit, sein Schelmenstück, mit welchem er lang schwanger gangen, auf die Welt zu bringen: Denn als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer vergoldter Tischbecher, welchen er so leichtlich nicht verloren haben wollte, weil er noch vorhanden gewesen, da alle fremden Gäst schon hinwegwaren; der Page sagte zwar, daß er ihn das letzte Mal bei dem Olivier gesehen, er war dessen aber nicht geständig; hierauf wurde der Profos geholet, der Sache Rat zu schaffen, und wurde ihm benebens anbefohlen, wenn er durch seine Kunst den Diebstahl wieder herzu könnte bringen, daß er das Werk so einrichten sollte, damit der Dieb sonst niemand als dem Obristen kund würde, weil noch Offizier von seinem Regiment vorhanden waren, welche er, wenn sich vielleicht einer davon übersehen hätte, nicht gerne zuschanden machen wollte.

Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir auch alle lustig in des Obristen großes Zelt, da der Zauberer die Sach vornahm; da sah je einer den andern an und verlangte zu vernehmen, was es endlich abgeben und wo der verlorne Becher doch herkommen würde: Als er nun etliche Wort gemurmelt hatte, sprangen einem hier, dem andern dort ein zwei drei auch mehr junge Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen und wo sonst die Kleidungen offen waren: Diese wuselten behend in dem Zelt hin und wieder herum, waren alle überaus schön, von mancherlei Farben und jeder auf ein sonderbare Manier gezeichnet, also daß es ein recht lustig Spektakel war, mir aber wurden meine engen kroatischen Kälberhosen so voll junger Hund gegaukelt, daß ich solche abziehen und weil mein Hemd im Wald vorlängst am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte; zuletzt sprang eins dem jungen Herzbruder aus dem Schlitz, welches das allerhurtigste war und ein gülden Halsband anhatte, dieses verschlang alle anderen Hündlein, deren es doch so voll im Zelt herumgrabbelte, daß man vor ihnen keinen Fuß weiters setzen konnte: Wie es nun alle aufgerieben hatte, wurde es selbsten je länger je kleiner, das Halsband aber nur desto größer, bis es sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.

Da mußte nun nicht allein der Obriste, sondern auch alle anderen Gegenwärtigen dafürhalten, daß sonst niemand als der junge Herzbruder den Becher gestohlen, derowegen sagte der Obriste zu ihm: »Siehe da, du undankbarer Gast, hab ich dieses Diebsstück, das ich dir nimmermehr zugetraut hätte, mit meinen Guttaten um dich verdienet? Schaue, ich habe dich zu meinem Secretario des morgenden Tags wollen machen, aber nun hast du verdienet, daß ich dich noch heut aufhenken ließe! welches auch ohnfehlbar geschehen sollte, wenn ich deines ehrlichen alten Vaters nicht verschonete; geschwind packe dich aus meinem Lager und lasse dich die Tag deines Lebens vor meinen Augen nicht mehr sehen!« Er wollte sich entschuldigen, wurde aber nicht gehört, dieweil seine Tat so sonnenklar am Tag lag; und indem er fortging, wurde dem guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, also daß man genug an ihm zu laben und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte, welcher sagte: Daß ein frommer Vater seines ungeratenen Kinds gar nicht zu entgelten hätte. Also erlangte Olivier durch Hilf des Teufels dasjenige, wonach er vorlängst gerungen, auf einem ehrlichen Weg aber nicht ereilen mögen.

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