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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 19. Kapitel

Simplicius wird wieder ein Narr, wie er zuvor einer gewesen

Ich fang meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich nicht das Herz hatte mich aufzurichten; zudem zweifelt ich noch, ob mir die erzählten Sachen geträumt hätten oder nicht? und ob ich zwar in ziemlichen Ängsten stak, so war ich doch so kühn zu entschlafen, weil ich gedachte, ich könnte an keinem ärgern Ort als in einem wilden Wald liegen, in welchem ich die meiste Zeit, seit ich von meinem Knan war, zubracht und dahero derselben ziemlich gewohnt hatte. Ungefähr um neun Uhr vormittag war es, als etliche Fouragier kamen, die mich aufweckten, da sah ich erst, daß ich mitten im freien Feld war; diese nahmen mich mit sich zu etlichen Windmühlen, und nachdem sie ihre Früchte allda gemahlen hatten folgends in das Lager vor Magdeburg, allda ich einem Obristen zu Fuß zuteil ward, der fragte mich, wo ich herkäme, und was für einem Herrn ich zugehörig wäre? Ich erzählte alles haarklein, und weil ich die Kroaten nicht nennen konnte, beschrieb ich ihre Kleidungen und gab Gleichnisse von ihrer Sprach, auch daß ich von denselben Leuten gelaufen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich still, und was ich von meiner Luftfahrt und dem Hexentanz erzählete, das hielt man für Einfäll und Narrenteidungen, vornehmlich weil ich auch sonst in meinem Diskurs das Tausend ins Hunderte warf: Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich her (denn ein Narr machet tausend Narren), unter denselben war einer, so das vorig Jahr in Hanau gefangen gewesen und allda Dienst angenommen hatte, folgends aber wieder unter die Kaiserlichen kommen war; dieser kannte mich und sagte gleich: »Hoho, dies ist des Kommandanten Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn meinetwegen mehrere Umständ, der Kerl wußte aber nichts weiters von mir, als daß ich wohl auf der Lauten schlagen könnte, item daß mich die Kroaten von des Obrist Corpes Regiment zu Hanau vor der Festung hinweggenommen hätten, sodann, daß mich besagter Kommandant ungern verloren, weil ich gar ein artlicher Narr wäre. Hierauf schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die ziemlich wohl auf der Lauten konnte und deswegen stetig eine nachführte, die ließ sie um ihre Lauten bitten, solche kam und wurde mir präsentiert mit Befehl, ich sollte eins hören lassen; aber meine Meinung war, man sollte mir zuvor etwas zu essen geben, weil ein leerer und ein dicker Bauch, wie die Laut einen hatte, nicht wohl zusammenstimmen würden; solches geschah, und demnach ich mich ziemlich bekröpft und zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier verschlucket hatte, ließ ich beides mit der Lauten und meiner Stimme hören was ich konnte, daneben redete ich allerlei untereinander, wie mirs einfiel, so daß ich mit geringer Mühe die Leut dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellte. Der Obriste fragte mich, wo ich weiters hin wollte? und da ich antwortet, daß es mir gleich gelte, wurden wir des Handels eins, daß ich bei ihm bleiben und sein Hofjunker sein sollte. Er wollte auch wissen, wo meine Eselsohren hinkommen wären? »Ja«, sagte ich, »wenn du wüßtest, wo sie wären, so würden sie dir nicht übel anstehen.« Aber ich konnte wohl verschweigen, was sie vermochten, weil all mein Reichtum darin lagen.

Ich wurde in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offiziern sowohl im kursächsischen als kaiserlichen Lager bekannt, sonderlich bei dem Frauenzimmer, welches meine Kappe, Ärmel und abgestutzten Ohren überall mit seidenen Banden zierte, von allerhand Farben, so daß ich schier glaube, daß etliche Stutzer die jetzige Mode davon abgesehen. Was mir aber von den Offizierern an Geld geschenkt wurde, das teilte ich wieder mildiglich mit, denn ich verspendierte alles bei einem Heller, indem ichs mit guten Gesellen in Hamburger und Zerbster Bier, welche Gattungen mir trefflich wohl zuschlugen, versoff; unangesehen ich an allen Orten, wo ich nur hinkam, genug zu schmarotzen hatte.

Als mein Obrister aber ein eigene Lauten für mich überkam, denn er gedachte ewig an mir zu haben, da durft ich nicht mehr in den beiden Lagern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen sollte: Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, denn er war still, verständig, wohlgelehrt, von guter, aber nicht überflüssiger Konversation, und was das Größte gewesen, überaus gottsfürchtig, wohl belesen und voll allerhand Wissenschaften und Künsten; bei ihm mußte ich des Nachts in seinem Zelt schlafen und bei Tag durft ich ihm auch nicht aus den Augen, er war eines vornehmen Fürsten Rat und Beamter, zumal auch sehr reich gewesen, weil er aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden, zumaln auch sein Weib mit Tod abgangen und sein einziger Sohn Armut halber nicht mehr studieren konnte, sondern unter der kursächsischen Armee für einen Musterschreiber dienete, hielt er sich bei diesem Obristen auf und ließ sich für einen Stallmeister gebrauchen, um zu verharren, bis die gefährlichen Kriegsläufte am Elbstrom sich änderten und ihm alsdann die Sonne seines vorigen Glücks wieder scheinen möchte.

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