Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
Schließen

Navigation:

Das 15. Kapitel

Simplicii Reiterleben, und was er bei den Kroaten gesehen und erfahren

Ob nun zwar die Hanauer gleich Lärmen hatten, sich zu Pferd herausließen und die Kroaten mit einem Scharmützel etwas aufhielten und bekümmerten, so mochten sie ihnen jedoch nichts abgewinnen, denn diese leichte War ging sehr vorteilhaftig durch und nahm ihren Weg auf Büdingen zu, allwo sie futterten und den Bürgern daselbst die gefangenen hanauischen reichen Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch ihre gestohlenen Pferd und andere War verkauften, von dannen brachen sie wieder auf, schier ehe es recht Nacht, geschweige wieder Tag worden, gingen schnell durch den Büdinger Wald dem Stift Fulda zu und nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten, das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im geringsten nichts, denn sie konntens machen wie der Teufel, von welchem man zu sagen pflegt, daß er zugleich laufe und (s. v.) hofiere, und doch nichts am Wege versäume; maßen wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier hatten, mit einer großen Beut ankamen, das wurde alles partiert, ich aber wurde dem Obrist Corpes zuteil.

Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor, die hanauischen Schleckerbißlein hatten sich in schwarzes grobes Brot und mager Rindfleisch, oder wenns wohl abging, in ein Stück gestohlnen Speck verändert; Wein und Bier war mir zu Wasser worden, und ich mußte anstatt des Betts bei den Pferden in der Streu vorliebnehmen; für das Lautenschlagen, das sonst jedermann belustiget, mußte ich zuzeiten, gleich andern Jungen, untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen und mich mit Sporen stechen lassen, welches nur ein schlechter Spaß war; für das hanauische Spazierengehen durfte ich mit auf Fourage reiten, Pferd striegeln und denselben ausmisten; das Fouragiern aber ist nichts anders, als daß man mit großer Mühe und Arbeit, auch oft nicht ohne Leib- und Lebensgefahr hinaus auf die Dörfer schweifet, drischt, mahlt, backt, stiehlt und nimmt was man findt, trillt und verdirbt die Bauren, ja schändet wohl gar ihre Mägd, Weiber und Töchter! Und wenn den armen Baurn das Ding nicht gefallen will, oder sie sich etwa erkühnen dürfen, einen oder den andern Fouragierer über solcher Arbeit auf die Finger zu klopfen, wie es denn damals dergleichen Gäst in Hessen viel gab, so hauet man sie nieder, wenn man sie hat, oder schicket aufs wenigste ihre Häuser im Rauch gen Himmel. Mein Herr hatte kein Weib (wie denn diese Art Krieger keine Weiber mitzuführen pflegen), keinen Pagen, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen Reitknecht und Jungen, welche ihm und den Pferden zugleich abwarteten, und schämte er sich selbst nicht, ein Roß zu satteln oder demselben Futter vorzuschütten; er schlief allezeit auf Stroh oder auf der bloßen Erd, und bedeckte sich mit seinem Pelzrock, daher sah man oft die Müllerflöhe auf seinen Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämet', sondern noch dazu lachte, wenn ihm jemand eine herablas; er trug kurze Haupthaar und einen breiten Schweizerbart, welches ihm wohl zu statten kam, weil er sich selbst in Baurenkleider zu verstellen und darin auf Kundschaft auszugehen pflegte. Wiewohl er nun, wie gehöret, keine Grandezza speiset', so wurde er jedoch von den Seinen und andern die ihn kenneten, geehrt, geliebt und gefürchtet; wir waren niemals ruhig, sondern bald hier bald dort; bald fielen wir ein und bald wurde uns eingefallen, so gar war keine Ruhe da, der Hessen Macht zu ringern, hingegen feiret' uns Melander auch nicht, als welcher uns manchen Reuter abjagte und nach Kassel schickte.

Dieses unruhige Leben schmeckte mir ganz nicht, dahero wünscht ich mich oft vergeblich wieder nach Hanau; mein größtes Kreuz war, daß ich mit den Burschen nicht reden konnte, und mich gleichsam von jedwedem hin und wieder stoßen, plagen, schlagen und jagen lassen mußte; die größte Kurzweil, die mein Obrister mit mir hatte, war, daß ich ihm auf teutsch singen und wie andere Reuterjungen aufblasen mußte, so zwar selten geschah, doch kriegte ich alsdann solche dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft hernachging, und ich lang genug daran hatte; zuletzt fing ich an, mich des Kochens zu unterwinden und meinem Herrn das Gewehr, darauf er viel hielt, sauber zu halten, weil ich ohne das auf Fourage zu reiten noch nichts nutz war; das schlug mir so trefflich zu, daß ich endlich meines Herrn Gunst erwarb, maßen er mir wieder aus Kalbfellen ein neu Narrenkleid machen lassen, mit viel größern Eselsohren, als ich zuvor getragen; und weil meines Herrn Mund nicht ekelicht war, bedurft ich zu meiner Kochkunst desto weniger Geschicklichkeit; demnach mirs aber zum öftern an Salz, Schmalz und Gewürz mangelte, wurde ich meines Handwerks auch müd, trachtet derowegen Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier ausreißen möchte, vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlangt hatte. Als ich nun solches ins Werk setzen wollte, nahm ich mich an, die Schaf- und Kuhkutteln, deren es voll um unser Quartier lag, ferne hinwegzuschleifen, damit solche kein so üblen Geruch mehr machten; solches ließ sich der Obriste gefallen, als ich nun damit umging, blieb ich, da es dunkel ward, zuletzt gar aus und entwischt in den nächsten Wald.

 << Kapitel 49  Kapitel 51 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.