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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 11. Kapitel

Von dem müheseligen und gefährlichen Stand eines Regenten

Mein Herr wollte auch mit mir scherzen, und sagte: »Ich merke wohl, weil du nicht edel zu werden getrauest, so verachtest du des Adels Ehrentitel.« Ich antwortet: »Herr, wenn ich schon in dieser Stund an deine Ehrenstell treten sollte, so wollte ich sie doch nicht annehmen!« Mein Herr lachte, und sagte: »Das glaube ich, denn dem Ochsen gehöret Haberstroh; wenn du aber einen hohen Sinn hättest, wie adelige Gemüter haben sollen, so würdest du mit Fleiß nach hohen Ehren und Dignitäten trachten. Ich meinesteils achte es für kein Geringes, wenn mich das Glück über andere erhebt.« Ich seufzete und sagte: »Ach, arbeitselige Glückseligkeit! Herr, ich versichere dich, daß du der allerelendste Mensch in ganz Hanau bist.« »Wie so? wie so? Kalb«, sagte mein Herr, »sag mir doch die Ursach, denn ich befinde solches bei mir nicht.« Ich antwortet: »Wenn du nicht weißt und empfindest, daß du Gubernator in Hanau, und mit wie viel Sorgen und Unruhe du deswegen beladen bist, so verblendet dich die allzugroße Begierd der Ehr, deren du genießest, oder du bist eisern und ganz unempfindlich, du hast zwar zu befehlen, und wer dir unter Augen kommt, muß dir gehorsamen; tun sie es aber umsonst? bist du nicht ihrer aller Knecht? mußt du nicht für einen jedweden insonderheit sorgen? Schaue, du bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben, und die Konservation dieser Festung liegt dir allein auf dem Hals, du mußt trachten, wie du deinem Gegenteil einen Abbruch tun mögest, und mußt daneben sorgen, daß deine Anschläg nicht verkundschaftet werden; bedürfte es nicht öfters, daß du selber, wie ein gemeiner Knecht, Schildwacht stündest? Überdas mußt du bedacht sein, daß kein Mangel an Geld, Munition, Proviant und Volk im Posten erscheine, deswegen du denn das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren in der Kontribution erhalten mußt; schickest du die Deinigen zu solchem End hinaus, so ist rauben, plündern, stehlen, brennen und morden ihre beste Arbeit, sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen und Staden in die Asche gelegt, davon haben sie zwar sich Beuten, du aber eine schwere Verantwortung bei Gott gemachet: Ich lasse sein, daß dir vielleicht der Genuß neben der Ehr auch wohltut, weißt du aber auch, wer solche Schätz, die du etwa sammlest genießen wird? Und gesetzt, daß dir solcher Reichtum verbleibt (so doch mißlich stehet), so mußt du ihn doch in der Welt lassen, und nimmst nichts davon mit dir als die Sünde, dadurch du selbigen erworben hast: Hast du denn das Glück, daß du dir deine Beuten zu nutz machen kannst, so verschwendest du der Armen Schweiß und Blut, die jetzt im Elend Mangel leiden oder gar verderben und Hungers sterben. O wie oft sehe ich, daß deine Gedanken wegen Schwere deines Amts hin und wieder zerstreut sind, und daß hingegen ich und andere Kälber ohn alle Bekümmernis ruhig schlafen; tust du solches nicht, so kostet es deinen Kopf, dafern anders etwas verabsäumet wird, das zu Konservation deiner untergebenen Völker und der Festung hätte observiert werden sollen; schaue, solcher Sorgen bin ich überhoben! Und weil ich weiß, daß ich der Natur einen Tod zu leisten schuldig bin, sorge ich nicht, daß jemand meinen Stall stürmet oder daß ich mit Arbeit um mein Leben scharmützeln müsse, sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsen überhoben, dir aber stellt man ohne Zweifel auf tausendfältige Weis nach, deswegen ist dein ganzes Leben nichts anders als ein immerwährende Sorg und Schlafbrechens, denn du mußt Freund und Feind fürchten, die dich ohn Zweifel, wie du auch andern zu tun gedenkest, entweder um dein Leben oder um dein Geld oder um deine Reputation oder um dein Kommando oder um sonsten etwas zu bringen nachsinnen, der Feind setzt dir öffentlich zu und deine vermeinten Freund beneiden heimlich dein Glück; vor deinen Untergebenen aber bist du auch nicht allerdings versichert. Ich geschweige hier, wie dich täglich deine brennenden Begierden quälen und hin- und widertreiben, wenn du gedenkest, wie du dir einen noch größern Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern zu steigen, größern Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tück zu beweisen, ein oder ander Ort zu überrumpeln, und in Summa fast alles zu tun, was andere Leut geheiet und deiner Seelen schädlich, der göttlichen Majestät aber mißfällig ist! Und was das Allerärgste ist, so bist du von deinen Fuchsschwänzern so verwöhnt, daß du dich selbsten nicht kennest, und von ihnen so eingenommen und vergiftet, daß du den gefährlichen Weg, den du gehest, nicht sehen kannst, denn alles was du tust, heißen sie recht, und alle deine Laster werden von ihnen zu lauter Tugenden gemacht und ausgerufen; dein Grimmigkeit ist ihnen eine Gerechtigkeit, und wenn du Land und Leut verderben läßt, so sagen sie, du seist ein braver Soldat, hetzen dich also zu ander Leut Schaden, damit sie deine Gunst behalten und ihre Beutel dabei spicken mögen.«

»Du Bärnhäuter«, sagte mein Herr, »wer lehret' dich so predigen?« Ich antwortet: »Liebster Herr, sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbet seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen; hingegen sehen andere Leut deine Laster gar bald, und urteilen dich nicht allein in hohen und wichtigen Sachen, sondern finden auch genug in geringen Dingen, daran wenig gelegen, an dir zu tadlen: Hast du nicht Exempel genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebt? Die Athenienser murmelten wider ihren Simonidem, nur darum daß er zu laut redete; die Thebaner klagten über ihren Paniculum, dieweil er auswarf; die Lakedämonier schalten an ihrem Lycurgo, daß er allezeit mit niedergeneigtem Haupt daherging; die Römer vermeinten, es stünde dem Scipione gar übel an, daß er im Schlaf so laut schnarchte; es dünkte sie häßlich zu sein, daß sich Pompeius nur mit einem Finger kratzte; des Julii Caesaris spotteten sie, weil er seinen Gürtel nicht artig und lustig antrug; die Uticenser verleumdeten ihren guten Catonem, weil er, wie sie bedünkte, allzu-geizig auf beiden Backen aß; und die Karthaginenser redeten dem Hannibali übel nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Wie dünkt dich nun, mein lieber Herr? vermeinest du wohl noch, daß ich mit einem tauschen sollte, der vielleicht neben zwölf oder dreizehen Tischfreunden, Fuchsschwänzern und Schmarotzern mehr als hundert oder vermutlicher mehr als zehntausend so heimliche als öffentliche Feind, Verleumdet und mißgünstige Neider hat? zudem, was für Glückseligkeit, was für Lust und was für Freud sollte doch ein solch Haupt haben können, unter welches Pfleg, Schutz und Schirm so viel Menschen leben? Ists nicht vonnöten, daß du für alle die Deinigen wachest, für sie sorgest, und eines jeden Klag und Beschwerden anhörest? Wäre solches allein nicht müheselig genug, wenn du schon weder Feinde noch Mißgönner hättest? Ich sehe wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen, und wieviel Beschwerden du doch erträgst; Liebster Herr, was wird doch endlich dein Lohn sein, sage mir, was hast du davon? Wenn du es nicht weißt, so lasse dirs den griechischen Demosthenem sagen, welcher, nachdem er den gemeinen Nutzen und das Recht der Athenienser tapfer und getreulich befördert und beschützt, wider alles Recht und Billigkeit, als einer so ein greuliche Missetat begangen, des Lands verwiesen und in das Elend verjaget ward; dem Socrati ward mit Gift vergeben; dem Hannibal ward von den Seinen so übel gelohnet, daß er elendiglich in der Welt landflüchtig herumschweifen mußte; also geschah dem römischen Camillo; und dergestalt bezahlten die Griechen den Lycurgum und Solonem, deren der eine gesteiniget ward, dem andern aber, nachdem ihm ein Aug ausgestochen, wurde als einem Mörder endlich das Land verwiesen. Darum behalte dein Kommando samt dem Lohn, den du davon haben wirst, du darfst deren keins mit mir teilen, denn wenn alles wohl mit dir abgehet, so hast du aufs wenigste sonst nichts, das du davonbringest, als ein bös Gewissen; wirst du aber dein Gewissen in acht nehmen wollen, so wirst du als ein Untüchtiger beizeiten von deinem Kommando verstoßen werden, nicht anders, als wenn du auch, wie ich, zu einem dummen Kalb worden wärest.«

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