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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 8. Kapitel

Redet von Etlicher wunderbarlichem Gedächtnis, und von Anderer Vergessenheit

Am Morgen als ich erwachte, waren meine beiden verkälberten Schlafgesellen schon fort, derowegen stund ich auch auf, und schlich, als der Adjutant die Schlüssel holete, die Stadt zu öffnen, aus dem Haus zu meinem Pfarrer, demselben erzählte ich alles, wie mirs sowohl im Himmel als in der Höll ergangen. Und wie er sah, daß ich mir ein Gewissen machte, weil ich so viel Leut und sonderlich meinen Herrn betröge, wenn ich mich närrisch stellete, sagte er: »Hierum darfst du dich nicht bekümmern, die närrische Welt will betrogen sein, hat man dir deinen Witz noch übrig gelassen, so gebrauche dich desselben zu deinem Vorteil, bilde dir ein, als ob du gleich dem Phönix vom Unverstand zum Verstand durchs Feuer und also zu einem neuen menschlichen Leben auch neu geboren worden seiest: Doch wisse dabei, daß du noch nicht über den Graben, sondern mit Gefahr deiner Vernunft in diese Narrenkappe geschloffen bist, die Zeiten sind so wunderlich, daß niemand wissen kann, ob du ohne Verlust deines Lebens wieder herauskommest, man kann geschwind in die Hölle rennen, aber wieder herauszuentrinnen wirds Schnaufens und Bartwischens brauchen, du bist bei weitern noch nicht so gemannet, deiner bevorstehenden Gefahr zu entgehen, wie du dir wohl einbilden möchtest, darum wird dir mehr Vorsichtigkeit und Verstand vonnöten sein, als zu der Zeit, da du noch nicht wußtest, was Verstand oder Unverstand war, bleibe demütig und erwarte in Geduld der künftigen Veränderung.«

Sein Diskurs war vorsetzlich so variabel, denn ich bilde mir ein, er habe mir an der Stirn gelesen, daß ich mich groß zu sein bedünkte, weil ich mit so meisterlichem Betrug und feiner Kunst durchgeschloffen; und ich mutmaßete hingegen aus seinem Angesicht, daß er unwillig und meiner überdrüssig worden, denn seine Mienen gabens, und was hatte er von mir? Derowegen verändert ich auch meine Reden, und wußte ihm großen Dank für die herrlichen Mittel, die er mir zu Erhaltung meines Verstands mitgeteilt hatte, ja ich tat unmögliche Promessen, alles, wie meine Schuldigkeit erfordere, wieder dankbarlich zu verschulden: Solches kitzelte ihn, und brachte ihn auch wieder auf eine andre Laun, denn er rühmte gleich darauf seine Arznei trefflich, und erzählte mir, daß Simonides Melicus eine Kunst aufgebracht, die Metrodorus Sceptius nicht ohne große Mühe perfektioniert hätte, vermittelst deren er die Menschen lehren können, daß sie alles, was sie einmal gehöret oder gelesen bei einem Wort nachreden mögen, und solches wäre, sagte er, ohne hauptstärkende Arzneien, deren er mir mitgeteilt, nicht zugangen! »Ja«, gedachte ich, »mein lieber Herr Pfarrer, ich habe in deinen eigenen Büchern bei meinem Einsiedel viel anders gelesen, worinnen Sceptii Gedächtnis-Gunst bestehet.« Doch war ich so schlau, daß ich nichts sagte, denn wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so bin ich, als ich zum Narren werden sollte, allererst witzig und in meinen Reden behutsamer worden. Er der Pfarrer fuhr fort, und sagte mir, wie Cyrus einen jeden von seinen 30000 Soldaten mit seinem rechten Namen hätte rufen, Lucius Scipio alle Bürger zu Rom bei den ihrigen nennen, und Cyneas Pyrrhi Gesandter, gleich den andern Tag hernach als er gen Rom kommen, aller Ratsherren und Edelleute Namen daselbst ordentlich hersagen können. »Mithridates, der König in Ponto und Bithynia«, sagte er, »hatte Völker von zweiundzwanzig Sprachen unter sich, denen er allen in ihrer Zungen Recht sprechen, und mit einem jeden insonderheit, wie Sabell. lib. 10 cap. 9 schreibet, reden konnte. Der gelehrte Griech Charmides sagte einem auswendig, was einer aus den Büchern wissen wollte, die in der ganzen Liberei lagen, wenn er sie schon nur einmal überlesen hatte. Lucius Seneca konnte zweitausend Namen herwieder sagen, wie sie ihm vorgesprochen worden, und wie Ravisius meldet, zweihundert Vers von zweihundert Schülern geredet vom letzten an bis zum ersten hinwiederum erzählen. Esdras, wie Euseb. lib. temp. fulg. lib. 8 cap. 7 schreibet, konnte die fünf Bücher Mosis auswendig, und selbige von Wort zu Wort den Schreibern in die Feder diktieren. Themistocles lernete die persische Sprach in einem Jahr. Crassus konnte in Asia die fünf unterschiedlichen Dialectos der griechischen Sprach ausreden, und seinen Untergebenen darin Recht sprechen. Julius Cäsar las, diktierte und gab zugleich Audienz. Von Aelio Hadriano, Portio Latrone, den Römern und andern will ich nichts melden, sondern nur von dem heiligen Hieronymo sagen, daß er Hebräisch, Chaldäisch, Griechisch, Persisch, Medisch, Arabisch und Lateinisch gekonnt. Der Einsiedel Antonius konnte die ganze Bibel nur vom Hörenlesen auswendig. So schreibt auch Colerus lib. 18 cap. 21 aus Marco Antonio Mureto von einem Korsikaner, welcher 6 000 Menschen-Namen angehöret, und dieselbigen hernach in richtiger Ordnung schnell herwieder gesagt.«

»Dieses erzähle ich alles darum«, sagte er ferner, »damit du nicht für unmöglich haltest, daß durch Medizin einem Menschen sein Gedächtnis trefflich gestärket und erhalten werden könne, gleichwie es hingegen auch auf mancherlei Weis geschwächt und gar ausgetilgt wird, maßen Plinius lib. 7 cap. 24 schreibet, daß am Menschen nichts so blöd sei, als eben das Gedächtnis, und daß es durch Krankheit, Schrecken, Furcht, Sorg und Bekümmernis entweder ganz verschwinde oder doch einen großen Teil seiner Kraft verliere. Von einem Gelehrten zu Athen wird gelesen, daß er alles was er je studiert gehabt, sogar auch das ABC vergessen, nachdem ein Stein von oben herab auf ihn gefallen. Ein anderer kam durch eine Krankheit dahin, daß er seines Dieners Namen vergaß, und Messala Corvinus wußte seinen eigenen Namen nicht mehr, der doch vorhin ein gut Gedächtnis gehabt. Schramhans schreibst in fasciculo Historiarum fol. 60 (welches aber so aufschneiderisch klinget, als ob es Plinius selbst geschrieben), daß ein Priester aus seiner eigenen Ader Blut getrunken und dadurch schreiben und lesen vergessen, sonst aber sein Gedächtnis unverrückt behalten, und als er übers Jahr hernach eben an selbigem Ort und damaliger Zeit abermal desselbigen Bluts getrunken, hätte er wieder wie zuvor schreiben und lesen können. Zwar ists glaublicher, was Jo. Wierus de praestigiis daemon. lib. 3 cap. 18 schreibet, wenn man Bärenhirn einfresse, daß man dadurch in solche Phantasei und starke Imagination gerate, als ob man selbst zu einem Bären worden wäre, wie er denn solches mit dem Exempel eines spanischen Edelmanns beweiset, der, nachdem er dessen genossen, in den Wildnissen umgelaufen und sich nicht anders eingebildet, als er sei ein Bär. Lieber Simplici, hätte dein Herr diese Kunst gewußt, so dürftest du wohl ehender in einen Bärn, wie die Callisto, als in einen Stier, wie Jupiter, verwandelt worden sein.«

Der Pfarrer erzählte mir des Dings noch viel, gab mir wieder etwas von Arznei und instruierte mich wegen meines fernern Verhalts, damit machte ich mich wieder nach Haus und brachte mehr als hundert Buben mit, die mir nachliefen und abermals alle wie Kälber schrien, derowegen lief mein Herr, der eben aufgestanden war, ans Fenster, sah soviel Narren auf einmal und ließ sich belieben, darüber herzlich zu lachen.

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