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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 5. Kapitel

Simplicius wird von vier Teufeln in die Höll geführt und mit spanischem Wein traktiert

Als der Commissarius wieder hinweg war, ließ vielgemeldter Pfarrer mich heimlich zu sich in sein Losament kommen, und sagte: »O Simplici, deine Jugend dauret mich, und deine künftige Unglückseligkeit bewegt mich zum Mitleiden. Höre mein Kind, und wisse gewiß, daß dein Herr dich aller Vernunft zu berauben und zum Narren zu machen entschlossen, maßen er zu solchem End bereits ein Kleid für dich verfertigen läßt, morgen mußt du in diejenige Schul, darin du deine Vernunft verlernen sollst; in derselben wird man dich ohne Zweifel so greulich drillen, daß du, wenn anders Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern, ohne Zweifel zu einem Phantasten werden mußt. Weil aber solches ein mißlich und sorglich Handwerk ist, also hab ich um deines Einsiedlers Frommkeit und um deiner eigenen Unschuld willen aus getreuer christlicher Liebe dir mit Rat und notwendigen guten Mitteln beispringen und gegenwärtige Arznei zustellen wollen; darum folge nun meiner Lehr und nimm dieses Pulver ein, welches dir das Hirn und Gedächtnis dermaßen stärken wird, daß du unverletzt deines Verstands alles leicht überwinden magst: auch hast du hierbei einen Balsam, damit schmiere die Schläf, den Wirbel und das Genick samt den Naslöchern, und diese beiden Stück brauche auf den Abend, wenn du schlafen gehest, sintemal du keine Stund sicher sein wirst, daß du nicht aus dem Bett abgeholet werdest, aber sieh zu, daß niemand dieser meiner Warnung und mitgeteilten Arznei gewahr werde, es möchte sonst dir und mir übel ausschlagen, und wenn man dich in dieser verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, was man dich überreden will, und stelle dich doch, als wenn du alles glaubtest, rede wenig, damit deine Zugeordneten nicht an dir merken, daß sie leer Stroh dreschen, sonsten werden sich deine Plagen verändern, wiewohl ich nit wissen kann, auf was Weis sie mit dir umgehen werden; wenn du aber den Strauß und das Narrenkleid anhaben wirst, so komm wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerm Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott für dich bitten, daß er deinen Verstand und Gesundheit erhalten wolle.« Hierauf stellt' er mir gemeldtes Pulver und Sälblein zu, und wandert' damit wieder nach Haus.

Wie der Pfarrer gesagt hatte, also gings. Im ersten Schlaf kamen vier Kerl in schrecklichen Teufelslarven vermummt zu mir ins Zimmer vors Bett, die sprangen herum wie Gaukler und Fastnachtsnarren, einer hatte einen glühenden Hacken, und der ander eine Fackel in Händen, die anderen zween aber wischten über mich her, zogen mich aus dem Bett, tanzten ein Weil mit mir hin und her, und zwangen mir meine Kleider an Leib, ich aber stellte mich, als wenn ich sie für rechte natürliche Teufel gehalten hätte, verführte ein jämmerliches Zetergeschrei und ließ die allerfurchtsamsten Gebärden erscheinen; aber sie verkündigten mir, daß ich mit ihnen fort müßte, hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einer Handzwell, daß ich weder hören, sehen noch schreien konnte: Sie führten mich unterschiedliche Umweg, viel Stiegen auf und ab und endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte, und nachdem sie mir die Handzwell wieder abgebunden, fingen sie an mir in spanischem Wein und Malvasier zuzutrinken. Sie hatten mich gut überreden, ich wäre gestorben und nunmehr im Abgrund der Höllen, weil ich mich mit Fleiß also stellete, als wenn ich alles glaubte, was sie mir vorlogen: »Saufe nur tapfer zu«, sagten sie, »weil du doch ewig bei uns bleiben mußt, willst aber nicht ein gut Gesell sein und mitmachen, so mußt du in gegenwärtiges Feur.« Die armen Teufel wollten ihre Sprach und Stimm verquanten, damit ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines Herrn Furierschützen waren, doch ließ ichs mich nicht merken, sondern lachte in die Faust, daß diese, so mich zum Narren machen sollten, meine Narren sein mußten. Ich trank meinen Teil mit vom spanischen Wein, sie aber soffen mehr als ich, weil solcher himmlischer Nektar selten an solche Gesellen kommt, maßen ich noch schwören dürfte, daß sie eher voll worden als ich; da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellte ich mich mit Hin- und Hertorkeln, wie ichs neulich an meines Herrn Gästen gesehen hatte; und wollte endlich gar nicht mehr saufen, sondern schlafen, hingegen jagten und stießen sie mich mit ihrem Hacken, den sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken des Kellers herum, daß es sah, als ob sie selbst närrisch worden wären, entweder daß ich mehr trinken oder aufs wenigste nicht schlafen sollte, und wenn ich in solcher Hatz niederfiel, wie ich denn oft mit Fleiß tat, so packten sie mich wieder auf und stellten sich, als wenn sie mich ins Feuer werfen wollten: also ging mirs wie einem Falken dem man wacht, welches mein großes Kreuz war. Ich hätte sie zwar Trunkenheit und Schlafs halber wohl ausgedauret, aber sie verblieben nicht allweg beieinander, sondern lösten sich untereinander ab, darum hätte ich zuletzt den kürzern ziehen müssen: Drei Tag und zwo Nächt hab ich in diesem raucherichten Keller zubracht, welcher kein ander Licht hatte, als was das Feur von sich gab, der Kopf fing mir dahero an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte, daß ich endlich einen Fund ersinnen mußte, mich meiner Qual samt den Peinigern zu entledigen, ich machte es wie der Fuchs, welcher den Hunden ins Gesicht harnt, wenn er ihnen nicht mehr zu entrinnen getraut, denn weil mich eben die Natur trieb, meine Notdurft (s. v.) zu tun, bewegte ich mich zugleich mit einem Finger im Hals zum Unwillen, dergestalt daß ich mit einem unleidenlichen Gestank die Zech bezahlte, also daß auch meine Teufel selbst schier nicht mehr bei mir bleiben konnten; damals legten sie mich in ein Leilach, und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alle innerlichen Glieder samt der Seelen heraus hätten fahren mögen. Wovon ich dermaßen aus mir selber kam und des Gebrauchs meiner Sinnen beraubt wurde, daß ich gleichsam wie tot dalag, ich weiß auch nicht was sie ferners mit mir gemacht haben, so gar war ich allerdings dahin.

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