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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 34. Kapitel

Wie Simplicius den Tanz verdorben

Mein Herr ging eben aus, als ich meines Lavors los worden, ich trat ihm nach gegen ein großes Haus zu, allwo ich im Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell untereinander herumhaspeln sah, daß es frei wimmelte; die hatten ein solch Getrippel und Gejohl, daß ich vermeinte, sie wären alle rasend worden, denn ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten und Toben vorhaben möchten? ja ihr Anblick kam mir so grausam, fürchterlich und schrecklich vor, daß mir alle Haar gen Berg stunden, und konnte nichts anders glauben, als sie müßten aller ihrer Vernunft beraubt sein: Da wir näher hinzukamen, sah ich, daß es unsere Gäst waren, welche den Vormittag noch witzig gewesen. »Mein Gott!« gedacht ich, »was haben doch diese armen Leut vor? Ach, es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit überfallen.« Bald fiel mir ein, es möchten vielleicht höllische Geister sein, welche in dieser angenommenen Weis dem ganzen menschlichen Geschlecht durch solch leichtfertig Geläuf und Affenspiel spotteten, denn ich gedachte, hätten sie menschliche Seelen und Gottes Ebenbild in sich, so täten sie auch wohl nicht so unmenschlich. Als mein Herr in Hausöhrn kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut eben auf, ohne daß sie noch ein Bückens und Duckens mit den Köpfen, und ein Kratzens und Schuhschleifens mit den Füßen auf dem Boden machten, daß mich deuchte, sie wollten die Fußstapfen wieder austilgen, die sie in währender Raserei getreten; am Schweiß, der ihnen über die Gesichter floß, und an ihrem Geschnauf konnte ich abnehmen, daß sie sich stark zerarbeitet hatten; aber ihre fröhlichen Angesichter gaben zu verstehen, daß sie solche Bemühungen nicht sauer ankommen.

Ich hätte trefflich gern gewußt, wohin doch das närrisch Wesen gemeint sein möchte? fragte derowegen meinen Kameraden und vertrauten Herzbruder, der mich erst kürzlich das Wahrsagen gelehret, was solche Wut bedeute? oder wozu dieses rasende Trippen und Trappen angesehen sei? Der berichtet' mir für eine gründliche Wahrheit, daß sich die Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt einzutreten. »Warum vermeinst du wohl«, sagt' er, »daß sie sich sonst so tapfer tummlen sollten? hast du nicht gesehen, wie sie die Fenster vor Kurzweil schon ausgeschlagen? eben also wird es auch diesem Boden gehen.« »Herr Gott«, antwortet ich, »so müssen wir ja mit zugrund gehen, und im Hinunterfallen samt ihnen Hals und Bein brechen?« »Ja«, sagt' mein Kamerad, »darauf ists angesehen, und da geheien sie sich den Teufel darum, du wirst sehen, wenn sie sich also in Todsgefahr begeben, daß jeder ein hübsche Frau oder Jungfer erwischt, denn man sagt, es pflege den Paaren, so also zusammenhaltend fallen, nicht bald wehe zu geschehen.« Indem ich dieses alles glaubte, überfiel mich eine solche Angst und Todessorg, daß ich nicht mehr wußte, wo ich bleiben sollte, und als die Musikanten, deren ich bisher noch nicht wahrgenommen, noch dazu sich hören ließen, auch die Kerl den Damen zuliefen wie die Soldaten ihrem Gewehr und Posten, wenn sie die Trommel Lärmen rühren hören, und jeder eine bei der Hand ertappte, wurde mir nicht anders, als wenn ich allbereit den Boden eingehen, und mich und viel andere mehr die Häls abstürzen sähe: Da sie aber anfingen zu gumpen, daß der ganze Bau zitterte, weil man eben ein drollichten Gassenhauer aufmachte, gedachte ich, »nun ists um dein Leben geschehen!« Ich vermeinte nicht anders, als der ganze Bau würde urplötzlich einfallen; derowegen erwischte ich in der allerhöchsten Angst eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte, unversehens beim Arm wie ein Bär, und hielt sie wie eine Klett; da sie aber zuckte, und nicht wußte, was für närrische Grillen in meinem Kopf steckten, spielte ich das Desperat, und fing aus Verzweiflung an zu schreien, als wenn man mich hätte ermorden wollen: Das war aber noch nicht genug, sondern es entwischte mir auch ohngefähr etwas in die Hosen, so einen über alle Maßen üblen Geruch von sich gab, dergleichen meine Nase lange Zeit nicht empfunden. Die Musikanten wurden jähling still, die Tänzer und Tänzerinnen höreten auf, und die ehrliche Dam, der ich am Arm hing, befand sich offendiert, weil sie sich einbildet', mein Herr hätte ihr solches zum Schimpf tun lassen: Darauf befahl mein Herr, mich zu prügeln und hernach irgendhin einzusperren, weil ich ihm denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte: Die Furierschützen, so exequieren sollten, hatten nicht allein Mitleiden mit mir, sondern konnten auch vor Gestank nicht bei mir bleiben; entübrigten mich derohalben der Stöß, und sperreten mich unter eine Stiege in Gänsstall. Seithero hab ich der Sach vielmals nachgedacht, und bin der Meinung worden, daß solche Excrementa, die einem aus Angst und Schrecken entgehen, viel üblern Geruch von sich geben, als wenn einer ein starke Purgation eingenommen.

Ende des ersten Buches

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